Parallel- und Komplementär-Welten


Ein Streifzug durch Interpretationen des Kosmos

 

Von Karl Sumereder

Besondere Fragen, etwa wie dieser Kosmos entstanden ist oder wieso sich Leben und menschliches Bewusstsein entwickelten, sind weitgehend ungelöst. Antworten beruhen entweder auf Glaubensvorstellungen oder auf wissenschaftlichen Theorien und Hypothesen. Weitere uns ebenso bewegende Themen: Was sind effektiv jene Vorgänge, die wir als physikalisch-chemische und biologische Evolution verstehen? Was sind die Auslöser von biologischen Prozessen, die sich als Ur-Lebensformen manifestierten? Begreifen wir wirklich, wie es sich mit den Begriffen Raum-Zeit, Energie, Materie und Geist verhält? Sind logisches und abstraktes Denken, wissenschaftliche Theorien, religiöse Glaubensinhalte Produkte unserer Körper-/Gehirnstrukturen oder gibt es Beziehungen zu anderem als zu uns selbst und unserer Umwelt?

Wenn auch „Was-ist-Fragen“, also Fragen nach dem Wesen von einem Etwas, aus der Sicht von führenden Philosophen wenig zielführend und kaum zu beantworten sind, werden sie dennoch gestellt. Meist werden derartige Themen aber in der Hast des Alltags ignoriert. Es bleibt eben wenig Zeit, über Zusammenhänge weiter nachzudenken, wenig Zeit für Philosophie.

In diesem Essay ist von Hypothesen über Parallelwelten und einer Komplementärwelt die Rede. Je nach dem Kontext hat der Begriff „Welt“ unterschiedliche Bedeutungen. Etwa die Welt der Bläschen, die im Mineralwasser tanzen, die physikalische Welt der Quarks (= elementare Bestandteile, aus denen Protonen = Atomkernteilchen und Neutronen = masselose Atomkernteilchen bestehen), die Welten der Elementarteilchen, der Atome und der Moleküle. Oder die Welt purer Mathematik und von Zahlenkombinationen, mikro- und makrobiologische Welten von Keimen, Pflanzen, Tieren und auch jene von uns selbst. In der Politik setzt der Begriff geografische, wirtschaftliche und kulturelle Grenzen. Schließlich noch die Welt von erzeugten Denkinhalten und der abstrakten Erzeugnisse unseres Geistes.

„Wir müssen unbedingt Raum für Zweifel lassen,
sonst gibt es keinen Fortschritt, kein Dazulernen“.
          Nobelpreisträger Richard P. Feynman

Mehrfache Realitäten

Viele unserer heutigen Erkenntnisse blitzen bereits in mosaikhaften Ausschnitten vergangener Weisheiten auf. Vermutungen über die Existenz von Parallelwelten wurden bereits in der Philosophie der Antike unseres Kulturkreises erörtert. Zu den ersten Vertretern gehörte Petron von Himera, der im 5. oder frühen 4. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung lebte. Auch dem Vorsokratiker Anaximander (6. Jahrhundert v. u. Z.) wird ein Mehr-Welten-Modell zugeschrieben. „Die Natur liebt es, sich zu verbergen“, formulierte der Philosoph Heraklit (ca. 550–480) im Fragment 123. Auch Demokrit (460/459–400/380) versuchte, bestimmte Phänomene zu erklären, indem er neben der Welt der Erscheinungen eine verborgene Wirklichkeit annahm. Ein starker Einfluss geht von Sokrates (469 – 399) und insbesondere von Platon (427 – 347) aus, dem zufolge wir nur Schatten der Wirklichkeit wahrnehmen; Dinge in Raum und Zeit, hinter denen sich aber eine Essenz oder Idee als eine eigentliche Realität verberge. Platon hat zwei Wirklichkeitsbereiche herausgestellt. Einerseits eine immaterielle Ideenwelt, die unabhängig von Materiellem existiere, zur Manifestation aber die Anwesenheit von Materie erfordere. Ihr gegenüber stünde eben die materiell-physikalische Welt. Im siebten Buch seines Werkes „Der Staat“, unter anderem mit dem berühmten Höhlengleichnis, wurde dies metaphorisch beschrieben.

