Neue Erkenntnisse zur Sprache der Germanen


Wolfram Euler, Das Westgermanische von der Herausbildung im 3. bis zur Aufgliederung im 7. Jahrhundert – Analyse und Rekonstruktion. London-Berlin, Verlag Inspiration Un Limited 2009, 244 S., ISBN 978-3-9812110-7-8, € 49,–

 

Eine Buchbesprechung von Heinz-Dieter Pohl

Nachdem Wolfram Euler in seiner Sprache und Herkunft der Germanen (2009 im gleichen Verlag) das Protogermanische vor der bzw. bis zur Ersten Lautverschiebung anschaulich dargestellt hat, bietet er nun im vorliegenden Buch die Fortsetzung dazu, nämlich die Geschichte des Westgermanischen bis zur Zweiten (oder hochdeutschen) Lautverschiebung. Dieses wird sowohl hinsichtlich seiner gemeinsamen Grundlagen als auch seiner Auseinanderentwicklung beschrieben, wobei viele bisher wenig beachtete neue Aspekte eingebracht wurden. Die „protowestgermanische Sprache“ wird hier in Form einer historischen Grammatik zusammenfassend dargestellt, was – im Gegensatz zum Urnordischen – bisher noch nie versucht wurde. Somit ist Eulers Monographie die erste umfassende dieser Art und eine solide Grundlage für die weitere Forschung.

Es gilt heute als unumstößliche Tatsache, dass es neben dem Urnordischen auch eine eigene westgermanische Zwischenstufe des Germanischen gegeben hat. Die westgermanischen Sprachen Altenglisch, Althochdeutsch, Altfriesisch und Altsächsisch haben (wie auch die nordgermanischen Sprachen) einige spezifische Gemeinsamkeiten und auch gemeinsame Neuerungen, die man nur mit einer „westgermanischen“ Zwischenstufe erklären kann. In der Einleitung wird zunächst das Germanische und seine Überlieferung vorgestellt und dann das Westgermanische näher erläutert. Es wird versucht, die Stammesgruppen der Ingwäonen, Istwäonen und Erminonen – diese kennt man aus Tacitus und Plinius dem Älteren – einzuordnen. Es dürfte sich dabei um mythologische Stammesgruppen gehandelt haben; die seriöse Sprachwissenschaft spricht jedoch von Nordsee-, Weser-Rhein- und Elbgermanen. Zu letzteren sind v.a. die Sueben, Markomannen und Langobarden zu rechnen, während die Weser-Rhein-Germanen mit den Vorfahren der Franken zu verbinden sind. In den Nordsee-Germanen sind schließlich die Vorfahren der Angelsachsen und Friesen zu erblicken. Grundlage und Schwerpunkt der vorliegenden Untersuchung sind das Westgermanische und das Voralthochdeutsche, also jene westgermanischen Dialekte, aus denen dann später das Althochdeutsche entstehen sollte.

Die Vorgeschichte des Westgermanischen ist wegen späterer wechselseitiger Beeinflussungen der Nachfolgedialekte weniger klar als die des Nordischen, zumal dessen Überlieferung in vielen Runeninschriften in Skandinavien um Jahrhunderte früher beginnt als in Mitteleuropa und in England, wo es nur eine beschränkte Anzahl meist kurzer und zudem oft unklarer Inschriften gibt. Dies mag einer der Gründe sein, dass bisher keine Monographie über das „Protowestgermanische“ vorlag und somit mit diesem Buch eine Lücke geschlossen wird. Die Zeit des Protowestgermanischen ist auf das 3. bis 7. Jahrhundert (Zweite Lautverschiebung) festzulegen. Die in diesem Buch vorgenommenen Rekonstruktionen betreffen meist die Mitte dieses Zeitraums, also das 5. Jahrhundert. In diese Epoche fallen zwei bedeutende historische Ereignisse: die Expansion der Franken nach Gallien und die angelsächsische Landnahme Britanniens.

