Sie machen ihr „Spiel mit dem Glück“


Von Bernd Stracke

„Glücksspiel“ ist ein Reizwort. Literatur und Filme quellen von diesem Thema über. Derzeit stehen die Glücksspiele der Milliarden schweren Abzocker im „globalen Kasino“ der Finanzwirtschaft im Mittelpunkt der Kritik. Aber seit eh und je sucht auch der „kleine Mann“ sein Glück im Spiel, um vielleicht doch rasch ans große Geld zu kommen – oder überhaupt an Geld. Dass es dabei mitunter gar „klassisch“ zugeht, schildert der nachfolgende Aufsatz.

G. S.


Der Glücksspielmarkt[1] in Österreich ist viele Milliarden Euro schwer. Die beiden größten heimischen – im wahrsten Sinn des Wortes – Player sind die Casinos Austria AG mit rund 3,5 Mrd. Euro und die Novomatic-Gruppe mit rund 3,2 Mrd. Euro Umsatz. Die jüngere heimische Glücksspiel-Geschichte kennt keineswegs nur strahlende Erfolgsmeldungen. Immer wieder blitzen auch Vokabeln wie Insolvenz, Strafverfahren und sogar Haft auf. Unter Insidern kursiert die Vermutung, dass es demnächst zu einem Endspiel, also zum Fusionsfressen von Giganten kommen könnte. Alles ist möglich. Aber wer ist wer in den Beteiligungsgeflechten?

Damit man sich eine Vorstellung darüber machen kann, wie sich der Kuchen der Glücksspielgeschäfte aufteilt, bzw. wohin die Kuchenstücke, die Fülle und die Brösel wandern, ist ein Blick in die Beteiligungsgeflechte der großen Player ebenso notwendig wie die namentliche Identifizierung einiger Hauptdarsteller. Anspruch auf Vollständigkeit wird nicht erhoben, zumal Mitbewerber – u. a. in Malta, Genf und anderswo – ebenfalls über „spielerische“ Geschäftsbeine in Österreich verfügen.

Die Casinos Austria AG

Die Eigentümerstruktur der Casinos Austria AG (CASAG)[2] bildet – so analysiert das kritische Internet-Medium www.unzensuriert.at – „den rot-schwarzen Proporz“ in Österreich ab. Tatsächlich gehören die Aktien der nicht börsennotierten CASAG der Medial Beteiligungs GmbH, weiters der Nationalbank-Tochter „Münze Österreich“[3], sowie dem der katholischen Kirche Österreichs (von Insidern gar dem Vatikan) zugeordneten Bankhaus Schelhammer & Schattera, wobei die schon 2011 seitens der Bank geäußerte Absicht, die Anteile aus ethischen Gründen zu verkaufen, bis heute nicht umgesetzt wurde. Den Rest teilen sich private Aktionäre. Darunter befinden sich die eher diskrete MTB-Privatstiftung[4], der der Ex-Casino-Generaldirektor Dkfm. Dr. Leo Wallner[5] (gleichzeitig auch Aufsichtsrats-Vize der Casinos Austria AG) als Vorstand angehört, weiters die Privatstiftung Joseph Melchart[6], der der Maria Enzersdorfer Steuerberater Prof. Dr. Walter Egger vorsitzt, sowie zu 1,9 Prozent direkt dem Ex-Casino-Generaldirektor Leo Wallner und zu einem Mini-Anteil (0,98 Prozent) dem Hotel Sacher, Eduard Sacher GmbH.

Die Medial-Beteiligungs GmbH

Die größten Aktionäre der Medial-Beteiligungs GmbH ihrerseits sind die Leipnik-Lundenburger Invest Beteiligungs AG (LLI), die Came-Holding GmbH, sowie die Uniqa Beteiligungs-Holding GmbH und schließlich das bereits als unmittelbarer CASAG-Aktionär erwähnte Bankhaus Schelhammer & Schattera.

Die LLI, ein 1867 als Rübenzucker-Produktionsfirma in Mähren gegründetes Unternehmen, dessen Vorstand seit 2011 Ex-Vizekanzler Josef Pröll ist, weist ihrerseits als Haupteigentümer die Raiffeisen-Holding aus.

Die Came-Holding GmbH ist eine 100-Prozent-Tochter der Vienna Insurance Group (VIG), die über ein dichtes Netzwerk von Konzerngesellschaften in Mittel- und Osteuropa verfügt. Außerdem ist der Konzern am Wiener Bestattungsverein und der Arithmetica Versicherungs-Beratungs-GmbH beteiligt. Beteiligungen hält die VIG u. a. auch an der ÖMV, dem Österreichischen Verkehrsbüro, der Baufirma Porr, an Europas größter Leiterplattenfirma „AT & S“ (seit 1994 ist Ex-Finanzminister Hannes Androsch Miteigentümer sowie Aufsichtsratsvorsitzender dieses Unternehmens, gleichzeitig aber auch Teilhaber und Aufsichtsratsvorsitzender bei „bwin“ – siehe weiter unten), an der Voestalpine und an der Baustofffirma Wienerberger. Derzeit schlägt sich die VIG mit im Vorjahr durch vermutliche Malversationen und/oder mangelnde Kontrolle entstandenen Wertberichtigungen ihrer Tochterfirma Donauversicherungen herum. Es geht um 50 Millionen Euro. VIG-Vize Franz Kosyna musste schon gehen, Donau-Vorstand Robert Haider verliert seine Funktion Ende Juni, und Ende August geht auch Donau-Generaldirektorin Johanna Stefan.

Der Uniqa-Riese teilt sich so auf: Neben der Raiffeisen-Zentralbankgruppe und der Austria Privatstiftung-Gruppe sowie einem Mini-Anteil der „Collegialität Versicherungsverein Privatstiftung“ befinden sich ein Drittel in Streubesitz. Generaldirektor ist Andreas Brandstetter, früher Mitarbeiter im Büro von Vizekanzler Erhard Busek und zeitweise ÖVP-Hauptgeschäftsführer, ehe er die Leitung im EU-Büro des Raiffeisenverbandes übernahm.

