Mysterium Geldwesen


Die Wissenschaft streitet über das „richtige“ Geldsystem

 

Von Karl Sumereder

Spricht man vom Preis, so denkt man an Geld. Es gibt unter den Wirtschaftstheoretikern aber kaum einen Konsens darüber, was Geld eigentlich ist und welche Funktionen es hat. Für die Geldtheorien in Gestalt der Zeichen-, Symbol-, Zahl-, Marken-, Anweisungs- oder Forderungsrechttheorie, als nominalistische Theorien bekannt, ist Geld die Verkörperung eines Güteranspruchs. Das Buchgeld, die modernste Geldform, sei überhaupt etwas Ätherisches. 

Für die Gegner dieser Geldlehren ist Geld hingegen ein Wirtschaftsgut, eine Ware. Geld ist das am häufigsten preisgegebene Tauschmittel und ist auch eine Recheneinheit. Für den Volkswirt ist das Wort Geld somit ein sprachlicher Ausdruck für zwei grundsätzlich verschiedene Begriffe: Einerseits für ein konkretes Tausch- beziehungsweise Zahlungsmittel und andererseits für eine abstrakte Recheneinheit. Das Tauschgut Geld hat gemäß dem Wirtschaftslogiker Professor für Allgemeine Volkswirtschaftslehre Ferdinand Ulmer (1901–1974) einen Preis.[1] Die Recheneinheit Geld ist hingegen ein Preiselement. Das Rechnen in Geld ist keine Funktion des Tauschmittels Geld, sondern stellt die Existenzform der selbstständigen Kategorie Recheneinheit dar. 

Das Tausch- und Rechengeld stellt den Anfangs- beziehungsweise Endpunkt in der Entwicklung des Geldwesens vom primitiven Vieh-, Holz-, Muschel-, Salz- und anderem Sachgeld bis hin zum Münz-, Papier- und Buchgeld dar. 

Das Geldsystem und sein Mechanismus 

Unser heutiges Geldsystem im hoch entwickelten globalen Wirtschaftsleben ist ohne das Tausch- und Zahlungsmittel Geld und dessen Funktion als Recheneinheit nicht vorstellbar. Dieses System wurde aber nicht von jemandem erfunden, sondern hat sich über Jahrhunderte, eigentlich Jahrtausende, entwickelt. Es ist zu einem äußerst komplexen Mechanismus angewachsen. 

Wie aus historischen Forschungen bekannt ist, erfolgte die Entwicklung des Geldsystems zunächst als ein Tauschmittel mit einem bestimmten Nutzwert. Zum Beispiel Holz oder Schafe und Ziegen oder andere Nutztiere. Dem folgten Tauschmittel mit einem Symbolwert, wie spezielle Knochen, Muscheln, Felle, Teeziegel, Salzkugeln oder bestimmte Steine – alles Güter mit einem gewissen Seltenheitswert. Später setzten sich Edelmetalle wie Kupfer, Silber und Gold durch. Als man auf die Idee verfiel, die Edelmetallstücke nicht bei jedem Tausch abzuwiegen, sondern das einmal gewogene Metallstück mit einem obrigkeitlichen Zeichen zu versehen, das Gewicht und Feingehalt garantierte, als Münzen geschlagen wurden, hat dieses Edelmetall seinen besonderen Charakter als ein Wirtschaftsgut bewahrt. Jahrhunderte später wurden oft nicht mehr derartige Münzen in Umlauf gesetzt, sondern Dokumente, Papiergeld. Letzteres mit der beruhigenden Inschrift, dafür von der Zentralbank jederzeit Gold zu erhalten. Seit 1971 gibt es weltweit Papiergeld ohne Golddeckung.[2]

Bei nicht wenigen Wirtschaftstheoretikern hat es einige Zeit gedauert, bis sich das Papiergeld die Anerkennung zu erringen vermochte, nicht bloß ein Surrogat, sondern wirkliches Geld zu sein. In der angebrochenen Zeit, in der überwiegend der Tausch-, Zahlungs- und Geldverkehr in Form von Giralbuchungen, also in der Form von Buchgeld erfolgt, wurde es einsichtig, dass es sich nicht um Geldsurrogate, sondern um wirkliches Geld, um ein Wirtschaftsgut in neuer Gestalt handelt. 