Das Kapitel 2 behandelt die Phonologie, insbesondere die westgermanischen phonologischen Innovationen. Davon lassen sich sieben benennen, die für sämtliche westgermanische Nachfolgesprachen gelten. Die anderen Neuerungen sind jünger und betreffen nur Teilgruppen, insbesondere das Nordseegermanische oder dessen Untergruppe Anglo-Friesisch. Stehen bei der Rekonstruktion des phonetischen Systems mit den Runeninschriften und den frühen Entlehnungen noch direkte Quellen zur Verfügung, so kann das Formensystem des Westgermanischen fast nur aus dem Vergleich der Einzelsprachen erschlossen werden. Wie die vielen in Kapitel 3 angeführten Paradigmen zeigen, sind dennoch sehr oft plausible und teilweise geradezu sicher erscheinende Rekonstruktionen möglich. In diesem zentralen Teil des Buches werden die morphologischen Charakteristika der westgermanischen Sprachen mit dem Nordgermanischen (gegenüber dem Gotischen) aufgezeigt. Neun „nordwestgermanische“ Neuerungen lassen sich benennen, die als ein zentrales Argument für die Existenz einer westgermanischen Zwischenstufe im Sinne einer zu einem bestimmten Zeitpunkt in einer bestimmten Region tatsächlich gesprochenen Sprache zu sehen sind.

Trotz seiner späten Überlieferung hat das Westgermanische eine beachtliche Zahl an morphologischen Archaismen „exklusiv“ gegenüber dem Nord- und Ostgermanischen bewahrt, z. B. den Instrumental, die Bewahrung des sogenannten grammatischen Wechsels, die altertümlichen indogermanischen mi-Verben (im Althochdeutschen die Formen der Verben tun und gehen) und einige Formen von starken Verben im Althochdeutschen und Altenglischen, in denen man Relikte des indogermanischen Aorists (einer besonderen Zeitform) zu erblicken hat, worauf schon frühere Forscher hingewiesen haben. Dieses Thema hat der Verfasser bereits in seinem Buch „Sprache und Herkunft der Germanen (2009) diskutiert.

Dieses Buch ist primär eine historische Grammatik und kann keine systematische Analyse des westgermanischen Lexikons bieten; dafür wäre ein etymologisches Wörterbuch „zuständig“. Doch im Kapitel 4 werden einige Charakteristika des Wortschatzes aufgezeigt. Trotz seiner späteren Überlieferung haben die westgermanischen Einzelsprachen und damit auch das Protowestgermanische selbst viele Wörter bewahrt, die im Norden und Osten fehlen. Allerdings ist der umgekehrte Fall häufiger, nämlich dass indogermanische Erbworte nur im Nordgermanischen und/oder im Gotischen belegt sind, nicht aber im Westgermanischen. Offenbar hat die Christianisierung manches den heidnischen Glauben betreffende Wort, dessen Existenz man für die Völkerwanderungszeit noch annehmen kann, gerade im Westen vor Beginn der Überlieferung verdrängt. Weiters wurden im Westgermanischen vor allem in den Bereichen Kriegswesen und Natur manch alter Begriff durch eine Neubildung ersetzt.

Die Schlusskapitel 5 und 6 enthalten einen zusammenfassenden Ausblick und mehrere rekonstruierte Textproben, darunter das Hildebrandlied in einer westgermanisch-langobardischen Fassung. Diese Textproben sprechen für sich und verdeutlichen ein zentrales Ergebnis dieser Untersuchung: Bereits zur Zeit der gotischen Bibelübersetzung haben sich West- und Ostgermanisch so deutlich unterschieden, dass zwischen Goten und beispielsweise Franken kein direktes Gespräch mehr möglich war. Dagegen waren die Unterschiede innerhalb des Westgermanischen wahrscheinlich bis ins 6., wenn nicht bis zur Hochdeutschen Lautverschiebung im 7. Jahrhundert so gering, dass dessen Dialekte wechselseitig zu verstehen waren.

Dieser linguistische Befund passt bestens zum Sprachgebrauch der völkerwanderungszeitlichen und frühmittelalterlichen Autoren, die die Goten praktisch ausnahmslos nicht den Germanen zugerechnet, sondern mit dem Terminus „Germani» nur die westgermanisch sprechenden Stämme und Völker bezeichnet haben. Somit bestätigt diese Studie, dass es eine westgermanische Zwischenstufe gegeben hat, die vom Verfasser anschaulich rekonstruiert wird.

 
em. Univ.-Prof. Dr. Heinz-Dieter Pohl, Klagenfurt, ist mehrfach ausgezeichneter Sprachwissenschafter.

Bearbeitungsstand: Freitag, 30. Mai 2014
 
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