Der Papst und die Jesuiten


Der größte Coup der „Schlauen Jungs“

 

Von Bernd Stracke

Das Buchstabenkürzel SJ, das jeder Jesuit hinter seinen Namen stellt, steht korrekt für „Societas Jesu“ (Gesellschaft Jesu). Der Volksmund hat für die Buchstaben SJ längst – und wohl nicht ganz zu Unrecht – die Interpretation „Schlaue Jungs“ gefunden. Als mit Jorge Mario Bergoglio SJ vor knapp einem Jahr erstmals in der Geschichte ein Jesuit zum Papst avancierte, war der geheimnisumwitterten katholischen Ordensgemeinschaft – wenngleich erst im zweiten Anlauf – ihr bisher wohl größter Coup gelungen. Etwa gar ein weiterer Schritt zur geistlichen Weltmacht-Übernahme? Wenn so ein Ziel tatsächlich angestrebt wird, ist die Strategie jedenfalls höchst professionell angelegt.

Numerisch sind die Jesuiten[1] mit weltweit 17.287 Brüdern und Priestern (Stichtag 1. Jänner 2013) ein verschwindend kleines Häuflein unter den Erdenbürgern. Nichtsdestoweniger repräsentieren die Gesellschafter Jesu zahlenmäßig den größten Orden der Katholischen Kirche. Was aber viel mehr zählt, ist die erstaunlich prominente Positionierung von Absolventen ihrer Bildungseinrichtungen rund um den Globus. Weltweit unterhalten die Jesuiten heute zahlreiche Universitäten, Schulen und Internate, in denen sie laufend pädagogischen und weltanschaulichen Einfluss auf insgesamt mehr als zwei Millionen junge Menschen ausüben. Offiziell wird die „Vermittlung allgemeiner Bildungsinhalte“ mit der Absicht vorgenommen, die Eleven auf ihr späteres Leben nach den Grundsätzen des (katholisch-) christlichen Weltbilds vorzubereiten: Sie sollen zu „Menschen für andere“ heranreifen.

Unter Verschwörungsverdacht

Den Jesuitenorden gründete der 1491 geborene baskische Adelige Ignatius von Loyola. Mystische Erfahrungen brachten den Offizier nach einer Kriegsverwundung, die er als Dreißigjähriger erlitt, auf seinen religiösen Lebensweg. Nach teils abenteuerlichen Episoden studierte er an verschiedenen Orten und wurde in Paris zum Magister der Künste promoviert. In der Seinestadt sammelte er Gefährten um sich, mit denen er sich in Rom dem damaligen Papst Paul III. zur Verfügung stellte. Dieser genehmigte 1540 mit der Bulle „Regimini militantis ecclesiae“ das bis 1762 geheime Grundstatut der Gemeinschaft („Constitutiones“), wodurch die Jesuiten als Orden anerkannt waren. Ignatius wurde zum ersten Oberen gewählt und leitete den rasch wachsenden, straff hierarchisch ausgerichteten Orden von Rom aus bis zu seinem Tod 1556. Von den Ordensmitgliedern erwartete Loyola die von ihm selbst postulierte und auch gelebte absolute Unterwerfung unter die Heilige Schrift und die Lehre der Katholischen Kirche. Berühmt ist seine Aussage: „Ich werde glauben, dass Weiß Schwarz ist, wenn es die Kirche so definiert.“ Christen jüdischer Abstammung war der Ordenseintritt übrigens lange Zeit verwehrt. Diese Regelung wurde später wiederholt modifiziert, in Einzelfällen wurden Ausnahmen gewährt. Endgültig abgeschafft wurde diese Diskriminierung erst 1946.

Die Jesuiten waren wesentlich an der Gegenreformation, also der katholischen Reaktion auf Martin Luther, beteiligt und gründeten ihre Ordenshäuser speziell in für den katholischen Glauben gefährdeten Ländern. Sofern dies nicht möglich war, wie etwa in Irland, England oder in manchen deutschen Territorien, wurde ein entsprechendes Ordenshaus in Rom eröffnet, und die Patres reisten zum Teil illegal ins jeweilige Land. Da der Orden keine verbindliche Ordenstracht hatte, gelang das oft unbemerkt.

Die Jesuiten standen häufig – und stehen zum Teil noch immer – unter Verschwörungsverdacht. Sie waren und sind deshalb immer wieder starken Anfeindungen ausgesetzt, die sich durchaus als ein Zeichen der Effektivität ihrer Netzwerke interpretieren lassen. Eine Wurzel für die Animositäten liegt zweifellos in der 1612 in Krakau erschienenen Schrift „Monita Secreta“ (lat. für „geheime Instruktionen“). Als Autor schien – wohl fälschlicherweise – der fünfte Ordensgeneral Claudio Aquaviva auf. Das Internet-Lexikon Wikipedia gibt sich jedenfalls kryptisch-skeptisch: „Zweifel an der Authentizität des Dokuments sind angebracht.“ So soll die Schrift vom Herzog Christian von Braunschweig entdeckt worden sein, der jedoch zum Zeitpunkt ihres ersten Auftauchens erst zwölf Jahre alt war. Auch widersprächen einander die Angaben des Fundortes. Genannt werden Paderborn, Prag, Lüttich, Antwerpen und sogar ein gekaperter Ostindiensegler. Auf der projesuitischen Seite stehende Historiker schreiben die Urheberschaft der Monita secreta dagegen dem Polen Hieronim Zahorowski zu, der 1611 aus dem Orden ausgeschlossen worden war und die Schrift eben dazu verfasst habe, um dem Club, aus dem er in Unfrieden ausgeschieden war, nachträglich zu schaden. Eine 1924 im Verlag Karl Rohm in Lorch, Württemberg, erschienene lateinisch-deutsche Ausgabe der Monita secreta, heute archiviert in der Chicagoer Universitätsbibliothek, beruft sich allerdings auf die völlige Übereinstimmung mit einer gleichlautenden Handschrift eines „Paters Brothier, des letzten Bibliothekars der Jesuiten vor der Revolution“[2]. Die Suche nach dem Begriff „Monita secreta“ im sonst sehr umfangreichen und auskunftsfreudigen Internetauftritt der österreichischen Jesuiten ergibt übrigens null Treffer.

