Elite oder nur Prominenz?


Vom Verfall einer moralischen Vorbildwirkung

 

Von Eberhard Hamer

Das frühere Verständnis von einem der Elite Zugehörigen war aus der Klassik heraus das von einem Vorbildmenschen, der anderen nicht nur überlegen war an Intelligenz, Wissen, Charakter und an Fähigkeiten, sondern der auch gesellschaftlich mit diesen Tugenden Beispiel für andere setzte, andere begeisterte, eine Führungsrolle in der Gesellschaft übernahm oder doch zumindest zuerkannt bekam. Lange Zeit war der Adel in diesem ethischen Sinne gesellschaftliche Elite; dann übernahm das Bürgertum immer stärker die gleichen ethischen Elitetugenden (bürgerliche Tugenden).

Der erste Weltkrieg beendete die Führungsrolle der Adelselite und im 20. Jahrhundert beseitigten sozialistische und nationalsozialistische Systeme auch die bürgerliche Elitenmoral.

Inzwischen gelten die alten ethischen Elitentugenden als „Sekundärtugenden“, lebt unsere Gesellschaft nicht mehr nach moralischen Leitbildern, ist der Elitebegriff überhaupt durch die Medienhoheit sozialistisch geprägter Funktionäre verpönt. Die behauptete Gleichheit aller Menschen – statt Gleichberechtigung und Chancengleichheit – schließt die Anerkennung edlerer Menschen ebenso aus, wie sie Minderwertigkeit leugnet. Danach gibt es jedenfalls keine Elite, darf es nicht einmal eine geben.

Weil dieses sozialistische Gleichheitsphantom aber gegen die Wirklichkeit steht, hat sich die Soziologie mit dem Begriff „Funktionselite“ geholfen und versteht darunter alle Menschen, die in irgendeinem Bereich führend, besonders anerkannt oder „prominent“ sind. Mit ethischen Kategorien hat dies nichts mehr zu tun, sondern lediglich mit der Funktion in irgendeinem Lebensbereich. Insofern gibt es nach der modernen Funktions-Elitentheorie überall eine Elite, zum Beispiel eine der Sportler, der Unternehmer, Wissenschafter, Politiker oder Schauspieler, aber auch eine „Elite“ der Betrüger, der Diebe, der Steuerhinterzieher u. a. Entscheidend wird als Elitenfunktion nur noch angesehen, dass jemand die anderen in diesem Bereich übertrifft, dass er in einem bestimmten Lebensbereich „erfolgreicher“ ist als andere.

Nur mehr Funktionseliten

Insofern gibt es in jeder Gesellschaft zumindest eine Funktionselite, auch wenn diese kein ethisches Vorbild mehr ist.

Betrachtet man nur unsere derzeitige bundesdeutsche Funktionselite unter den ethisch-moralischen Gesichtspunkten des 18. oder 19. Jahrhunderts, so spiegelt sich in ihr das traurige Bild unserer degenerierten Gesellschaft:

  • Ein Bundespräsident musste wegen Lügerei zurücktreten, der verheiratete Nachfolger (Pastor) präsentiert sich mit „Lebensabschnittspartnerin“ (Mätresse).
  • Einzelne Bundeskanzler und Minister waren nur in der Zahl ihrer Scheidungen und Liebschaften hervorragend.
  • Andere Ministerpräsidenten und Politiker halten sich vor allem deshalb für allgemeine Vorbilder, weil sie schwul oder lesbisch sind.
  • Als Lebensziele der „modernen“ Menschen gelten generell Lust und Selbstbefriedigung anstatt Leistung und Verantwortung.
  • Entsprechend sind nicht mehr Leistungsträger wie Unternehmer tonangebend, sondern die aus öffentlichen Abgaben lebenden Sozialfunktionäre, die an 2/3 der Einwohner Wohlfahrtsleistungen verteilen können.
  • Selbst die Kirchen verkündigen weniger noch Gottes Wort als soziale Gerechtigkeit. Ihre Führer verstehen sich als politische Sozialapostel.
  • In der Finanzwirtschaft wird statt des „ehrbaren Kaufmanns“ hemmungslose Gier, Betrug und Selbstbereicherung prominent vorexerziert.
  • Und mit einer neuen Inquisition des „Kampfes gegen Rechts“ wird eine vorgegebene „herrschende Meinung“ (political correctness) gnadenlos durchgesetzt.

