Der Stephansgroschen


Zeugnis einer unvergleichlichen Solidaritätsaktion vor rund sechs Jahrzehnten in Österreich

 

Von Hanns-Arnulf Engels

Warum es überhaupt zu einem Stephansgroschen kam, ist der seinerzeit sehr ernsten historischen Entwicklung geschuldet, von der Wien und seine Einwohner ebenfalls nicht verschont blieben. Im März 1945 überschritten nämlich die ersten Einheiten der Roten Armee von Ungarn her kommend die Grenze bei Güns/Köszeg. Binnen weniger Tage wurden die Reste der deutschen SS-Panzerarmee in den Raum südlich von Wien abgedrängt. Wien wurde von der sowjetischen Panzerarmee im Westen umfasst. Eine Einkesselung gemeinsam mit Verbänden der Ukrainischen Front, die aus dem Marchfeld auf Wien vordrang, gelang aber vorerst nicht.

Der Kampf um Wien dauerte vom 6. bis zum 13. April 1945 und führte zu hohen Verlusten auf beiden kriegsteilnehmenden Seiten sowie auch unter der Zivilbevölkerung. Während der Vormarsch der Roten Armee im Wienerwald südlich von Wien nur langsam vor sich ging, drangen weitere Verbände der Roten Armee bis zum 15. April in den Raum St. Pölten vor und bezogen dort militärische Stellungen. Wien war letztendlich für die Eroberer sturmreif. Dabei kam es in Wien zu schweren kampfbedingten Zerstörungen und Brandschatzungen. Besonders verheerend war dabei der Brand des Stephansdoms, dessen Dachstuhl durch Funkenflug – wegen mutwillig gelegter Brände in der Umgebung – in Flammen aufging.[1]

Bekanntlich erlitt Österreich im Gefolge des Zweiten Weltkriegs eine Aufteilung in vier militärische Administrationsgebiete, wobei die Bundesländer Burgenland, Niederösterreich und Wien in die sowjetische Einflusssphäre gerieten. Dies führte unter anderem dazu, dass in Wien mehrere Straßen und Plätze nach dem Willen der sowjetischen Verwaltung umbenannt werden mussten. Wenngleich auch die drei östlich gelegen Bundesländer an den Nationalratswahlen teilnehmen konnten und auch dort wieder Landtags- sowie Kommunalwahlen durchgeführt wurden, machte sich die sowjetische Dominanz in der Politik nicht zuletzt dadurch bemerkbar, dass der Verband der Unabhängigen, aus dem später die FPÖ hervor ging, an seinem Tun in Wien und Umgebung in den ersten Nachkriegsjahren erheblich behindert wurde.[4]

Schutz für die Bausubstanz des Domes

Die Zeit aber drängte, denn der Dachstuhl des Stephandoms war völlig zerstört und damit das Innere der Witterung ungeschützt ausgesetzt. Als „Erste-Hilfe-Maßnahme“ konnte Anno 1946 zum Schutz des Doms zuerst über dem Langhaus und zwei Jahre später auch über dem Chor eine Betondecke eingezogen werden. Dies blieb dann für mehrere Jahre die einzige Überdachung, die dem Dom zuteil werden konnte. Durch den Holzmangel in der Nachkriegszeit konnte keine Holzkonstruktion errichtet werden. Man entschied sich daher für eine Stahlkonstruktion, die im Gegensatz zum ursprünglichen Lärchenholzdachstuhl nur die Hälfte wog. Zusammen mit der Betondecke kam der Dachstuhl aber wieder auf das ursprüngliche Gewicht. Um das ausgewogene Erscheinungsbild zu erhalten, entschied man sich dafür, den Dachstuhl wieder in der ursprünglichen Form zu bauen. Nur beim Bau der Dachrinne wurden Anpassungen vorgenommen, um den Dom besser vor Schnee und Wasser schützen zu können.

Die nötigen Ziegel für den neuen Dachstuhl wurden in der Tschechoslowakei hergestellt. Um die Kosten von einer Million Schilling dafür aufzubringen (der Preis betrug damals fünf Schilling pro Ziegel), wurde eine erste Spendenaktion ins Leben gerufen. Jede Spendenkarte entsprach dabei einem Ziegel. Im Jahr 1950 wurde die Dachdeckung abgeschlossen. Der Doppeladler mit dem Wappen von Wien an der Nordseite trägt deshalb seither die Jahreszahl 1950. Dies war bereits eine sehr effektive Maßnahme, an der sich viele Bürgerinnen und Bürger quer durch die gesamte Gesellschaft beteiligten.[1] Zu den kulturbeflissenen Spendern gehörte damals auch der spätere Dritte Präsident der Österreichischen Nationalrates Dr. Gerulf Stix, für den das Erübrigen des Spendenbetrags als damaliger und noch dazu konfessionsloser Mittelschüler in Innsbruck zugleich auch einen ganz persönlichen Verzicht auf spärliches Taschengeld in einer ohnehin ausgesprochen knappen Zeit bedeutete (der Verf.).