Führt man sich die folgenden fünf Textproben aus den „Monita“ zu Gemüte, erkennt man, dass der Autor zumindest gründliche Überlegungen angestellt hat und darüber hinaus treffend zu formulieren verstand:

„Anfangs sollen sich die Unsrigen hüten, Grundstücke zu kaufen. Aber wenn sie deren für uns günstig gelegene kaufen, soll das unter vorgeschobenen Namen verschwiegener Freunde geschehen.“

„Feindschaften zwischen den Großen müssen wir behufs Schlichtung in unseren Bereich zu ziehen versuchen. So werden wir allmählich zur Kenntnis ihrer intimen Geheimnisse gelangen können und werden uns beiden Parteien verbinden.“

„Fürsten, große Herren und Beamte eines jeden Ortes sind so zu gewinnen, dass sie sogar gegen Blutsverwandte, Verschwägerte und gegen Freunde treu und energisch für uns eintreten.“

„Witwen müssen jeder Verkehr mit dem anderen Geschlecht und sogar die Unterhaltungen mit den Blutsverwandten abgeschnitten werden unter dem Vorwand einer engeren Verbindung zu Gott.“

„Es wird auch passend sein, von einigen Personen Geld auf jährliche Zinsen aufzunehmen und ebendasselbe Geld anderweitig zu höherem Zinse unterzubringen.“

Verbote und Wiederzulassungen

Den Jesuiten glückte es in der Folge nicht, die von Widersachern aus verschiedensten Ecken, darunter auch von Aufklärern[3] und Freimaurern gegen sie in Umlauf gesetzte Verschwörungstheorien zu widerlegen und Vorwürfe zu entkräften, wonach Jesuiten habgierig, machtlüstern und skrupellos in der Wahl ihrer Mittel seien, Intrigen spinnen, konspirativ arbeiten und auf unrechtmäßige Weise Einfluss auf die Politik ausüben würden.

Fakt ist, dass es Jesuiten immer wieder gelang, das Vertrauen höchstgestellter Persönlichkeiten, ja sogar gekrönter Häupter zu gewinnen: Der Jesuit Jacques Sirmond (1559–1651) war Beichtvater des französischen Königs Ludwig XIII., der Jesuiten-Provinzial Michel Le Tellier (1643–1719) fungierte als Beichtvater König Ludwigs XIV., der Grazer Universitätslehrer Wilhelm Lamormaini (1570–1648) genoss nicht nur als Beichtvater das völlige Vertrauen von Kaiser Ferdinand II., sondern war zeitweise so einflussreich, dass er als eigentlicher Gestalter der kaiserlichen Politik galt. Der Jesuiten-Kardinal Johann Eberhard Graf Neidhardt (1607–1681) hatte als royaler Berater das Ohr der spanischen Königin Maria Anna.

Die Vorwürfe gegen Jesuiten gingen sogar so weit, dass sie – sozusagen als Fünfte Kolonne des Heiligen Stuhles – selbst vor Mord und Krieg nicht zurückschrecken würden. Den „Jesuiten oder ihren Werkzeugen“ wurden versuchte oder vollendete Morde u. a. an den Päpsten Clemens VIII. und XIII., an Heinrich IV. von Frankreich, Joseph I. von Portugal, Elisabeth I. von England, Wilhelm von Oranien, Leopold I. von Österreich, Gustav Adolf von Schweden und sogar am US-Präsidenten Abraham Lincoln[4] unterstellt. Noch mitten im 19. Jahrhundert schrieb der Kurienkardinal Hohenlohe, Zeitgenosse des deutschen Reichskanzlers Otto von Bismarck und Bruder des Reichskanzlers Hohenlohe (Amtszeit 1894 bis 1900), den Jesuiten die Schuld am Tod des Kardinalstaatssekretärs Franchi (1878) und zweier weiterer Kardinäle zu. Um sich selbst vor etwaigen SJ-Giftmordanschlägen zu schützen, benutzte der Kardinal für seinen Messwein einen versperrbaren Kelch. Kein geringerer als Otto von Bismarck beschuldigte Jesuiten, den deutsch-französischen Krieg (1870–1871) entfesselt zu haben: „Über das bin ich völlig in der Lage, Zeugnis ablegen zu können“, versicherte er coram publico im Reichstag – trat diesen Wahrheitsbeweis allerdings nie an.

Auf Druck der Könige von Frankreich, Spanien und Portugal hob Papst Clemens XIV. 1773 den Jesuitenorden auf. Vor zweihundert Jahren machte 1814 Papst Pius VII. die Ordensaufhebung wieder rückgängig. In Norwegen wurde das Jesuiten-Verbot erst 1956 aufgehoben. Die Schweiz, die den Jesu-Orden 1847 im Zuge des Sonderbundkrieges[5] verboten hatte, gestattete jesuitische Aktivitäten erst wieder ab 1973! Zeitweise bestand immerhin eine komfortable Ausweichmöglichkeit: Im benachbarten Österreich verfügten die Jesuiten mit der Feldkircher „Stella Matutina“ – mit Unterbrechungen – über einen veritablen Brückenkopf.

