Das Schicksal der klassischen Ideologien


Zu Gusenbauers Kritik am Sozialismus

 

Von Karl Claus

In meinem in der Edition GENIUS erschienenen Buch „Die Parteien in der Sackgasse“ habe ich die These vertreten, dass die Ära der klassischen Ideologien, deren Ziel die Gestaltung menschlicher Gemeinschaften „aus einem Guss“ war, also Absolutismus, Nationalismus, Liberalismus, Sozialismus, Nationalsozialismus und Marxismus mit dessen Scheitern am Ausklang des 20. Jahrhunderts zu Ende gegangen ist. Alle Ideologien waren immer nur zeitlich wirksam, d. h. in ihrer Zeit „logisch“. Sie waren nie absolut und allein „richtig“, wie aber alle eben das von sich behaupteten bzw. immer noch behaupten. Diese Erkenntnis ist für Marxisten und Sozialisten heute noch schwer erklärbar und für sie damit nicht akzeptabel. Und dass der Nationalsozialismus von vielen Deutschen lange als so „richtig“ beurteilt wurde, dass sie ihm bis zu seinem furchtbaren Ende folgten, darf gar nicht erst behauptet werden, ist also geradezu unerklärbar. Alle Ideologien scheiterten demnach in der Zeit und landeten dadurch auf dem „Müllhaufen der Geschichte“.

Vom „Ende der Ideologien“ bin ich heute mehr denn je überzeugt. Die Anzeichen dafür haben sich seit dem Erscheinen meines Buchs noch verstärkt. Trotzdem überrascht es immer noch, wenn sogar Vertreter einer klassischen Ideologie Zweifel äußern oder gar deren Ende verkünden. Dazu gehört der ehemalige Bundeskanzler  Alfred Gusenbauer, der bekanntlich von der SPÖ nominiert worden war und bis heute deren Mitglied ist. Er hat sich allerdings schon früher  abweichlerisch und kritisch über „seine“ Ideologie und deren gesellschaftlichen Gestaltungsplan  geäußert, was von seinen Parteigenossen nicht geschätzt und verstanden wurde und vielleicht zu seiner Ablöse beigetragen hat.

Gusenbauer über das Ende der Ideologien

In seinem in der Sonntagsausgabe der PRESSE vom 15. September 2013, Nr. 41/2013, erschienenen Artikel „Für ein Ende der Ideologien“ (!) erklärt Gusenbauer dies damit, dass vor 40 Jahren eine „Umbruchssituation“ entstanden sei. Dies habe dazu geführt, dass „zumindest in Europa“ sozialdemokratische Parteien an die Macht kamen. Gleichzeitig habe sich „der Sowjetkommunismus als gesellschaftliche Alternative durch die brutale Niederschlagung des Prager Frühlings diskreditiert“, wohingegen andererseits in den USA der  „liberalen Ära“, die das „Ende der Rassendiskriminierung“ gebracht habe, „mit den Morden an Robert Kennedy und Martin Luther King demonstrativ ein Ende gesetzt“ wurde. Solche Perioden der „Ungleichzeitigkeiten“ seien in der Geschichte der  Menschheit schon oft für „Zeiten des Umbruchs“ charakteristisch gewesen. „Das Thema einer anderen, besseren, menschlicheren und gerechteren Gesellschaft“ sei damit aber nach wie vor aktuell, sofern man der nach dem Scheitern des Marxismus von Francis Fukuyama verkündeten These „vom Ende der Geschichte“ nicht zustimme.

Der Kommunismus sei jedenfalls „an seinem Mangel an Demokratie und Eigeninitiative sowie an der Unterdrückung der Freiheit der eigenen Bevölkerung“ gescheitert.

Dasselbe gelte aber auch für den Neoliberalismus, der „die Welt an den Rand einer Weltwirtschaftskrise gebracht“ habe, womit auch dieser Gestaltungsplan enttäuscht habe. Auch die von den „autoritär-kapitalistischen Staaten Asiens“ angebotene Gesellschaftslösung könne nicht als die „richtige“ und endgültige Gesellschaftslösung angesehen werden. Die Ideologien seien jedenfalls „allesamt wie Blasen zerplatzt, weil sie die von ihnen selbst geschaffenen Ungleichheiten nicht mehr balancieren konnten“.

In weiterer Folge bemüht sich Gusenbauer, die sich daraus ergebende Frage zu beantworten, was das „Erbe des ideologischen Zeitalters“ sein könne bzw. müsse. Dabei gerät er jedoch mit der von ihm verkündeten These vom Ende der Ideologien in Widerspruch, weil er diese Frage mit der Fortsetzung bzw. Erneuerung „seiner“ eigenen Ideologie beantwortet, also im Sinn des derzeit von vielen Zeitgenossen vertretenen  linken Zeitgeistes. Es kann  daher kaum überraschen, dass er dabei vor allem  die Leistungen der Sozialdemokratie hervorhebt. Im gleichen Atemzug und damit eben widersprüchlich äußert er allerdings  „berechtigte Zweifel an der Nachhaltigkeit“ dieser Leistungen, womit er bereits deren Ende verkündet und dieses sogar fordert, was  seinen Parteigenossen wiederum nicht gefallen dürfte.

