Zitaten-Truhe


Von Peter Rosegger (1843–1918)

Dir selbst treu

Du erwärmtest Dich für den gesunden Realismus in der Kunst und Dichtung, bis der Realismus ausartete in die Einseitigkeit des Häßlichen und Abscheulichen. – Da wandtest du dich mit Ekel ab, denn dein Grundsatz verlangt, daß die Kunst das menschliche Leben verschönere.

So hast du über Kirche, Politik, Philosophie, Wissenschaft und Kunst usw. deine Meinung geändert, aber nicht aus Unbeständigkeit (unbeständig waren eben die anderen, die dem Zufälligen und Wandelbaren des Tages anhingen), sondern geradezu aus Beständigkeit, aus Treue zum ursprünglichen Charakter. Man wird dich vielleicht deswegen einen Abtrünnigen nennen. Trotzdem bleibst du ein Mann, den Idealen treu. Du wirst dich nie von der sogenannten öffentlichen Meinung leiten lassen, nie einer Ansicht darum huldigen, weil sie die Mehrzahl teilt. Der Menge Macht ist nichts; im schlimmsten Falle kann sie dich töten. Dich dir untreu machen kann sie nicht, wenn du nicht willst.

  • (Seite 24)

Kultur

„Kultur heißt nichts anderes als Fortschritt!“ sagte ein Mann auf dem Lehrstuhl. Ich staunte. Wie sich doch die Begriffe verwirren, wenn man deren viele macht. Kultur kann auch Fortschritt sein, aber noch vieles andere. Gleichbedeutend mit dem Worte Fortschritt kann das Wort Kultur keineswegs sein. Wenn ja, so könnten wir einiges davon entbehren. Machen wir es doch einfach, bleiben wir bei der ursprünglichen Bedeutung des Wortes. Etwas kultivieren heißt, etwas anpflanzen, aber es heißt auch, das Angepflanzte pflegen, erhalten, verbessern. Kultur ist also je nachdem geradeso gut konservativ als fortschrittlich.

Ein Hauptmerkmal unserer Zeit ist, daß sie die bestehende Kultur zerstören will. Wenn sie nur das Faule daran wegräumen wollte, so wäre das eine kulturelle Tat. Da sie in ihrem Fortschrittswahne auch das vernichten will, was bisher die Menschen gehalten, gefestigt und vergleichsmäßig glücklich gemacht hat, die neu einzuführenden Dinge aber nichts weniger als erprobt sind, so ist das mehr Glückspiel als Kulturarbeit. Wir wollen ja den Mut haben zu neuen Versuchen, auch Versuchshöfe sind kulturelle Anstalten. Gänzlich unkulturell ist nur das wüste Vorwärtshaschen ins ungeprüfte Ungewisse hinein. In aufsteigender Linie der Kultur bin ich für den Fortschritt. In absteigender Linie bin ich gegen den Fortschritt.

  • (Seite 25) 

Die neue Zeit

In mir wirkt fortwährend, anregend und ruhestörend, der Konflikt der alten mit der neuen Zeit. Aber arg leide ich nicht darunter, fühle die beiden Größen eher wie eine Komplettierung des Menschen. Denn ich liebe die alte wie die neue Zeit, und wo sie sich gegenseitig bekämpfen, möchte ich vermitteln.

Mit unserem Erdteile steht es so: Nicht einen Tag ist man sicher, daß die Leute zur Vernunft kommen oder daß unter ihnen ein unerhörter Wahnsinn ausbricht. „Verachtung für das, was war; Ekel vor dem, was ist; Zweifel an dem, was wird.“ So lehrte gestern ein moderner Geist. Könnte man nicht vielleicht besser so sagen: „Lernen von dem, was war; verbessern das, was ist; hoffen auf das, was wird.“

  • (Seite 26)
  • Alle Zitate aus: Peter Rosegger, Wahrheiten und Weisheiten, L. Staackmann Verlag KG, München 1989, ISBN 3-88675-039-6
Bearbeitungsstand: Freitag, 31. Jänner 2014

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