Andere landesweite Jesuiten-Verbote hatte es schon zuvor gegeben: 1758 wurden Jesuiten in Portugal ohne Vorliegen hinreichender Beweise beschuldigt, Drahtzieher eines Attentats auf König Joseph I. zu sein. Mehrere Patres wurden verhaftet, das Vermögen des Ordens beschlagnahmt, und im folgenden Jahr wurden alle Jesuiten aus Portugal ausgewiesen.

In Frankreich verbreiteten Vertreter der damals aufstrebenden katholischen Jansenistenbewegung das Gerücht, Jesuiten hätten 1751 einen zeitweise im Pariser Jesuitenkolleg beschäftigten Dienstboten beauftragt, ein Attentat auf König Ludwig XV. zu verüben. Die Auflösung des Ordens erfolgte aber aus anderem Anlass: Der Jesuiten-Generalobere in Lateinamerika war auf der Karibikinsel Martinique bankrott gegangen und hatte riesige Schulden hinterlassen. Als die französischen Jesuiten eine Gesamthaftung des Ordens ablehnten, kam es in Paris zu einem Prozess, in dessen Folge der jesuitische Besitz eingezogen wurde. Zudem verlangte König Ludwig XV. per Edikt von den Jesuiten, einen Treueeid auf die Krone abzulegen, den aber nur sechs von ihnen zu leisten bereit waren. Damit war die Tätigkeit des Ordens in Frankreich beendet.

Als es 1766 in Spanien zum so genannten Madrider Hutaufstand kam – die Regierung hatte mit dem Verbot, Sombreros zu tragen, und einer gleichzeitigen Steuererhöhung den Zorn der Bürger erregt – wurden, einmal mehr entgegen der Beweislage, Jesuiten als Drahtzieher dafür verantwortlich gemacht. König Karl III. verbot 1767 den Orden, ließ seine Mitglieder außer Landes schaffen und vertrieb auch alle Jesuiten aus den spanischen Kolonien.

Pionierleistung im Kommunikationswesen

Mit der Aufhebung des Ordens durch Papst Clemens XIV. endete 1773 eine Tradition, die eine Pionierleistung des Kommunikationswesens darstellt: Das Jesuitentheater, auch Jesuitendrama genannt. Dabei handelte es sich vom Genre her um ein katholisches, lateinischsprachiges Barockdrama, das im 16. und 17. Jahrhundert besonders an jesuitischen Schulen gepflegt wurde. Die Aufführungen brachen mit den Traditionen der christlichen Verkündigung und bedienten sich weltlicher Unterhaltungskonzepte. Das Jesuitentheater entstand als Antwort auf die Reformation und war Bestandteil gegenreformatorischer Unternehmungen. Reformatorische Lehren hatten nämlich lebhaft um sich zu greifen begonnen, und die Katholische Kirche sah sich harter Kritik ausgesetzt. Es beabsichtigte, Zweifler zurückzugewinnen und die Katholische Kirche als triumphierende Siegerin darzustellen. Die Zuschauer sollten hauptsächlich auf emotionaler Ebene angesprochen werden. Anfangs lehnte sich das lateinischsprachige Drama stark an das so genannte Humanistendrama an, um bald zu einem prachtvoll ausgestatteten Bekehrungsstück zu werden. Die Dramen wurden nicht nur in den 750 Kollegien der Jesuiten gezeigt, sondern es gab auch Aufführungen in jeder größeren katholischen Stadt und an den Fürstenhöfen. Einer der größten zeitgenössischen Theaterräume in Deutschland war die jesuitische St. Michaelskirche in München. Die Patres produzierten massenhaft Theaterstücke – der französische Germanist Jean-Marie Valentin zählt 7.650 Titel –, die innerhalb von 220 Jahren entstanden.

Nach der Wiedereinrichtung des Ordens 1814 gab es Versuche, diese Einrichtung wieder zu beleben. Die bunten Aufführungen waren ausgestattet mit Musik, Ballett und Dutzenden von Schauspielern und Statisten. Die Zuschauer wurden durch barocken Pomp und ein Feuerwerk von Showeffekten in Atem gehalten. Prächtige Bühnenbilder und Requisiten beeindruckten die Zuschauer ebenso wie sämtliche im Repertoire der damaligen Bühnentechnik stehenden Effekte: Explosionen, Blitz und Donner, feuerspeiende Drachen, an Leinen herabfliegende Engel und bei infernalischem Lärm von der Erde verschluckte Gespenster. Teilweise wurden die Zuschauer zum Mitspielen animiert und nahmen auf diese Weise emotional an den Freuden und Leiden der Bühnenhelden teil. Die Aufführungen waren oft von so beeindruckender Vehemenz, dass von Spontanbekehrungen berichtet wird. Die mit drastischen Bühneneffekten dargestellten Höllenqualen erzielten in ihrer Bildlichkeit offensichtlich eine größere Überzeugungskraft als argumentative Worte.

„Schwarzer Papst“ und „Weißer Papst“

Die Welt ist heute aufgeteilt in 77 Jesuiten-Provinzen, deren jeweiliger Oberer – der „Provinzial“ – über seine Untergebenen dieselbe Befehlsgewalt besitzt wie der General über den gesamten Orden. Der Jesuitengeneral wird wegen seiner Machtfülle und seines schwarzen Jesuitenhabits gerne auch „Schwarzer Papst“ genannt, im Gegensatz zu dem zum („echten“) Papst gewählten Kardinal, der nach Tausch seines roten Ornats gegen die weiße päpstliche Amtstracht als „Weißer Papst“ auftritt.

Jesuiten arbeiteten und arbeiten als Missionare in China, Japan, Indien und Amerika. Im 18. Jahrhundert prägten sie in hohem Maß das kulturelle Leben am chinesischen Kaiserhof, wo sie u. a. als Maler und Astronomen tätig waren. Besonders stark verankert waren und sind die Jesuiten in Lateinamerika. Immerhin spricht heute rund die Hälfte (!) aller Katholiken auf der ganzen Welt Spanisch.

