Deutschland – Südtirol – Italien und die großen Missverständnisse


Von Wolfgang Schimank

Wenn in einem Film zwei Personen vollkommen aneinander vorbeireden und sich daraus die kuriosesten Situationen ergeben, ist oft Spannung und Spaß angesagt. Der Zuschauer kommt dabei auf seine Kosten. Wenn Politiker, und noch schlimmer Politiker aus unterschiedlichen Ländern, aneinander vorbeireden, kann es zu ernsthaften Fehlentwicklungen kommen und zudem den ohnehin bestehenden Politikerverdruss fördern.

Anfang 2013 schrieb ich an Bundespräsident Joachim Gauck einen Brief und informierte ihn darüber, wie Rom die Autonomie Südtirols unter dem Vorwand der EURO-Rettungssparmaßnahmen Stück für Stück aushöhlte. Über die Antwort war ich entsetzt: Er ging nicht auf die Demontage der Autonomie ein und schrieb sinngemäß, dass in Südtirol alles bestens sei. Beim zweiten Lesen erkannte ich, dass ein Assistent stellvertretend für ihn geschrieben hatte. Das mag zwar eine Erklärung für diese deplatzierte Antwort sein; für mich war es ein Weckruf, genauer hinzuhören, was Gauck in der Öffentlichkeit sagt. Spätestens nach seinen Besuchen in Italien und seiner Europa-Rede vom 22. Februar 2013[1] bin ich überzeugt, dass einerseits Herr Gauck Geschichtsdefizite betreffs Südtirol und Italien hat, und dass es andererseits große Missverständnisse zwischen den Politikern Deutschlands und Italiens gibt. Die Schwerpunkte der Missverständnisse sehe ich bei den Themen Faschismus, nationale Minderheiten, europäische Wertegemeinschaft (wozu auch die Rechtsstaatlichkeit gehört) und Euro-Rettung.

Italiens einseitiges Gedenken an den Faschismus

Am 24. März 2014 besuchten die Präsidenten Deutschlands und Italiens, Joachim Gauck und Giorgio Napolitano, das kleine toskanische Bergdorf Sant‘Anna di Stazzema, um der 560 Bewohner zu gedenken, die dort am 12. August 1944 von der SS umgebracht worden waren. Dieses Ansinnen ist hochlöblich. Jedoch offenbaren die Gedenkworte die Zwiespältigkeit der italienischen Politiker, denn sie unterscheiden fein säuberlich zwischen dem „bösen“ Faschismus, dem deutschen, und dem „guten“ Faschismus, dem italienischen: In seiner Rede rief Gauck dazu auf, Versöhnung als ein Geschenk zu betrachten. Versöhnung meine nie und auf keinen Fall Vergessen. Die Opfer hätten das Recht auf Erinnerung und Gedenken. Napolitano sagte, eine solche Erinnerung sei ein Fundament Europas. Deutschland und Italien ließen sich heute nicht vom gemeinsamen Aufbau Europas abhalten. „Es verletzt unser Empfinden für Gerechtigkeit tief, wenn Täter nicht überführt werden können, wenn Täter nicht bestraft werden können, weil die Instrumente des Rechtsstaates das nicht zulassen“, sagte Gauck.[2] Gauck umarmte Napolitano sichtlich berührt und bat um Verzeihung. Diese Gefühlsregung Gaucks, darin dürften alle übereinstimmen, war echt.

Napolitanos Aufrichtigkeit darf angezweifelt werden. Er war selbst als Jugendlicher in der italofaschistischen Studentenorganisation GUF (Gruppo Universitario Fascista) organisiert. Er weiß sehr wohl, dass im Juli 1946 der kommunistische Justizminister Palmiro Togliatti ein Amnestiegesetz erlassen hat, das bis heute alle italienischen Faschisten wegen ihrer Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Äthiopien, Libyen und auf dem Balkan vor nationaler und internationaler Strafverfolgung schützt. Hatte sich Napolitano jemals dafür eingesetzt, dass sich dieser unerträgliche Zustand ändert? Seit der Regierung Alcide de Gasperi war man sogar bereit, auf die Auslieferung deutscher Täter zu verzichten, nur um eigene Landsleute zu schützen. „Am Tag, an dem der erste deutsche Verbrecher ausgeliefert wird“, warnte aus Moskau Botschafter Pietro Quaroni, „ wird es eine Welle des Protests in jenen Ländern geben, die eine Auslieferung italienischer Verbrecher verlangen.“[2], [3]

