Das Elend mit der Schuldebatte


Prolegomena zu einer Berufsbilanz

 

Von H. W. Valerian

Wie der Titel schon sagt, handelt es sich hier erstens um den Versuch, ein paar grundsätzliche Dinge zu klären, und zweitens geht es nicht um die Schule an sich, sondern genauer um die Schuldebatte. Letztere zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass sie so fruchtlos verläuft. In erster Linie wird das wohl daran liegen, dass hier unterschiedliche Wertvorstellungen aufeinander treffen.

Über solche Vorstellungen kann schwer diskutiert werden – sie bilden vielmehr das Ende des Regresses (nach Karl Popper), an dem wir uns eingestehen müssen: „We agree to disagree.“ An sich wäre das nichts Schlimmes. Demokratie, Pluralismus bestehen ja eben nicht darin, dass – wie das in unserem katholisch-barocken Winkel der Welt immer angenommen wird – kein Streit mehr herrscht; sie bestehen vielmehr darin, dass Streit zivilisiert ausgetragen wird.

Es gibt natürlich noch weitere Gründe, warum Schuldebatten so fruchtlos verlaufen. Und ich sag’ ganz bewusst: Schuldebatte; keine hochgestochenen Euphemismen, bitte, keine „Bildung“ und keine „Erziehung“. Das Hochgestochene, das ist bestimmt eine weitere Ursache dafür, dass wir aneinander vorbeireden.

Also, noch weitere Gründe: so viele Experten, zum Beispiel. An die acht Millionen allein in Österreich. Na ja, nicht ganz – Kleinkinder zählen wohl nicht. Ebenso wenig jene, die Schule konkret erfahren: Schüler, Lehrer. Ist Ihnen eigentlich schon aufgefallen, wie wenig die in der Schuldebatte gefragt sind? Ich meine die wirklichen Lehrer und die wirklichen Schüler, nicht irgendwelche Vertreter, die ja ipso facto schon nicht mehr „wirklich“ sind. Aber abgesehen davon – ich kann mich gut erinnern, wie ich eines Abends in einer erlauchten Runde saß, Schriftsteller, Journalisten, und wie’s da um die Schule ging. Nun, um es kurz zu machen, die Herrschaften diskutierten sehr lebhaft und sehr gescheit, den ganzen Abend lang, während mir keine andere Rolle zukam als stumm daneben zu sitzen. Klar: Ich arbeitete ja in dem Geschäft. Die andern hingegen, die waren nicht vorbelastet durch Erfahrung, durch lästige Details. Die mochten zwar nichts Genaues wissen – aber das wussten sie dafür umso besser. Na ja, und so läuft die Schuldebatte im Allgemeinen auch ab.

Wohlgemerkt: Ich werde hier nicht versuchen, sie ein für allemal zu beenden. Ich werde auch nicht meine eigene endgültige Meinung abgeben. Lebenslange Erfahrung – na ja, vielleicht nicht echt lebenslang, eher berufslebenslang, trotzdem noch 35 Jahre, und das immer an vorderster Front, nie in der Etappe – solche Erfahrung also lehrt mich, dass Endgültigkeit unmöglich ist. Die Schuldebatte ist wie ein Sumpf, ein Morast ohne festen Grund. Wer sich da mit der irren Vorstellung hinein begibt, zu irgendeiner Art Wahrheit zu gelangen, der wird versinken, elend verrecken.

Das einzige, was ich tun möchte, ist dies: auf ein paar Unklarheiten hinweisen, welche besagte und leidige Schuldebatte zusätzlich verwirren. Ein paar Unterscheidungen, die vielleicht nützlich sein könnten – immer vorausgesetzt, man mischt sich in die Debatte ein, weil man ein Ziel verfolgt (ein besseres Schulwesen zu Beispiel), und nicht als Selbstzweck. Welch letztere hinterhältige Methode meiner Beobachtung zufolge freilich ziemlich häufig zu sein scheint, mehrheitlich beinahe. Aber das ist schon wieder eine andere Geschichte. Lassen Sie uns beginnen mit den Unterschieden.

Welche Schule?

Zunächst sollte man sich stets klar darüber sein, von welcher Schule man gerade spricht, welches Bild man vor Augen hat. Es gibt drei Stufen in unserem Schulwesen:

  • die Primarstufe, also die Volksschule (6–10);
  • die Sekundarstufe I (10–14 oder 15), also – bisher – die Hauptschule sowie die Unterstufe der AHS, in Zukunft wohl die NMS, die „Neue Mittelschule“;
  • die Sekundarstufe II (14–18 oder 19), das wäre dann die Oberstufe der AHS sowie Berufsbildende Mittlere und Höhere Schulen.