In Paraguay bestand von 1610 bis 1767 sogar ein Jesuitenstaat, in dem die Ordensvertreter unter den Ureinwohnern ein christliches Sozialsystem eingeführt hatten. Die Indianer des Stammes der Guaraní genossen in von Jesuiten geschaffenen Siedlungen, so genannten Reduktionen, Schutz vor Übergriffen der Sklavenjäger und Ausbeutung durch die weiße Oberschicht.

Die jesuitische Mission in Lateinamerika stieß in Europa, besonders in Spanien und Portugal, auf Misstrauen, weil man sie als Behinderung für die kolonialen Pläne der eigenen Regierungen ansah. Nach der Vertreibung der Jesuiten aus Paraguay durch die Spanier kam Kritik an den jesuitischen Praktiken auch aus dem Klerus. Der Bischof von Puebla in Mexico, Juan de Palafox, berichtete dem Vatikan mit Abscheu vom „materialistischen Profitstreben“ jesuitischer Unternehmungen. Er beschwerte sich über riesige Haziendas, große Zuckerplantagen sowie Fabriken und Läden, die von Jesuiten mit Hilfe schwarzer Sklavenarbeit betrieben würden. Zugute gekommen sei den Jesuiten, dass sie zunächst Steuerbefreiungen durch das spanische Kolonialreich erreicht hatten. Nach Ansicht des britischen Historikers Henry Kamen[6] zählten die Jesuiten in der Mitte des 18. Jahrhunderts allerdings selbst zu den größten Sklavenhaltern Südamerikas.

Berühmte Jesuiten seinerzeit und heute

Zu den berühmtesten Jesuiten zählen:

  • der heilig gesprochene Theologe und Patron der erst 1964 errichteten Diözese Innsbruck sowie Namensgeber des unter jesuitischer Trägerschaft stehenden internationalen Theologenkonvikts „Canisianum“ in Innsbruck, Petrus Canisius (1521–1597), der allerdings auch ein mitleidloser Verfechter der Hexenverfolgung war (er machte „Hexen“ für Unwetter und Missernten verantwortlich);
  • der auch als „portugiesischer Aristoteles“ bezeichnete Philosoph und Theologe Pedro da Fonseca (1528–1595);
  • der spanische Missionar und Gelehrte José de Acosta (1539 – 1599), der als erster die Höhenkrankheit („d’Acosta-Krankheit“) und die Kartoffelkultur beschrieb;
  • der Optiker, Astronom und Mitentdecker der Sonnenflecken Christoph Scheiner (1575–1659);
  • der Kardinal und spätere König von Polen Johann II. Kasimir (1609–1672);
  • der Südtiroler Pädagoge, Dichter und Dramatiker Nicolaus von Avancini (1611–1686);
  • der italienische Luftschiff- und Blindenschrift-Erfinder Francesco Lana Terzi (1631–1687);
  • der Südtiroler Lateinamerika-Missionar Anton Sepp von Seppenburg (1655–1733);
  • der Numismatik-Begründer Joseph Hilarius Eckhel (1737–1798)
  • der Theologe und Philosoph Pierre Teilhard de Chardin (1881–1955)
  • der Mitbegründer der legendären „Bilderberger“[7] Joseph Hieronim Retinger (1888–1960),
  • der Mutter-Theresa-Berater Josef Neuner (1908–2009);
  • der Sozialseelsorger Georg Sporschill (*1946)

Zumindest zeitweise Jesuiten waren u. a.:

  • der französische Arzt und Erfinder der nach ihm benannten Hinrichtungsmaschine Joseph-Ignace Guillotin (1738–1814)
  • der deutsche Biologe und Rassenhygieniker Hermann Muckermann (1877–1962);
  • der deutsche Philosoph Martin Heidegger (1889–1976) und
  • der deutsche CDU-Politiker Heiner Geißler (*1930).

Doch erschöpft sich der jesuitische Einfluss auf den Lauf der Welt bei weitem nicht im direkten Wirken der herausragenden Köpfe und brillanten Denker innerhalb der Gesellschaft Jesu. Als noch viel wirkungsvoller haben sich die in den jesuitischen Bildungsinstitutionen gelegten erzieherischen Keime erwiesen.

Zu den Bildungs- und damit Einflussbastionen der Jesuiten in aller Welt gehören Dutzende theologische und philosophische Hochschulen für eigenen und fremden Priesternachwuchs, darunter die berühmte päpstliche Universität Gregoriana in Rom, weiters mehrere Dutzend andere Universitäten, ein Gutteil davon in den USA. Ein beträchtlicher Teil aller US-Juristen hat an einer Jesuiten-Universität studiert. Zu den SJ-Bildungsinstitutionen zählen noch zahlreiche weitere Hochschulen mit weltlichen Disziplinen sowie hunderte Schulen und Oberschulen mit hunderttausenden Studenten und Schülern.

Absolventen des SJ-Bildungsimperiums

Der Belgier Herman Achille Van Rompuy, Absolvent des jesuitischen Sint-Jan Berchmans College in Brüssel, 2009 erster gewählter und 2012 in seinem Amt bestätigter ständiger Präsident des Europäischen Rates, ist gleichzeitig bis 30. November 2014 gewählter Vorsitzender der Euro-Gipfel.