Gelehrte des 14. Jahrhunderts wie Wilhelm von Ockham (um 1288–1347), Johannes Buridan (um 1300–ca. 1358) und Nikolaus von Oresme (ca. 1330–1382), hielten die Existenz anderer Welten für möglich. Auch der einflussreiche katholische Kardinal Nikolaus von Kues glaubte im 15. Jahrhundert an eine Mehrzahl von Welten. Andere Kirchenleute, die für Mehrwelten plädierten, wie die Dominikanermönche Giordano Bruno (1548–1600) und Tommaso Campanella (1568–1632), wurden ihrer Lehren wegen inhaftiert und hingerichtet. Spekulationen über andere Welten galten als exzentrisch und blasphemisch, obwohl die katholische Kirche eigentlich auch ein Tripel aus Diesseits, Himmel und Hölle predigte.

Die Philosophen und Logiker Arnold Geulincx (1624–1669), Nicolas Malebranche (1638–1715) und Baruch de Spinoza (1632–1677), äußerten sich in Richtung eines metaphysischen Welten-Parallelismus. Immanuel Kant (1724–1804) in „Kritik der reinen Vernunft“, B 47: „Verschiedene Räume sind nicht nacheinander, sondern zugleich“.

Viele Philosophen beteiligen sich also daran, die Welt sozusagen zu verdoppeln oder zu vervielfachen, also hinter dem für uns augenscheinlich Sichtbaren noch Weiteres als das Eigentliche herauszustellen oder zu konstruieren.

Parallelwelten-Kosmologie

Über Parallelwelten und multiple Universen, einem wissenschaftlichen Neuland, denken auch heutige Kosmologen und Physiker nach. Die Idee, dass unser Universum nur eines von vielen möglichen ist, findet zunehmende Beachtung. Zum Beispiel bei M. J. Rees, 1981, „Our Universe and others“ und J. E. Lidsay, 2000, „The Bigger Bang“ . Eine Viele-Welten-Interpretation wurde bereits 1957 vom Quantenphysiker Hugh Everett (1930–1982) vorgeschlagen. Seine Interpretation zielt darauf ab zu erklären, weshalb sich die Wahrscheinlichkeit von Messwerten in einem quantenmechanischen System vorhersagen lasse, nicht jedoch das Ergebnis einer einzelnen Messung. Dies, weil seiner Ansicht nach nebeneinander existierende Welten bestehen, wodurch quantenmechanische Einzelmessungen andere Resultate ergeben. Gemäß der Quantentheorie hat unser Universum nicht nur eine Existenz oder Geschichte, sondern es existieren alle nur denkbaren Varianten gleichzeitig. Dieses Phänomen wird von der Physik als „Überlagerungen“ von Quantenzuständen erklärt. Quantenfluktuationen führen permanent zur Entstehung von zumindest winzigen, aber kurzzeitigen Universen, dies gewissermaßen aus einem Nichts.

Neben unserer „Kosmos- Blase“ soll es andere Blasen geben; gebildet aus geheimnisvoll auftauchenden und rasch vergehendem Plasma (= freie Elementarteilchen), einem virtuellen „Quantenschaum“. Von den Physikern Andrei Dmitrijewitsch Linde und Alexander Vilenkin wird die Bildung unseres Universums aus einer „Multiuniversums- Blase“ vertreten. Der US-NASA-Forscher Kashlinsky hingegen nimmt eine besondere Weltenkraft an, die dem vermuteten „Dunklen Fluss“ (Dark Flow) ein Muster in der Eigenbewegung von Galaxie-Haufen verleiht. Diese Kraft könne aber seiner Ansicht nach nicht aus unserem Universum stammen. Ein Paralleluniversum könnte diesbezüglich auslösend sein. Auch der Physiker Brian Greene legt in: „Der Stoff aus dem der Kosmos ist“ (2011 und 2013) dar, dass außer unserer Welt eine uns verborgene Parallelwelt existiert, die anderen Gesetzmäßigkeiten unterliegt. Der Philosoph Karl R. Popper (1902–1994) meint in anderem Zusammenhang in „Das Ich und sein Gehirn“, Piper 1982, dass gewisse Ansichten des Parallelismus zweifelsfrei gültig seien. Der Parallelismus habe aber enge Grenzen und genau dort tritt eine Wechselwirkung in dem Sinne auf, dass etwas vollkommen Andersartiges, als es das physische System ist, irgendwie auf dieses einwirkt.

