Albert Camus


– und was mir dabei in den Sinn kam

 

Von Helmut Müller

Albert Camus – et ce qui me vient à l’esprit
Albert Camus – and what passed through my mind

In unterschiedlicher Weise werden bereits von Aristoteles, Montesquieu und Hegel dem Klima und der Landschaft eine nicht unwesentliche Rolle bei der Ausprägung des Menschen und seiner Lebensform zugestanden. Es ist, so heißt es auch heute, nichts im Wesen und Äußeren des Menschen so erhaben, dass es nicht durch Umweltbedingungen beeinflusst werden könnte. Mehr oder weniger.

Wenn nun jemand einmal sagte, Kleopatra konnte nirgendwo anders als am Nil beheimatet sein, so ist, ohne die Biologie auch noch zu bemühen, gewiss etwas Wahres daran. Le climat et les paysages caractérisent les gens (d’après Aristoteles, Montesquieu et Hegel) / Climate and landscape characterize the human (according to Aristotle, Montesquieu and Hegel.)

Wenn man daher in diesen Tagen des Schriftstellers und „Philosophen“ Albert Camus gedenkt, so scheint mir diese Erkenntnis oder Klimathese auch hinsichtlich der geistigen und seelischen Verfasstheit dieses großen Franzosen irgendwie gültig.

Der 1913 im unweit der algerischen Küste liegenden Mondovi (Dréan) geborene Literatur-Nobelpreisträger wurde Zeit seines Lebens jenes mediterrane Lebensgefühl und jene typische Mentalität, wie sie für seine stark von europäischen Einwanderern, Franzosen, Spaniern, Italienern, (Christen und Juden) geprägte alte Heimat kennzeichnend waren, ganz offensichtlich nicht mehr los.

Tout au long de son séjour en France la facon méditerranéene d’aborder la vie ne quitte pas Camus. / That Mediterranean way of life and those typical mentality obviously not left Camus.

Ein Vertriebener

Da ich mich, kaum erwachsen, zum Zeitpunkt von Camus’ tödlichem Unfall (1961) schon längere Zeit in der Region, nicht zuletzt auch in der Umgebung von Mondovi aufhielt, kann ich diese bei Camus in Jugendtagen entstandene Bindung an diese Mittelmeergegend mit ihrer eigenartigen Atmosphäre und des Schriftstellers spätere, im Exil sich manifestierende Verbundenheit mit dieser Region gut nachvollziehen.

Doch leider ist es auch so, dass so mancher, der aus seiner Heimat verbannt wird, bis an sein Lebensende eine seelische Verletzung mit sich herumschleppt, deren Ausheilung wahrscheinlich nie vollständig möglich ist. Dass sich Camus weder im besetzten noch im befreiten „kalten“ Paris je heimisch fühlte, ist nur zu verständlich. Que Camus jamais se senti à l’aise. ni dans Paris occupé ni dans Paris libéré. est compréhensible. / That Camus never felt at home neither in the occupied nor in the liberated „cold” Paris is understandable.

Gewalt war seine Sache nicht, weder in Algerien noch in Europa. Allerdings war ihm Hitler-Deutschlands Niederlage, wovon er bereits in seinem „Brief an einen deutschen Freund“ (1943/44) überzeugt war, ein legitimes Anliegen. Doch die „Verstümmelung“ der deutschen Seele, wie es dem Bestreben der anglo-amerikanischen Umerzieher entsprach, wäre ihm, dem die deutsche Geisteswelt (Nietzsche, Heidegger) durchaus nicht fremd war, niemals in den Sinn gekommen. Man kann sagen, er war einer der ersten geistigen Wegbereiter der deutsch-französischen Aussöhnung. Ob aber dieses Deutschland und dieses Europa seinen Erwartungen entsprochen hätten?

Camus fut l’un des premiers pionniers de la réconciliation franco-allemande intellectuelle. / Camus was one of the first pioneers of the intellectual german-french reconciliation.

Wie Millionen deutschen Vertriebenen war auch Camus eine Rückkehr in die Heimat seiner Kindheit verwehrt. Aber wie Schlesiern oder Sudetendeutschen auch, war ihm Hass gegenüber den Vertreibern, wie auch sonst, absolut fremd. Dennoch ignoriert ihn das offizielle Algerien bis heute.