Ein anderer großer politischer Player der Gegenwart, der US-Außenminister John Forbes Kerry, Enkel des Wieners Fritz Kohn, absolvierte sein Studium am Boston College, der ältesten und zweitgrößten Jesuitenhochschule in den USA. Das Institut mit 9.000 Studenten ist eines von 28 Mitgliedern der „Association of Jesuit Colleges and Universities“. Wie es ein anderer Boston-College-Absolvent, Peter Lynch, nach dem Schulabschluss binnen 25 Jahren zu einem Fondsvermögen von 14 Milliarden Dollar brachte, beschrieb er zusammen mit John Rothchild (sic!) als Co-Autor in drei Bestsellern. Inwieweit Lynch auf die Monita-Secreta-Empfehlung zurückgriff, „Geld zu günstigen Zinsen auszuborgen und zu höheren Zinsen weiter zu verleihen“, ist nicht bekannt.

Der deutsche Ex-Verteidigungsminister und seit Dezember 2013 (wieder) deutsche Innenminister Karl Ernst Thomas de Maizière maturierte am jesuitisch geführten Aloisiuskolleg in Bonn.

Mit 15.000 Studenten ist die Loyola University Chicago die größte Jesuitenschule in den USA. Einer der Absolventen ist der Autor Daniel Quinn, dessen Bestseller „Ismael“ und „Ismaels Geheimnis“ in 21 Sprachen übersetzt wurden.

E. Gerald Corrigan, ehemaliger Präsident der Federal Reserve Bank of New York, ist Absolvent der jesuitischen Fairfield-University (14.000 Studenten).

Der Milliardär Donald Trump passierte die jesuitische New Yoker Fordham-University, ebenso wie der russische Öl-Milliardär Jewgeni Markowitsch Schwidler, der Investment-Banker Mario Gabelli, der ehemalige Präsident der Federal Reserve Bank of New York E. Gerald Corrigan, der Vizepräsident der Bank of New York David V. Almeida, der Vize-Chairman von PriceWaterhouse Coopers Donald V. Almeida, der ehemalige Senior-Direktor von Goldman Sachs George E. Doty, aber auch John Newton Mitchell, der einzige US-Justizminister, der nachweislich in illegale Aktivitäten verstrickt war und deshalb verurteilt und inhaftiert wurde.

Zu den bekannten Absolventen der jesuitischen Georgetown-Universität in Washington zählen der Ex-US-Präsident und Bilderberger Bill Clinton, die ehemalige amerikanische Außenministerin Madeleine Albright (die heute noch in Georgetown als Professorin lehrt), der bisherige Stabschef im Weißen Haus und neue US-Finanzminister Jacob „Jack“ Lew und der Präsident der europäischen Kommission und ehemalige portugiesische Ministerpräsident José Manuel Barroso.

Aus der jesuitischen Saint Joseph‘s University in Philadelphia hervorgegangen sind der Ex-US-Minister John Lehman, der auch Mitglied der Untersuchungskommission zu den Anschlägen des 11. September war, sowie der einstige US-Justizminister Joseph McKenna.

Absolvent der viertgrößten Jesuitenhochschule der USA, der St. Louis-University in Missouri, ist Eugene Francis Kranz, der NASA-Flugdirektor in der Ära der Gemini- und Apollo-Raumfahrtprogramme.

Absolventen der jesuitischen Santa-Clara-Universität in Kalifornien sind der von Barack Obama zum CIA-Direktor ernannte Leon Edward Panetta und die Ministerin für Innere Sicherheit im Kabinett Obama, Janet Napolitano.

Am jesuitischen Instituto Massimo in Rom wurde der ehemalige Vizepräsident von Goldman Sachs International und derzeitige Präsident der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi, ausgebildet, der mittlerweile zusätzlich Vorstandsmitglied der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich in Basel und Mitglied in der von der Rockefeller-Stiftung gegründeten privaten Lobbyorganisation der Finanzwirtschaft, der Group of Thirthy (gekennzeichnet durch eine Reihe von personellen Überlappungen mit der Bilderberger-Gruppe), ausgebildet.

Jean-Claude Juncker, bis vor kurzem nicht nur Luxemburgischer Premierminister, sondern auch mächtiger Vorsitzender der Euro-Gruppe, jenem EU-Gremium, in dem die Staaten der Eurozone ihre Steuer- und Wirtschaftspolitik koordinieren und über die Einhaltung des umstrittenen Euro-Stabilitätspaktes wachen, genoss seine Ausbildung an der von Herz-Jesu-Priestern geführten jesuitennahen Klosterschule Clairefontaine.

Pietro Parolin, der von Franziskus ernannte Staatssekretär Seiner Heiligkeit und jene Person, die maßgeblich für die politischen und diplomatischen Aktivitäten des Heiligen Stuhls verantwortlich ist – sie wird deshalb informell auch als Nummer zwei des Vatikans bezeichnet – wurde an der jesuitischen Päpstlichen Universität Gregoriana zum Doktor des Kanonischen Rechts (Dr. jur. can.) promoviert .

Das Lycée Louis-le-Grand, die 1564 von Jesuiten gegründete legendäre Pariser Eliteschule, wird heute zwar nicht mehr vom Orden geführt, atmet aber vielleicht doch noch etwas vom Geist vergangener Zeiten. Die Schülerliste liest sich jedenfalls wie das Who’s who der französischen Politik: Von den Präsidenten Raymond Poincaré, Georges Pompidou, Jacques Chirac, Valéry Giscard d’Estaing bis Nicolas Sarkozy drückten auch die Spitzenpolitiker Alain Juppé, Laurent Fabius und Michel Debré sowie der Autobauer André Citroën, der Autoreifenkönig André Michelin, der Philosoph Jean-Paul Sartre und der Publizist Bernard-Henri Lévy hier die Schulbank. Blättert man die Schülerlisten in die Vergangenheit zurück, findet man hier auch die Brüder Augustin und Maximilien Robespierre, Jean-Baptiste Molière, Victor Hugo, Charles Baudelaire und den Herrn Marquis de Sade.