Die Unternehmensstruktur der Casinos Austria AG

Die CASAG – sie liefert jährlich rund 0,5 Mrd. Euro an den Finanzminister ab und zählt somit zu den drei größten Steuerzahlern der Republik – betreibt als Muttergesellschaft zwölf Spielbanken in Österreich und bekam im Vorjahr den Zuschlag für sechs weitere Lizenzen in den Bundesländern. Die Tochter „Casinos Austria International“ befasst sich weltweit, auch auf hoher See, mit der Planung, der Errichtung und dem Betrieb von Casinos. Eine weitere tüchtige CASAG-Tochter ist die Lotterien GesmbH, die spielvernarrten Österreichern mit Brieflotto, Zahlenlotto sowie Österreichischer Klassenlotterie Geld aus der Tasche zieht und außerdem u. a. – mit beträchtlichem Return-on-Investment – die „Millionenshow“ sowie die jährlichen Licht-ins-Dunkel-Sendeorgien des ORF sponsert. 2013 verhalfen die Lotterien mit einem Umsatz von 3 Mrd. Euro der CASAG-Mutter zu ihrem bisherigen 3,5-Mrd.-Rekord. Die österreichischen Lotterien nehmen auch an der 2004 gegründeten Mehrstaatenlotterie „EuroMillionen“ teil, in der die jeweils nationalen Lotterien von Spanien, Frankreich, England, Belgien, Irland, Luxemburg, Portugal und der Schweiz kooperieren. Weiters gehören zur Gruppe die Lotto-Toto-Holding, die Österreichische Sportwetten GesmbH mit ihren Marken „tipp3“, „win2day.at“ (Umsatz zuletzt auf 1,2 Mrd. Euro gestiegen) und „Winwin“.

Die Geschichte der Casinos Austria

Nach der Weltwirtschaftskrise von 1929 und den auch Österreich nicht verschonenden Bankenzusammenbrüchen griff die Alpenrepublik im Bemühen, die Staatsfinanzen zu sanieren, nach allen Strohhalmen. Insbesondere in Heilbädern und Kurorten hoffte man auf einträgliche Casino-Geschäfte. 1934 wurde in Laxenburg die „Casino Austria AG“ protokolliert und nach wechselvoller Geschichte 1967 von der „Spielbanken AG“ übernommen. Deren Image lag damals am Boden, nachdem der Generaldirektor des Salzburger Casinos entlassen und verhaftet worden war. Als Sanierungskoordinator trat der Wirtschaftsberater des damaligen Bundeskanzlers Josef Klaus, Dr. Leo Wallner, auf. 1985 erfolgte die Umbenennung in Casinos Austria AG. Im Zuge der Privatisierung des Österreichischen Verkehrsbüros übernahm vorübergehend die Republik dessen Anteile und veräußerte sie 1993 an die Münze Österreich. Die Bruttospielerträge – also die Summe der Spieleinsätze minus die Summe der Gewinnauszahlungen – stiegen von 65 Millionen Schilling im Jahr 1967 auf 2,2 Milliarden Schilling im Jahr 1994. Die Besucherzahl explodierte in diesem Zeitraum von 228.000 auf 2,8 Millionen (Im Vergleich dazu: Die Gästezahl im Jahr 2013 gibt die CASAG mit 2,36 Millionen an). Den aus fiskalischer Sicht damals erfreulichen Zahlen stand freilich das nicht messbare angerichtete Elend gegenüber, das sich in der völligen Verarmung und Überschuldung zahlreicher Privatpersonen, Zerrüttung von Familienexistenzen und letztlich auch in Suiziden manifestierte. Der Geldhunger des Staates wuchs indessen im Laufe der Jahre weiter. 1983 ersuchte der damalige Finanzminister Herbert Salcher den Casino-General Wallner, die Einführung weiterer Glücksspielformen auszuloten.

Konzessionen ohne Ausschreibung vergeben

Über die letzten Jahrzehnte wurden die Casino-Konzessionen ohne Ausschreibung an die CASAG bzw. ihr Vorgängergesellschaft vergeben. Erst die Klage eines oberösterreichischen Casinobetreibers, die im Vorjahr in letzter Instanz vom Europäischen Gerichtshof (EuGH) behandelt wurde, beendete die freihändige Vergabepraxis. Nach Auffassung des bis 2013 für den Bereich Glücksspiel verantwortlichen Staatssekretärs und jetzigen SPÖ-Klubobmannes Andreas Schieder wurde mittlerweile dem Spruch des EuGH Rechnung getragen und die Vergabe im Glücksspielgesetz so geregelt, dass sie formal europaweit, transparent und nicht diskriminierend erfolgt. Die investigative Unzensuriert-Redaktion kritisiert allerdings, dass „somit das Finanzministerium Konzessionen an ein Unternehmen vergibt, an dem die Republik Aktien hält“ – womit sich der Kreis schließe.