Der Geld- und Kapitalmarkt 

Der heute im Wirtschaftleben so sehr im Vordergrund stehende Kapitalbegriff ist für Ferdinand Ulmer dann bedenklich, wenn gemäß den verschiedenen Kapitaltheorien das Kapital ein Ding besonderer Art sei. Die zahlreichen Unterscheidungen zwischen Sach- und Geldkapital, zwischen mobilem und immobilem, freiem und angelegtem, konstantem und variablem, stehendem und umlaufendem Kapital und so weiter, machen den Begriff Kapital nämlich nicht klarer. Der Begriff Kapital ist ein logischer Ballast und außerdem ein gesellschaftspolitisches Idol mit Pro und Contra. Ulmer ist der Ansicht, dass das eingebürgerte Wort Kapital mit dem trefflicheren Begriff „Aufwand“ ausgedrückt werden kann. Es sei ihm gemäß kein einziges Merkmal zu finden, welches allen Gütern, die sprachlich üblich oder gemäß einer ökonomischen Theorie Kapital genannt werden, gemeinsam wäre und das sie von irgendwelchen anderen im Tausch aufgewendeten Gütern unterscheiden würde. Seiner Ansicht nach sind alle im Tausch aufgewendeten Güter Kapital.

Wie auch immer, der Kapitalmarkt wird heute hauptsächlich als ein Wertpapiermarkt angesehen, der Aktien, festverzinsliche Wertpapiere wie Anleihen, Pfand- und Kommunalbriefe beinhaltet. Er ist ein Markt für langfristige Kredite und Beteiligungen. An den Börsen- und Finanzmärkten werden nicht nur Aktien, Anleihen, Kredite, Rohstoffe und Währungen sowie Wetten auf deren zukünftige Preisentwicklung (= Derivate) gehandelt. Der computergesteuerte Hochfrequenzhandel mit Wertpapieren treibt die Umsatzvolumina in Millisekunden (Käufe und Verkäufe) bereits in das Astronomische. 

Der Geldmarkt hingegen ist der Teil des Finanzmarktes, auf dem kurzfristige Gelder (Forderungen und Verbindlichkeiten) gehandelt werden. Er ist der Markt, der die Funktion von Zahlungsmitteln ausübt, den Handel mit Geldmarktpapieren zwischen Kreditinstituten, Umschichtungen der Liquidität von einer Bank auf eine andere. 

Das Freigeld 

Eine besondere Geldform war der Freigeldversuch in den Jahren 1932/33 in der Tiroler Gemeinde Wörgl. Freigeld ist ein Bargeld, das nur mit Risiko oder Schaden gehamstert, thesauriert werden kann und das stets in einer Menge im Umlauf gehalten wird, die konkret dem Waren- und Leistungsangebot entspricht, so dass seine Kaufkraft fest bleiben muss. Freigeld ist ein reines Tauschmittel und erfüllt so eine Anforderung, die schon Aristoteles (384–322 v. u. Z.) an ein gutes Geld gestellt hat. Nämlich, dass es stets und ohne Unterbrechung weitergegeben werde, da seine Aufgabe der Umlauf sei. 

Eine derartige Freigeld-Währung hatte die Schweiz bereits in der Zeit von Oktober 1927 bis März 1929 praktiziert. 

Die Gemeinde Wörgl unter Führung des Bürgermeisters Michael Unterguggenberger hat 1932 angesichts der Weltwirtschaftskrise in Anlehnung an die Freigeldwährung der Schweiz Schillingscheine im Nominalwert von 32.000 (2000 zu 1 Schilling, 2000 zu 5 Schilling, 2000 zu 10 Schilling) gedruckt und in Umlauf gebracht. Um nicht gegen das Notenmonopol der Österreichischen Nationalbank zu verstoßen, wurde dieses Freigeld als „Arbeitswertscheine“ bezeichnet. Am 15. September 1933 wurde aber der auf das lokale Wirtschaftsgeschehen und auf Steuerleistungen an die Gemeinde sich sehr positiv auswirkende Freigeldversuch, dem sich auch die Nachbargemeinden Kitzbühel, Hopfgarten, Brixen und Westendorf angeschlossen hatten, behördlich verboten. 

Die europäischen Währungseinheiten (RE, ECU, Euro) 

Eine Vorgängerin des in Österreich am 1. Jänner 2002 als Bargeld eingeführten Euro war die 1979 geschaffene Verrechnungseinheit European Currency Unit (ECU) mit deren Vorläuferin, der Recheneinheit (RE) als ein gemeinsamer Nenner für die nationalen Währungen der seinerzeitigen Mitgliedstaaten. Die Währungseinheit ECU wurde aus einem „Währungskorb“ gebildet, der sich aus bestimmten gewichteten Beträgen jeder Gemeinschaftswährung zusammensetzte. Abgesehen von der Verwendung als Bezugsgröße für den Wechselkursmechanismus, diente die Währungseinheit ECU auch als Reservemedium und Instrument für den Saldenausgleich zwischen den Zentralbanken des Europäischen Währungssystems (EWS). 