Absolventen der jesuitischen Kaderschmieden galten seit jeher als auserwählte Elite. Dahinter steckt Kalkül. Das Interesse des Ordens galt in erster Linie den Universitäten als Multiplikatoren, um Vertraute gezielt in Schlüsselpositionen der Gesellschaft zu hieven. Auf ihre gesellschaftlichen Aufgaben werden die Schüler mit Bedacht vorbereitet. Die Bildungsstätten der Jesuiten zeichnen sich einerseits durch harte Disziplin und andererseits durch rigorose akademische Lehrpläne aus. Die Abgänger von Jesuitenschulen und Universitäten vernetzen sich zudem seit jeher untereinander über Alumnivereinigungen – dieses Geflecht stellt ein weiteres Erfolgsrezept dar. Ein enges Netz bilden auch die Stellaner: „Sie aktivieren weltweit Gemeinsamkeiten mit Jesuiten und fragen nach ihrer Verpflichtung gegenüber einer sich wandelnden Gesellschaft“, bestätigte Benno Kuppler, Jesuit und Managerberater aus München, in einem Interview. Dass die Mitglieder zwecks Macht-Seilschaften einander prinzipiell gegenseitig bevorzugen, bezweifelt er natürlich offiziell. Die innere Verbundenheit spiele zwar eine gewisse Rolle, doch werde jeder Bewerber genau auf seine Integrität geprüft.

Das Canisianum in Innsbruck, benannt nach dem heilig gesprochenen Jesuiten der Gegenreformation in Tirol, und der umliegende Innsbrucker Stadtteil Saggen wurden von den Alliierten nicht bombardiert.

Schutzengel oder Netzwerk?

Wenn an vielen politischen Machthebeln der Welt jesuitisch geprägte oder gar jesuitisch gesteuerte Personen sitzen, mag es auch nicht verwundern, dass dann und wann und da und dort historische Ereignisse einen erstaunlichen Verlauf nehmen. Ein kleines Beispiel könnte das wundersame Unterbleiben der Bombardierung ausgerechnet des Innsbrucker Stadtteiles Saggen durch die Alliierten im Zweiten Weltkrieg sein: Am 15. Dezember 1943 startete bekanntlich die 15. US-Luftflotte den ersten von insgesamt 22 Angriffen auf Innsbruck. Dutzende B-17-Bomber und P-38-Jäger warfen 126 Tonnen Bomben über der damaligen Gauhauptstadt ab. Die verheerende Bilanz: Hunderte Tote und Verwundete, tausende Obdachlose. Wie durch ein Wunder völlig verschont blieb bis zum Kriegsende just der Saggen, in dessen Mitte das weitläufige Areal des jesuitischen „Canisianums“ liegt. Namhafte betagte Bewohner dieses Viertels sind noch heute davon überzeugt, dass bei der Verschonung des Stadtviertels nicht nur ein Schutzengel, sondern auch ein mächtiges internationales jesuitisches Netzwerk seine Hand im Spiel hatte.

Dass bei Machteliten wie der Group of Thirty, den Trilateralen, den Bilderbergern und den Jesuiten personelle Überschneidungen auftreten, ist Fakt. Wo es solche gibt, bleiben wechselseitige Schützenhilfen naturgemäß nicht aus. Dem aufmerksamen Zeitungsleser muss beispielsweise auffallen, dass sich der unermüdliche Bilderberger[7] und Herausgeber Oscar Bronner in seiner ansonsten eher kirchenfeindlichen Tageszeitung „Der Standard“ geradezu hymnisch überschlägt, wenn es um Lobgesänge über den neuen Papst Franziskus geht. Die Standard-Weihnachtsausgabe 2013 schlagzeilt auf Seite 1 in Riesenlettern „Mehrheit traut diesem Papst Erneuerung der Kirche zu“, um Franziskus auch gänzlich die Seiten 2 und 3 zu widmen und die Redakteure Peter Mayr und Markus Rohrhofer feststellen zu lassen „Österreicher schätzen den Papst“. Redakteur Conrad Seidl setzt noch eins drauf: „Papst Franziskus ist gut für die Weltkirche“. Kolumnistin Thesy Kness-Bastaroli weiß schon heute: „Papst Franziskus will aus dem IOR[8] eine saubere Hausbank machen“. Zusätzlich wird das „Market“-Meinungsforschungsinstitut bemüht, um die These „Papst Franziskus hat an Profil gewonnen“ zu stützen und dem neuen Heiligen Vater teils zweistellige Prozentpunkt-Steigerungen in Sachen „modern“, „tolerant“, „weltoffen“, „mutig“, „fair“, „kraftvoll“, „verständnisvoll“ und „gerecht“ zu attestieren. Gekrönt wird die Franziskus-Huldigung durch den Kommentar von Chefredakteurin Alexandra Föderl-Schmid, die einerseits feststellt, dass Franziskus mit seiner Einschätzung des derzeitigen Wirtschaftssystems als „in der Wurzel ungerecht“ glatt „einen Nerv getroffen“ habe, und andererseits gleichzeitig dem Vorgänger Ratzinger eine Ohrfeige ins Ausgedinge mitgibt, da Franziskus als ein „viel vertrauenswürdigerer Vermittler von Glaubensinhalten als sein Vorgänger Benedikt eingeschätzt“ werde. Dass der „Standard“ Papst Franziskus so massiv unterstützt, wird natürlich auch an Franziskus’ generellem Linkskurs liegen, den die österreichischen Jesuiten voll mitzutragen scheinen, was konservative Kirchenkreise nicht gerade als Segen für die Kirche ansehen.

