Die Wissenschaft von der Genealogie heute


Volkmar Weiss, Vorgeschichte und Folgen des arischen Ahnenpasses. Zur Geschichte der Genealogie im 20. Jahrhundert. Neustadt an der Orla, Arnshaugk Verlag 2013, 374 S. ISBN 978-3-944064-11-6, € 42,–

 

Von Heinz-Dieter Pohl

Der Bevölkerungswissenschafter Volkmar WEISS, der als Historiker und Humangenetiker habilitiert ist (s. u.), war von 1990 bis 2007 Leiter der Deutschen Zentralstelle für Genealogie in Leipzig, die sich einerseits der Tradition der 1904 in Leipzig gegründeten liberalen Zentralstelle für Deutsche Personen- und Familiengeschichte in Leipzig verpflichtet fühlt, andererseits aber auch über die von 1933 bis 1944 gesammelten Bestände des Reichssippenamtes verfügt, also auch über die Materialien aus den deutschen Ostgebieten, Siebenbürgen, Südtirol und mehreren anderen Gebieten, von denen es auch gedruckte Bestandsverzeichnisse gibt. Bis 1999 hatte sich mit der Geschichte der deutschen Genealogie (insbesondere von 1933 bis 1945) noch niemand ernsthaft und wissenschaftlich beschäftigt, was u.a. auch darin seine Ursache hat, dass viele Genealogen, die in den ersten Jahrzehnten nach 1945 in den Vereinen der deutschen Familiengeschichtsforschung eine Rolle spielten, irgendwie beteiligt waren.

Der Verfasser hat seine von 1999 bis 2006 in Fachzeitschriften und Jahrbüchern veröffentlichten Aufsätze (Quellenverzeichnis S. 355–357) zu diesem heiklen Thema nun in einem sehr interessanten und inhaltsreichen Buch zusammengefasst, darunter viel beachtete Beiträge, die nun gesammelt und aktualisiert in dem vorliegenden Sammelband vorliegen. Genealogische Erkenntnissse sind auch für die Psychologie, die Medizin, die Sucht- und Traumaforschung von Bedeutung. Ein umfangreiches Sach- und Personenregister erleichtert die Benützung dieses Buches, mit dem sich jeder, der sich mit der Geschichte der Genealogie befassen will, wird auseinandersetzen müssen.

Bis in das 19. Jahrhundert war die Ahnenforschung (oder Genealogie) typisch für den Adel, denn die Abstammung legitimierte seine bevorzugte Stellung in Staat und Gesellschaft. Der Wandel von der feudalen zur bürgerlichen Gesellschaft ließ dann eine bürgerliche Genealogie entstehen, die Ausdruck eines neuen Selbstbewusstseins war, aber auch eine Antwort auf Modernisierungstendenzen wie z. B. die Verstädterung, die Umbrüche im Leben der Bauern und die Auflösung der Großfamilie (also der familiären Lebenszusammenhänge). Von Anfang an spielten in der Genealogie auch völkisch-biologistische und nationalistische Gesichtspunkte eine große Rolle, wodurch sie später auf Grund des Missbrauchs durch die Nationalsozialisten diskreditiert wurde, was aber pauschal nicht gerechtfertigt ist. Sogar einige Persönlichkeiten, die der NS-Ideologie ablehnend gegenüberstanden und zu deren Gegnern gehörten, wie u. a. Graf Coudenhove-Kalergi, der Gründer der Paneuropa-Union, haben damals ganz selbstverständlich von „Menschenzucht“ gesprochen, auf der die meisten Oligarchien beruht haben sollen: „So züchtet der Mensch alle Haustiere. Nur sich selbst nicht. Seine eigene Rasse läßt er verkommen. In früheren Zeiten wurden auch Menschen gezüchtet. Alle Kasten waren menschliche Zuchtversuche. … Die meisten Oligarchien beruhten auf Menschenzucht. Sie glaubten an ihr besseres Blut und dessen überragende Führereigenschaften.“ (S. 70 mit Lit.)

Erbgut habe somit etwas mit dem sozialen Schicksal zu tun und mit „Blut“ meinte man damals den heutigen Begriff „Gene“. Obwohl es zwischen den genealogischen Vereinen und den Nationalsozialisten mitunter beträchtliche Differenzen gab, steht deren Forschung seit damals immer im Schatten der 1933 erfolgten „Machtergreifung der Viehzüchter“ (S. 66 ff.).

