Das Phantom der Gleichheit


Warum Gleichmacherei am Ende unsozial wird

 

Von Eberhard Hamer

Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit waren Kernforderungen der Französischen Revolution von 1789 und haben vor allem im 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts den politischen Wechsel vom Adels- bzw. Feudalsystem zur Massendemokratie mit gleichem Wahlrecht für alle Bürger bestimmt. Es sollte keine Vorrechte mehr für einen bestimmten Stand oder eine bestimmte Bevölkerungsgruppe im Staat geben, sondern Gleichberechtigung. „One man, one vote“ hieß die politische Gleichberechtigungsformel dann in der ganzen Welt. Diese Gleichberechtigung aller Bürger hat sich in späterer Folge systematisch in allen Lebensbereichen durchgesetzt:

  • Die Schulen waren für alle gleich, boten vor allem im dreigliedrigen System jedem nach seinen Fähigkeiten gleiche Chancen, Bildung für sich maximal zu nutzen.
  • Die Gesundheitsvorsorge wurde immer gleicher. Teure Medizinanwendung wird heute kostenlos an alle ausgegeben – wenn auch Privatpatienten zuvorkommender behandelt werden, weil sie doppelt oder dreifach zahlen müssen.
  • In den Kindergärten treffen sich die Kinder aller Schichten. Lediglich bei der Bezahlung des Kindergartens werden die erfolgreicheren Eltern ungleich geschröpft.
  • In unserer Leistungsgesellschaft steht allen Menschen beruflicher Aufstieg durch Eigenleistung offen, gibt es keine Standesvorbehalte oder verschlossenen Berufe mehr. Nie hat es für tüchtige Menschen so gute Aufstiegschancen gegeben wie im 20. Jahrhundert und noch jetzt. Jeder kann grundsätzlich jede Position erreichen. Beruflich sind wir eine offene Gesellschaft mit ungehemmtem Durchlass nach oben geworden.
  • Auch die gesellschaftlichen Standesdifferenzierungen des frühen 20. Jahrhunderts haben sich infolge der beiden Weltkriege und der Massendemokratie weitgehend aufgelöst. Das sieht man am Wechsel der Eliten. Waren früher der Adel und das Großbürgertum führende Elite, sind es heute die häufig aus der Unterschicht kommenden Medienstars und Politiker, die uns von den Massenmedien als Vorbilder und Prominenz präsentiert werden.
  • Politisch hat das Mehrheitswahlrecht durch quantitative Mehrheiten der Unterschicht in jedem Volke die politische Führung auf die Interessen der Unterschicht gepolt, auf welche sich die herrschenden Funktionärseliten auch ständig berufen (Mehrheitsentscheidungen).

So hat sich in allen Lebenslagen die Gleichberechtigung der Menschen im 20.Jahrhundert durchgesetzt. Frühere Standestugenden wie z.B. die „Ehre“, die „bürgerlichen Tugenden“, Begriff und Inhalt von „Elite“ oder der positive Begriff von “Gewinn“ (der nun „Profit“ heißt) sind inzwischen gesellschaftlich als „Sekundärtugenden“ in Verruf geraten. Wurde von bürgerlichen Parteien und Politikern die Gleichberechtigung noch als „Gleichheit vor dem Gesetz und Chancengleichheit aller“ verstanden, versteht heute rote und grüne Politik darunter Gleichheit im Sinne von Identität, nämlich einer originär biologischen Gleichheit der Menschen im Sinne von Geschlechtern, Rassen, Anlagen und deshalb auch mit gleichen Ansprüchen auf Lebensbedürfnisse und Wohlfahrt.

Die Gender-Ideologie und ihre Folgen

Diese neue Gleichheitsideologie hat politisch zu zwei besonderen Ausprägungen geführt:

  • Im zwischenmenschlichen Bereich zur Gender-Ideologie der angeblich biologischen Gleichheit aller Menschen nach Geschlecht, Rasse, Intelligenz und Anlagen und
  • wirtschaftlich und politisch zur Umverteilungspolitik der Leistungserträge auf die „Bedarfsgemeinschaften“ unserer Gesellschaft, nicht nur zwischen den Menschen des gleichen Volkes, sondern auch unter den Völkern (ESM); von den Erfolgreichen zu den Erfolglosen, von den Sparsamen zu den Leichtsinnigen, von den Fleißigen zu den Faulen, von den Gesunden zu den Kranken.