Beispiel Äthiopien

Nachfolgend soll am Beispiel Äthiopien das Ausmaß der durch Italien begangenen Verbrechen kurz umrissen werden: Italien richtete in Afrika 16 Konzentrationslager mit einer (Durchgangs-) Aufnahmekapazität von bis zu 110.000 Gefangenen ein. Allein im Italienisch-Äthiopischen Krieg (1935–1936) wurden je nach Angaben der Kriegsteilnehmerseite zwischen 300.000 und 730.000 Äthiopier ermordet. Es war ein regelrechter Völkermord. Durch besonders große Brutalität taten sich die Generäle Pietro Badoglio und Rodolfo Graziani hervor. In Jugoslawien hinterließen die Generäle Vittorio Ambrosio, Mario Roatta und Alessandro Pirzio Biroli auf ihr Geheiß hin eine Spur der Gewalt, der Verwüstung und des Todes[5].

Die Journalistin Fiamma Nirenstein kritisierte die Verdrängung der Kriegsverbrechen in Afrika in der italienischen Öffentlichkeit. Bis 1947 hatten die Vereinten Nationen 1.697 Italiener aufgelistet, die an Kriegsverbrechen in Afrika und in Jugoslawien beteiligt waren. Darunter befanden sich hochrangige Politiker und Militärangehörige. Rom bot nur an, beschuldigte Italiener im eigenen Land abzuurteilen, verschleppte die Strafverfolgung jedoch gezielt. Ergebnis: Niemand wurde wegen der Verbrechen verurteilt.[2] Italien hat auch keine entsprechende Wiedergutmachung veranlasst.[4]

Es kommt noch schlimmer: Das 1938 in Bruneck (Südtirol) errichtete Monument zu Ehren der im Äthiopien-Krieg eingesetzten Division Pusteria der Alpini existiert (als Torso) noch heute. Während des Alpini-Treffens im Mai 2013 in Bozen wurden in Bruneck Kränze niedergelegt. Wenn der an diesem Treffen teilnehmende Bürgermeister Luigi Spagnolli davon redet, dass die Teilnehmer erwartungsvoll nach Europa schauen, stellt sich die Frage, ob Faschismus, Unterdrückung von Minderheiten, Krieg und Völkermord im Sinne des neuen Europas sind. Angesichts dieser geschichtlichen Tatsachen wird dem Betrachter die Gedenkfeier in Sant´Anna di Stazzema mit Präsident Gauck wohl etwas schieflastig vorkommen.

Italiens Umgang mit Unterlegenen/Minderheiten

Interessant in Gaucks Europa-Rede ist folgende Passage, die ein weiteres Mal die verschiedenen Sichtweisen des offiziellen Deutschlands und Italiens offenbaren: „Wir versammeln uns im Namen Europas nicht um Monumente, die den Ruhm der einen aus der Niederlage der anderen ableiten. Wir versammeln uns für etwas – für Frieden und Freiheit, für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, für Gleichheit, Menschenrechte und Solidarität.“[1]

Das Siegesdenkmal in Bozen ist ein schlimmes Beispiel, wie Italien bis heute die Südtiroler, stellvertretend für die Staatsbürger von Österreich-Ungarn, demütigt. Das 1928 auf dem Fundament des österreichischen Kaiserjägerdenkmals errichtete Denkmal zeigt mit seiner in Latein verfassten Inschrift eindeutig, welchen Zweck es erfüllen soll: „Hic patriae siste signa. Hinc ceteros excoluimus lingua legibus artibus“: Hier an den Grenzen des Vaterlandes setze die (Feld-) Zeichen. Von hier aus bildeten wir die Übrigen durch Sprache, Gesetze und Künste). Dieses Zitat ist wohl als Demütigung gemeint, aber noch dazu verbunden mit einer Geschichtslüge. In Italien waren damals 56 Prozent der Bevölkerung Italiens Analphabeten, im südlichen Tirol hingegen nur fünf Prozent![6]

Wie verhasst dieses Denkmal in der Südtiroler Bevölkerung ist, zeigt schon die Tatsache, dass es durch massive Zäune und Videokameras geschützt werden muss.