Der Verfasser geht also der Frage nach, warum im Jahre 1933 innerhalb weniger Monate mehrere antisemitische Gesetze erlassen werden konnten, wo und ab wann man die geistigen Wurzeln des arischen Ahnenpasses aufspüren kann. Weiters stellt sich die Frage, was das für die genealogischen Vereine für Folgen hatte, denn trotz des Missbrauchs durch die Nazi gab es daneben auch seriöse Forschungen und wissenschaftliche Leistungen, die diese Zeit überdauert haben.

Die Folgen der so genannten Machtergreifung

Mit der „Machtergreifung“ wurde also das Interesse an der Genealogie in den Dienst der NS-Rassenideologie gestellt. Das Kapitel „Die Vorgeschichte des arischen Ahnenpasses“ umreißt zunächst die Aufgaben der Genealogie zu dieser Zeit „Unserem Kanzler Hitler blieb es vorbehalten, der Genealogie und Vererbungslehre zu dem Platz in der Reihe der Wissenschaften zu verhelfen, der ihnen zukommt. Genealogie hat nun aufgehört, nur Privatinteresse zu sein, sie ist Staatsinteresse zum Wohle des gesamten Volkes geworden“ (S. 12 mit Lit.); sie sei keine „Liebhaberei“ mehr. Bekanntlich wurde am 7. April 1933 im Deutschen Reich das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ verabschiedet, das von allen Beamten einen „arischen Abstammungsnachweis“ verlangte. Allerdings hatte der rassische Antisemitismus schon 20-30 Jahre vor der Machtergreifung in weiten Kreisen der akademischen Jugend großen Anklang gefunden; im Jahre 1933 saß diese Generation bereits an einflussreichen Stellen und die folgende Generation war eher noch aktiver, was sich u.a. darin niederschlug, dass schon im Jahre 1931 auf dem Grazer Studententag der „Nationalsozialistische Deutsche Studentenbund“ auf demokratischem Weg die Mehrheit in der Deutschen Studentenschaft errungen hat. In rascher Folge erließ nun die Regierung unter Adolf Hitler weitere Gesetze, denen die genealogische Argumentation zugrunde lag; dazu auch Gesetze wie etwa das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“. Die große Eile, mit der man die neuen Vorschriften erließ, legt nahe, dass man schon lange vor der nationalsozialistischen Machtergreifung Überlegungen in diese Richtung angestellt hatte. Schließlich wurde mit der Einführung des „Ahnenpasses“ durch die Nationalsozialisten deren völkisches und rassistisches Weltbild in die aktuelle Politik umgesetzt und ihm Gesetzeskraft verliehen. Darüber berichtet anschaulich das Kapitel „Im Schatten der Nürnberger Gesetze“ (S. 151 ff.) mit ihrem Rassenbegriff, wobei viele Aspekte des Antisemitismus näher erläutert werden (auch der Zionismus).

Das Kapitel „Johannes Hohlfeld (1888–1950) und die Zentralstelle für Deutsche Personen- und Familiengeschichte in Leipzig“ zeigt, dass die wissenschaftliche Genealogie die NS-Zeit überlebt hat und es 1945 zu einem Neuanfang gekommen ist. Von 1921 bis 1967 gab es den Verein „Deutsche Ahnengemeinschaft“, von 1933 bis 1945 den genealogischen Verein „Roland“ mit Sitz in Dresden, dessen Fortsetzer dann die „Zentralstelle für Genealogie in der DDR“ war, aus der dann im Jahre 1967 die „Deutsche Zentralstelle für Genealogie (DZfG)“ zur Verwaltung der genealogischen Sammlungen, u.a. des ehemaligen Reichssippenamtes, gebildet wurde.

Die Vereine der deutschen Genealogen hielten bis 1932 Abstand von antisemitischen Bestrebungen, mit Ausnahme des „Roland“ (s. o.). In der Folgezeit unterstand die Zentralstelle der staatlichen Archivverwaltung des Ministeriums des Innern der DDR. Nach dem 3. Oktober 1990 wurde sie unter der Bezeichnung „Deutsche Zentralstelle für Genealogie“ als Spezialarchiv für Personen- und Familiengeschichte vom Freistaat Sachsen übernommen und war dem Sächsischen Staatsministerium des Innern als oberster Aufsichtsbehörde für das staatliche Archivwesen nachgeordnet. Diese leitete der Verfasser des vorliegenden Werkes von 1990–2007. 1995 wurde die Zentralstelle als Abteilung in das Staatsarchiv Leipzig eingegliedert.