Unzensuriert hält übrigens auch den Spielerschutz, der den Casinos Austria sehr wichtig zu sein scheint[7], für durchleuchtenswert: Obwohl dieser eines der wichtigsten Vergabekriterien sei, das die CASAG offensichtlich erfülle, gebe es wohl kaum ein Monopol-Glücksspielunternehmen, das ein dermaßen aggressives Marketing betreibe. Beispiele dafür seien massive TV- und Radiowerbung und großflächige Print-Inserate. Der Umstand, dass die Casino-Tochter „WinWin“ Spielautomaten auch in den Bundesländern Salzburg, Tirol und Vorarlberg aufstelle, störe anscheinend das Finanzministerium nicht. Automatenspiel ist in diesen Bundesländern eigentlich verboten. Speziell geht es um – von Psychologen als besonders gefährliche Einstiegsdroge für Jugendliche taxierte – Geräte von WinWin, sogenannte Video-Lottery Terminals (VLT), die über Internet an einen Server angebunden sind, der nicht in einem der drei Bundesländer steht. Unzensuriert ironisch: „Die Spielsüchtigen und deren Angehörige im Westen sind sicherlich darüber erfreut, dass sich die Problematik der Spielsucht hier nicht stellt, denn offiziell gibt es ja gar keine Automaten.“

Leer ausgegangen ist im Konzessionsrennen jedenfalls der Konkurrent Novomatic, der aber auf rechtliche Schritte verzichtete und anstatt dessen auf einen Lizenz-Zuschlag für drei neue Casino-Standorte in Wien und NÖ hofft. Allerdings bewerben sich darum ebenfalls wieder die Casinos Austria, aber auch die deutsche Gauselmann-Gruppe[8] und die börsennotierte Century Casinos[9]. Die Entscheidung dürfte demnächst fallen.

International scheint es indessen nicht so roulettekesselrund zu laufen: Weil die „Casinos Austria International“ (CAI) seit 2010 zum Teil zweistellige Millionenverluste einfuhr, trat Konzernboss Karl Stoss einmal mehr zur Sanierung an. Unrentable Standorte wurden geschlossen, Beteiligungen und Immobilien verkauft, Mitarbeiter massiv abgebaut. Dass der Konzern zuletzt unter dem Strich trotzdem neuerlich einen zweistelligen Millionenverlust einfuhr, hat seine Ursache im Lande der Gauchos: Die argentinische Regierung entzog mit Jahreswechsel der CAI die Lizenz, was vier Casinos, zwölf Automatenhallen und eine Lotterie traf. Der CAI-Abschreibebedarf beläuft sich allein hier auf 45 Millionen Euro. Die australischen CAI-Beteiligungen sollen im Laufe dieses Jahres an einen Investor aus Hongkong verkauft werden. Eine neue Stoss-Richtung sieht, in einer Art Gegenoffensive, die Eroberung von Glücksspielmärkten in Mazedonien und Vietnam vor.

Die Causa Martin Schlaff

Ein überaus verlustreiches Gastspiel gaben die Casinos Austria zur Jahrtausendwende in der Wüstenstadt Jericho. Das dort von der Bawag finanzierte und von den Casinos Austria betriebene Oasis-Casino durften nur Israelis und Pass-Ausländer besuchen. Wegen des hohen Sicherheitsrisikos musste das Casino nach nur zweijährigem Betrieb geschlossen werden. Zeitweise hatte die Bawag Kredite in dreistelliger Millionenhöhe offen. Die Haftungen des Österreichischen Gewerkschaftsbundes beliefen sich zeitweise auf 120 Millionen Euro. Das Projekt beschäftigte die Strafjuristen auch ausgiebig im Bawag-Prozess. Ein Mann namens Martin Schlomo Mordechai Joschua Schlaff kam damals übrigens in die Schlagzeilen, weil er für seinen in Frankreich inhaftierten Freund Helmut Elsner eine Millionenkaution bereitstellte. Schlaff, mit einem auf 2,45 Milliarden Euro geschätzten Privatvermögen zu den Reichsten im Land zählend, in DDR-Zeiten als Stasi-Mitarbeiter geführt, geriet aber selbst unter den Verdacht, in der Jericho-Causa Schmiergeldzahlungen an höchste Politiker vorgenommen zu haben. Entscheidende Aufklärungsarbeit leistete der ehemalige FP-Vizekanzler Norbert Steger mit seiner Aussage, etliche Millionen Dollar einer am Casinoprojekt beteiligten Liechtensteiner Firma seien dazu verwendet worden, „eine gute Atmosphäre bezüglich des Casinos“ zu schaffen. Nach Berichten der israelischen Zeitung Haaretz wurde Schlaff als Urheber von Überweisungen an die Familie des damaligen israelischen Ministerpräsidenten Ariel Scharon in der Höhe von 4,5 Millionen Dollar identifiziert. Auch der ermittelnde österreichische Staatsanwalt sah den Verdacht der Bestechung bestätigt. Protokolle abgehörter Schlaff-Telefonate bewiesen, dass dieser beste Kontakte auch zum aktuellen israelischen Außenminister Avigdor Liebermann hatte, der zum Zeitpunkt des Casinoprojektes das Infrastrukturministerium leitete. Auch der ehemalige israelische Ministerpräsident Ehud Olmert soll exorbitante Schmiergeldzahlungen erhalten haben. Die Untersuchungen gegen Schlaff in der Casino-Affäre zogen sich jahrelang hinaus. Schlaff meidet heute Reisen ins Heilige Land, weil die israelische Polizei angekündigt hatte, ihn bei etwaiger Einreise zu verhaften. Die Casino-Jericho-Causa war aber nicht das einzige dubiose Geschäft Schlaffs: Zusammen mit Ex-ÖVP-Obmann Josef Taus hatte Schlaff den größten bulgarischen Mobilnetzbetreiber Mobiltel vom mittlerweile per internationalem Haftbefehl gesuchten Russen Michael Cherney übernommen, um es mit einem kolportierten Gewinn von 800 Millionen Euro an die Telekom Austria weiter zu veräußern. Als Schlaff später versuchte, mit Taus den „Bulgarien-Coup“ in Serbien zu wiederholen, entzog ihm die Regierung in Belgrad jedoch die Lizenz. Nach Intervention der österreichischen Regierung (!) wurde ein Kompromiss ausgehandelt, der die Investitionen der Schlaff-Taus-Gruppe sicherte, obwohl diese bei der schlussendlichen Versteigerung nicht zum Zug kam. Ein ähnliches Muster weist Schlaffs maßgebliche Beteiligung an der Übernahme des weißrussischen Mobilfunkanbieters MDC durch die Telekom Austria – um kolportierte 1,05 Mrd. Euro – auf. Zum „Drüberstreuen“ wird Schlaff auch mit Gazprom-Firmen in Zusammenhang gebracht. Seinen bislang letzten öffentlichen Auftritt hatte der mit dem Goldenen Ehrenzeichen für Verdienste um das Land Wien dekorierte Schlaff als Zeuge im 2012 vorzeitig abgewürgten Korruptions-Untersuchungsausschuss, in dem es um die Telekom-Affäre, die Buwog-Affäre, die Inseraten-Affäre (vgl auch Genius 12/2011 „Polit-Inserate am Pranger“), die Affäre um die Lockerung des Glücksspielmonopols und um die „Part-of-the-Game“-Affäre rund um Staatsbürgerschaftsverleihungen ging.