Für Pedanten sei hinzugefügt, dass es noch einen „post-sekundären“ beziehungsweise „tertiären“ Bereich gibt.

Entscheidend ist indes dies: Jede Stufe stellt andere Anforderungen, auf jeder Stufe herrschen andere Bedingungen. Das gilt – nicht nur, aber doch wesentlich – für die Frage nach den pädagogischen Fähigkeiten von Lehrkräften.

Wie ich feststelle, verbreitet sich die Meinung immer mehr, wonach Lehrer und Lehrerinnen in erster Linie Pädagogen zu sein hätten, die fachliche Qualifikation spiele demgegenüber eine untergeordnete Rolle. Dem liegt natürlich die – sich ebenfalls epidemisch ausbreitende – Ansicht zugrunde, Lernen könne quasi hintenherum erfolgen, eingeschmuggelt, ohne je astrengend oder langweilig zu sein, alles ganz leicht und lustvoll – Spaß. Das hänge bloß vom pädagogischen Geschick der Lehrkraft ab.

Selbst wenn man diese Anschauung teilt, wird es aber doch einleuchten, dass das Verhältnis von Inhalt zu Methode auf der Primarstufe nicht dasselbe sein wird wie auf der Sekundarstufe II. Wenn umgekehrt auf der höchsten Stufe ausschließlich spaßhafte Pädagogen am Werke wären, dann könnte man sich leicht vorstellen, wie sich die inzwischen halb oder fast erwachsenen jungen Menschen nicht bloß mit Grausen, sondern mit blanker Verachtung abwenden.

Wobei – Zusatz – zu bedenken wäre: Inzwischen lehren an der Volksschule bereits die ersten „Pädagogen“, die in eben dieser Mentalität groß und ausgebildet wurden. Und was sich da auftut – na ja. Solange der Inhalt nicht wichtig ist, tut’s ja nichts, wenn diese Leute die eigenen Rechenaufgaben nicht mehr richtig verstehen – in der Volksschule! Bloß dass wir halt das vermaledeite PISA haben. Aber das ist, wie’s so schön heißt, auch schon wieder eine andere Geschichte. Sie zeigt immerhin – wieder –, dass man sich wenigstens über eines klar sein sollte: Was will ich?

Didaktik und Pädagogik

Diese Unterscheidung ist zwar nicht ganz so wichtig, aber doch auch nützlich. Pädagogik ist eine hoch akademische Wissenschaft, Theorienbildung und so. Sie geht einerseits aus der Psychologie hervor, beruht also auf einem bestimmten Menschenbild, andererseits strotzt sie nur so von unausgesprochenen Wertungen: bei der Beurteilung des Schulwesens ebenso wie bei den – gleichfalls meist unausgesprochenen – Zielvorstellungen. Pädagogik ist, wie ich nach langem Leiden zu sagen pflege, nichts weiter als Ideologie mit Fußnoten.

Aber wie dem auch sei – sie ist jedenfalls nicht gleichzusetzen mit der Didaktik. Die beschäftigt sich damit, wie der Lehrstoff im jeweiligen Fach an den Mann beziehungsweise, genauer, an den jungen Menschen zu bringen sei. Entscheidend dabei ist, dass die Didaktik im Dienste des Inhalts steht – oder doch zumindest stehen sollte –, im Dienste des Niveaus. Eben deswegen sollte sie primär als praktische Fertigkeit verstanden und folglich auch genau so weitergegeben werden: von Lehrer zu Lehrer, wie bei einem Handwerk. Aber das hören die Herrschaften an der Uni oder beim BIFIE natürlich nicht so gerne. (BIFIE ist eine schicke moderne Abkürzung für ein ganz altes Phänomen: eine fette Pfründe.) Die korrekte Bezeichnung lautet: Bundesinstitut für Bildungsforschung, Innovation und Entwicklung des österreichischen Schulwesens. Errichtet mit 1. Jänner 2008.

