75 Jahre Hitler-Mussolini-Abkommen


Von Wolfgang Schimank

Für die Südtiroler ist der 21. Oktober 2014 ein geschichtsträchtiger, ja schicksalhafter Tag. An jenem Tag – genau vor 75 Jahren – trat ein Abkommen in Kraft, das Hitler und Mussolini abschlossen, wobei die Südtiroler Hitlers Bündnispolitik geopfert wurden. Die Südtiroler Option von 1939/43 wird auch als Große Option bezeichnet, um sie von der ersten Option in den Jahren 1920/21 abzugrenzen.[1] Nachdem das nationalsozialistische Deutsche Reich 1938 Österreich anschloss und dadurch die deutsche Staatsgrenze an das von Italien annektierte Südtirol angrenzte, hatten die Südtiroler Hoffnung gefasst, dass ihr Land sehr bald, ähnlich wie das Sudetenland, an Deutschland fallen würde.

Doch es kam anders: Hitler opferte Südtirol für sein Bündnis mit Italien. Am 7. Mai 1938 erklärte Hitler in Rom: „Es ist mein unerschütterlicher Wille und mein Vermächtnis an das deutsche Volk, dass es die von der Natur uns beiden aufgerichtete Alpengrenze immer als eine unantastbare ansieht.“ Damit wurde die vom italienischen Faschisten und Nationalisten Ettore Tolomei bereits seit Anfang des 20. Jahrhunderts propagierte „Wasserscheiden-Theorie“ amtlich von deutscher Seite bestätigt.

Mit der „Option“ bekamen die deutschsprachigen Südtiroler, die Ladiner, die Kanaltaler und die in den Provinzen Trient, Vicenza, Belluno, Verona und Udine lebenden Zimbern die Möglichkeit, sich entweder für einen im wahrsten Sinne des Wortes bedingungslosen Verbleib in Italien oder für eine Aussiedlung nach Hitlerdeutschland zu entscheiden. Als Termin für die Entscheidung wurde der 31. Dezember 1939 festgelegt.

Mit dem Hitler-Mussolini-Abkommen wollte Italien zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Einerseits sollte damit die Brennergrenze, eine Unrechtsgrenze, endlich anerkannt werden, und zum anderen wollten die Machthaber in Rom bezüglich der Italienisierung Südtirols endlich Nägel mit Köpfen machen, zumal ihre bisherige Politik der Assimilierung gescheitert war. 

Spätestens seit der Machtübernahme Mussolinis erhöhte sich der Assimilierungsdruck auf die deutsche und ladinische Bevölkerung. Der faschistische Terror durchdrang alle Lebensbereiche dieser Menschen. Er begann mit der Namensgebung eines Kindes bei der Taufe und endete bei der Namensfälschung auf den Grabsteinen. Alles Deutsche sollte aus dem öffentlichen Leben Südtirols verschwinden. Am 15. Juli 1923 verkündete Ettore Tolomei im Bozner Stadttheater sein 32-Punkte-Programm zur Assimilierung der Südtiroler.

Zusätzlich erfolgte eine Ansiedlung von Italienern in Südtirol. Im Jahre 1910 betrug der italienische Bevölkerungsanteil in Südtirol 2,9 Prozent, 1961 bereits 34,3 Prozent. Zwischen 1921 und 1939 wanderten 56.000 Italiener nach Südtirol, so dass am Ende dieser Periode die Stadt Bozen und die Gemeinde Leifers südlich von Bozen eine mehrheitlich italienische Bevölkerung hatten und bis heute haben.[2] In Bozen und Umgebung wurden riesige Flächen billig aufgekauft bzw. beschlagnahmt, Tausende Obstbäume vor der Ernte gefällt, um eine Industrie aufzubauen, deren Arbeitsplätze den Italienern vorbehalten waren. Diese Industriezone wurde staatlich subventioniert. Jeder italienische Betrieb, der sich dort ansiedelte, wurde für 10 Jahre steuerfrei gestellt.

Die italienische Siedlungspolitik in Südtirol

Neben der Industrialisierung Südtirols zum Zwecke der Italienisierung gab es auch Bestrebungen, die Südtiroler aus der Landwirtschaft zu verdrängen. Die Südtiroler Bauern wurden oftmals benachteiligt, so beispielsweise bei der Vergabe von Krediten. Das gut funktionierende Tiroler Höferecht wurde 1929 abgeschafft.[3], [4] 1921 wurde die „Ente di Rinascita Agraria per le Tre Venezie“ (ERA), eine Teilorganisation des „Ente Nazionale per le Tre Venezie“ (ENTV) gegründet, um (billig) landwirtschaftliche Liegenschaften von Südtiroler Bauern aufzukaufen und Grundbesitz anzusammeln mit Blick auf die geplante Massenzuwanderung von Italienern. Die Ansiedlung italienischer Bauern scheiterte. 