Pech mit hübschen Mädchen

Schon 2006 versuchte die CASAG, sich von Altlasten zu befreien. Teure Mitarbeiter wurden mit Schilling-Millionen-Handshakes verabschiedet. Nicht offiziell, sondern, wie es ein Altgedienter heute ausdrückt, mit „individuellen Lösungen unter der Tuchent“. Mancher Betriebsrat habe Verrat an der Belegschaft verübt und „zur Belohnung“ einen guten Posten in Wien erhalten. Bis in die 80er und noch 90er Jahre wurden Croupiers ausschließlich aus der „Cagnotte“ (wörtlich: Spielkasse, Geldversteck), also vom Trinkgeld der Spieler, bezahlt („pour les employés“). Croupiers verdienten zeitweise besser als Minister. Dies hätte den damaligen Casino-General Leo Wallner dermaßen gestört, dass er Ende der 80er das „American Roulette“ einführte, bei dem Trinkgeld an sich nicht üblich ist. Als Ausgleich für den Trinkgeldentfall habe Wallner den Croupiers eine Gewinnbeteiligung offeriert. Aber viele Casinogäste gaben trotzdem weiterhin Trinkgeld, so dass die Croupiers zusätzlich zur neuen Beteiligung noch ihre gewohnten alten Extra-Einnahmen hatten. Österreichweit sollen sich die Casino-Trinkgelder auf 150 Millionen Schilling belaufen haben. Auch dem Casino-Aufsichtsratsvorsitzenden Dr. Walter Rothensteiner[10] war der hohe Verdienst der Croupiers ein Dorn im Auge. Er führte ein Punkte-Entlohnungssystem ein. Außerdem seien verstärkt hübsche Mädchen als weibliche Croupiers eingestellt worden, in der Hoffnung, dass durch Betonung des erotischen Elements die Casino-Umsätze stiegen. Allerdings sei das Konzept nicht aufgegangen. Unter anderem deshalb, weil, wie ein Insider hämisch anmerkt, „die Mädchen leider nicht rechnen konnten.“ Da die jeweiligen Finanzminister – zunächst Hannes Androsch, später Ferdinand Lacina – bei den Croupiers auch noch die Steuerschrauben besonders fest anzogen und u. a. bislang lukrative Nachtzuschläge fiskalisch amputierten, verlor der Croupierberuf an Attraktivität und dämpfte auch die Motivation der Belegschaft. Dies sei eine Mitursache der bei den Casinos Austria eintretenden empfindlichen Umsatzrückgänge gewesen. Eine andere Ursache habe in der europaweiten Aufweichung des Bankgeheimnisses gelegen. Immerhin hätten die Casinos jahrelang hauptsächlich von verspieltem Schwarzgeld gelebt. Aus dem einst reißenden Geldfluss sei ein mageres Rinnsal geworden.

Die Novomatic-Gruppe

Der damalige Casino-Direktor Wallner habe, so erzählen Altgediente, insofern einen strategischen Fehler gemacht, als er einen auftauchenden Konkurrenten namens Johann F. Graf[11] mit dessen damals junger Firma Novomatic sträflich unterschätzte und sich zum abhängigen Kunden Grafs machte. Heute setzt der von Graf 2004 zum Geschäftsführer gemachte Dr. Franz Wohlfahrt[12] rund 1,7 Milliarden Euro um. Die zur Novomatic-Gruppe zählende Admiral Sportwetten GmbH ist mit 200 Standorten der filialstärkste Sportwettenanbieter Österreichs. Aufsichtsratschef bei Novomatic ist der ehemalige Girocredit-Chef Herbert Lugmayr[13]. Die drei Novomatic-Töchter befassen sich mit dem Management von Glücksspielbetrieben, der Produktion und dem Vertrieb sowie Branchendienstleistungen. Eine der Töchter, die Austrian Gaming Industries GmbH (AGI), agiert selbst als Holding für zahlreiche nationale und internationale Firmen sowie Beteiligungen in der Gaming Industrie. Dazu zählen Casinos, elektronische Casinos, Videolotteriebetriebe, Sportwettfilialen sowie die Entwicklung, die Produktion und der weltweite Vertrieb von elektronischem Glücksspiel-Equipment.

Die zweite Novomatic-Tochter, die ACE Casino Holding, betreibt und managt die Schweizer Casinos in Locarno, Bad Ragaz und Mendrisio. Die dritte Tochter, die ebenfalls in der Schweiz sitzende Gryphon Invest AG, ist mit ihrem Tochterunternehmen EDP als Betreiber von Casinos und elektronischen Casinos Marktführer in Tschechien. Von 1997 bis 2003 war der ehemalige ÖVP-Wissenschaftsminister und derzeitige EU-Kommissar für Regionalpolitik Johannes Hahn Novomatic-„General“. Von 2004 bis 2011 fungierte der ehemalige SPÖ-Innenminister Karl Schlögl, der zeitweise Aufsichtsratsmitglied in der NÖ-Hypo-Investmentbank war, parallel dazu auch als Novomatic-Aufsichtsrat.

