Wie die Anti-Familienpolitik scheitert


Fuchs, Stefan: Gesellschaft ohne Kinder. Woran die neue Familienpolitik scheitert, Verlag Springer VS, Wiesbaden 2014, broschiert, 412 Seiten, ISBN 978-3-IS658-03390-3

 

Von Barbara Rosenkranz

Stefan Fuchs forscht seit 2009 am Institut für politische Wissenschaft und Soziologie an der Universität Bonn und ist seit 2010 Geschäftsführer der Deutschen Gesellschaft für Demographie. Schwerpunkt seiner Arbeiten ist der demographische Wandel, seine Ursachen und Wirkungen. Thema dieses 400 Seiten starken Textes (Wiesbaden 2013) ist die Analyse der historisch niedrigen Geburtenzahlen in den industrialisierten Ländern vor allem Europas und die Wirksamkeit der verschiedenen familienpolitischen Konzepte, die als Antwort darauf entwickelt wurden. Im Zentrum der Untersuchungen stehen die Verhältnisse in der Bundesrepublik Deutschland. Daten und Statistiken aus dem gesamten OECD-Raum, besonders aus den Staaten Skandinaviens, die allgemein als „best practice“ Beispiele gelten, werden verglichen und ausgewertet. Sowohl die demographischen Fakten als auch die dargestellten politischen Trends sind um einige Jahre zeitverzögert auch in Österreich Standard.

Ausgangspunkt der Arbeit ist der Paradigmenwechsel in der deutschen Familienpolitik zu Beginn der zweiten Regierung Schröder (2002–2005), der mit einem Tabubruch beginnt. Das bis dahin unbestrittene Dogma, das einen „geburtenfördernden Pronatalismus“ als illegitim ausschloss, weicht einem konträren Ansatz. Von nun an gilt die Geburtenrate als die Maßzahl, die über Erfolg oder Misserfolg familienpolitischer Konzepte bestimmt. Die kritische Beurteilung der herrschenden gesellschaftlichen Verhältnisse liest sich seither so: Eine geringe Geburtenrate geht einher mit niedriger Frauenerwerbstätigkeit, ein schwaches Bildungsniveau mit gewachsenen Armutsrisiken. Das zentrale Argument der neuen „nachhaltigen Familienpolitik“ ist somit: Durch die Vereinbarkeit von Beruf und Familie sollen die Gleichstellung der Frauen am Arbeitsmarkt, das Bildungsniveau der Kinder – und – die Geburtenzahlen gleichermaßen verbessert werden. Als Vorbild gelten die skandinavischen Länder, die emanzipierte Strukturen mit einer (relativ) hohen Geburtenrate verbinden.

Das Konzept der „Strukturellen Defamilialisierung“

Dagegen stelle der „Familialismus“, wie er für Deutschland behauptet wird, das Haupthindernis für eine bessere Geburtenentwicklung dar. In der Parole „Mehr Kinder durch weniger Familie“ wird die nun ausgerufene Strategie auf eine griffige Formel gebracht. Gemeint ist: In einem Prozess der „kulturellen Defamilialisierung“ sei der Abbau traditioneller Leitbilder (Maternalismus) voranzutreiben, um die Akzeptanz für die Vollzeiterwerbstätigkeit von Müttern und die als Norm zu etablierende Kinderbetreuungsinfrastruktur als Schlüssel zur „strukturellen Defamilialiserung“ – zu steigern. Damit, so das postulierte Ziel, sei eine Geburtenrate von 1,7 Kinder pro Frau zu erreichen.