Welten aus Materie und Antimaterie

Die heutige Physik mit ihrem gegenwärtigen vorläufigen Wissen hat gute Gründe für die Annahme eines als „Urknall“ (Big Bang) bezeichneten Anfangs unseres Universums – aus einem Zustand von unendlicher Dichte und Temperatur – gemäß unserer Zeitskala vor etwa 13,7 Milliarden Jahren. Aus einer Singularität, einer Fluktuation im Hintergrundschaum der Raum-Zeit, geriet das Universum aus dem Zustand virtueller Existenz in den Zustand einer realen Existenz und in eine extrem rasche Expansion, wobei Teilchen und Strahlung in einem plötzlichen Ausbruch entstanden. Vom Zeitpunkt Null – über ein Vorher kann nichts ausgesagt werden – bis zu einem minimalen Bruchteil der ersten Sekunde sind gemäß den kosmologischen Modellen alle Raumstückchen, sind aus der außerordentlich breiten Energieskala – äquivalent zur Masse (E = mc2) einer anfangs ungeheuer mächtigen Hintergrundstrahlung – Quarks gebildet worden. (Unter Quarks versteht die Physik fundamentale Teilchen, aus denen in den Atomkernen Protonen, Neutronen und andere zusammengesetzte Teilchen bestehen, die als Hadronen bezeichnet werden). Nach heutigem Kenntnisstand tauchten anfänglich paarweise Quarks als Urmaterie auf. Sie bestehen entweder aus Materie oder aus Antimaterie, woraus Protonen und Antiprotonen, Neutronen und Antineutronen kondensierten. Materie und Antimaterie kann man sich als Spiegelformen voneinander vorstellen. Etwa wie die äußere und innere Seite einer Eierschale oder die Innen- und Außenseite einer (unbekannten) dritten Sache. Zu jedem Teilchen gibt es theoretisch ein Antiteilchen, das die gleiche oder keine Masse, aber eine entgegengesetzte Ladung (Spin) besitzt. Elementarteilchen wiederum können durch Zusammenstöße bei hinreichend hoher Energie in andere Teilchen umgewandelt werden. Durch eine verschiedenartige Integration von Elementarteilchen entstehen Atome. Die Elektronen-Paarbindung von Elektronen verschiedener Atome ist die Ursache dafür, dass sich verschiedene Atome zu Molekülen verbinden. Auch Antimaterie-Teilchen können die Form von Atomen und Molekülen bilden. Etwa als gebundene Systeme aus Positronen (= Antielektronen), Antiprotonen und masselose Antineutronen. Immerhin ist es experimentell gelungen, extrem kurzfristigen Antiwasserstoff zu erzeugen.

Die Welt der Atome und Moleküle

Jedes Atom hat einen Atomkern und eine Hülle. Der äußerst winzige Atomkern enthält noch winzigere elektrisch positiv geladene Teilchen – die erwähnten Protonen- und die elektrisch neutralen Neutronen, die ihrerseits gemäß den vorliegenden Modellen aus den mysteriösen Quarks bestehen, die man allerdings bislang nicht zu Gesicht bekommen hat. Die Atomhülle wird durch negativ geladene Elektronen gebildet, die blitzschnell den Atomkern umkreisen. Materie, die aus gleichen Atomen besteht, wird als Element bezeichnet. Das einfachste und leichteste Element ist der Wasserstoff mit einem Proton und einem Elektron in seinem Kern, gefolgt vom Helium mit zwei Protonen und zwei Neutronen. Alle Elemente, die schwerer als Helium sind, gelten als schwere Elemente. Zu den Leben spendenden schweren Elementen zählen unter anderen Kohlenstoff, Sauerstoff, Stickstoff und Kalzium. Ein Atomkern mit 26 Protonen ergibt Eisen. Das massereichste Element ist Plutonium mit 94 Protonen und 94 Elektronen. Atome gleicher Protonenzahl, aber unterschiedlicher Zahl an Neutronen, werden als Isotope eines Elements bezeichnet.