Beide Ausprägungen der Gleichheitsideologie haben nicht nur unsere Gesellschaft in den letzten 40 Jahren grundlegend umgekrempelt, sondern auch zwischenmenschliche, bevölkerungspolitische, arbeitsmarktpolitische und finanzpolitische Konsequenzen gebracht, welche für die heutige und vor allem die zukünftige Generation umwälzende Folgeprobleme nach sich ziehen:

Die Gender-Ideologie leugnet über die Gleichberechtigung der Geschlechter hinaus alle Unterschiedlichkeiten von Frauen und Männern, will also die Gesellschaft komplett umbauen. Bettina Röhl beschrieb im „Cicero“ 2005 „Gender-Mainstreaming“ so: „Frauen in den Beruf und an die Macht, Männer an den Herd, Kinder in die Krippen, Mädchen in die Gender-Mainstream-Förderprogramme, Jungs in die Gender-Mainstream-Umerziehungsschule. Die zwischen den Geschlechtern existierenden Unterschiede existieren hauptsächlich durch gesellschaftliche Machtstrukturen und die Sozialisation der Menschen. Die sozialistische Frauenbewegung sieht die Abschaffung des Kapitalismus als Voraussetzung für die Befreiung der Frauen …“

Nur wenn Männer und Frauen unterschiedlich wären, könnten die traditionelle Verteilung der Geschlechterrollen und die traditionelle Familie als natürliche Entwicklung verstanden werden. Wenn dagegen Männer und Frauen gleich und die Männer somit Gruppe von Unterdrückern sind, muss den Frauen der Opfer-Status der Zukurzgekommenen ausgeglichen werden. Deshalb wird das Paradoxe behauptet: Männer und Frauen sind gleich, aber alle Männer sind Unterdrücker, weil Frauen die Unterdrückten sind (sein sollen).

Gleichheitshindernisse sehen die Gender-Ideologen vor allem im Arbeitsleben und in der Familie:

Ein völliges Berufsleben von Frauen wollen nicht nur die Sozialisten und Feministen, sondern auch die Kapitalisten. So schreibt Nicholas Rockefeller :

„Der Feminismus ist unsere Erfindung. Früher zahlte nur die Hälfte der Bevölkerung Steuern, jetzt alle. Indem wir die Frauen gegen die Männer aufhetzen und die Partnerschaft und die Gemeinschaft der Familie zerstören, haben wir Egoisten geschaffen, die nur noch hart arbeiten und konsumieren. Dadurch sind sie unsere Sklaven und finden das alles auch noch gut.“

Um die kapitalistischen Ziele der Gender-Ideologie zu erreichen, nämlich Mann und Frau in die Erwerbsarbeit zu treiben, musste der Vorrang der Familie vor der Erwerbsarbeit umgekehrt werden. Deshalb wurde die Familie – die Eltern und insbesondere die Hausfrau und Mutter – in der medialen Welt diffamiert. Es wurde massiv verbreitet, dass

  • Frauen lieber Beruf als Familie wollten,
  • Mütter, die keiner echten Arbeit nachgehen, Kostgänger dieser Nation seien,
  • Elternhäuser keine adäquate Bildung für ihre Kinder bieten könnten,
  • sondern Kinder Bildung nur in Krippen und Kindergärten bekämen und
  • Frauenerwerbstätigkeit den Fachkräftemängel beseitigen könne.