Würde man an unsere herrschende Funktionselite die moralischen Kategorien der preußischen Tugenden, der 10 Gebote oder Goethes klassischer Ideale anlegen, könnte man überall die Differenz zwischen Funktions- und Moralelite studieren. Das nützt allerdings nichts, weil der Fisch zwar beim Kopf zuerst und zumeist, aber nicht allein dort stinkt. Nicht nur unsere Presse und die „herrschenden Kräfte“ sind an dem moralischen Defizit unserer dominierenden Funktionselite schuld, sondern wir alle, die wir diese Typen akzeptieren, sogar hofieren, jedenfalls nicht bestreiten.

An der jeweiligen Führungsschicht ist der jeweilige moralische Standard eines Volkes ablesbar – leider auch bei uns. Deshalb ist es richtiger, von „Prominenz“ statt von dem immer noch moralisch bezogenen Begriff „Elite“ zu sprechen.

Politik und Wählerbetrug

Beispiel ist die Politik. Zwar müssen sich die Politiker alle vier bzw. fünf Jahre durch Wahlen ihren Wählern stellen und die Masse der Wähler ist normal. Die Parteien glauben aber, ihren Wählern nicht mit normalen Bürgern imponieren zu können, sondern mit Rechtsbrechern (Maastrichtverträge gebrochen), Finanztotalitaristen (ESM), Verfassungszerstörern (Lissabonvertrag), Freiheitsfeinden (Schuldenzwangsunion gegen das Volk), Inflationisten und Religionsfeinden. Zur Bundestagswahl treten Parteien und Abgeordnete an, welche ihre Wähler gerade durch Haftungsübernahme für fremde Länder und fremde Banken betrogen haben und dennoch glauben, ihren Wählern damit imponieren zu können. Rote und grüne Spitzenpolitiker versprechen über die Ausplünderung ihrer derzeitigen Wähler durch Schuldenunion sogar noch eine zukünftige verstärkte Ausplünderung der nächsten Generation durch Eurobonds zugunsten ausländischer Banken – so wenig nehmen sie auf die Wohlfahrt der eigenen Wähler Rücksicht oder halten sie für so dumm wie Schafe, die ihre eigenen Metzger wählen.

Spengler hat schon vor 100 Jahren die europäische Bevölkerung für dekadent und korrumpiert erklärt und ihr deshalb nach dem moralischen auch den politischen und wirtschaftlichen Abstieg im Wettbewerb der Völker prophezeit. Die Euro-Krise hat zumindest gezeigt, dass unsere Prominenz auf einer Blase unbedienbarer Kredite tanzt. Die Schuldenlawine wurde ja nur weiter geschoben, zwar beunruhigend vergrößert, könnte sich aber schon bald zur Krise der herrschenden Wirtschafts- und Finanzelite entwickeln.

Ob uns die derzeitige Prominenz in den „Untergang des Abendlandes“ führt oder die Finanzblase uns zumindest einen Elitenwechsel beschert, ist nicht vorhersehbar. Vor allem in Asien werden die Stimmen lauter, welche dem dekadenten Europa wieder eine moralische Aufrüstung empfehlen, denn nur mit einer echten moralischen Elite könnten wir auch wieder entsprechende Verantwortung und Führung in der Welt übernehmen.

Zu solchem Wandel kann jeder von uns beitragen – nicht nur mit dem Wahlzettel, sondern vor allem durch Kaufenthaltung bezüglich aller Vulgärmedien und mit Ablehnung aller Gruppen und Parteien, welche uns dekadente Prominenz anstatt moralischer Vorbilder anbieten. Die notwendige moralische Erneuerung unseres Volkes muss von unten kommen – und wird es auch!

Von den Autoren em. Univ.-Prof. Dr. Eberhard Hamer, Hannover, seinem Sohn Eike Hamer und F. Schäffler ist die Broschüre „Warum lassen wir das geschehen? – Eurokrise: Die Lust am gemeinsamen Untergang“ erschienen; sie wurde im Genius-Brief März–April 2012 unter dem Titel „Aus Demokratie wurde Bankendiktatur“ besprochen.

Bearbeitungsstand: Freitag, 29. November 2013

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