Gemäß den Erkenntnissen der Quantenphysik gibt es letzten Endes keine feste Materie. In der Welt des unvorstellbar Kleinen gibt es nur schwingende Teilchen und Energie. Selbst für Chemiker ist es nicht leicht, den Aufbau der Materie verstehen. Alles in der Welt der Atome und Moleküle ist unglaublich winzig. Ein Beispiel: Ein zwei Kubikzentimeter kleines Stück Eisen enthält etwa 100.000.000.000.000.000.000.000, also 1023 Atome! Moleküle sind Atomverbindungen, die aus mindestens zwei gleichen oder mehreren unterschiedlichen Atomen bestehen. Beispielsweise besteht der Luftsauerstoff aus zwei Sauerstoffatomen, gekennzeichnet durch die Formel O2. Wasser, ein Molekül aus drei Atomen, nämlich zwei Wasserstoffatomen und einem Sauerstoffatom, wird chemisch als H2O gekennzeichnet. Das Molekül roter Blutfarbstoff das Hämoglobin, besteht aus rund 5.800 Atomen. Aus Molekülbindungen können sich, wie im Rahmen der Evolution geschehen, hoch komplexe Stoffe bilden und bei gewaltiger Komplikation – letztlich für uns nicht entsprechend nachvollziehbar – zu biologischen Zellen, Zellennetzen, Geweben und Organen von Organismen expandieren.

Eine komplementäre antimaterielle Welt?

In unserem Universum waren die im Urknall ursprünglich aufgetauchte Materie und Antimaterie nur äußerst kurzfristig existent, weil freie Quarks und Antiquarks sich den Theorien gemäß sofort gegenseitig vernichteten und ihre Massenenergie in Strahlung umwandelten. Antimaterie erscheint auch extrem kurzfristig bei Atomkernprozessen oder solchen, die in der Sonne stattfinden. Hier soll es um das Phänomen gehen, dass beim Urknallgeschehen den Modellen zufolge mit gleichen Anteilen an Materie und Antimaterie kurzfristig eine Welt vollkommener Symmetrie gegeben war. In kurzer Abfolge soll jedoch sämtliche Antimaterie, nicht jedoch alle Materie annihiliert worden sein. Dies infolge eines vermuteten „System- Ungleichgewichts“, so dass sich unser Universum seither gewissermaßen asymmetrisch entwickelt. Es ist nach wie vor ein Rätsel, warum – physikalisch eigentlich zwingend – keine allumfassende Teilchen-Antiteilchen-Zerstrahlung erfolgte. Oder, dass umfassend keine wachsende Unordnung (= Entropie) eintrat. Gemäß dem Zweiten Hauptsatz der Thermodynamik nimmt die Gesamtmenge der Entropie in einem isolierten System entweder zu oder bleibt gleich, wird jedoch niemals geringer. Ein Rätsel, wie die bei der Entwicklung kompakter Strukturen beobachtete Ordnung oder die beim System Leben, wo zumindest vorübergehend Ordnung aufgebaut wird, zustande kommt.

Philosophisch stellt sich die Frage, ob überhaupt eine Annihilierung der Antimaterie erfolgte oder ob sich daraus ein komplementäres antimaterielles Raum-Zeit-Gebilde gestaltete. Die aus unserer Sicht erreichte gewisse Feinabstimmung unseres Universums, das empfindliche Gleichgewicht nach dem Urknall, das man a-priori für unwahrscheinlich halten würde, erscheint weniger wundersam, wenn unser Universum kein singuläres Ereignis ist, sondern ein solches neben einem anderen, mit kausalen Kontakten, mit Alternativ-Versionen physikalischer Gesetze, die es gestatten oder nicht gestatten, kosmische Strukturen auszubilden.