Alle diese Forderungen haben die Medien des Sozialismus und des Kapitalismus gleichermaßen getrommelt, weil sie insoweit gleiche Interessen vertreten. Entsprechend gilt die Frauenerwerbsquote als Messlatte des Kampfes gegen Frauendiskriminierung, der Herstellung der Geschlechtergleichheit. Der Aktionsplan wurde dazu schon auf der 4. Weltfrauenkonferenz in Peking beschlossen und eine Frauenquote im Öffentlichen Dienst schon seit mehr als 20 Jahren, in der Privatwirtschaft seit 10 Jahren gefordert bzw. festgeschrieben, letzthin sogar für die Aufsichtsräte gefordert (40 %). Entsprechend wurde ein Rechtsanspruch auf einen öffentlichen Betreuungsplatz in Kindertagesstätten eingefordert, damit die Mütter ganztags für Fremdarbeit zur Verfügung stehen.

Die Zahl der erwerbstätigen Mütter hat sich dadurch in den letzten 50 Jahren um 50 % erhöht. Insgesamt sind Frauen in Deutschland nun schon zu 72 % berufstätig.

Parallel dazu wurde von den sozialistischen und ebenso den kapitalistischen (Springer) Medien die Familie als Auslaufmodell diffamiert, dagegen vorübergehende „Partnerschaft“ bzw. „Lebensabschnittspartnerschaft“ (LAP) als neue, moderne Lebensform angepriesen.

Statt der Pflicht zur Förderung von Ehe und Familie im Sinne von Art. 6 des Grundgesetztes werden nicht nur immer mehr Gesetze zur staatlichen Bevormundung und Eingriffe in die natürlichen Rechte der Eltern und ihrer Kinder beschlossen, sondern es werden Patchwork-Familien als normal und wünschenswerter Kompromiss der Beteiligten angepriesen.

Die finanzielle Ausbeutung der Familie

Zusätzlich wird die Familie finanziell ausgebeutet:

  • Unser Rentensystem beruht auf zwei Säulen, der Regenerationsrate und den Beiträgen. Die Politik hat jedoch die Leistungen hauptsächlich an die Beiträge geknüpft und erziehende Eltern so diskriminiert, dafür aber die Kinderlosen mit der vollen Rente trotz Nichterfüllens der Regenerationsvoraussetzung belohnt. Während in den Jahrtausenden vorher immer die Kinder die Alterssicherung der Eltern waren, müssen heute die Kinder kinderlose Rentner doppelt so gut versorgen wie ihre eigenen Eltern. „Von Kindern profitiert, wer keine hat“!
  • Andererseits wird in der Entlohnung mit Ausnahme des geringen Kindergeldes die Familie oder Großfamilie nicht berücksichtigt. Die linken Parteien wollen sogar die Abschaffung des „Splitting“ nach deutscher Rechtslage, um die Müttererziehung steuerlich zu bestrafen.

Das Durchschnittseinkommen pro Kopf ist in den kinderreichen Familien am geringsten. Die sog. Kinderarmut – von den Singlemüttern abgesehen – ist eine Folge falscher Familienförderung. Das fängt bereits mit der notwendigen Großwohnung und ihren Kosten für eine Großfamilie an, geht über die Mehrernährung, die Mehrkleidung vieler Kinder, zu gemeinsam teurem Urlaub bis hin zu den Ausbildungskosten, die heute ein durchschnittlicher Arbeitnehmer nicht mehr aufbringen kann.

Dagegen wurde ein staatliches Überrecht von Fürsorge über die Rechte der Familie immer stärker ausgebaut, „damit die Erziehung der Kinder auch gegen den Willen der Eltern im herrschenden Geiste durchgesetzt“ werden könne (Bildungssenator Zöllner, SPD).

Der Kampf der Gender-Ideologie geht gegen die Familie, gegen die Mütter, für die Berufstätigkeit von Frauen bis hin zur Bundeswehr, gegen alle erkennbaren Unterschiede als angebliche Diskriminierungen. Immerhin hat die Gender-Ideologie bereits jetzt zur Folge,

  • dass es heute mehr Singles und unverbindliche Partnerschaften als Ehen in Deutschland gibt (52 % zu 48 %),
  • dass die Geburtenzahlen zurückgegangen sind und durch Überalterung große Bevölkerungsstrukturprobleme entstehen,
  • dass durch fehlende Kinder die sozialen Zukunftsversprechen (Rente) und die Sozialsysteme (Gesundheit) zerbrechen,
  • dass also der Egoismus der Gender-Generation ihr zwar momentane Selbstvorteile bringt, wirtschaftlich und für die Sozialsysteme daraus aber verhängnisvolle Nachteile für die gesamte Gesellschaft folgen.