Heimat und Fremde

Ein Wiedersehen mit seinem Mondovi wäre wahrscheinlich ohnehin enttäuschend ausgefallen. Der beschauliche und gepflegte Ort von damals weist heute teilweise verwahrloste Betonklötze und mit allerlei Abfall übersäte Straßen und Plätze auf. Auch sein Geburtshaus, an dem, meines Wissens, keine Inschrift an ihn erinnert, ist einigermaßen heruntergekommen. Was in diesem Fall natürlich nichts mit dem Klima zu tun hat.

Unwillkürlich drängen sich noch andere Vergleiche auf. Denn so wie Camus seine alte Heimat im Herzen trug und eine den Algerien-Franzosen eigene Mentalität und eigenes Ethos mit in sein Exil brachte, so kommen heute Menschen aus ähnlichen Klimazonen zu uns, aber eben doch auch mit ihren uns fremden Werten und Einstellungen, Sitten und Ansprüchen. Und so wie es ausgewanderten Franzosen, Spaniern und Italiener gelang, ihre Herkunftskultur, vor allem die französische Leitkultur in ihrem algerischen Siedlungsgebiet, urbane Zonen meist, zwar unter Anpassungsdruck „heimisch“ zu machen, so wollen auch die heute in ihrer außereuropäischen Kultur- und Geisteswelt weiter verwurzelten Einwanderer, Algerier, Tunesier, Ägypter oder Türken, auf ihnen fremder europäischer Erde früher oder später bei-sich-zuhause-sein.

Sie werden daher, in Abgrenzung zu uns, ihre Identität und Kultur bewahren und auch verbreiten[1] wollen und gerade deshalb auch, so wie die einst so genannten „Pieds noirs“ in Algerien, in ihrer Mehrheit von uns Eingeborenen als Fremde verstärkt wahrgenommen werden.

Les Immigrants conserveront donc contrairement à nous leur identité et leur culture, et resteront (comme le pieds noirs en Algérie) par cela des étrangers. / The Immigrants will therefore retain in contrast to us, their identity and culture, and thereby remain (as the „pieds noirs“ in Algeria) foreign.

Europa implodiert demographisch

Aber anders als in Algerien, wo die Mehrheitsbevölkerung während der französischen Herrschaft geradezu explodierte und auch damit einen nationalen Befreiungskampf erzwang, implodiert das nunmehr „besetzte“ Europa demographisch. Das ist jetzt unser Problem. Würde Camus, der einmal dem naiven Glauben anhing, Algerien könne Frankreich erhalten bleiben, wenn man bloß den Arabern die volle Gleichberechtigung zugestünde, es auch heute noch so sehen? Ich denke nicht und glaube, dass auch er, zwar kein Nationalist, später der Ansicht etwas abgewinnen hätte können, dass die einem gesunden Bevölkerungswachstum entsprechende Lebensdynamik einer Art, eines Volkes oder einer Kulturnation für das Streben nach Freiheit und Selbstbestimmung im Rahmen eines eigenen Staates auch in der gerechtesten aller Welten nicht auf Dauer unterdrückt werden kann. Von daher hätte Albert Camus diesen Bürokratie-Moloch Europäische Union wahrscheinlich abgelehnt, da gerade dieser jedes erhabene Streben der Völker unterdrückt. Albert Camus aurait probablement refusé cette Union européenne, car elle supprime les nobles aspirations des peuples, la liberté et l´autodétermination. / Albert Camus would probably have refused this European Union because she restrained aspirations of peoples, freedom and self-determination.

Anmerkung

[1] Der Aussage „Ich wünsche mir, dass in Deutschland irgendwann mehr Muslime als Christen wohnen” stimmten vor einem Jahr bereits 46 Prozent von befragten Migranten zu. L’affirmation «Je souhaite qu’un jour vivent plus de musulmans que de chrétiens en Allemagne” a déjà accepté à 46 pour cent des migrants interrogés il ya un an. / The statement “I wish that someday more Muslims than Christians live in Germany” already agreed to 46 per cent of migrants surveyed a year ago.

Bearbeitungsstand: Freitag, 29. November 2013

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