Das physikalische Theorem „Parität-Invarianz“ besagt, dass sich die physikalischen Zusammenhänge und Gesetzmäßigkeiten nicht ändern sollten, wenn alle Elementarteilchen durch ihre Antiteilchen ersetzt und gleichzeitig alle Raumkoordinaten gespiegelt werden. Die Physik in einer Spiegelwelt sollte sich nicht von ihrem Original unterscheiden (als Parität bezeichnet die Physik eine Symmetrie- Eigenschaft, die ein physikalisches System gegenüber einer räumlichen Spiegelung haben kann). Gemäß der Parität-Invarianz besteht prinzipiell die gleiche Möglichkeit für rechts- wie links gerichtete Strukturen, so dass physikalisch auch eine Welt möglich wäre, in der Grundprozesse komplementär zu unserem Universum ablaufen. Dies, weil zu allen Elementarteilchen Antiteilchen mit entgegengesetzter Ladung möglich sind. Dass es in unserem Universum selbst aber Galaxien aus Antimaterie gibt, wie manche Kosmologen annehmen, wird jedoch von der übrigen Fachwelt überwiegend mangels Beweisführung abgelehnt. Vom amerikanischen Physiker und Nobelpreisträger R. P. Feynman (1918–1988) wurde die These des Schweizer Mathematikers und Physikers E. C. Stückelberg (1905–1984) weiterentwickelt, wonach sich Teilchen und Antiteilchen durch ihre Ausbreitung in der Zeit unterscheiden. Ein Elektron bewege sich im Sinne des Zeitpfeiles vorwärts, ein Antielektron = Positron, hingegen rückwärts. Ein eigenes Kapitel wäre der tieferen Erörterung der Begriffe Zeit und Zeitpfeil zu widmen. Das Wesen der Zeit wird nämlich in theologischen und in philosophischen Abhandlungen unter verschiedenen Gesichtspunkten erörtert. Unser gleichmäßig verlaufender, sich nach dem Umlauf der Gestirne richtender Begriff Zeit ist eine Maßzahl, die das Gegenwärtige mit dem Zukünftigen verbindet. Die Zeit ist uns ein allgemein gültiges Maß, in dem alle physikalischen Ereignisse sich abspielen. In der Welt der physikalischen Massen, Energien und Kraftfelder ist aber eine komplexere Zeit denkbar, als sie in unserer eindimensionalen Zeitordnung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ausgedrückt wird. G. J. Whitrow („ The natural philosophy of time“, Clarendon Press, 1980, 2. Auflage) beschäftigt sich mit den zahlreichen Aspekten der Zeit: Der menschlichen Zeit, der biologischen Zeit, der mathematischen und der kosmischen Zeit. Existiert also eine weitere inflationäre Weltall-Domäne? Existieren Welten, die sich in ihrer Entwicklung und Veränderung wechselseitig bedingen? Welten mit physikalisch (bislang) nicht nachvollziehbarer atomar-molekularer Kommunikation? Anschaulich etwa mit dem Yin und Yang-Prinzip der altchinesischen Philosophie? Darüber gibt es aber (noch) keine weitere Beweisführung, keine nachvollziehbaren Experimente. Das System der Naturgesetze in unserem Universum ist das einzige, welches wir experimentell erfassen können. Wir sind nicht in der Lage, die Existenz alternativer physikalischer Gesetze zu verifizieren. Mit allen unseren Messinstrumenten, wie verfeinert sie auch sein mögen, sind ausschließlich chemische und physikalische Größen messbar. Was sollten die von uns konstruierten Instrumente und Geräte auch anderes als das für unser auf dieses Dasein und unser sinnliches Begreifen Bezogene auch messen?