Die Aussicht auf die Steigerung des Arbeitskräftepotenzials durch die vollständige Einbindung der Kleinkindmütter in den Arbeitsmarkt bei gleichzeitiger Steigerung der Geburtenrate einerseits und die Qualifizierung der Kinder aus „bildungsfernen“ (migrantischen) Milieus durch Betreuungsinfrastruktur andererseits überzeugt auch wirtschaftsnahe Kreise von der Rentabilität des neuen Konzepts. Treffend zeichnet der Autor in einem eigenen Kapitel den „diskurspolitischen Erfolg der nachhaltigen Familienpolitik“ nach, der durch die Verknüpfung von Geburtenförderung und Wirtschaftsentwicklung erzielt werden konnte. Tatsächlich sind konkurrierende Meinungen in der öffentlichen Debatte mittlerweile stigmatisiert. Umso höher ist der Wert der vorliegenden Arbeit zu veranschlagen, die unangreifbar hohe wissenschaftliche Professionalität mit politischer Klarsicht verbindet.

Nachdrücklich arbeitet der Autor die Radikalität des familienpolitischen Kurswechsels heraus. Die faire Aufteilung der Lasten zwischen Eltern und Kinderlosen durch den „Familienlastenausgleich“ und die Offenheit für unterschiedliche Lebensentwürfe durch „Wahlfreiheit“ treten als Leitbegriffe einer zu überwindenden Programmatik in den Hintergrund, um schließlich ganz zu verschwinden. In diesem Zusammenhang zeigt Fuchs auch auf, dass die nachhaltige Familienpolitik nicht einfach den gesellschaftlichen Veränderungen Rechnung trägt, wie immer wieder argumentiert wird. Er macht vielmehr deutlich, dass politische Entscheidungsträger sich für legitimiert halten, den Wandel anzutreiben und zu steuern: Das Prinzip der sozialen Gerechtigkeit und das staatliche Neutralitätsgebot gegenüber privaten Entscheidungen werden von dem Vorsatz abgelöst, mittels Müttererwerbstätigkeit und Institutionenkindheit ein (antihierarchisches) egalitäres Leitbild durchzusetzen. Im politischen Diskurs wird vor allem auch der pronatalistische Anspruch, die Geburtenraten zu steigern, bekräftigt, womit die familienpolitische Effizienz der Konzeption behauptet wird. Die Forschungsfrage, die untersucht wird, lautet daher: Wird die „nachhaltige Familienpolitik“ diesem selbst gestellten Ziel gerecht?

Die Ergebnisse sprechen gegen die „Defamilialisierung“

Stefan Fuchs setzt seine Untersuchungen in einen historischen Rahmen. In einem „ersten demographischen Übergang“ von 1880–1960 hat sich die bürgerliche Kernfamilie – verheiratete Eltern mit ihren Kindern – als gesellschaftliche Norm des Erwachsenenlebens etabliert. Der Anteil der zeitlebens Ledigen ging nach 1900 ebenso zurück wie die Anzahl unehelicher Geburten. In den 1960er Jahren setzte, von Nordeuropa ausgehend, eine Trendumkehr ein. Ein „zweiter demographischer Übergang“ relativiert die besondere soziale Stellung von Ehe und Familie. Die Scheidungsziffern und der Anteil unehelicher Geburten beginnen zu steigen und erreichen zuvor unbekannte Höhen. Damit verbunden ist ohne Ausnahme in allen Staaten Europas der kontinuierliche Rückgang der Geburtenraten. Von diesem Zusammenhang her, der Beziehung zwischen Verheiratetsein und Kinderzahl nähert sich der Autor seiner Forschungsfrage und konstatiert: „Für die Fertilität ist der Familienstand eine Schlüsselvariable.“

In präziser Interpretation einer reichen Auswahl von statistischen Fakten und repräsentativen Umfragen räumt die Studie mit einer Reihe von vorgefassten Fehlmeinungen auf und entwirft ein Bild, das in entscheidenden Punkten das programmatische Fundament der nachhaltigen Familienpolitik widerlegt: Mehr Kinder durch weniger Familie als Ausdruck einer zeitgemäßen „Modernität“ – das Defamilialisierungskonzept erweist sich im Licht einer seriösen wissenschaftlichen Überprüfung als nicht stichhaltig. Die Bewertung jener Thesen, die im öffentlichen Diskurs eine besondere Rolle spielen, sei herausgehoben:

Der Zusammenhang zwischen einer positiven Einstellung zur Ehe und zu Kindern ist auf der Ebene der Einzelpersonen (Mikroebene) unbestreitbar. Auch in den „defamilialisierten“ Gesellschaften Skandinaviens sind es die in traditioneller Paarbeziehung lebenden Ehefrauen, die die meisten Kinder haben. Dieser Zusammenhang kann auch nicht durch eine nachträgliche Rechtfertigung der auf Grund fehlender Wahlmöglichkeiten entstandenen Biographien – ex post – erklärt werden. Die aufeinander bezogene Aufgeschlossenheit für Ehe und für Kinder ist in Umfragen bereits vor der Realisierung dieses Lebensentwurfs – ex ante – zu messen.

Empirisch zweifelsfrei belegt ist auch, dass aktive Religiosität eine positive Einstellung zu Kindern ebenso begünstigt wie eine mit Geschwistern erlebte Kindheit. Die „soziale Vererbung“ erklärt die Bedeutung der erlebten Realität für den Kinderwunsch und zeigt die hohe Eigendynamik einmal in Gang gekommener demographischer Prozesse.

Die Behauptung, dass sich der für die Mikroebene anerkannte positive Zusammenhang zwischen Ehe und Kindern auf der gesamtgesellschaftlichen Ebene (Makroebene) in sein Gegenteil verkehre, ist nicht nur scheinbar paradox, sondern tatsächlich falsch. Der dazu regelmäßig herangezogene Querschnittvergleich zwischen einzelnen Ländern ist für diese Frage allein nicht relevant, weil er die Ausgangspositionen unberücksichtigt lässt. Ein Längsschnittvergleich von 1960 an zeigt, wie erwähnt, dass ausnahmslos in allen Ländern die Geburtenraten einen deutlichen Abwärtstrend erfahren haben, während Scheidungszahlen und der Anteil illegitimer Geburten ständig angestiegen sind. Auch in den skandinavischen Ländern ist der Bedeutungsverlust der Ehe eindeutig mit dem Rückgang der Geburtenzahlen verbunden.

Eine Beziehung zwischen Vollzeiterwerbstätigkeit und Geburtenfreudigkeit besteht nicht. Starke Erwerbsbeteiligung von Kleinkindmüttern kann sowohl mit extrem niedrigen Geburtenraten (in den neuen Bundesländern der ehemaligen DDR, in Spanien) als auch mit den relativ hohen Geburtenraten in den skandinavischen Ländern einhergehen. In diesem Zusammenhang hat die gründliche Arbeit des Autors zu Tage gefördert, dass in den zumeist herangezogenen Daten zur Frauenerwerbstätigkeit auch die aktuell karenzierenden Mütter mit inbegriffen sind. Was die aktive Erwerbsbeteiligung von Müttern kleiner Kinder betrifft, liegt Schweden wie übrigens auch Frankreich im Mittelfeld.

Das schwedische Modell zeigt aber: In postmodernen, stark „defamilialisierten“ Gesellschaften kann der großzügige Einsatz von wohlfahrtsstaatlichen Mitteln die Geburtenhäufigkeit zwar nicht erhöhen, den Einbruch aber abmildern und bremsen. Das gilt sowohl für direkte Leistungen zur Erhöhung der materiellen Sicherheit als auch für die Bereitstellung von Infrastruktur zur Unterstützung der Kinderbetreuung. Entgegen landläufiger Vorstellungen fährt die Familienpolitik in den nordischen Ländern und in Frankreich zweigleisig.

Falsche Kritik an der Teilzeitarbeit

Die Annahme, dass hohe Teilzeitquoten von Müttern auf ein mangelhaftes Betreuungsangebot zurückzuführen seien, findet im Ländervergleich keine Bestätigung. Vielmehr zeigt sich, dass gerade in besonders wohlhabenden Gesellschaften, in denen kein Druck zur (zweiten) Vollzeiterwerbstätigkeit besteht, die Teilzeitquoten tendenziell hoch sind. Dies gilt auch bei gut ausgebauter Betreuungsinfrastruktur (Frankreich, Belgien, Norwegen), woraus geschlossen werden kann: Teilzeitarbeit entspricht den Vorstellungen vieler Frauen, was die Balance zwischen Familie und Erwerbsarbeit betrifft.