Die Pädagogik, die Erziehungswissenschaft, die haben sich hingegen als Feind des Inhalts und des Niveaus erwiesen. Ich weiß schon, ich weiß, das wird von Pädagogen vehement bestritten. Sie beteuern stets, man könne selbstverständlich beides haben: den anstrengungslosen Spaß und das Niveau. (Den Rausch und das Geld, haben mir Schüler einmal gesagt.) Das komme nur auf die Lehrkraft an, die muss halt interessanter und so, „challengen“, motivieren. Aber in der Praxis – nun, der negative Zusammenhang zwischen Niveau und Pädagogik mag zwar nicht theoretisch festzunageln sein, das räume ich ein, aber empirisch ist er’s auf jeden Fall.

Ausbildung – Bildung – Erziehung

Das sind drei Dimensionen dessen, was in der Schule so getrieben wird, und die Unterscheidung wäre meiner Ansicht nach grundlegend und entscheidend. Trotzdem – dass sie in dieser klaren Form je gemacht worden wäre, daran kann ich mich eigentlich nicht erinnern. Und präsent ist sie schon gar nicht, obwohl eben dies Voraussetzung wäre für jedes vernünftige Gespräch und letztlich auch für jeden vernünftigen Unterricht.

Ausnahmsweise will ich nicht schön brav der Reihe nach vorgehen, sondern zunächst mit der Erziehung anfangen, weil die sich nämlich am leichtesten erledigen lässt.

Also die Erziehung: Wir wollen darunter den Versuch verstehen, Verhaltensweisen von Kindern und Jugendlichen zu beeinflussen, zu gestalten und zu verändern, und zwar unter dem Blickwinkel bestimmter Wertvorstellungen. Das bedeutet nämlich, dass sie an einer staatlichen Schule nichts zu suchen hat. Denn welche Wertvorstellungen sollen da zur Anwendung kommen? Einem demokratischen, pluralistischen Gemeinwesen muss das Prinzip zugrunde liegen, dass unterschiedliche Werte geglaubt und gelebt werden können. Die sind Privatsache. Auf Ebene des Gemeinwesens gilt primär nur ein einziges, nämlich das pluralistische Prinzip.

Schlaue Pädagogen tun jetzt so, als bestünde darin die Erziehung – im Pluralismus. Aber das ist Unsinn. Ehe ich Pluralismus lebe, verstehe und erziehe, muss ich konkrete Werte haben. Woraus meiner bescheidenen Ansicht nach klar und unabweislich folgt, dass Erziehung Privatsache zu sein hat. Konkret: Nicht nur Religions-, sondern ebenso Ethikunterricht sind abzuschaffen und durch die Verpflichtung zu ersetzen, nachweislich an zwei Wochenstunden Unterweisung durch staatlich anerkannte Religions- oder Weltanschauungsgemeinschaften teilzunehmen. Punktum.

Mit einer Ausnahme: Nämlich das, was man als konkrete oder situationsbedingte Erziehung bezeichnen könnte, die Erziehung zu jenem Verhalten, welches innerhalb der Schule notwendig ist und gewünscht wird. Hier freilich dürfte das Erziehungsrecht und damit die Macht der Lehrkräfte nicht bezweifelt werden – wobei die Macht selbstverständlich demokratisch zu sein hätte, nämlich gesetzlich legitimiert, umschrieben und beschränkt (aber nicht basisdemokratisch – das ist Unfug). Es muss sichergestellt sein, dass der Schulbetrieb funktioniert. Es müssen jene Mechanismen funktionieren, welche eine Störung rasch und wirksam beseitigen; nicht, um den Störer zu bestrafen, sondern um alle anderen zu schützen, um ihr Recht auf ordentlichen Unterricht zu wahren. Wer nur ein bisschen Einblick hat in unsere Schulen, der weiß, dass eben dies nicht gewährleistet ist – vor allem nicht auf der Sekundarstufe I und vor allem deshalb nicht, weil „Erziehung“ stets mit einem Schwall wohltönender ideologischer Phrasen einhergeht.

Fertigkeiten erlernen

Nun zur Ausbildung: Die hat konkrete Fertigkeiten zum Ziel, wie zum Beispiel Lesen, Schreiben, Rechnen. Fremdsprachen gehören auch dazu. Vergleichbar ist das mit dem Sport. Komischerweise hat dort niemand was gegen Training, Üben, Wiederholung, Automatisierung, ja sogar Drill. In der Schule schon. Und dann wundert man sich, dass so viele Fünfzehnjährige nicht ordentlich schreiben und rechnen können. Englisch können sie übrigens auch nicht mehr, wie ich aus leidvoller Erfahrung weiß. Man fragt sich, was sie vier Jahre lang gemacht haben, in der Sekundarstufe I. Die Antwort: Sie wurden pädagogisiert!