Das aufschlussreiche Prinzip von Yin und Yang

Yin und Yang, die beiden Urprinzipien und kosmischen Grundkräfte im chinesischen philosophischen Denken, können behilflich sein, die Gegensatzpaare Materie und Antimaterie zu verstehen. Urgewalten, die Gegensätze Yin und Yang, sind die Ursachen des unaufhörlichen Wandels aller Dinge. Alles ist in einem ständigen Wandel begriffen. Alle Elemente sind keine ewigen Substanzen. Sie verdanken ihr Vorhandensein gleich allem Anderen diesen beiden Polaritäten. Die bedeuten aber nicht nur Konflikt und gegenseitige Vernichtung, sondern durchaus eine Harmonie und Vollkommenheit. Dies, wenn ein Gleichgewichtszustand gegeben ist. Auch in unserem persönlichen Erleben ist immer Zweifaches vorhanden, ein von Paaren von Gegensätzen geprägtes wie Hell-Dunkel, Subjekt-Objekt, Ordnung-Unordnung, Plus-Minus, Liebe und Hass und so weiter. Yang ist das aktive, zeugende schöpferische, lichte Prinzip; Yin ist das passive, empfangende, hingebende, verhüllende. Beide sind einander ergänzende Gegenstücke. Diese Polaritäten manifestieren sich im ständigen Wechselspiel von Positivem und Negativem, von Kraft und Stoff, von Bewegung und Ruhe, von Härte und Weichheit, Wärme und Kälte. Es sind Polaritäten mit einem gemeinsamen Ursprung.

Im bekannten Yin-Yang-Zeichen symbolisiert die weiße Hälfte des Kreises, die selbst einen schwarzen Punkt in sich birgt, das Yang. Die schwarze Kreishälfte mit dem weißen Punkt, das Ying. Diese „T’aichi“, das bedeutet Uranfang genannte Figur, repräsentiert das Universum, in welchem positive und negative Urkraft sich schon getrennt haben. Diesem Zustand geht aber ein anderer voran, in welchem alle Unterschiede noch nicht geschieden vorhanden waren. Er wird durch den Kreis versinnbildlicht. Yin und Yang symbolisieren das Gleiche und doch Gegensätzliche. Sie sind gleichermaßen paradox und doch irgendwie aufschlussreich. 

„Es gibt kein Draußen, keine abschließende Wand, keinen Umfang, um jeden Kreis kann ein weiterer Kreis gezogen werden“.

          Ralph Waldo Emerson 

Eine Katalysator-Antiwirklichkeit? 