Die Novomatic will nach den diesjährigen Olympischen Spielen in Sotschi die dortige Hotelstadt Gorki Village zu einer riesigen Spielhölle umbauen, meldet die „Presse“. Ein „Las Vegas in den russischen Bergen“, sozusagen. Die Hotels sollen fensterlose Lobbies aufweisen, damit die Spieler nicht durch Berge, Schnee und Naturgrün gestört werden.

Aber Ärger gibt es auch: Seit Februar sieht sich die schon in der Vergangenheit immer wieder die Justiz beschäftigende Novomatic mit einem weiteren Gerichtsverfahren konfrontiert. Diesmal klagte ein Wiener 790.000 Euro ein. Der Mann verzockte in Admiral-Casinos über mehrere Jahre hinweg über eine Million Euro. Wegen seiner Spielsucht sei er geschäftsunfähig gewesen, behauptet er vor Gericht. Zwei Gerichtsgutachten würden dem Kläger Spielsucht bescheinigen, sagt sein Anwalt. Deshalb hätten ihn die Casinos aufhalten müssen. Die Novomatic bestreitet die Vorwürfe.

Der Benjamin „bwin“ und Hannes Androsch

Ein relativer Branchenzwerg ist die eigentlich auf Gibraltar domizilierte „bwin.party digital entertainment“, die als „bwin Interactive Entertainment AG“ über eine vom Vorstandsduo Manfred Bodner und Mag. Norbert Teufelberger geführte Niederlassung in der Wiener Börsegasse verfügt. Vor drei Jahren aus dem Zusammenschluss der österreichischen „bwin Interactive Entertainment AG“ (früher „betandwin“) und der „PartyGaming plc“ hervorgegangen, hat sich die „bwin.party digital entertainment“ auf Sportwetten und Online-Spiele wie z. B. Online-Poker spezialisiert, notiert an der Londoner Börse und macht weltweit etwa 770 Millionen Euro Umsatz. 2006 wurden die beiden Vorstände in Monaco wegen Vergehens gegen das französische Glücksspielgesetz verhaftet, aber bald wieder freigelassen. Für die schnelle Freilassung der beiden Vorstände intervenierten auch österreichische Politiker, darunter die damalige BZÖ-Justizministerin Karin Gastinger, die dafür nach ihrem Rückzug aus der Politik einen Beratervertrag vom Wettunternehmen erhalten haben soll.

Gegen Teufelberger und Bodner wurde 2013 in deren Abwesenheit ein Verfahren in Nanterre (Frankreich) eingeleitet. Das im Mai schriftlich ergangene Urteil war bei Redaktionsschluss dieser Genius-Ausgabe nicht bekannt. Im November 2012 war Norbert Teufelberger in Belgien verhaftet worden, weil das Unternehmen trotz Verbots seine Glücksspiele weiterhin – unter anderen Internetadressen – belgischen Kunden angeboten hatte. Aufsichtsratsvorsitzender ist übrigens der heute 76jährige SP-Ex-Finanzminister Dr. Hannes Androsch, der sowohl persönlich als auch über die „AIC Androsch Internat. Management Consulting GmbH“ und über die „Androsch Privatstiftung“ bwin-Beteiligungen im kolportierten Ausmaß von 3.160.310 Anteilen hält.

Drei Zukunftsvarianten

Die jüngsten Entwicklungen sind also wie gesagt nicht gerade dazu angetan, die Casinos Austria AG mit der Glücksgöttin Fortuna in Verbindung zu bringen. Ausnahmsweise, las man da und dort, seien sich Finanzminister Michael Spindelegger und Bundeskanzler Werner Faymann einmal einig. Und zwar darin, dass sich die Eigentümerstruktur ändern müsse. Bevorzugte Variante: Die Staatsholding ÖIAG solle die CASAG-Anteile übernehmen. Da dem Vernehmen nach auch die Kirche und die MTB-Privatstiftung verkaufsbereit sind, könnte sich für die ÖIAG eine Aktienmehrheit ergeben.

Unter dem Titel „diskretes Gambling um die Casinos“ äußerte jedenfalls die „Presse“ kürzlich die Vermutung, dass Faymanns Präferenz, die CASAG „nicht in andere Hände fallen“ zu lassen, nicht unbedingt mit der Intention von Casino-Chef Karl Stoss übereinstimme. Dem staunenden CASAG-Aufsichtsrat habe Stoss von der Existenz eines Konsortiums berichtet, das bereit sei, ein verbindliches Angebot für eine Mehrheitsbeteiligung an den Casinos zu unterbreiten. Mittlerweile sickerten auch die Namen durch: Es handelt sich um

  • den jungen Tiroler Immobilien-Tycoon René Benko[14],
  • dessen Freund, den israelischen Diamantenmilliardär Benny Steinmetz[15] und
  • den ohnehin bereits – als außenpolitischer Berater von ÖVP-Außenminister Sebastian Kurz sowie Einflüsterer der Regierungen in Kasachstan und Serbien – schon ziemlich ausgelasteten SP-Altbundeskanzler Dr. Alfred Gusenbauer. Gusenbauer sitzt zudem im „Board of Directors“ des kanadischen Bergbaukonzerns „Gabriel Ressources“, in dem Steinmetz Großaktionär ist. Steinmetz und Benko gründeten im Vorjahr ein Joint Venture und erwarben gemeinsam die 17 deutschen Karstadt-Kaufhäuser sowie das Berliner KaDeWe. Casino-Boss Stoss wiederum sitzt – wie auch Gusenbauer – im Beirat von Benkos „Signa Holding“.

Von einer möglichen dritten Variante stand bisher offiziell nichts zu lesen, wenngleich in der Glücksspielbranche darüber seit einiger Zeit gemunkelt wird: Die beiden Giganten, also CASAG und Novomatic, könnten „zusammengehen“. Wer von beiden der stärkere Partner wäre, ist offen. Das Fachmedium „Roulette Portal“ hatte die Casinos Austria freilich bereits 2011 als Sanierungsfall bezeichnet und süffisant berichtet, dass schon damals die CASAG-Suche nach einem internationalen Partner kläglich gescheitert sei. Ein namentlich nicht genannter Mitbewerber habe die knappe Empfehlung ausgesprochen: „Am besten filetieren und liquidieren“.