„Auch heute noch legen jedes Jahr am 4. November offizielle Vertreter verschiedener italienischer Rechtsparteien (beispielsweise Gianfranco Fini von der Alleanza Nazionale, jetzt Futuro e Libertá per l´Italia) Kränze am Denkmal nieder. Dieser Tag ist der Jahrestag des Endes des Ersten Weltkrieges und somit des „Sieges“ über Österreich, zu dem auch Südtirol gehörte, ein Tag, der deshalb besondere Symbolkraft besitzt. Das Militär beteiligt sich seit 1997, nach einer erfolgreichen Mediation mit Ministerpräsident Romano Prodi, nicht mehr an dieser Kundgebung. 2008 wurde dieser Brauch aber durch direkte Intervention des Verteidigungsministers La Russa (ebenfalls Alleanza Nazionale, jetzt Fratelli d´Italia) wieder eingeführt.“[6]

Die Renovierung des Siegesdenkmals seit dem 23. November 2009 aus öffentlichen Mitteln beweist, wie wichtig dieses faschistische Denkmal für den Staat ist, und wo seine Prioritäten liegen. Darüber können der Bondi-Brief vom 26. Jänner 2011 und die Erlaubnis, unter diesem Monument eine Dokumentationsausstellung unterzubringen, nicht hinwegtäuschen. Hat ein Staat, der seine Existenz auf Demütigung und auf Geschichtslügen gründet, sowie nationale Minderheiten gegen ihren Willen in ihrem Staatsverband hält, überhaupt eine Zukunft?

Es ist bedauerlich, wenn deutsche Regierungen und die deutsche Presse aus falscher Rücksicht auf Italien diese faschistischen Denkmäler, die es in Südtirol zuhauf gibt, und die nationalistischen/faschistischen Umtriebe nicht kritisieren. Sie sollten sich ein Beispiel an Gustav Stresemann (1878–1929) nehmen.

Italiens Rechtsstaatlichkeit

Bezüglich der „europäischen Wertegemeinschaft“ erwähnte Präsident Gauck auch die Rechtsstaatlichkeit. Diese erscheint mir in Italien zwiespältig, die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit ist groß. Trotz bestehender Gesetze werden in Südtirol immer wieder Fälle bekannt, in denen Fußballer, Unternehmer, ja einfache Menschen, bestraft/benachteiligt werden, nur weil sie das Recht auf Ausübung ihrer Muttersprache in Anspruch nehmen.

„Unsere europäischen Werte sind verbindlich und sie verbinden. Mögen europäische Staaten Europas Regeln auch verletzen, so können sie doch vor europäischen Gerichten eingeklagt werden.“ – Diese Aussage mag zwar prinzipiell richtig sein, sie geht aber, wie bereits oben beschrieben, an der Realität vorbei. Die italienische Justiz ist für ihre Trägheit berüchtigt. Bis diese Fälle vor europäischen Gerichten landen, vergehen Jahre. Es kostet Geld, Kraft und Zeit, bis der Südtiroler zu seinem Recht kommt. Viele fragen sich, ob es das wert ist, und resignieren. Darauf setzt der italienische Staat.

Unliebsame politische Kräfte werden mit Prozessen und Geldforderungen überschüttet. Davon kann die liberal-patriotische Bewegung Süd-Tiroler Freiheit (STF) ein Lied singen. Die STF tritt wohl am konsequentesten für das Selbstbestimmungsrecht der Südtiroler ein und ist daher den Politikern in Rom ein besonderer Dorn im Auge. Letztendlich haben sich bisher alle Anschuldigungen als unberechtigt erwiesen. Der italienische Staat wollte für Abschreckung sorgen und die patriotischen Kräfte Südtirols ins schlechte Licht rücken.

Die Tatsache, dass Berlusconi viele Gesetze zu seinem eigenen Vorteil umbiegen konnte, wirft ein generell fragwürdiges Licht auf die Rechtsstaatlichkeit Italiens.