Die Umstellung 2002 vom Schilling auf den Euro (Wechselkurs 13,7603 Schilling = 1 Euro) war die sechste Währungsreform beziehungsweise Währungsumstellung der österreichischen Währungsgeschichte seit 1816 nach den Napoleonischen Kriegen. Vorgänger des Euro waren der Gulden, die Krone (Österreich-Ungarn), der Schilling (Erste Republik), die Reichsmark (1938), der Schilling (Zweite Republik) sowie die Währungsreform 1947 mit einer Schillingabwertung auf ein Drittel. 

Die Zeit der elektronischen Datenverarbeitung 

In der angebrochenen Epoche der elektronischen Datenverwertung erfolgte eine der größten Revolutionen im Geldwesen. Geld wird erschaffen, ohne dass es gedruckt wird, das so genannte Buchgeld. Unterschiedlich nach Mitgliedsländern der Europäischen Union besteht gemäß der Europäischen Zentralbank die Basis Geldmenge = Bargeld und Girokontenguthaben zwischen 5 und 20 Prozent aus von den Landeszentralbanken gedruckten Banknoten und geprägten Münzen und zu 80 bis 95 Prozent aus Buchgeld. 

Im Zuge der geschehenen Weiterentwicklung hat das Geld viele Funktionen zusätzlich zum ursprünglichen Wertmaß für die Preise von Produkten und Dienstleistungen und als Tausch- beziehungsweise Zahlungsmittel zur früheren Tauschvereinfachung und zur Abwicklung von Käufen erhalten. Geld mit der Kreditfunktion, als Wertspeicher beim Sparen und der Zukunftsvorsorge, als Statussymbol, als Machtmittel und als Steuerungsmittel für die Finanzierung von Staatsaufgaben. 

Die Herrschaft des Geldes

Wenn Sie nur ungefähr wissen, wie das heutige Geldsystem funktioniert, wie die Beziehungen zwischen Geschäfts- und Zentralbanken liegen, was eine Schattenbank ist und auf welchem Wege Abermillionen Euro in Steueroasen transferiert werden, welches Gremium die Geldordnung entwickelt, welches Parlament oder welcher Souverän sie beschlossen hat, dann greifen Sie zum Buch von Christian Felber, dem Referenten zu Wirtschafts- und Sozialfragen und dem Wortführer einer neuen Idee für eine gerechte Wirtschaft: Geld – die neuen Spielregeln.[3] 

Eines der größten Probleme unserer Gegenwart ist eine starke Ungleichheit und eine damit verbundene Marktkonzentration in Wirtschaft und Politik. Christian Felber plädiert dafür, dass jede(r) so viel vom „öffentlichen Gut Geld“ erwerben und besitzen dürfe, dass er oder sie sich ein relativ komfortables Leben leisten könne. Es dürfe jedoch niemand so viel Macht bekommen, dass sein oder ihr politischer Einfluss die gleichen Teilhabechancen anderer annulliere. 

Das liberale Grundprinzip besagt, dass allen Menschen die gleichen Freiheiten zustehen. Die Freiheiten einer Person finden aber dort ihre Grenze, wo ein eigenes Mehr an Freiheit die einer anderen Person einschränkt. Der US-Wirtschaftswissenschafter Milton Friedman (1912–2006) schrieb, dass die Freiheit beschränkt sein müsse, um die Freiheit von jemandem anderen zu wahren. Der Nationalökonom und Sozialphilosoph Friedrich von Hayek (1899–1992) folgerte, dass die Aufgabe einer Politik der Freiheit darin liege, dass Macht begrenzt sein muss, um Zwang oder seine schädlichen Wirkungen zu verringern. 