Ausgerechnet die ÖIAG?

Das kolportierte mögliche Rettungsboot für die Casinos Austria, die „Österreichische Industrieholding AG“ (ÖIAG) – sie verwaltet die Beteiligungen der Republik Österreich an verstaatlichten und teilverstaatlichten Unternehmen – scheint aber derzeit selbst, wenn schon nicht gerade leck geschlagen, so doch keineswegs voll seetüchtig zu sein. Zunächst erweckt das Schiff den Eindruck, krass überladen zu sein. Die ÖIAG-Beteiligungen reichen von 52 Prozent an der Post (vgl. Genius 4/2012: Post modern – Post traumatisch), 31 Prozent an der OMV, 30 Prozent an der APK[16], 28 Prozent an der Telekom Austria Group, 13 Prozent an der VAMED[17] bis hin zu den jeweils 100 Prozent an den beiden nicht börsennotierten Unternehmen Graz-Köflacher Eisenbahn- und Bergbaugesellschaft (GKB) sowie FIMBAG[18]. In die Schlagzeilen kam die ÖIAG vor Kurzem durch den chaotisch ablaufenden Poker rund um den Syndikatsvertrag mit dem mexikanischen Telekomkonzern América móvil (AMOV) des zweitreichsten Mannes der Welt, Carlos Slim. Die mit rund 4 Mrd. Euro verschuldete Telekom soll eine beträchtliche Kapitalaufstockung (ÖIAG-Chef Rudolf Kemler nannte eine Milliarde Euro) erhalten und wird faktisch mexikanisch: Die Mariachis haben dann künftig die Mehrheit in Vorstand und Aufsichtsrat. Damit künftig wenigstens eine rotweißrote Sperrminorität von 25 Prozent an der Telekom erhalten bliebe, müsste sich die ÖIAG nach Meinung von Wirtschaftsexperten allerdings mit 250 bis 280 Millionen Euro neu verschulden. Das ist aber noch nicht alles: Für die ÖIAG steht auch noch der Rucksack zur Übernahme des börsennotierten Stromriesen Verbund zum Schultern bereit. Für die vorgesehenen 51 Prozent der Aktien sind dem Vernehmen nach 2,6 bis 3 Mrd. Euro notwendig, die über einen Kredit oder eine Anleihe finanziert werden sollen.

War’s das schon? Keineswegs: Auf die ÖIAG kommt ja auch noch die Abbaugesellschaft der maroden notverstaatlichten Hypo Alpe Adria zu! Dafür gibt es aber noch nicht einmal einigermaßen seriöse Zahlen.

Anmerkungen

[1] Archäologische Funde von sechsseitigen Würfeln in China und im früheren Mesopotamien deuten darauf hin, dass der Mensch schon vor 5000 Jahren Glücksspiele praktizierte. Im Mittelalter versuchten geistliche und weltliche Autoritäten, das Spiel zu verbieten. Nach 1837 begann die große Zeit der Spielbanken von Baden-Baden, Bad Homburg und Wiesbaden, wo Dostojewski das Roulette kennenlernte, diesem Spiel verfiel und den Roman „Der Spieler“ schrieb. Gegenwärtig ist in Österreich eine gewerbebehördliche Erlaubnis für das Veranstalten von Glücksspielen erforderlich.

[2] Von 1969 bis 2009 befand sich der Firmensitz der Casinos Austria im Palais Ephrussi, einem Wiener Prunkbau am einstigen Dr.-Karl-Lueger-Ring, 2012 politisch korrekt in Universitätsring umbenannt. Das Palais war einst Wohnsitz des Wiener Zweigs der aus Odessa stammenden Familie Ephrussi, wurde 1938 arisiert, 1950 an die englische Anwältin Elisabeth de Waal geb. Ephrussi restituiert und umgehend verkauft. Seit 2009 logiert die CASAG in einer deutlich bescheideneren Unterkunft am Rennweg. Die Verteilung der Casino-Standorte in Österreich weist ein deutliches West-Ost-Gefälle auf: Während das Burgenland kein einziges Casino hat, verfügen Vorarlberg über zwei (Bregenz und Riezlern/Kleinwalsertal) und Tirol gar über drei Standorte (Innsbruck, Seefeld, Kitzbühel). Die restlichen Glückstempel stehen in Wien, Baden, Salzburg, Bad Gastein (steht wegen Unrentabilität vor der Schließung, wobei im Gegenzug ein neues Casino in Zell am See eröffnet werden soll), Velden, Graz und Linz. Vor einigen Monaten erhielten die Casinos Austria den Zuschlag für sechs weitere Konzessionen. Diskutiert wurde zuletzt die Eröffnung eines Casinos im Wiener Palais Schwarzenberg.

[3] Während in vielen anderen Staaten das Münzrecht unmittelbar beim Staat liegt, ist hierzulande die Münze Österreich AG für die Ausgabe und die Prägung der österreichischen Münzen verantwortlich. Das Unternehmen entstand 1989 durch Umwandlung des dem zuvor dem Finanzministerium unterstellten Wiener Hauptmünzamtes in eine AG und dem anschließenden Verkauf an die Nationalbank. Bis 2002 war sie allein für die Ausgabe und Herstellung der Schilling-Münzen zuständig, danach erhielt sie das Recht, den österreichischen Anteil der Euro-Münzen auszugeben. Auch den „Philharmoniker“ stellt die Münze Österreich her. 2005 übernahm die Münze den Schoeller Münzhandel, das sich als „eines der größten und bedeutendsten Münz- und Edelmetallhandelsunternehmen in Zentraleuropa“ bezeichnet, und zuletzt einen Umsatz von 554 Mio. Euro machte, zu 100 Prozent.