Italiens Politiker sind offensichtlich auch nicht daran interessiert, die Zeit der 50er und 60er Jahre aufzuarbeiten, als Kämpfer des Befreiungsausschusses Südtirol (BAS) Anschläge verübten. Viele italienische Soldaten kamen nicht durch die Südtirol-Aktivisten um, sondern durch „friendly fire“ und durch die vom italienischen Geheimdienst präparierten Sprengstoff-Fallen (um Druck auf Österreich auszuüben). So werden heute noch Südtiroler mancher Morde beschuldigt, die sie nicht begangen haben. Ein aktuelles Beispiel: Der österreichische Militärhistoriker Dr. Hubert Speckner recherchierte aus Unterlagen des Österreichischen Militärarchivs den Vorfall auf der Porzescharte. Er schrieb darüber das Buch „Zwischen Porze und Roßkarspitz“. Darin wies er nach, dass die bis heute von Italien Beschuldigten nichts mit der Explosion zu tun hatten. In Rom schweigt man sich hierzu aus und verweigert den Zugang zu italienischen Archiven. Ein Rechtsstaat müsste, wenn er Gerechtigkeit walten lassen will, an der Wahrheit interessiert sein. Rom hat offenbar aus nationalistischen Gründen kein Interesse daran und geht auf die jüngsten Veröffentlichungen nicht ein. Der italienische Staat leugnet auch immer noch die Tatsache ab, BAS-Kämpfer gefoltert zu haben. Rechtsstaatlichkeit sieht anders aus!

Gauck geht dem verklärten Risorgimento auf den Leim

In seiner Europa-Rede vom 22. Februar 2013 zog Gauck als Vorbild für den europäischen Einigungsprozess ein ziemlich unglückliches Beispiel heran: „Als 1861 die italienische Einheit geschaffen wurde, erklärte der Schriftsteller und Politiker Massimo D’Azeglio: ‚Italien haben wir geschaffen, nun müssen wir die Italiener schaffen.’ Weniger als zehn Prozent der Bürger sprachen italienisch und die Masse kannte nur Dialekte.“

Der italienische Einigungsprozess wurde durch militärische Gewalt und durch Umstürze erzwungen (auch der Kirchenstaat musste daran glauben). Italiens Entstehungsgeschichte dürfte wohl kaum als gutes Beispiel dienen. Diese „Einigungsbewegung“ nennt sich Risorgimento (italienisch für „Wiedererstehung“) und wird in Italiens Geschichtsbüchern verklärt. Anfangs hatte das Risorgimento fortschrittliche Ziele. Von den Idealen der französischen Revolution inspiriert, hieß ihre Losung „Freiheit, Gleichheit, Humanität“. Im Laufe der Zeit entwickelte sich eine Ideologie, der Irredentismus, der zu einer Art von aggressivem Nationalismus mutierte und zur Bedrohung der Nachbarvölker wurde. Noch heute behaupten Vertreter nationalistischer und faschistischer Parteien Italiens, die ladinische Sprache sei nur ein italienischer Dialekt. Sie begründen damit den territorialen Anspruch auf Ladinien/Südtirol.

Soviel zum Thema „Dialekte“, Herr Gauck!

Italiens Beitrag zur Identität von Regionen und Minderheiten

„Europäische Identität löscht weder regionale noch nationale Identität, sondern existiert neben diesen.“ Diese Aussage Gaucks mag prinzipiell stimmen. In der Tat versucht Italien aber, regionale Identitäten und Minderheiten klammheimlich auszulöschen. Als Beispiel dienen die Ladiner. Durch Entscheidung der Siegermächte und mit Inkrafttreten des Vertrages von Saint Germain am 10. Oktober 1920 kam Ladinien mit Südtirol zu Italien.[7] Der Diktator Benito Mussolini sah im Ladinischen einen rohen, alpinen italienischen Dialekt.[8] Die Ladiner weigerten sich aber, sich als Italiener zu bekennen. Die staatliche Italienisierungspolitik nach der faschistischen Machtübernahme traf sie besonders hart. Als Strafmaßnahme wurden die ladinischen Täler aufgeteilt.[7] Val Badia (das Gadertal) und Gherdëina (Gröden) wurden der Provinz Bozen zugeteilt, Fascia (das Fassatal) der Provinz Trient, Fodom (Buchenstein) mit dem Col de Santa Lucia und Cortina d’Ampezzo der Provinz Belluno. Das erklärte Ziel dieser Dreiteilung war die rasche Assimilierung, die „Ausradierung des grauen Flecks“, wie Mussolini Ladinien nannte. Nach dem Ende des Faschismus und des Zweiten Weltkrieges wurde das Unrecht der Dreiteilung nicht aufgehoben, sondern im Gegenteil noch verstärkt und politisch sowie kulturell zementiert. Jede der drei Provinzen hat eine verschwindend kleine und politisch schwache ladinische Minderheit, so dass es die jeweilige Mehrheit leicht hat, den Minoritäten fundamentale Rechte zu verweigern. [8] In Südtirol hat die seit 1945 regierende Südtiroler Volkspartei (SVP) die Ladiner noch weiter zersplittert, indem sie die ladinischen Talgemeinschaften verwaltungstechnisch teilte: Val Badia gehört zum Pustertal und Gröden zu „Salten-Schlern“. So haben die Ladiner als Sprachgruppe keine Selbstverwaltung. In diesen Talgemeinschaften ist Ladinisch die Minderheit, die Sprache findet dementsprechend bei gemeindeübergreifenden Angelegenheiten fast keine Anwendung.[8] In den Köpfen einiger SVP-Politiker spukt die Idee, eine Maut für die Dolomitenpässe einzuführen. Dann müssen die Ladiner noch Maut bezahlen, um von einem ins andre Tal zu kommen …