Der Traum vom Sozialismus ist ausgeträumt

Dabei erklärt er die „europäische und die lateinamerikanische Erfahrung“ zum zentralen Ansatzpunkt für die Beantwortung der Frage nach dem „Erbe“ der Ideologien. Er fordert dafür die Beachtung „universeller Prinzipien“, auf die sich auch die „demokratische Linke“ einigen könne (und, wie er offenbar meint, einigen sollte und müsste). Diese Prinzipien formuliert er eben wiederum ideologisch, nämlich vorwiegend im Sinne des linken Zeitgeistes, indem er eine „größere Verteilungsgerechtigkeit der Einkommen und der Vermögen“ verlangt; weiters ein „Überdenken“ der Institutionen des Privatrechts (worunter  eine Verschiebung vom Privateigentum zum kollektiven Eigentum verstanden werden kann) und eine „Bildungsrevolution“ (ohne dass näher erklärt wird, was darunter zu verstehen ist, was aber wohl auch eine Lösung im Sinne der Sozialdemokratie sein dürfte).

Erst zuletzt fordert er die Beschränkung des „Verbrauchs der natürlichen Ressourcen“ und die „Überwindung der Stagnation des politischen Denkens“ (was ist das?). Diese „prinzipiellen“ Forderungen haben zweifellos manches für sich. Gusenbauer vergisst allerdings, dass das von ihm betonte, noch heute als zeitgemäß beurteilte linke Gedankengut auch keinen Anspruch auf absolute Richtigkeit erheben dürfte, wenn man so wie er für ein „Ende“ der Ideologien „plädiert“. Es würde vielmehr so wie alle bisherigen ideologischen Lösungen in der Zeit scheitern und müsste beendet werden.

Bemerkenswert bleibt jedenfalls die Schlussfolgerung Gusenbauers, nämlich dass „ der Traum vom Sozialismus als endgültigem gesellschaftlichen System ausgeträumt“ sei. Dies ist auch meine Überzeugung. Der Sozialismus hatte zweifellos seine „zeitliche Logik“, muss nun aber doch das Schicksal aller klassischen Ideologien teilen.

Dies habe ich in meinem Buch allerdings anders als Gusenbauer begründet, nämlich nicht mit einem notwendig gewordenen ideologischen  „Umbruch“ in Richtung einer erneuerten und anderen „linken“ Ideologie (was nach dem Ende des Marxismus geradezu denkunmöglich ist, weil damit alle Gestaltungsvarianten ausgeschöpft waren), sondern mit der Dialektik des Lebens und mit dem seit dem Ende des 18. Jahrhunderts durch Denker wie Kant und Hegel neu belebten dialektischen Weltverständnis und der damit verbundenen Denkweise. Diese verlangt und kennt keine absoluten Lösungen, wie es durch Jahrhunderte die klassische Logik mit ihrem Entweder-oder-Denken getan hat, was eben dazu geführt hat, dass alle klassischen Ideologien ihre Gesellschaftslösungen als absolut richtig und für endgültig erklären konnten.

Das Leben lässt absolute Lösungen nicht zu

Die entscheidende Erkenntnis lautet: Das Leben lässt absolute, endgültige Lösungen nicht zu. Es  schafft in der Zeit ständig neue Lebenslösungen, die sich dialektisch entwickeln und auch nebeneinander bestehen können, infolgedessen Sowohl-als-auch–Lösungen sind. Es gibt damit auch keine als absolut zu beurteilende Gesellschaftsordnung, sondern immer nur eine „zeitlich logische“ mit einem Ablaufdatum.

Die Ablöse oder vielmehr die Ergänzung des klassischen Weltverständnisses, das durch die formale Logik gefordert und gefördert wurde und dessen Ziel immer  absolute Lösungen sind, durch das neue dialektische Weltbild und sein Denken hat sich in den letzten zwei Jahrhunderten langsam aufgebaut und zeigt sich nun auch in dem von Gusenbauer erkannten und angenommenen „Ende der Ideologien“.

Nach der Überzeugung vieler moderner Denker (Hermann Hesse, Konrad Lorenz, Fritjof Capra, Friedrich v. Weizsäcker, Rupert Riedl, Herbert Pietschmann, um nur einige von vielen anderen zu nennen) ist dieses neue Weltbild und sein Denken kein ideologischer „Umbruch“, sondern ein Paradigmenwandel, durch den für die Menschheit neue Möglichkeiten eröffnet werden. Dies muss für alle Lebensbereiche gelten, wie ich es in meinem Buch dargelegt habe, also auch für den „öffentlichen“ und politischen Lebensbereich, was bisher allerdings durch die klassischen Ideologien verhindert wurde, indem bis zum Marxismus immer neue Gesellschaftslösungen als absolut verkündet wurden, die dann realisiert werden sollten (und damit scheiterten).

Der Artikel Gusenbauers hat für mich die Richtigkeit meiner These vom Ende der klassischen Ideologien bestätigt. Das auch von Gusenbauer angenommene Scheitern des Sozialismus, dieser letzten klassischen Ideologie bedeutet jedoch sicher nicht das „Ende der Geschichte“, weil sich das Leben dialektisch weiter entwickeln wird. Das neue Weltbild und Denken ermöglicht erst die Erkenntnis, dass eine absolut „richtige“ und damit endgültige Lebens- und Gesellschaftslösung nicht erreichbar ist. Dies gilt auch für den derzeit von vielen Zeitgenossen als allein „richtig“ beurteilten linken Zeitgeist. Auch dieser kann nur „zeitlich logisch“ und wirksam sein (was nun auch nach Gusenbauers Meinung vorbei ist!) und auch dieser muss eine Sowohl-als auch-Lösung zulassen. Das neue Denken bedeutet somit auch ein neues Toleranzverständnis. Wer mehr darüber wissen will, den kann ich nicht nur auf die Schriften der bereits genannten Denker, sondern auch auf mein Buch „Die Parteien in der Sackgasse – Das Finale der klassischen Ideologien“, Edition Genius, Wien 2007, verweisen.

Bearbeitungsstand: Freitag, 29. November 2013

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