Eine grundlegende Alternative 

Christian Felber führt im erwähnten Buch aus, dass angesichts der systematischen Unterminierung der Demokratie durch die Geldaristokratie eine tiefgreifende Reform des Geldsystems, eine Änderung der Spielregeln durch die zuständigen demokratischen Gremien und Institutionen wohl nur geringe bis gar keine Aussichten auf Erfolg habe. Er schlägt im Dienste der Menschheit und der Wirtschaft im Sinne von Gemeinwohl eine grundlegende Alternative der Geldordnung vor. Er skizziert einen in Gang zu bringenden demokratischen Prozess, wie man von der heutigen Plutokratie und Finanzdiktatur zu einer demokratischen Geldordnung kommen könne. Detailliert wird beschrieben, wie man dazu gelangen könnte. Ein wichtiger „privater Prototyp“ auf dem Weg zu einem ethischen Umgang mit Geld wäre seiner Ansicht nach die Gründung einer „Bank für Gemeinwohl“. Eine seiner Grundthesen ist, dass Geld, wie schon erwähnt, zu einem „öffentlichen Gut“ werden müsse. 

Als öffentliche Güter gelten in der klassischen Wirtschaftswissenschaft solche, welche die Kriterien der Nichtausschließbarkeit und Nichtrivalität erfüllen. Nichtausschließbarkeit bedeutet, dass niemand von der Nutzung ausgeschlossen werden kann; beispielsweise wie von sauberer Luft, Straßenbeleuchtung oder öffentlicher Sicherheit. Nichtrivalität bedeutet, dass kein Konflikt in der Nutzung auftritt, wie dies für saubere Luft, Straßenbeleuchtung und öffentliche Sicherheit zutrifft. Öffentliche Güter, für die diese beiden Kriterien zutreffen, werden als „reine öffentliche Güter“ bezeichnet. Während solche, für die nur das erste Kriterium zutrifft, als „unreine öffentliche Güter“ oder auch Allmenden bezeichnet werden. Geld ist allerdings eine Allmende, alle können es nutzen, aber nicht zur gleichen Zeit. Ein bestimmter Euro-Schein oder ein Girokontoguthaben kann nur von einer bestimmten Person verwendet werden, aber nicht gleichzeitig von einer anderen. 

Felber schlägt vor, Geld als öffentliches Gut in Richtung eines „Service Public“ und einer „res publica“ weiterzuentwickeln und meint dabei von ihm beschriebene vier Erkennungsmerkmale von Geld und Kredit als öffentliches Gut und beschreibt ausführlich die Bausteine einer demokratischen Geldordnung. 

Felber gehört augenscheinlich mit Joseph Huber in die Reihe der Theoretiker, die sich u. a. für ein „Vollgeld“ aussprechen. Gemeint ist, dass Banken nur dann Kredite vergeben dürfen, wenn sie über Geldreserven in gleichem Ausmaß verfügen. Da bleiben viele Fragen offen.[4]

Im Verlauf der Entwicklung hat Geld viele Funktionen zusätzlich zum ursprünglichen Wertmaß für die Preise von Produkten und Dienstleistungen und als Tausch- beziehungsweise Zahlungsmittel erhalten. Dem Vernehmen nach ist die Existenz einer systematischen Geldwissenschaft nicht vorhanden. Zwar gibt es einzelne Lehrstühle an Universitäten und Lehrveranstaltungen mit solchem Namen. Allein für Bankwissenschaften, so wird gesagt, gibt es mehr Lehrstühle als für die Geldwissenschaft. Das uns an und für sich vertraute wertvolle Gut Geld oder auch der Mammon (hebr.), der Götze Geld, ist für Wirtschaftstheoretiker ein nach wie vor umstrittener Begriff, ist somit letztlich für uns alle irgendwie ein Mysterium. 

Anmerkungen

[1] Ferdinand Ulmer „Grunderkenntnisse einer allgemeinen Wirtschaftslehre“, Otto Müller Verlag Salzburg, 1948.

[2] Das Abkommen von Bretton Woods (USA) wurde 1944 beschlossen. Es sah flexible Wechselkurse innerhalb einer bestimmten Bandbreite vor und eine nominale Bindung des US-Dollar an das Gold. 1971 hoben die USA unter Präsident Nixon diese Dollar-Gold-Bindung auf. Seitdem dominiert das sogenannte Fiat-Money, das künstlich „gemachte“, sprich: das vom Bankensystem und den Zentralbanken geschöpfte Geld.

[3] Christian Felber, „Geld – Die neuen Spielregeln“, Deuticke im Paul Zsolnay Verlag Wien, 2014, 303 Seiten. 

[4] Vgl. „Der Geldmaschine den Stecker ziehen – Alternative Währungssysteme fristen ein Schattendasein“, „Der Standard“, 20. August 2014, Seite 17. 

Bearbeitungsstand: Sonntag, 28. September 2014

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