Die Ladiner in den Provinzen Belluno und Trient brachten schon in vielen Petitionen, Memoranden und Beschlüssen ihren Wunsch nach Rückkehr zu Südtirol zum Ausdruck. Der italienische Staat ignorierte bislang diesen Wunsch. Am 29. Oktober 2007 führten die Bewohner der Gemeinden Ampezzo, Col und Fodom ein Referendum durch, bei dem sich über 85 Prozent für eine Wiedervereinigung mit Südtirol aussprachen. Am 25. Februar 2013 machte der Regionalrat in Venedig den Weg frei, damit das italienische Parlament die gewünschte Angliederung umsetzen kann. Fünf Jahre nach dem Referendum wird die Angelegenheit also (im Sinne des Verfassungsartikels Nr. 132) nach Rom weitergeleitet.

Die Wiedervereinigung der ladinischen Bevölkerung in einer einzigen Region entspräche den Grundsätzen der Europäischen Charta der Regional- oder Minderheitensprachen, 

die empfiehlt, administrative Grenzen so zu wählen, dass Minderheiten nicht getrennt werden.[9]

Die Landesregierung Südtirols hat sich zwar positiv dazu geäußert, unterlässt aber unterstützende Zuarbeiten. Aus Rom kommt nur Schweigen. Die Ladiner befürchten, dass Italiens Politiker ihre Einheitsbestrebungen durch eine neue Zusammenfassung der Provinzen wieder konterkarieren werden.

Die Pressefreiheit in Italien

Bundespräsident Gauck bezeichnete Europa „in vielen Fällen auch als Schutzraum vor Pressezensur“.[1] Ob er damit auch Italien gemeint hat? Wenn es um die Einflussnahme der Politik auf die Medien geht, ist Silvio Berlusconi zweifellos die schillerndste Persönlichkeit Italiens. In seiner Regierungszeit wurden die Privatisierung der Medien und die Einschränkung der staatlichen Rundfunk- und Fernsehanstalt RAI vorangetrieben. Seit 2001 wurde RAI von Regierungskritikern gesäubert. Während eines Staatsbesuches in Bulgarien am 18. April 2002 kritisierte Berlusconi auf einer Pressekonferenz scharf die Journalisten/Komiker Biagi, Santoro und Luttazzi. Diese führten auf RAI eine überaus erfolgreiche gesellschaftskritische Sendung. Die Konsequenz aus dem als „Bulgarisches Edikt“ bekannten Ereignis war die Einstellung der Sendung und die Entlassung der Akteure. Im Mai 2004, als 43 neue RAI-Funktionäre, die ausnahmslos aus den Reihen von Berlusconis Rechtsbündnis kamen, eingesetzt werden sollten, trat die RAI-Präsidentin Luzia Annunziata zurück. Für sie war es ein „beispielloser Angriff auf die Meinungsfreiheit“.[10] „Diese Nominierungen sind der letzte Akt einer organisierten Kampagne, um volle Kontrolle über die öffentlich-rechtlichen Medien zu übernehmen“, sagte Annunziata.“. Auch das Europäische Parlament hat unterdessen die Medienkonzentration in Italien kritisiert. Die beherrschende Stellung des Berlusconi-Konzerns führe zu einer einzigartigen Kombination von wirtschaftlicher, politischer und medialer Macht. Die Konzentration auf dem audiovisuellen Markt sei in Italien die höchste in Europa.[11] Im Jahr 2004 stufte der „Freedom oft the Press 2004 Global Survey“, ein jährlicher Bericht, der von der amerikanischen Organisation Freedom House veröffentlicht wird, die Pressefreiheit in Italien von „Free“ auf „Partly Free“ zurück.“[12] Im Oktober 2009 entging Berlusconi im EU-Parlament nur knapp einem peinlichen Rüffel wegen mangelnder Pressefreiheit in seiner Heimat – dank der konservativen Europäischen Volkspartei (EVP), die eine entsprechende Resolution zurückwies.“[13] Italien belegt 2014 in der „Rangliste der Pressefreiheit“, die jährlich von der Nichtregierungsorganisation „Reporter ohne Grenzen“ erstellt wird, noch hinter Haiti und Niger den Platz 49. Deutschland rangiert auf dem verbesserungswürdigen 14. Platz.[14]

