Die Wissensgesellschaft


Von Karl Sumereder

In unserer westlichen, heute mehr oder minder als aufgeklärt geltenden Gemeinschaftswelt, die sich als eine Wissensgesellschaft bezeichnet, in der Wissen nicht nur zu einem wichtigen und mächtigen Gut geworden ist, existiert aus der Sicht von Philosophen ein Problem. Es stellt sich nämlich die Frage, ob bei der Fülle des angesammelten Wissens, ob bei allem, was wir zu wissen vermeinen, tatsächlich immer tiefgründige Wahrheiten gegeben sind.

Es dreht sich auch um die Frage, wie es überhaupt um unsere Wissensansprüche bestellt ist. Das Ganze mag zunächst angesichts der Tatsache, dass wir doch unzweifelhaft eine Menge wissen, befremdlich erscheinen. Wir wissen zuverlässig, dass die Erde keine Scheibe ist, dass verschiedenste Lebensformen in Milliarden Jahren, beginnend mit Mikroorganismen, eine phänomenale Evolution durchlaufen haben. Wir wissen, dass 2 plus 2 vier ist oder nichts schneller als das Licht – und so vieles mehr. Die erwähnte Zahlenaddition beispielsweise ist zweifelsfrei wahr. Sie gilt aber nur für abstrakte Größen. Ordnet man nämlich den Zahlen „Qualitäten“ zu, dann stimmt die Rechnung nicht mehr. Beispielsweise sind zwei Äpfel plus zwei Birnen nicht vier Äpfel, sondern weiterhin zwei Äpfel und zwei Birnen.

Es gibt auch eine philosophische Frage, die allerdings nicht häufig gestellt wird. Können wir gemäß unserem Sinnes- und Denkvermögen überhaupt über fundamental gesichertes Wissen verfügen? Es wird ja häufig so getan, als wäre das Wissen etwas ganz Unproblematisches. Das ist es aber nicht. Das entscheidende Problem beim Wissen ist der Wahrheitsgehalt. Woher können wir sicher wissen, dass wir uns, bei dem, was wir zu wissen meinen, nicht etwa irren? Können wir auch sicher sein, dass unsere Wissensansprüche nicht überzogen sind, dass sich so manches in Wahrheit anders verhält? Bei der Absicht, einen Wissenszuwachs zu erlangen, empfindet man eigenartiger Weise einen starken Anreiz, sich gerade jenen Fragen zuzuwenden, bei denen es sich dann herausstellt, dass darüber nicht ausreichend oder gar nichts wissbar ist. Haben philosophische Skeptiker womöglich Recht, können wir wirklich nichts gesichert über die Welt wissen?

Unbestimmtheit und Grenzen des Wissens

Der auf den griechischen Philosophen Sokrates (469–399 v. u. Z.) zurückgeführte Gebrauch der Rede vom Nichtwissen bringt gemäß Franz Schupp („Geschichte der Philosophie“, Felix Meiner Verlag, 2003) die klare Überzeugung eines kritischen Rationalisten zum Ausdruck, der sich um möglichst gute Beweise für seine Theorien bemüht. Der dies aber vor dem Hintergrund der Überzeugung tut, dass keine Theorie als unwiderlegbar beweisbar ist. Es gibt kein Wissen der Unmöglichkeit einer Widerlegung. Der Gebrauch des Spruches vom Wissen des Nichtwissens („Ich weiß, dass ich nichts weiß“) beleuchtet laut Schupp, wie das sokratische Verständnis von Philosophie am besten zum Ausdruck kommt.

Agnostizismus ist die philosophische Ansicht, dass bestimmte Annahmen – insbesondere solche theologischer Art -, welche die Existenz oder Nichtexistenz einer höheren Instanz betreffen, entweder ungeklärt oder grundsätzlich nicht zu klären sind. Agnostizismus ist eine Weltanschauung, die insbesondere die prinzipielle Begrenztheit menschlichen Wissens betont. Der Begriff Agnostizismus (vom griechischen a-gnoein = nicht wissen) wurde maßgeblich von Thomas Huxley (1825–1895) geprägt. Allerdings ist die dahinter stehende Auffassung deutlich älter und findet sich unter anderem bereits bei Laotse (chinesischer Philosoph im 6. Jahrhundert v. u. Z.) sowie bei vorsokratischen sophistischen Philosophen der griechischen Antike.