Andererseits wären Fertigkeiten relativ leicht zu testen. Die sind ja auch konkret, mehr oder weniger. Es wäre also relativ leicht festzulegen, was ein Kind nach vier Jahren Volksschule nun konkret können müsste. Nach der Sekundarstufe I wär’s zwar nicht mehr so leicht, aber möglich wär’s doch noch – vorausgesetzt, man vergisst nicht, dass Fertigkeiten nicht alles sind, was die Schule ausmacht (siehe unten).

Auf jeden Fall bleibt so aber absolut unverständlich, warum in Österreich mit der Standardisierung oben begonnen wird, bei der Matura, wo’s doch am Schwierigsten ist und – möglicherweise – sogar kontraproduktiv. Unten sollte man anfangen, das Fundament stabilisieren, dann die Mauern, und nicht oben beim Dach!

Von der Anstrengung, Bildung zu vermitteln

Die Bildung: Da braucht man keineswegs gleich an Goethe zu denken oder Mozart oder gar an Latein. Es ist einfach so, dass in unserer Gesellschaft, in unserer Zivilisation ein gewisses Wissen notwendig ist, dass es erwartet wird – wobei der Umfang davon abhängt, welche Position jemand einnimmt oder einnehmen will. Solches Wissen umfasst zum Beispiel Geschichte (auf der Sekundarstufe II inklusive Geistes- und Kulturgeschichte), Geographie, naturwissenschaftliches Grundwissen und dergleichen mehr.

Man kann darüber streiten, wie man solches Wissen am besten vermittelt. Was heute in unseren Schulen abläuft, ist aber etwas anderes: Da wird dieses Wissen nämlich gar nicht mehr vermittelt, vor allem dann nicht, wenn’s anstrengend wird – when the going is getting tough, wie’s im Englischen heißt. Und was vielleicht noch schlimmer ist: Dann wird so getan, als wäre das auch noch in Ordnung. „Das braucht’s nicht“, heißt es dann. „Heute nicht mehr.“ Nichts braucht es, was irgendwie Schwierigkeiten bereitet, insgesamt oder einem einzelnen Schüler. Das ist der Stand der modernen Pädagogik! Wer’s nicht glaubt, der überzeuge sich selbst. Schauen Sie sich an, was konkret gemacht wird an unseren Schulen – und vor allem, was nicht.

Zugegeben: Es ist gar nicht so leicht festzustellen, was im Bereich der Bildung nun als notwendig erachtet wird und was nicht. Das alte bürgerliche Bildungsideal hat längst seine Autorität eingebüßt. Erziehungswissenschafter haben daraus den Schluss gezogen, es gebe überhaupt kein Ideal mehr, und keine „Allgemeinbildung“. Aber das ist doch bloß ein typisch akademischer Denkfehler: Weil es schwierig ist, ein Phänomen zu beschreiben, zu definieren, nimmt man einfach an, es sei nicht vorhanden. Dabei haben die akademischen Herrschaften bloß Schwierigkeiten, es zu beschreiben!

Es gibt sehr wohl einen Kanon, einen Katalog von „Allgemeinbildung“, darauf können Sie Gift nehmen, und zwar ganz einfach deshalb, weil wir in einer Gesellschaft leben, noch dazu in einer Gesellschaft mit industrieller Zivilisation (will sagen: mit einer Zivilisation nach der Industriellen Revolution). Gewiss, diesen Katalog festzulegen, das mag Schwierigkeiten bereiten, nicht bloß wegen der pluralistischen Natur unserer Gesellschaft, sondern auch, weil wir’s so lange nicht mehr versucht haben. Aber das kann doch wohl keine Ausrede sein, oder?

Bildung zu vermitteln ist anstrengend, ich weiß das, ich hab’s versucht. Es braucht mehrere Voraussetzungen: Man muss selbst gebildet sein; man muss Bildung mögen, lieben, man muss enthusiastisch sein (wenn man’s nicht ist, sollte man nicht unterrichten); und man muss an die Mission glauben.

Es kann sich jeder selbst ausmalen, wie’s um diese Voraussetzungen bestellt sein wird, wenn einmal Bachelors auf der Sekundarstufe II unterrichten. Dann haben die Pädagogen wohl endgültig triumphiert: „Das braucht’s nicht!“

Es kommt auf guten Unterricht an

Zum Schluss noch eine Warnung, obwohl sie mit den Unterscheidungen, die wir hier getroffen haben, eigentlich nichts zu tun hat. Oder doch?