Skandale und Medienpräsenz

So hell jesuitische Bildungsinstitutionen auch leuchten mögen, ganz ohne dunkle Schatten geht es auch bei ihnen nicht ab. Berichte über Prügelattacken, sexuelle Übergriffe und massive Versuche des Verschweigens und Vertuschens im kirchlichen und speziell auch im jesuitischen Umfeld machten in den letzten Jahren Schlagzeilen. In namhaften Medien wurde darüber ausführlich berichtet. Nach Publikwerden der zahlreichen perversen Vorfälle bat der Provinzial der Jesuiten in Deutschland die Opfer im Namen des Ordens um Verzeihung. „Das Ergebnis der Untersuchung lässt eine skandalöse Wirklichkeit zutage treten, die unserem Orden zu Scham und Schande gereicht“, gestand er ein. Er bot an, jedes Opfer persönlich um Entschuldigung zu bitten und Gespräche zur Aufarbeitung der Missbrauchsfälle zu vermitteln.

Dem Erfolg der Jesuitenschulen scheinen die Skandale aber keinen langfristigen Schaden zugefügt zu haben. Heute schicken auch viele nicht religiöse Familien ihre Sprösslinge in Jesuiteninstitute, weil diese als seriöse und gute Bildungsstätten gelten, die Werte vermitteln, die wieder populär sind.

Zur Vermittlung einschlägiger Bildungsinhalte sind selbstverständlich moderne Medien unverzichtbar. So obliegt die Leitung des 1931 gegründeten internationalen Hörfunksenders „Radio Vatikan“ seit jeher dem Jesuitenorden. Die von 40 Sprachredaktionen in 47 Sprachen produzierten Sendungen werden hauptsächlich über Mittel- und Kurzwelle in die ganze Welt ausgestrahlt. Der deutsche Eigenwerbeslogan lautet: „Radio Vatikan – Weltkirche aus erster Hand“. Die Zahl der jesuitisch gesteuerten Printmedien wird auf weltweit mehr als tausend geschätzt. Dazu kommen noch jede Menge Rundfunk- und Fernsehsender sowie zunehmend professionellst gestaltete Internet-Auftritte.

Bergoglios zweiter Anlauf

Am 13. März des Vorjahres hat es Jorge Mario Bergoglio also geschafft: Er wurde zum 266. Papst der Römisch-katholischen Kirche gewählt. Kritiker merken an, dass es dem Jesuiten als Papst vorbehalten blieb, einen nur mäßig-akademischen Nachweis theologischer Kenntnisse beibringen zu können. Und: Es war allerdings bereits der zweite Anlauf auf das höchste Kirchenamt. Schon beim Konklave 2005 habe, so versichern eingefleischte Vatikanisten, also Insider, der gelernte Chemietechniker Bergoglio – vermutlich mit Hilfe einer liberalen Gruppe um den mittlerweile verstorbenen Jesuitenkardinal Carlo Maria Martini und den belgischen Jesuitenschul-Absolventen Kardinal Godfried Danneels – etwa 40 Stimmen erhalten. Da eine Stimmenmehrheit letztlich aber doch nicht in Greifweite gerückt sei, habe er sich freiwillig zurückgezogen. Dieser Rückzug habe schließlich die Wahl Joseph Ratzingers ermöglicht.

Am 11. Februar 2013 gab Ratzinger als Papst Benedikt XVI. während einer Kardinals-Vollversammlung bekannt, auf das Amt des Bischofs von Rom, bzw. des Nachfolgers Petri, zu verzichten. Er sei „zur Gewissheit gelangt“, dass seine Kräfte „infolge des vorgerückten Alters nicht mehr geeignet seien, um in angemessener Weise den Petrusdienst auszuüben“. Damit schied zum ersten Mal, seit Gregor XII., Benedikt XIII. und Johannes XXIII. (Gegenpapst) durch das Konzil von Konstanz 1414–1418 ihre Ämter verloren, ein Papst nicht durch Tod aus dem Amt. Gerüchte wollen freilich nicht verstummen, dass Ratzinger in einem gnadenlos geführten vatikaninternen Machtkampf unterlegen und das Opfer von Intrigen geworden sei. Cui bono?

Bergoglios Wahl ist in gewisser Hinsicht ein Paradoxon: Jesuiten verpflichten sich nämlich nach der Weisung ihres Ordensgründers am Tag ihrer „Letzten Gelübde“, kein Bischofsamt anzustreben. Da sie zugleich dem Papst besonderen Gehorsam „de missionibus“ geloben, d.h. sich dazu verpflichten, sich vom Papst überallhin senden zu lassen, können sie sich jedoch auch nicht verweigern, wenn der Papst beschließt, sie auf einen Bischofsstuhl zu berufen. Deshalb gab und gibt es auch Bischöfe aus dem Jesuitenorden, wenngleich nicht viele. So war z. B. der frühere Erzbischof von Mailand und Kardinal Carlo Maria Martini, einer der Favoriten bei der Papstwahl nach dem Tode von Johannes Paul II., Jesuit.

Wie schon in den Jahrhunderten zuvor, floss auch im 20. Jahrhundert weltweit viel Blut. Dass mitunter einiges davon direkt oder indirekt auch an jesuitischen Händen kleben blieb, wurde nie nachgewiesen. Als kontroversiell diskutiertes Kapitel gilt allerdings Bergoglios Verhalten während der blutigen Diktatur in Argentinien und in den Jahren von 1976 bis 1983. Damals wurden bis zu 30.000 mutmaßlich oppositionelle Argentinier von Todesschwadronen entführt, gefoltert und ermordet. Müttern unter den Opfern wurden bis zu 500 in der Haft geborene Kinder geraubt.