Kausale Theorie des Wissens

Dinge der materiellen Welt sind beziehungsweise können Ursachen unserer Sinneswahrnehmungen und von Gedanken darüber sein. Die Tatsache, dass verschiedene Menschen darüber ähnliche Gedanken empfinden, zeigt an, dass Dinge tatsächlich einen Einfluss ausüben. Die so genannte kausale Theorie des Wissens behauptet, dass dann, wenn eine bestimmte Überzeugung Wissen genannt werden soll – und nicht Spekulation oder Wunschdenken –, jenes nicht direkt Bestimmbare, was diese Überzeugung wahr macht, ursächlich dafür verantwortlich sei, dass man eine bestimmte Überzeugung erlangt habe. Schon seit Demokrit (ca. 470–370 v. u. Z.) gilt, dass es keine Veränderung ohne einen dafür zureichenden Grund gibt. „Nichts ohne Ursache“. Der römische Dichter und Philosoph Lukrez (ca. 97–55 v. u. Z.) hat den Satz verwendet: de nihilo nihil. Dieser, so wird gemeint, für alles gültige Satz ist die Grundlage des ganzen Kosmos, ohne ihn wäre die Welt ein absolutes Chaos.

Das mathematische Wissen

Für den Griechen Pythagoras (570 v. u. Z.) waren Zahlen, Gleichungen, Algebren und Geometrien ein Urelement der Wirklichkeit. Ein Reich von nichträumlichen und nicht zeitgebundenen Größen, zu denen der Mensch durch Intuition und abstraktes Denken Zugang erhält. Die Grundlagen mathematischen Wissens stellen mancherorts auch ein philosophisches Problem dar. Der berühmte Mathematiker David Hilbert (1862–1943) und gleichgesinnte Formalisten meinen, mathematisches Wissen sei absolut sicher. Der Formalismus in der Mathematik ist eine Theorie, nach deren Aussagen sich durch ein Kalkül, also durch ein System von Regeln, aus gegebenen Axiomen weitere Aussagen ableiten lassen. Axiom ist ein Satz, der nicht in der Theorie bewiesen werden soll, sondern beweislos vorausgesetzt wird.

Philosophen meinen dazu, wenn solch mathematisches Wissen auf Beobachtungen der Welt beruht, könne es nicht absolut sicher sein. Die Begriffe, die wir formulieren, seien das Ergebnis einer Herausbildung unserer Hirnleistungen. Das Gehirn ist ein Ergebnis biologischer Evolution und in gewisser Weise eine Zusammenfassung von Informationen über jene Umwelt, in der es sich herausbildete. Deshalb wird der Schluss als zulässig erachtet, dass entweder die Mathematik nicht exakt ist oder auf einer anderen Grundlage beruht, als die von den Denkorganen bewirkten geistigen Vorgänge. Albert Einstein (1879–1955) meinte einmal, dass die Sätze der Mathematik, so ferne sie sich auf die Wirklichkeit beziehen, nicht sicher sind, und so ferne sie sicher sind, sie sich nicht auf die Wirklichkeit beziehen. Als das Mathematikgenie Kurt Friedrich Gödel (1906–1978), einer der bedeutendsten Logiker des 20. Jahrhunderts, mit seinem „Unvollständigkeitssatz“ zeigte, dass es kein Axiomensystem gibt, welches der formalistischen Aufgabenstellung genügt, erlitt der Formalismus eine schwere Niederlage. Es ist aber so, dass fast alle Mathematiker formalistische Axiomatiker sind. Mathematische Größen werden so als eine Wirklichkeit verstanden, die über den kreativen Akt von Menschen hinausgeht. Sie werden als Zeichen und Symbole transzendenter Information hinter der Welt der Erscheinungen aufgefasst. Immerhin wurden durch das Übersetzen von Faktischem in das Numerische so manche Geheimnisse der Struktur und des Wirkens der Natur aufgedeckt.

Metaphysik

Bestimmte Denker neigen dazu, bestimmte Abstraktionen für absolute Wahrheiten zu halten. Andererseits wird dagegen die Auffassung vertreten, dass die heutigen Erkenntnisse und Theorien der Naturwissenschaften eine neue Art von Metaphysik (aus dem Griechischen, was frei übersetzt bedeutet: „Das, was hinter der Physik im Regal steht.“) beinhalten.