Von der „sozialen Gerechtigkeit“ über die Versorgungsgleichheit zur Umverteilung

Der erste Versuch von Sozialisten und Kapitalisten, aus einer Gleichheit vor dem Gesetz und aus Gleichberechtigung eine ethnologische Gleichheit abzuleiten, hat sich zwar gesellschaftspolitisch durchgesetzt, ist allerdings wissenschaftlich inzwischen gescheitert. Die Theorie, nach der das „soziale Geschlecht“ (Gender) eines Menschen vom biologischen gänzlich unabhängig sei, hat sich als unhaltbar erwiesen. Entsprechend hat Norwegen bereits sein bisher hoch dotiertes „Nordic Gender Institut“ zum Jahresende 2012 geschlossen. Es war wie die Feministin Schwarzer vom Leitbild zur Lachnummer geworden.

Der Sozialismus hat die Rechtsgleichheit aller Bürger in einen Anspruch auf soziale Gleichheit umgemünzt. Die Menschen seien nicht nur gleichberechtigt und biologisch gleich, sondern hätten daraus auch gleiche Ansprüche auf gleiche Wohlfahrt. Seitdem hat im 20. Jahrhundert die politisch dominierende Idee der „sozialen Gerechtigkeit“ nahezu alle Forderungen aller politischen Parteien bestimmt, wobei streitig blieb, ob es sozial gerecht sei,

  • wenn jeder den Ertrag seiner eigenen Mehrleistung zuerst einmal selbst genießen darf (Liberalismus)
  • oder ob den „Besserverdienenden“ zur Linderung der Not anderer Einkommen entzogen werden sollte (bürgerliche Parteien)
  • oder ob prinzipiell allen gleiches Einkommen und gleiche Lebensbedingungen durch Umverteilung geboten werden müsse (Sozialismus).

Tendenziell ist im letzten Jahrhundert die Politik in allen Demokratien zu immer stärkerer staatlicher Umverteilung übergegangen. Um „soziale Gerechtigkeit“ zu schaffen, wurden nicht nur die Einkommen des Mittelstandes (die Reichen kriegt man nicht wirklich!) in so hohem Maße umverteilt, dass inzwischen fast 60 % der Bevölkerung von nur 42 % Erwerbstätigen leben. Als Hauptleistungsträger ist allein der Mittelstand zu 80 % Zahler nicht nur für die öffentlichen Bedürfnisse, sondern auch für Subventionen an die Konzerne sowie für die Sozialleistungen an die Unterschicht.

Dazu hat das Schlagwort von der „ungerechten Vermögensverteilung“ zur Beendigung der „sozialen Ungerechtigkeit“ eine neue, an den Bedürfnissen statt an der eigenen Leistung ausgerichtete Vermögensverteilung gefordert, seitdem die 68er Revolution erkannt hatte, dass unser Volksvermögen vor allem denjenigen zugewachsen war, die sich mehr als andere bemüht, mehr riskiert, mehr geleistet und deshalb mehr erworben haben als die Mehrheit des Volkes.

Inzwischen entscheidet längst nicht mehr unsere eigene Leistung darüber, was wir letztlich davon übrig behalten, sondern die vielfältigen Siebe staatlicher Umverteilungs- und Sozialpolitik bestimmen darüber, was von unserem Leistungsertrag noch für uns selbst übrig bleibt und welchen – größeren – Teil wir zum Zweck der Umverteilung an diejenigen abzugeben haben, die nicht leisten konnten oder wollten oder sich in ihrer Leistung zurückgehalten haben, die jedenfalls nicht den gleichen Lebensstandard haben wie die Leistungsträger, die aber aus Gleichheitsgründen angeblich gleiche Bedürfnisse, jedenfalls Ansprüche auf gleiche Wohlfahrt haben wie die Leistungsträger.