Durch Prozesse und Verurteilungen sowie durch die Aufspaltung seiner Partei Popolo della Libertá (PdL) geriet Berlusconi auf das politische Abstellgleis. Nach höchstgerichtlicher Bestätigung des Schuldspruchs wegen Steuerhinterziehung wurde das Urteil gegen Berlusconi – vier Jahre Haft – rechtskräftig. Aufgrund seines Alters musste der Verurteilte die Haft aber nicht antreten. Nach einem Gerichtsbeschluss vom April 2014 muss er aber einmal wöchentlich für vier aufeinander folgende Stunden in einer Senioreneinrichtung Sozialdienst ableisten. Nach Angaben des Leiters der Senioreneinrichtung „Fondazione Istituto Sacra Famiglia“ in Cesano Boscone hat sich Berlusconi dort seit dem 9. Mai 2014 um Demenzkranke und Alzheimer-Patienten zu kümmern. Mit Ausnahme von drei Tagen pro Woche, an denen er in Rom seiner politischen Arbeit nachgehen kann, darf er die Region Lombardei nicht verlassen und muss sich außerdem nachts zwischen 23 und 6 Uhr an seinem Wohnsitz aufhalten. Die Regelung, deren Einhaltung von einer Mitarbeiterin des zuständigen Gerichts und der Polizei überwacht wird, gilt bis März 2015. Ob Berlusconi dereinst noch einmal aus der Versenkung geholt wird, steht in den Sternen. Wie auch immer: Für die Meinungs- und Pressefreiheit Italiens bestehen keine guten Aussichten!

Der Verfasser, ein junger Wissenschafter, lebt in Berlin und ist ein leidenschaftlicher Freund Südtirols.

Anmerkungen

[1] „Süddeutsche Zeitung“, 22. Februar 2013, „Vertrauen erneuern – Verbindlichkeit stärken“ (Gaucks Europa-Rede im Wortlaut) http://www.sueddeutsche.de/politik/gaucks-europa-rede-im-wortlaut-vertrauen-erneuern-verbindlichkeit-staerken-1.1606890

[2] „Spiegel Special“ 1/2001, Klaus Wiegrefe, „RAUBEN, MORDEN, VERGEWALTIGEN“, „Warum Italien auf die Verfolgung vieler deutscher Kriegsverbrecher verzichtete“ http://www.spiegel.de/spiegel/spiegelspecial/d-27113212.html

[3] „Neue Zürcher Zeitung“, 28. September 2001, Hanno Helbig, „Doppelt peinlich“, „Italienische Nachkriegsjustiz“, http://www.nzz.ch/aktuell/startseite/article7NXJJ-1.481057

[8] Gesellschaft für bedrohte Völker: „Ladinien: Faschistisches Unrecht der Dreiteilung“ http://www.gfbv.it/3dossier/ladin/dreiteil.html

[9] Souramont: Venetien macht Ernst, Simon Constantini, 26. Februar 2013
http://www.brennerbasisdemokratie.eu/?cat=18&paged=2

[10] „Der Standard“, 25. Mai 2014, „Rai-Chefin: ‚Pluralismus mit Füßen getreten‘“
http://derstandard.at/1655558

[13] „Handelsblatt“, 21. Oktober 2009, „Berlusconi schrammt an EU-Rüffel vorbei“
http://www.handelsblatt.com/politik/international/mangelnde-pressefreiheit-berlusconi-schrammt-an-eu-rueffel-vorbei/3284704.html

Bearbeitungsstand: Sonntag, 28. September 2014

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