Über die Anhäufung von riesigen Vermögen


Christian Kreiß, Profitwahn – warum sich eine menschengerechte Wirtschaft lohnt, Tectum Sachbuch, Tectum Verlag, Marburg 2013,
ISBN 978-3-8288-3159-9

 

Eine Buchbesprechung von Bernd Stracke

In der Vorspann-Botschaft an die Leser verspricht der Autor nicht zuviel, wenn er ankündigt, in seinem Buch „Wege zu gesellschaftlichen Rahmenbedingungen aufzuzeigen, die Mensch und Umwelt gerecht werden, Maßnahmen, die zu Chancengleichheit und einer wirklich freiheitlichen Gesellschaftsordnung führen können, sowie Weichenstellungen, die ein menschenwürdiges Dasein und echte Demokratie ermöglichen.“

Dass sich weltweit das Gefälle zwischen Arm und Reich derzeit in einem immer rasanteren Tempo vergrößert, registrieren wir Nicht-Reichen mit Unbehagen. Christian Kreiß, Jahrgang 1962, promovierter Volkswirtschaftler und Ex-Banker, seit 2002 Professor für Finanzierung und Wirtschaftspolitik an der Hochschule Aalen, prognostiziert mit schlüssigen Argumenten, dass diese Entwicklung nicht ewig so weitergehen kann. Dass die unteren 50 Prozent der deutschen Haushalte nur über gut ein Prozent des gesamten Nettovermögens verfügen, während die vermögensstärksten zehn Prozent der Haushalte über die Hälfte des gesamten Nettovermögens auf sich vereinigen, zeige allzu deutlich, dass in unserer Gesellschaft und mit unserer Politik etwas nicht stimme, und dass rasche Korrekturen notwendig seien, sofern es nicht zur Katastrophe kommen soll. An entsprechende Beispiele aus der Vergangenheit erinnert der Autor und appelliert an Politiker und Ökonomen, wenigstens diesmal aus der Geschichte zu lernen.

Wir müssten uns heute wieder mit weltweit hohen Überkapazitäten bei massiver Unterkonsumation herumschlagen wie schon in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. In dem Maß, in dem der Konsum der letzten 30 Jahre nicht nachhaltig gewesen sei und daher in der Zukunft nicht aufrecht zu erhalten sein werde, werde die Kapazitätsauslastung in den kommenden Jahren einbrechen. Durch steigende Ungleichverteilung stiegen auch die Sparquote und das anzulegende Kapital, was die Zinsen niedrig halte. Insbesondere gäben die Wohlhabenden nur einen Bruchteil ihres (häufig „von selbst“ und nicht durch Arbeit wachsenden) Einkommens für ihren Lebensunterhalt aus und entzögen es dadurch – wirtschaftshemmend – dem Geldkreislauf. Die Suche der Vermögenden nach „rentierlichen“ Anlagemöglichkeiten führe zu Überinvestitionen in praktisch alle Arten von Anlageobjekten, von Aktien über Rohstoffe bis zu Immobilien, was zwangsläufig Blasenbildungen verursache.

Die Einführung des Euro, aus Kreiß’ Sicht ein Fehler, kommentierte er übrigens kürzlich in einem Interview so: „Dadurch wurde die Zinslandschaft in Europa auf den Kopf gestellt. Die Deutschen und Österreicher mussten höhere Zinsen zahlen, in Griechenland und Spanien wurde Geld billiger. Schulden machen war dort plötzlich clever. Das war absurd und hat zu dieser katastrophalen Fehlentwicklung geführt.“

Die Bankenrettung verurteilt Kreiß nicht grundsätzlich, denn es habe dazu keine Alternative gegeben. Aber die Lasten seien falsch verteilt, weil der Steuerzahler zahle. Über Vermögensabgaben hätte man die Reichen stärker zur Kasse bitten müssen, die ja jahrelang von dem System profitiert haben.

Dabei sieht sich Kreiß absolut nicht als Untergangs-Prophet. Seine Schlussfolgerung beruht auf Analysen, auf deren Basis er in den nächsten ein bis drei Jahren eine Bereinigung der Wirtschaft um rund 25 bis 30 Prozent erwartet. Der Mittelschicht sei in den vergangenen Jahren systematisch Kaufkraft entzogen worden, deshalb werde die Nachfrage weiter einbrechen. Nüchtern betrachtet sei derzeit etwa jede dritte Fabrik zu viel. Zwar sei der Wohlstand in den letzten Jahren gestiegen, aber die Vermögensverteilung sei dramatisch auseinandergedriftet. In den USA etwa sei das Medianeinkommen in den vergangenen 30 Jahren gerade mal um acht Prozent gestiegen, die Wirtschaftsleistung aber um 130 Prozent. Profitiert hätten davon aber nur die oberen fünf bis zehn Prozent der Bevölkerung. In Europa sei es kaum anders. Einerseits sei es ungerecht, dass der Anteil der Mittelschicht, also der arbeitenden Bevölkerung, am Kuchen immer kleiner werde.

Das Grundübel sei der Zinseszins-Effekt, durch den die Reichen immer reicher würden, ohne dafür zu arbeiten. Dieses Anhäufen großer Vermögen sei das Krebsgeschwür der Wirtschaft. Wir brauchen, meint er, Vermögenssteuern auf Grund und Boden, der nicht selbst bewohnt oder bewirtschaftet wird: „Besteuert man diesen Immobilienbesitz, mit dem arbeitsloses Einkommen erzielt wird, mit jährlich drei Prozent des Verkehrswertes, brächte das allein in Deutschland jährliche Steuereinnahmen von rund 78 Milliarden Euro. Damit könnte man die Beitragssätze zur Rentenversicherung um über acht Prozentpunkte senken, was den Arbeitnehmern mehr Nettolohn und den Unternehmen niedrigere Lohnkosten brächte. Ähnlich wären Unternehmensanteile zu besteuern, wobei Kreiß einen Freibetrag von zwei Millionen Euro vorschlägt. Es gehe also nicht um den Kleinaktionär oder den Handwerksbetrieb, sondern um Großeigentümer wie etwa die Familie Quandt, die als BMW-Erben umgerechnet täglich eine Million Euro an Dividenden verdienen.

Für Geldvermögen müsse es Negativ-Zinsen geben von null bis vier Prozent per anno. Damit entfalle der Zinseszins-Effekt als Hauptmotor der Vermögenskonzentration und es würde ein Anreiz geschaffen, das Geld wieder in Umlauf zu bringen. Dass bereits jetzt schon die Kapitalerträge mit 25 Prozent besteuert würden und Vermietungseinkünfte der Einkommenssteuer unterlägen, reicht ihm nicht, denn „damit wird nur ein Teil des Flusses abgeschöpft, der aus dem Berg entspringt.“ Notwendig sei es aber, den Berg abzutragen.

Die Thesen von Kreiß werden sicherlich auch auf Widerspruch stoßen, was eine Diskussion nur noch anregender macht. Durch seine klare, verständliche Sprache macht Kreiß das Lesen immerhin zum lernenden Genuss.

 
Redaktionelle Anmerkung: Die Thesen von Kreiß zum Zinseszins erinnern ein wenig an die Lehren von Silvio Gesell (1882–1930) über Freiwirtschaft, Freigeld, Schwundgeld und „Urzins“. Darüber gibt es eine umfangreiche Literatur. „Schwundgeld“ haben wir derzeit faktisch insofern, als die so genannte Inflationsrate in den mitteleuropäischen Ländern höher ist als die Verzinsung nicht gebundener Spareinlagen.

Bearbeitungsstand: Montag, 30. September 2013

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