Damit sind wesentliche Thesen, die sich auf das Defamilialsierungsdogma stützen, als unzutreffend zurückzuweisen. Die umfassende Fülle des Materials, das der Autor einer sorgfältigen Beurteilung unterzieht, ist ebenso beeindruckend wie seine scharfsinnige und unabhängige Interpretation der Ergebnisse. Schlüssig entwirft er ein Bild, das die „Gesellschaft ohne Kinder“, die einen Geburtenrückgang unter dem Generationenersatz bilanziert, als etwas radikal Neues beschreibt. Von da her weist er im Gegensatz zu beschwichtigenden soziologischen Interpretationen den Vergleich mit früheren Epochen zurück. Die verbreitete Ehelosigkeit in den „alteuropäischen“ Agrargesellschaften habe die Ehe als Institution nicht in Frage gestellt. Dagegen müsse der „zweite demographische Übergang“ ab 1960 als radikale „Lebensformenrevolution“ gedeutet werden, in der die Ehe ihr Monopol als Partnerschaftsform und die Familie ihre soziale Verbindlichkeit verloren habe. In einem eigenen Abschnitt legt der Autor die philosophischen und kulturellen Wurzeln dieses Umbruchs frei. Unter Berufung auf Eric Hobsbawm macht er dafür einen Mentalitätswandel hin zu „Selbstentfaltungswerten“ aus. Mit Josef Schumpeter deutet er die „kulturelle Defamilialisierung“ als Siegeszug eines „rationalistischen Individualismus“, der langfristigen und irreversiblen Bindungen zuwiderläuft. „Es gibt keine Gesellschaft, es gibt nur Individuen“, Margret Thatchers Bekenntnis lässt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Dass radikaler Individualismus und egalitäre Gesellschaftsmodelle mit dem Prinzip des starken Staates bestens harmonieren, ist dem Autor, der dazu im Aufsatz „Feindbild Familie, Leitbild Leviathan?“ (in: „Die neue Ordnung“, S. 112–123, 64. Jahrgang, Nr. 2/2010) publiziert hat, präsent.

Die im Untertitel angerissene These „Warum die neue Familienpolitik scheitert“ hat Stefan Fuchs in seiner Studie souverän begründet. In seinem Fazit macht er die Grenzen bevölkerungspolitischer Interventionen überhaupt deutlich, indem er auf die vorpolitischen Ursachen der aktuellen Entwicklung verweist. Auch eine pronatalistisch orientierte Familienpolitik werde an den kulturellen und sozialen Wertvorstellungen der Menschen wenig ändern.

Entschieden warnt er davor, das Dogma einer „negativen Defamilialisierung“ zu entwickeln, um durch wirtschaftlichen Druck das favorisierte egalitäre Gesellschaftsmodell zu erzwingen. Negativanreize seien überhaupt, ob „modern = defamilalisierend“ oder auch „traditionell = refamilialisierend“ in hochgradig pluralistischen Gesellschaften nicht erfolgreich und auch nicht legitim. Vielmehr schlägt Stefan Fuchs vor, zur Beachtung von sozialer Gerechtigkeit und Wahlfreiheit zurückzukehren und eine Familienpolitik zu entwerfen, die sich an der Maxime Großzügigkeit, Mehrgleisigkeit und Flexibilität orientiert. Das eine tun und das andere nicht lassen … das könnte ein Weg sein.

 
Frau Abgeordnete zum Nationalrat Barbara Rosenkranz, Wien, lebt in Niederösterreich.

Bearbeitungsstand: Donnerstag, 31. Juli 2014
 
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