Die Sozialpolitik hat sogar einen Teil der Sozialleistungsempfänger heute besser gestellt als gleichartige Leistungsträger: Wer mit vielen Kindern und entsprechendem Kindergeld (z.B. als Asylant) sozialleistungsberechtigt ist, bringt es ohne Arbeit „dank“ Wohnungsgeld und aller anderen Zuschüsse zu höherem Nettoeinkommen als ein kinderreicher Vater, dessen Erwerbseinkommen die meisten Zusatzwohltaten ausschließt.

In den letzten 50 Jahren haben wir ein so vollständiges, so undurchschaubares und so widersinniges Netzwerk öffentlicher Sozial- und Umverteilungstatbestände zusammengebastelt, dass niemand mehr durchblickt. So wurde unsere ehemalige Leistungsgesellschaft immer mehr zur Sozialleistungsgesellschaft und unser Staat vom Rechts- und Ordnungszweck zum Wohlfahrtsstaat umgebaut, vorgeblich im Interesse der “sozial Bedürftigen“ bzw. „sozial Benachteiligten“, in Wirklichkeit aber zum Vorteil und zum Nutzen der die Umverteilung steuernden neuen Eliteschicht der Sozialfunktionäre, die sich durch das Fetischwort „sozial“ eine neue Macht- und Herrschaftsebene geschaffen haben.

Die Ausplünderung des Mittelstandes und der Arbeitnehmer

Der Pferdefuß der Umverteilung liegt in den Kosten. Wie überall im Korruptionsbereich ist die Umverteilung nämlich eine Einbahnstraße ohne Rückkehr. Einmal gegebene Sozialleistungen können in einer Demokratie nicht zurückgenommen werden, ohne den hundertfachen Undank der Wähler und dadurch Machtverlust der Funktionäre zu erleiden. Also wird immer nur aufgestockt, vor allem vor Wahlen.

Je größer die Umverteilung wird, desto größer wird auch der bürokratische Apparat, mit dem die Umverteilung geplant, ausgeführt, korrigiert und kontrolliert werden muss. Für jeden Euro, den eine Regierung als Transferleistung ausgeben will, muss sie heute schon mehr als 2 Euro Belastung erheben, weil die explosionsartig gewachsene Sozialbürokratie etwa die Hälfte der Einnahmen verschlingt!

Die Gesamtkosten der Umverteilung liegen bereits bei 2/3 unserer gesamten öffentlichen Einnahmen. Dies merken die Arbeitnehmer, weil ihnen selbst nur 1/3 der Bruttolohnsumme bleibt. Die fleißigen Arbeiter bekommen eigentlich zu wenig, kosten aber brutto zu viel. Die Gesamtkosten eines Arbeitnehmers sind wegen der auch im Betrieb noch zusätzlich entstehenden Kosten in Deutschland im Durchschnitt höher als in den meisten Konkurrenzländern. In seinem letzten Buch hat der Verfasser ermittelt, dass sich die Gesamtkosten eines Mitarbeiters mit Durchschnittslohn (3.500,00 EUR) für den Betrieb auf etwa 6.000,00 EUR brutto belaufen, bei Auszahlung von 1.955,48 EUR an einen Ledigen und 2.333,88 EUR an einen verheirateten Mitarbeiter mit Kind. Die Nettoerträge der Mitarbeiter liegen also bei 1/3 ihrer Bruttokosten!