So gibt es die Meinung, dass die moderne Physik bei ihrer Jagd nach einer absoluten Weltformel, die alles erklärt – wie bei der Großen Vereinheitlichten Theorie (GTV) oder der M-Theorie – auf dem Weg in eine Sackgasse sei. Die M-Theorie ist der Versuch einer Erweiterung und Verallgemeinerung der String-Theorie, wobei Strings ultrakleine Fäden bzw. eindimensionale Objekte sind. Mit den Theorien über Superstrings, dunkle Materie, dunkle Energie, Planck-Länge, Planck-Energie, Branen-Welten, Quantengravitation und Schwarze Löcher sei ein Abdriften in die Esoterik gegeben.

Wer nach dem Grund der Welt, der Beschaffenheit und dem Sinn der Wirklichkeit frägt, sprich: wer philosophisch aufs Ganze geht, ist ein Metaphysiker. Im Gegensatz zu Teildisziplinen der Philosophie wie Ethik, Erkenntnistheorie oder Sprachphilosophie und den Naturwissenschaften wie Physik, Chemie oder Biologie, die jeweils nur ausgewählte Bereiche des Seienden zum Thema haben, fragen Metaphysiker nach dem, was das ganze Weltgeschehen insgesamt bedeutet und zusammenhält. Goethe hat es in seinem „Faust“ dichterisch unnachahmlich in die Worte gefasst: „Wissen möchte ich, was die Welt im Innersten zusammen hält.“

In der Wissenschaft von der Beschaffenheit des Seienden im Allgemeinen, wie Aristoteles (384–322) die Metaphysik umreißt, stehen Begriffe wie Gott, Geist oder Seele zur Diskussion, die in der Erfahrungswelt nicht direkt gegeben sind. Alle Wissenschaften, so sagt die Philosophie, sind Produkte menschlichen Geistes. Sie können nicht über ihre Urheber hinausreichen. Eine Einsicht, die im Prinzip seit Immanuel Kant (1724–1804) klar ist.

Tiefe Wahrheiten und relatives Wissen

Dem Atomphysiker Niels Bohr (1885–1962) wird das Bonmot zugeschrieben, dass das Gegenteil jeder Wahrheit falsch ist, dass jedoch das Gegenteil einer tiefen Wahrheit wieder eine tiefe Wahrheit ist. Das Problem liege seiner Ansicht nach aber darin, dass wir uns einer tiefen Wahrheit nie sicher sein können. Der Philosoph Karl R. Popper (1902–1994) drückte dies in der Weise aus, dass wir nur Vermutungswissen besitzen.

Gemäß Friedrich August Nietzsche (1844–1900) besteht die Funktion unseres Verstandes nicht darin, die letzte Wahrheit zu erkennen. Weder brauchen wir die absolute Wahrheit, um zu überleben und uns in der Welt zurechtzufinden, noch ist sie uns überhaupt zugänglich. Unsere Sinne vermitteln keinen wirklichen Eindruck dessen, was um uns tatsächlich passiert. Das was wir wahrnehmen, ist als eine Übersetzung von Nervenreizen in Bilder zu verstehen. Dies ergebe aber keinen Aufschluss über die Dinge selbst. Naturgesetze seien letztlich nichts anderes als Denkgesetze oder nur als Denkgesetze verständlich. Wahre Erkenntnis sei also nicht möglich. Die Weise wie wir denken und philosophieren, ist von der Art des Ichs beziehungsweise des Selbst abhängig. Wir können nur in bestimmter Art denken oder theoretisieren. So stellt sich die Frage, ob wir überhaupt in der Lage sind, die richtigen Fragen zu stellen? Wissen als Fähigkeit, mit relativen Wahrheiten und relativem Wissen zu leben, – eine solche Einsicht dürfte wohl das Wesen menschlicher Reife ausmachen. Es scheint, dass der ganzen Wirklichkeit so manches innewohnt, das für uns geheimnisvoll und unbegreiflich bleibt. Ein wenig mehr Bescheidenheit bezüglich unserer Wissensansprüche ist also in vielerlei Hinsicht angemessen. Ist doch letztlich jeder Mensch sich selbst auch ein großes Geheimnis.

Bearbeitungsstand: Freitag, 30. Mai 2014
 
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