Es ist auf jeden Fall wichtig daran zu denken, was eine Schule eigentlich ausmacht: ihr Wesen, ihren Kern. Und das kann letztlich wohl nur der Unterricht sein. Woraus folgt, dass die Qualität einer Schule von der Qualität des Unterrichts abhängt, der da abläuft.

Unterricht ist das, was in der Schulstunde geschieht. Meist erfolgt das noch hinter verschlossenen Klassentüren. Doch selbst wenn man zum Opfer „fortschrittlicher“ Vorgesetzter, Pädagogen und womöglich noch Architekten wird, wenn’s also nur noch „offene Klassenzimmer“ und derlei Firlefanz gibt, selbst dann spielt sich der Unterricht immer noch zwischen Lehrern und Schülern ab.

Da man nun von den Schülern schwerlich erwarten kann, sie sollten selbst die Qualität des Unterrichts bestimmen und gewährleisten, bleiben dafür bloß die Lehrer über. Und das bedeutet: Die Qualität einer Schule hängt davon ab, wie die Lehrer unterrichten.

Die Frage ist natürlich, wie man das kontrollieren, womöglich gar verbessern kann. Einfach ist’s keinesfalls, selbst dann nicht, wenn Sie auf Kontrolle setzen. Denn niemand, nicht einmal ein totalitär wild gewordener Direktor (und die gibt’s häufiger, als man wahrhaben will) oder so eine Direktorin kann dauernd hinter oder neben jedem Lehrer stehen, ganz abgesehen davon, dass die Wirkung einer Lehrkraft stets davon abhängt, wie authentisch sie wirkt. Jugendliche haben da ein ungeheuer feines Gespür – und sie urteilen erbarmungslos!

Andererseits erweist sich auch Gehirnwäsche nicht immer als erfolgreich, zumindest nicht flächendeckend, obwohl eben dies von Erziehungswissenschaftern und angeblich fortschrittlichen Pädagogen mit viel Zähigkeit angestrebt wird. Das Einzige, was letztlich hilft, das sind Überzeugung und Motivation.

Und genau hier scheuen die Pferdchen: all die Bildungsexperten (BIFIE), all die Erziehungswissenschafter und akademischen Pädagogen, die Hobby-Reformer, die Journalisten, die Politiker. Seltsam: Vom Lehrer, von der Lehrerin wird ununterbrochen verlangt, er oder sie müsse motivieren. Was, Du glaubst nicht, dass man ausschließlich mittels Spaß besser schreiben, lesen, rechnen kann? Die Vorgaben der Zentralmatura erreichen? Musst halt besser unterrichten, motivieren! Was, Du weißt nicht, wie Du dem halbstarken Lümmel in der vierten Klasse Hauptschule – oh, pardon, Neue Mittelschule –, wie Du dem begegnen sollst, wenn er sich ebenso lautstark wie ordinär über deine körperlichen Merkmale äußert: „Brett mit Warzen“? (Und das wäre dann noch eine von den milderen Obszönitäten.) Schlechte Lehrerin, musst halt pädagogisches Geschick zeigen! Motivieren!

Aber dann, wenn’s um die Lehrer selbst geht, komisch, da heißt’s niemals: „Müssen wir sie halt motivieren.“ Nein – ich hab persönlich gehört, wie so einer von der Universität, spezialisiert auf Didaktik, die Augen verdrehte, weil die Lehrer nicht gar so begeistert waren von dem, was er ihnen bot: „Sind so unmotiviert, die Lehrer!“

Böse Lehrer, ja. Aber ganz egal, was Sie von der Angelegenheit halten oder von den Lehrern überhaupt, eines können Sie sich ganz gewiss hinter die Ohren schreiben, hundertprozentig: Wenn’s nicht gelingt, die Lehrer zu gewinnen, zu überzeugen und zu motivieren, dann können Sie herum reformieren am Schulwesen, so viel Sie wollen, es wird immer dasselbe dabei herauskommen. Neue Mittelschule, Ganztagsschule, Zentralmatura – gleichgültig. Mit gut ausgebildeten und motivierten Lehrern würde sogar eine alte Lateinschule funktionieren. Ohne? Forget it.

Bearbeitungsstand: Freitag, 31. Jänner 2014
 
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