Umverteilt wird aber nicht nur das, was der Staat an Steuern und Sozialabgaben bei den fleißigen Leistungsträgern abzieht; Weil die laufenden Einnahmen zur Volksbeglückung nicht reichen, zieht man zusätzlich Wechsel auf die Zukunft, geht man in die große öffentliche Verschuldung, werden Gaben für die Gegenwart mit Schulden an die Zukunft finanziert. Die Folge ist eine immer größere Verschuldung aller Wohlfahrtsstaaten. Die beiden Randgruppen oben (Subventionen) und unten (Sozialleistungen) leben dabei auf Kosten des diese Zahlungen und Schulden tragenden Mittelstandes. Der Verfasser hat dies in dem Buch „Mittelstand unter lauter Räubern“ als „Plünderung der Selbständigen“ ausführlich beschrieben. Die heute große Verschuldungskrise Europas ist auf Seiten der verschuldeten Länder nichts anderes als die Folge übermäßiger Umverteilung, der Verteilung zusätzlicher Wohltaten auf Kredit, auf Schulden zu Lasten der Zukunft.

Hintergrund dieser Umverteilungsorgien war immer die angebliche Schaffung von „sozialer Gerechtigkeit“, die Verwirklichung von Gleichheit in Vermögen, in Sozialansprüchen, kurz: die Versorgung angeblich gleicher Wähler.

Schon der frühere SPD-Vorsitzende Clement hat einmal gesagt, seine Partei sei dem Irrglauben verfallen, als „soziale Gerechtigkeit“ statt „Rechtsgleichheit“ eine „Gleichheit des Lebensstandards“ verwirklichen zu wollen: „Das ist, wie wenn bei einem Wettrennen nicht nur die gleiche Startposition gewährleistet wird, sondern auch, dass alle Läufer zur gleichen Zeit im Ziel einlaufen müssen“. Deshalb werden die Schnellen so lange gestoppt, bis die Langsamsten auch da sind bzw. werden die Fleißigen, Erfolgreichen, Wohlhabenden und Tüchtigen so lange zur Ader gelassen, bis „die ungerechte Einkommens- und Vermögensspreizung“ beendet (SPD, Grüne, Linke) und der Wohlstand zugunsten der Unterschichten nivelliert ist.

Die Oberschicht hat, soweit ihr das technisch möglich war, auf diese Ausplünderung reagiert, indem sie steuerlich und mit Wohnsitz auswanderte, also für deutsche Finanz- und Sozialbehörden nicht mehr erreichbar ist. Die Unterschicht ihrerseits versucht, millionenfach in die Schwarzarbeit auszuweichen, weil sie das unversteuerte und von Sozialkosten unbelastete Zusatzeinkommen sucht. Der Mittelstand hingegen ist für das Finanzamt gläsern, ist lokal gebunden, kann weder auswandern, noch kann er, da er Mitarbeiter bezahlen muss, in Schwarzarbeit ausweichen, wird also als einzige Gruppe von der härtesten Steuer- und Sozialbelastung mitleidlos verfolgt. Das wird sich einmal für die Gesellschaft insgesamt bitter rächen.

So hat die eigentlich gut gemeinte „Gleichheit vor dem Recht“ und „Gerechtigkeitsgleichheit“ durch Umdeutung in „Gleichheit der Geschlechter“ oder in „Gleichmacherei“ durch hemmungslose Ansprüche auf imaginären Wohlstand verhängnisvolle Entwicklungen ausgelöst, die sich beide als „gut gemeint, aber falsch“ und somit als Sprengsatz für die Zukunft unserer Gesellschaft erweisen werden.

Aber: Keine Fehlentwicklung dauert ewig, auch nicht eine falsche Ideologie – wie es das Beispiel der implodierten Sowjetunion zeigt. Wer falschen gesellschaftspolitischen Vorstellungen am meisten angehangen hat, wird allerdings die Folgen am stärksten tragen müssen. Die Generation der heute Kinderarmen wird das im Alter kollektiv zu spüren bekommen. Jede Korrektur wird – das zeigt sich heute schon am Beispiel Griechenland – bitterer als die Glücksgefühle des Irrweges vorher!

 
em. Univ.-Prof. Dr. Eberhard Hamer, Hannover, leitete das dortige Mittelstandsinstitut und ist Verfasser zahlreicher Bücher.

Bearbeitungsstand: Freitag, 30. Mai 2014
 
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