Horacio Verbitsky[9] behauptete in seinem Buch „El Silencio“ („Das Schweigen“) auch noch vor neun Jahren, Bergoglio habe ihm unterstellte Priester an die Junta ausgeliefert und sich nicht für ihre Freilassung eingesetzt. Das Buch erschien kurz vor dem Konklave 2005, bei dem Bergoglio, der seit 2001 Kardinal war, erstmals für das Papstamt kandidierte. Verbitsky wiederholte und bekräftigte seine Vorwürfe gegen Bergoglio im März 2013, als dieser zum neuen Papst Franziskus gewählt wurde. Bergoglio konterte, er habe die beiden Jesuiten, um die es geht, wenige Tage vor dem Putsch vor der bevorstehenden Gefahr gewarnt und ihnen angeboten, im Jesuitenhaus Schutz zu suchen, doch sie hätten das Angebot abgelehnt. Nach ihrer Gefangennahme habe er sich sofort intensiv für ihre Freilassung eingesetzt. Deswegen und weil ihnen nichts nachgewiesen werden konnte, seien sie schließlich freigekommen. „Ich habe getan, was ich konnte, um mich für die Entführten einzusetzen.“ Nach ihrer Freilassung habe er sich sofort um ihre Sicherheit und Ausreise bemüht. Einer der beiden Priester bestätigt heute, er habe sich mittlerweile mit Bergoglio ausgesprochen und sich bei einer Messe mit ihm versöhnt. Er betrachte den Vorfall als abgeschlossen. Später ergänzte er: Bergoglio habe die beiden Geistlichen damals nicht angezeigt. Man habe sie damals nicht wegen einer Denunziation Bergoglios festgenommen, sondern wegen falscher Informationen in „kirchlichen Kreisen“, wonach sie zur Guerilla gehört hätten. Im Buch „El Silencio“ war Bergoglio auch vorgeworfen worden, er habe vom systematischen Raub von Neugeborenen durch die Militärjunta gewusst, aber nichts dagegen unternommen. Bergoglio, später gerichtlich zur Abgabe einer Zeugenaussage aufgefordert, antwortete, er habe sich erst Ende der 1980er Jahre näher mit diesem Thema befasst und bis dahin nichts von massenhaftem Kindesraub gewusst.

Zum Neujahrstag, der gleichzeitig für die Katholische Kirche der Weltfriedenstag ist, kritisierte Papst Franziskus die „wachsende Kluft zwischen Arm und Reich als Zeichen einer aus dem Ruder laufenden Wirtschaft“. In seiner ersten Neujahrspredigt bekräftigte er den Wunsch nach Frieden: Es gebe in der ganzen Welt „den Hunger und den Durst nach Gerechtigkeit und Frieden“. Daher sollten im neuen Jahr „Worte der Stärke, des Mutes und der Hoffnung“ die Menschen begleiten. Es gibt wohl niemanden, der dem Heiligen Vater hier widersprechen würde. Und so manche der im SJ-Welt-Netzwerk positionierten „schlauen Jungs“ könnten eine Menge dazu beitragen, die frommen Wünsche ihres höchsten Ordensbruders zu erfüllen.

Anmerkungen

[1] Die offizielle Homepage der Jesuiten http://www.sjweb.info wird in englischer, spanischer und französischer Sprache geführt. Auf deutsch informiert die österreichische Jesuiten-Homepage http://www.jesuiten.at

[2] Der Scan des Dokuments lässt sich kostenfrei herunterladen: http://www.archive.org/download/MN5083ucmf_6/MN5083ucmf_6.pdf

[3] Der französische Aufklärer Jean-Baptiste le Rond, genannt d’Alembert (1717–1783), bezeichnete die Jesuiten als „Grenadiere des Fanatismus und der Intoleranz“.

[4] Gerüchte über eine jesuitische Verbindung zum Lincoln-Mord („The Jesuit Connection to the Assassination of Abraham Lincoln“) halten sich bis heute hartnäckig im Internet, z. B. unter: http://theprotestantview.com/?p=85 oder http://www.truthontheweb.org/abe.htm

[5] Der 26tägige „Sonderbundskrieg“ 1847, ein Bürgerkrieg, war die bislang letzte militärische Auseinandersetzung auf Schweizer Boden. U. a. ging es um die Berufung von Jesuiten in die höheren Lehranstalten von Luzern. Als Ergebnis wurde die Schweiz 1848 durch die Bundesverfassung vom Staatenbund zum Bundesstaat geeint.

[6] Henry Kamen, geb. 1936 in Rangoon (heutiges Myanmar), studierte an der Universität of Oxford und lehrte an der University of Warwick sowie verschiedenen anderen Universitäten in Spanien und in den USA. Seit 1993 hat er eine Professur am Consejo Superior de Investigaciones Cientificas in Barcelona inne. Er ist ein Mitglied der britischen Royal Historical Society.

[7] Vgl. Genius 10/2012 und 12/2012 „Die geheimnisumwitterten Bilderberger“

[8] IOR ist die Abkürzung für die in der Vergangenheit nicht immer gut beleumundete Vatikanbank „Instituto per le Opere di Religione“.

[9] Horacio Verbitsky, geboren 1942, ist ein argentinischer Journalist bzw. Buchautor, leitet die argentinische Menschenrechtsorganisation „Centro de Estudios Legales y Sociales“ (Zentrum für rechtliche und soziale Studien) und gilt als Hauptkritiker des neuen Papstes. Der Autor wurde in den 1990er Jahren durch Aufdeckung von Korruptionsfällen und anderen Skandalen bekannt, in die Mitglieder der Regierung verwickelt waren, was zu Rücktritten einiger Minister führte. 1994 veröffentlichte er Geständnisse eines Marineoffiziers, die Folter und Morde der Marine Argentiens an Oppositionellen aufdeckten. Damit bewirkte er eine verstärkte Strafverfolgung von Massenmorden und Menschenrechtsverletzungen der argentinischen Militärdiktatur.

Bearbeitungsstand: Freitag, 31. Jänner 2014
 
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