[4] Die 82jährige Stifterin der MTB-Stiftung, Diplomkauffrau Dr. Maria Theresia Bablik, schien in früheren Geschäftsberichten als dritte Aufsichtsratspräsidentin der Casinos Austria auf.

[5] Wallner wurde 1990 Präsident des Österreichischen Olympischen Comités (ÖOC), musste aber 2009 vor dem Hintergrund ungeklärter Geldflüsse zurücktreten. Mitglied des Internationalen Olympischen Comités (IOC) blieb Wallner aber weiter. Wallners ÖOC-Nachfolger ist der aktuelle Casino-Generaldirektor Karl Stoss

[6] Als Repräsentant des Bankhauses Schelhammer & Schattera war der verstorbene KR Dipl.-Ing. Joseph Melchart 1967 federführend bei der Gründung der Spielbanken AG. Die damaligen Haupteigentümer waren die genannte Bank und das Österreichische Verkehrsbüro.

[7] Vor wenigen Tagen verkündeten die Casinos Austria, als erstes Unternehmen weltweit für „Responsible Gaming“ und „Responsible Advertising“ nach den „Standards der European Casino Association“ zertifiziert worden zu sein.

[8] Die in Espelkamp und Lübbecke beheimatete, familiengeführte und international agierende Gauselmann AG machte zuletzt 1,2 Mrd. Euro Umsatz und ist Entwickler, Hersteller sowie Vertreiber von Spielautomaten und Geldmanagementsystemen.

[9] Casino-Insider erinnern sich daran, dass vor Jahren ein gewisser Dr. Erwin Haitzmann aus Amerika bei Leo Wallner vorsprach und ihm eine Partnerschaft seiner Century Casinos in Colorado Springs mit den Casinos Austria vorschlug. Wallner soll das Angebot ausgeschlagen haben, worauf Haitzmann einen überaus erfolgreichen Alleingang hinlegte. Heute sind die Century Casinos ein internationales börsennotiertes Entertainment-Unternehmen mit 100 Spielhöllen in 20 Ländern.

[10] Dr. Walter Rothensteiner, Jahrgang 1953, begann 1975 seine Karriere bei der Raiffeisenlandesbank NÖ-Wien, war von 1987 bis 1995 LLI-Vorstandsmitglied und ist seit 1995 Vorstandsvorsitzender und Generaldirektor der Raiffeisen Zentralbank Österreich AG, die erst kürzlich mit rund 117 Millionen Euro der notleidenden Raiffeisen-Leasing-Schwester in Italien unter die Arme greifen musste. Rothensteiner ist außerdem Aufsichtsratsvorsitzender der Casinos Austria Aktiengesellschaft sowie Aufsichtsratsvize der Casinos Austria International Holding GmbH und sitzt in diversen Aufsichtsgremien der LotteriengesmbH, des Kurier, der Kontrollbank, der Nationalbank, des Raiffeisenkonzerns, des Uniqa-Konzerns und der Wiener Staatsoper GmbH.

[11] Johann F. Graf, Jahrgang 1946, gelernter Fleischerlehrling, begann seine Karriere mit der Aufstellung von aus Belgien importierten Flipper-Automaten in Cafés und Bordellen. 1980 stieg er auf die Herstellung von Glücksspielautomaten um und gründete die Novomatic Automatenhandels GmbH. Auf den Firmennamen war er gekommen, als er in Wien eine Leuchtreklame mit der Aufschrift „Novotel“ sah und sich dachte: Novomatic klingt auch nicht schlecht. Zehn Jahre später hatte die Novomatic bereits Niederlassungen in mehr als 30 Ländern. Sein Unternehmen beschäftigt heute 18.000 Mitarbeiter und gilt als einer der größten integrierten Glücksspielkonzerne der Welt. Galt Graf 2008 mit einem Vermögen von 3,5 Mrd. Euro „nur“ als sechstreicher Österreicher, war er 2012 mit 5,3 Mrd. Euro bereits die Nummer eins in Österreich. Freunde der Familie Graf erzählen von dessen lukrativen Beteiligungen an brasilianischen Porno-Produktionen, was aber unbestätigt ist. Mit völlig neuen Geräten namens Novoline und Novostar wurde die Tochterfirma NSM, als deren Aufsichtsratspräsident der deutsche Ex-Finanzminister Theo Waigel fungiert, ein Paradeunternehmen. Regelmäßig tauchen – bisher unbewiesene – Vorwürfe auf, die Novomatic manipuliere ihre Automaten.

[12] Dr. Franz Wohlfahrt, 55, ist in dieser Funktion Nachfolger von Johannes Hahn. 2010 wurde Wohlfahrt vom grünen Abgeordneten Peter Pilz wegen Verdachts des Gesetzeskaufes angezeigt. Demnach sollen Novomatic und Telekom Austria die Lobbyisten Walter Meischberger und Peter Hochegger bezahlt haben, um gemeinsam mit dem damaligen Finanzminister Karl-Heinz Grasser die Aufweichung des Glückspielmonopols der Casinos Austria im Parlament durchzubringen. Ab 2012 befassten sich auch die Ermittlungen des parlamentarischen Untersuchungsausschusses mit der Novomatic-Affäre.

[13] Lugmayr und der Novomatic-Gründer Graf waren zeitweise Miteigentümer der immer wieder kriselnden Alizee-Bank, die 1989 durch die Zentralsparkasse und Kommerzialbank AG (heutige Bank Austria UniCredit Group) unter der Federführung des damaligen Generaldirektors Dr. René Alfons Haiden als M&A Bank gegründet und im Vorjahr in Ells Bank AG umbenannt worden war. Nationalratsabgeordneter und SPÖ-Justizsprecher Hannes Jarolim ist Ells-Aktionär und -Aufsichtsrat, Aufsichtsratschef ist der der ehemalige ÖVP-Finanzstaatssekretär Alfred Finz. Sein Stellvertreter ist Rupert Schenz, Sohn des früheren ÖMV-Chefs und langjährigen Kapitalmarktbeauftragten am Wiener Finanzplatz, Richard Schenz.