Der Stephansgroschen

Generell gingen die Wiederaufbauarbeiten am Stephansdom nach dem Grundsatz vor sich, diesen in seiner ursprünglichen Form wieder herstellen zu wollen. Dass die bautechnischen Arbeiten dabei dem möglichen Stande der Entwicklung seiner Zeit angepasst wurden, ist nachvollziehbar. Das äußere Bild des Domes aber und seine künstlerische Gesamterscheinung blieben davon löblicher weise unberührt.[1]

Stephansgroschen, Aluminium, geprägt, ca. 1950

Bis 1950 waren für den Wiederaufbau des im Zweiten Weltkrieg zerstörten Wiener Stephansdomes bereits neunzehn Millionen Schilling aufgewendet worden, es fehlten jedoch noch wesentliche Summen zu dessen völliger Wiederherstellung. Nach damaligen Schätzungen waren noch rund zehn Millionen Schilling aufzubringen. Doch was sollte man in dieser Situation tun? Gerade die östlichen Bundesländer Österreichs hatten ja ganz besonders mit den Folgen des Zweiten Weltkriegs zu kämpfen (s. o.). Da hatte man im Erzbistum Wien eine rettende Idee, die sich später als großer Erfolg heraus stellen sollte: Die noch nötige Geldsumme sollte in erster Linie durch eine Spendenaktion namens „Stephansgroschen“ aufgebracht werden. Diese Spendenaktion hat damals – auf Bitte von Kardinal Innitzer hin – Dompfarrer Prälat Dorr ins Leben gerufen. Sein Nachlass befindet sich im Domarchiv von St. Stephan; weitere Informationen befinden sich in der Pfarrchronik von St. Stephan.[3]

Die Aktion „Jeder Österreicher spendet einen Schilling für den Steffl“ begann am 1. März 1951.Der Stephansgroschen wurde in jenem Jahr vom Österreichischen Münzamt im Rahmen dieser Aktion zur Finanzierung des Wiederaufbaus des Wiener Stephansdomes nach dem Zweiten Weltkrieg geprägt.

Doch wie sah der Stephansgroschen überhaupt aus? Es war dies eine Aluminiumprägung mit einem Durchmesser von 27 Millimeter. Diese glich der damaligen 1-Schilling-Münze, die ebenfalls aus Leichtmetall bestand. Die Spendenaktion sah den Verkauf von sechs Millionen „Stephansgroschen“ à 1 Schilling vor. Auf der Vorderseite der Münze befindet sich die Ziffer 1, die Bezeichnung „Stephansgroschen“ sowie eine Ähre. Auf der Rückseite ist der Stephansdom zu sehen; Prägedatum: 1950 (= Ideenzeitpunkt). Gestaltet wurde der „Stephansgroschen“ vom Wiener Bildhauer und Medailleur Oskar Thiede.[2]

Da das Vorhaben aber ein in der Öffentlichkeit stattfindender Vorgang werden sollte, bedurfte es der Zustimmung der Stadtverwaltung von Wien. Der damals im Amt befindliche Bürgermeister Körner stimmte dem Ansinnen im März 1951 zu. Die Stephansgroschen, deren Erlös für den weiteren Ausbau des Domes bestimmt war, konnten somit in bestimmten Straßen Wiens zum bereits erwähnten Preis von einem Schilling käuflich erworben werden. 1) Über die Standardausführung hinaus gab es auch die silbernen „Stephansgroschen“ in gleicher Ausführung, die pro Stück zwanzig Schilling kosteten. Zudem wurde der „Stephansgroschen“ mit Erfolg auch in Form von Anhängern und Broschen vertrieben.

Die ganze Maßnahme unterstützend, wurden 1951 auch zwei Plakate gedruckt, die den Stephansgroschen öffentlich bewarben. Der Text auf dem einen Plakat lautet: „Die Liebe Wiens zu Dir ist nie erloschen, / sagt, alter Steffl, Dir ein jeder Stephansgroschen.“ Der Text auf dem anderen Plakat lautet: „Der Steffl geht mit Öst‘reich Schritt für Schritt, / Baust du an einem, bau auch an dem andern mit!“ Auf beiden Plakaten ist zudem der Stephansgroschen abgebildet.

Daneben gab es, nach einem erfolgreichen Aktionsstart in Wien, auch noch weitere Ausführungen für die einzelnen Bundesländer, wobei entsprechend zusätzlich das jeweilige Bundesländerwappen auf der Wertseite sichtbar ist. Mit dem Prägedatum 1951 und einer neu gestalteten Wertseite fand der modifizierte Stephansgroschen zusätzlich Verbreitung im Zuge der Salzburger Festspiele. Insgesamt gibt es bis heute vierundzwanzig Varianten des Stephansgroschens, denn im Jahr 1977 wurden mit dieser Jahreszahl noch einmal Nachprägungen in Silber und Gold emittiert.

Doch das ist noch nicht das Ende der Geschichte: Seit dem Jahr 2002 findet am Stephansplatz der so bezeichnete Steffl-Kirtag statt. Gegen eine Spende können die Besucher des Steffl-Kirtags eigenhändig mit einem großen Hammer einen Stephansgroschen prägen. Der Spendenerlös kommt wieder der Renovierung des Stephansdomes zugute.[2]

Quellen

[1] Elektronisches Lexikon Wikipedia zum Stichwort „Stephansdom“

[2] Elektronisches Lexikon Wikipedia zum Stichwort „Stephansgroschen“

[3] Diözesanarchiv Erzbistum Wien

[4] Hellmut Andics, „Neue österreichische Geschichte“, Band 4, Wien, 1984

Bearbeitungsstand: Freitag, 31. Jänner 2014

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