Die Evolution im Kosmos, an der die Forschung noch immer arbeitet, sie richtig zu verstehen, mit den Erklärungen der kosmischen Bauprojekte wie Sterne- und Planetenbildungen und von anderem hochdichten Material allein durch Zufallsprozesse auf der Basis von Versuch und Irrtum oder gegebener Notwendigkeit oder einfachen statistischen Schwankungen, ergäbe, wie diesen Erklärungen dagegengehalten wird, eine Zeitdauer von schwindelerregenden 101564 Jahren. So unfassbar lang, dass das Alter unseres Universums daneben wie ein Wimpernschlag wirkt. Beim Ursprung des Lebens auf der Erde sprechen ebenfalls die Wahrscheinlichkeitsaspekte dafür, dass nicht rein zufällige Prozesse die ausschlaggebenden waren. Es sei höchst unwahrscheinlich, dass komplexe biologische Moleküle sich auf solche Weise zusammen fügten. Ist eine nicht durchschaubare Katalysator-Wirkung gegeben, wodurch jeweils – in geologisch betrachtet – relativ kurzer Zeit molekulare Systeme ihre Komplexität derart erhöhten, dass sie die Fähigkeit zur Selbstreplikation erhielten und zu biologischen Systemen wurden? Es gibt ungeheuer viele molekulare Möglichkeiten – zum Beispiel das hochkomplizierte Eiweißmolekül oder die Ribonukleinsäure mit ihrem Informationsspeicher –, um ein Genom, also reproduzierende Zellengefüge entstehen zu lassen. Im Prinzip gibt es unendlich viele Variationsmöglichkeiten für den Aufbau von organischen Makromolekülen. Aber nur ganz bestimmte Kombinationen ergeben funktionsfähige Proteine. Bei der Ontogenese, der Entwicklung eines einzelnen Organismus, wie etwa einer Eizelle bis zum geschlechtsreifen Individuum, gibt es ein rätselhaftes Zusammenwirken oder irgend welche Fernwirkungen. Einen Informationsgehalt kann man nicht in den Einheiten von Länge, Masse und Zeit ausdrücken, was bei Größen wie Geschwindigkeit und Energie durchaus der Fall ist. Materie und Information (Geist) gehören philosophisch gesehen verschiedenen Bereichen an. Das Prinzip einer Selbstorganisation der Materie, so wird wissenschaftlich jedenfalls angenommen, ist seit dem Urbeginn ein physikalisches Attribut von Quarks, Elementarteilchen, Atomen, Molekülen. Genauso wie Schwere ein physikalisches Attribut von Materie und Elektrizität ein Attribut von Elektronen sei. Woher der Materie die physikalischen Prinzipien und Attribute beigegeben sind, darauf gibt es abgesehen von der Idee einer göttlichen Intervention, keine naturwissenschaftliche Antwort. Liegt eine etwa in der Idee eines komplementär und katalytisch wirkenden antimateriellen Universums?

Kritisch besehen, haben alle Parallelwelt- und Komplementärwelt–Hypothesen einen metaphysischen Überbau. Das macht sie aber noch nicht zu Esoterik. Andererseits kann das Denken über den „kosmischen Horizont“ hinaus auch völlig sinnlos sein. Beweise oder Gegenbeweise sind keine technischen Herausforderungen. Man wird Nachbarwelten auch mit den besten Teleskopen nicht sehen können. Lichtstrahlen, Photonen, können niemals von einer Welt in die nächste gelangen. Wenn im Verlauf der Evolution Neues auftaucht, ein neues chemisches Element, eine neue Struktur von Atomkernen, ein neu zusammengesetztes Molekül oder ein lebender Organismus, so ist anzunehmen, dass die beteiligten Elementarteilchen und Strukturen aufgrund einer Wechselwirkung (womit?) schon das besessen haben, was man als eine Disposition zur Hervorbringung neuer Eigenschaften unter geeigneten Bedingungen nennen könnte. Eine solche Verwirklichungstendenz, in einer bestimmten Situation eine bestimmte Eigenschaft oder einen bestimmten Zustand anzunehmen, ist auch eine Annahme, ohne welche die Quantenmechanik kaum zu verstehen ist. Ist also bei jeglichem physikalisch-chemischen und biologischen Prozess eine Katalysatorwirkung gegeben oder gibt es doch nur eine Wirklichkeit mit zwei Arten, über diese zu sprechen? Eine, sie als physisch, die andere, sie als psychisch aufzufassen? Die erfassbare Welt der Energie-Quanten, die mikrophysikalische Welt der Elementarteilchen und der Antiteilchen, ist eine Domäne mit Millionen mal geringeren Abmessungen als die Welt der uns vertrauten Dinge, wie Wolken, Meere und Gebirge, Wälder, Pflanzen und anderer Lebensformen. Quanten sind aber allgegenwärtig. Jetzt, wo Sie diesen Text lesen, führen Lichtquanten (Photonen), die in ihr Auge gelangen, dazu, dass Sie diesen Text lesen können. In ihrem Gehirn laufen dabei generell Quantenprozesse ab, mittels derer Sie diesen Text auch verstehen. Bei den vorgestellten Überlegungen handelt es sich, bedenkt man wie begrenzt letzten Endes die Fähigkeiten des menschlichen Gehirns sind, um ein Navigieren zwischen Inseln des Wissens im Ozean des Nichtwissen-Könnens.

Bearbeitungsstand: Montag, 30. September 2013

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