[14] Der 1977 als Sohn eines Gemeindebediensteten in Innsbruck geborene René Benko gilt als internationaler Immobilieninvestor und soll zu den 50 reichsten Österreichern zählen. Die von ihm gegründete Signa-Gruppe hält nach Eigendarstellung ein Immobilienvermögen von mehr als 6 Mrd. Euro. Nachdem Benko 2011 vom Tiroler Landeshauptmann Günther Platter zum Tiroler des Jahres und vom österreichischen Wirtschaftsmagazin „Trend“ zum Mann des Jahres gekürt worden war, verurteilte 2012 das Landesgericht Wien den Bejubelten – gemeinsam mit dem Steuerberater Michael Passer – wegen versuchter verbotener Intervention zu einer bedingten einjährigen Haftstrafe. 2013 zog sich Benko aus der operativen Führung der Signa Holding GmbH zurück und übernahm den Vorsitz des Signa-Beirates, in dem noch Ex-Bundeskanzler Dr. Alfred Gusenbauer, der Ex-Vorstand der Westfälischen Provinzialversicherungen Dipl.-Kfm. Rainer de Backere , Prof. Dr. h.c. Roland Berger (Gründer und Ehrenvorsitzender der „Strategy Consultants“), der griechische Reeder George Economou, der langjährige Bremer Landesbank-Vorstand Dr. Peter Hasskamp, die ehemalige Vizekanzlerin Dr. Susanne Riess, KR Karl Samstag (Ex-Vorstandsvorsitzender der Bank Austria und aktuelles Aufsichtsratsmitglied der UniCredit, der Baufirma Porr und der Bank für Tirol und Vorarlberg), Casino-Austria-Generaldirektor Dr. Karl Stoss und Dr. Wendelin Wiedeking (Ex-Vorstandsvorsitzender der Porsche AG) sitzen. Vor knapp einem Jahr bestätigte das Oberlandesgericht das Hafturteil gegen Benko, dem nur noch die Einreichung einer Wahrnehmungsbeschwerde beim OGH blieb, dessen Entscheidung noch aussteht.

[15] Beny Steinmetz, 57, von „Forbes“ auf 4,1 Milliarden Dollar Vermögen taxiert, stieg in jungen Jahren in den Diamantenhandel ein und ist mit seiner Steinmetz Group heute der größte Einzelkunde des Diamanten-Weltkonzerns De Beers. Hinzu kommt noch ein großes Aktienpaket am kanadischen Bergbau-Riesen Gabriel Resources, der auch umstrittene Abbauprojekte in Rumänien verfolgt. Ärger machten Steinmetz zuletzt Streitigkeiten um Erzabbaurechte in Guinea, die sogar zu einer Hausdurchsuchung an seinem Wohnsitzes in Genf führten. Denn in Afrika dürfte der israelisch-französische Doppelstaatsbürger laut Menschenrechtsorganisationen den Deal seines Lebens gemacht haben: Steinmetz bekam eine zwangsenteignete Mine praktisch geschenkt und verkaufte sie um 2,5 Milliarden Dollar an ein brasilianisches Unternehmen weiter. Die Bezahlung von Schmiergeldern bestreiten seine Anwälte. Steinmetz und Benko, die ein gemeinsames Faible für Privat-Jets verbindet, hatten einander 2012 beim Kitzbühler Hahnenkammrennen kennengelernt.

[16] Die APK Pensionskasse Aktiengesellschaft wurde 1989 als erste Pensionskasse in Österreich gegründet und gilt als Wegbereiter des Pensionskassenwesens in Österreich. Alle 43 Aktionäre der APK sind auch selbst Kunden. Die größten Anteile halten die ÖIAG, der Voestalpine-Konzern und die OMV. Die Zahl der Berechtigten beläuft sich auf über 102.000, das veranlagte Vermögen erreichte zuletzt 3 Mrd. Euro.

[17] Die ÖIAG ist nur noch mit 13 Prozent an der VAMED AG beteiligt, nachdem sie 77 Prozent ihrer Anteile an den deutschen Gesundheitskonzern Fresenius und 10 Prozent an die Bank Austria verkauft hatte. Ursprünglich war die VAMED von der VOEST Alpine gegründet worden, um das skandaltriefende Wiener AKH fertig zu stellen. Heute macht die VAMED mit 7000 Mitarbeitern eine Milliarde Euro Umsatz und erbringt weltweit Dienstleistungen für 380 Gesundheitseinrichtungen mit 110.000 Betten.

[18] Die Finanzmarktbeteiligung Aktiengesellschaft des Bundes (FIMBAG) ist ein Tochterunternehmen der 2008 im Zuge der Finanzkrise gegründeten ÖIAG. Im von der Regierung Gusenbauer 2008 verabschiedeten Paket sind 15 Mrd. Euro zur Sicherung des Eigenkapitals von Banken vorgesehen. Sobald ein Bankinstitut diese Maßnahme beansprucht, übernimmt der Staat Anteile am Institut. Vorstandsvorsitzende sind Klaus Liebscher und Adolf Wala. Aufsichtsratsvorsitzender und dessen Stellvertreter sind Stephan Koren und Hannes Androsch. Als Beteiligungen scheinen die Kommunalkredit Austria und die KA Finanz AG auf. Zuletzt betrug das Partizipationskapital der Hypo Alpe-Adria-Bank International AG 275 Millionen, der Österreichischen Volksbanken AG 300 Millionen und der Raiffeisen Zentralbank Österreich AG 1750 Millionen Euro.

Bearbeitungsstand: Freitag, 30. Mai 2014
 
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