Die Situation heute

Auf Grundlage der 2007 erfolgten Änderung der Organisationsstruktur des Sächsischen Staatsarchivs gehört die Deutsche Zentralstelle für Genealogie heute zum Referat 33 des Staatsarchivs Leipzig. Die Zentralstelle stellt genealogische Unterlagen aus dem deutschsprachigen Raum, u. a. Kirchenbuchunterlagen, Ahnenlisten, genealogische Nachlässe und Sammlungen, Personenkarteien, Ortsfamilienbücher sowie Publikationen für die Benutzung bereit.

Abschließend einige Bemerkungen zum Begriff „Arier“, altindisch arya – ‚arisch’, arya – ‚Herr’, altiranisch ariya – ‚arisch’. Dieser war ursprünglich die Eigenbezeichnung der Indo-Iranier, die durch zwei große Gruppen vertreten sind: die Iranier und die Indoarier (heute u.a. Hindi, Urdu, Bengali, Nepali, Singhalesisch usw., nicht aber die dravidischen und Munda-Sprachen). Auf die altpersische Kasusform (Genitiv Plural) *aryanam geht mittelpersisch Eran, neupersisch (Farsi) Iran als Name des Staates zurück. In der Wissenschaft bezeichnet man die Sprecher der iranischen Sprachfamilie Iranier, zu denen früher u.a. die Perser, Parther, Skythen und Sarmaten, heute v.a. die Kurden, Farsi- (Iran) und Dari-Sprecher (in Afghanistan), Tadschiken, Osseten und Paschtunen zählen. Als man im 18. Jhdt. die Verwandtschaft der arischen (also indo-iranischen) Sprachen mit den meisten europäischen Sprachen entdeckte (daher spricht man von der indoeuropäischen oder indogermanischen Sprachfamilie), wurde der Name arisch fälschlich auf alle Indogermanen übertragen und diesen eine „nordische“ Herkunft zugeschrieben. War dies im 19. Jhdt. eher Romantik, wurde es im 20. Jhdt. unter der NS-Rassenlehre bekanntlich bitterer Ernst, man sah sich selbst als „nordisch“ bzw. als „arisch“ und v.a. als „höherwertig“. Eine Ironie der Geschichte: Die einzigen echten „Arier“ in Europa sind die Roma, vormals Zigeuner genannt, deren Vorfahren tatsächlich aus Indien stammen und die eine indoarische Sprache sprechen, das Romani oder Romanes. Während die Staatsbürger des Deutschen Reiches nach der Machtergreifung der Nazi einen „Arier-Nachweis“ benötigten, galten die Roma als „nicht-arisch“ und wurden verfolgt bzw. ermordet, erlitten also ein ähnliches Schicksal wie die Menschen jüdischen Glaubens.

Zum Autor Volkmar Weiss

Geboren 1944 in Zwickau, deutscher Genetiker und Historiker, dessen These einer biologisch vorgegebenen Intelligenz, die jeweils ethnisch und nach der Zugehörigkeit zur Sozialschicht kollektiv fixiert sei, Aufsehen hervorrief. Ab 1963 studierte Weiss Germanistik, Geographie und Biologie in Leipzig. Ab 1968 erhielt er eine Spezialausbildung in Anthropologie an der Humboldt-Universität zu Berlin. 1969 begann er mit der Erforschung des sozialen Hintergrunds der Mathematik-Hochbegabten der DDR, und er wurde in der Abteilung Soziologie der Akademie der Wissenschaften eingestellt. 1970 erhielt er von der Humboldt-Universität das Diplom für Biologie und wurde 1972 zum Dr. rer. nat. promoviert. 1974 fand ein Wechsel nach Leipzig an die Deutsche Hochschule für Körperkultur statt. Ab 1977 war er in der Abteilung Bildungssoziologie im Zentralinstitut für Jugendforschung tätig. 1984 wurde er Mitarbeiter der Forschungsstelle für Regionalgeschichte des Zentralinstituts für Geschichte der Akademie der Wissenschaften der DDR in Berlin. Als Ergebnis dieser Tätigkeit verteidigte er 1993 eine Habilitationsarbeit zur Sozialgeschichte Sachsens. 1990 war er als Leiter der Deutschen Zentralstelle für Genealogie in Leipzig berufen worden, die 1995 dem Sächsischen Staatsarchiv Leipzig als Abteilung unterstellt worden ist. Seit 2008 ist Weiss im Ruhestand und verfasst Sachbücher und utopische Romane.

Quelle

http://www.arnshaugk.de/index.php?korb=&autor=Weiss,%20Volkmar
(Internetseite des Verlages).

Bearbeitungsstand: Donnerstag, 31. Juli 2014
 
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