Auch bei der Aussiedlung der Südtiroler spielte die „Ente Nazionale per le Tre Venezie“ eine große Rolle. Sie kaufte Land, Immobilien und Betriebe preisgünstig auf und nutzte die Zwangslage der Eigentümer skrupellos aus. Im Jahre 1943 gelangte auf diesem Wege auch der Laaser Marmor-Betrieb in italienische Hände. Obwohl die „Ente Nazionale per le Tre Venezie“ ein wichtiges wirtschaftliches Instrument zur Italienisierung Südtirols war, findet man in der deutschen Literatur hierzu so gut wie nichts! Warum?

Die Südtiroler standen vor einer schwierigen Wahl: Entweder bleiben sie in der Heimat, auf die Gefahr hin, ihre nationale Identität zu verlieren. Oder sie lassen ihre Heimat und alles, was sie sich dort aufgebaut haben, zurück und haben die Möglichkeit, sich irgendwo eine neue Existenz aufzubauen und nach ihren Traditionen zu leben.

Als am 29. Juli 1939 in Südtirol die Pläne zur Umsiedlung bekannt wurden, ging eine Welle der Empörung durch das Land. Die einhellige Meinung war, auf keinen Fall die Heimat zu verlassen. Die illegalen Gruppierungen, sowohl der kirchennahe „Deutsche Verband“ (DV) als auch der „Völkische Kampfring Südtirol“ (VKS), vertraten den gleichen (ablehnenden) Standpunkt. Erst als der VKS mit Heinrich Himmler ein Gespräch hatte, kippte bei dieser Organisation die Stimmung. Der VKS vertrat dann die Meinung, eine Aussiedlung der Südtiroler (Option) sei die bessere Lösung. Ein Propagandakrieg unbekannten Ausmaßes wurde entfacht. Er ging von Flugblättern über Schmähschriften bis zu tätlichen Angriffen. Der Streit zwischen „Dableibern“ und „Optanten“ entzweite nicht nur die Südtiroler Gesellschaft, sondern auch Familien.

Version der Optanten

„Wer sind die Abwanderer?“
Antichristen – Glaubensfeinde
Kommunisten – feige Schweine
arme Teufel – wenig Reiche
Landesverräter sondergleichen.
Einige, die vor lauter Schulden
die schlechten Zeiten nicht mehr dulden,
mit leeren Taschen das Weite suchen
und vor Hunger „Heil Hitler!“ rufen!
Bauern ohne Heimatstolz,
die Wald besitzen, ohne Holz.
Von Hundert sind es Siebzig leider,
Dreißig sind jedoch gescheiter,
die bleiben fest in ihrem Heim,
den Männern gleich von Anno Neun.

Version der Dableiber

„Wer sind die Dableiber?“
Falsche Christen – alte Weiber
Egoisten – Hurentreiber
Warme Brüder – Schlechte Pfaffen
Welschbastarden – ein paar Grafen.
Einige mit vielen Millionen,
die ihr Geld mit Betrug gewonnen.
Manche wollen später starten
und auf Otto Habsburg warten.
Allesamt wenn´s jemand wundert
sind jedoch nicht acht von hundert.

 
Kanonikus Michael Gamper vertrat die Ansicht, dass, wenn möglichst viele in ihrer Heimat bleiben würden, die Italiener es sehr schwer hätten, sie zu entrechten oder sie gar nach Sizilien umzusiedeln. Sein Werben für den Verbleib half nichts. Schlussendlich entschieden sich zirka 86 Prozent der Südtiroler Bevölkerung für eine Umsiedlung ins Deutsche Reich. Dass von den 213.000 Optanten zwischen 1939 und 1943 nur 75.000 tatsächlich Südtirol den Rücken kehrten, hatte verschiedene Ursachen: Zum einen begann 1939 der Zweite Weltkrieg. Da nahm Italien keine Rücksicht, wer von den Südtirolern ein Dableiber oder ein Optant war. Als Kanonenfutter wurde jeder gebraucht. Des Weiteren wurde es immer unklarer, wo sich die Optanten ansiedeln sollten. Als geschlossenes Siedlungsgebiet war zuerst die Rede von Galizien, dann von Polen, von Burgund und letztendlich von der Krim…[1] Das förderte die Unentschlossenheit der Optanten. Über das eindeutige Votum der Südtiroler für Deutschland waren Hitler und Mussolini sehr überrascht. Mit der Zeit schwante den italienischen Faschisten, dass eines Tages in Südtirol ganze Landstriche menschenleer sein könnten. Deshalb reduzierten sie den Aussiedlerstrom. 1943 wurde Mussolini gestürzt, und die deutsche Wehrmacht rückte in Italien ein. Damit kam die Aussiedlung der Südtiroler endgültig zum Erliegen.

Den Einmarsch deutscher Truppen in Südtirol empfanden viele Bewohner als eine Befreiung vom italienischen Joch. Der Anschluss an das deutsche Reichsgebiet schien nur noch eine Formsache zu sein. Jedoch nahm Hitler Rücksicht auf Mussolini. Südtirol blieb weiterhin Bestandteil Italiens, genauer gesagt, Teil der „Republik von Saló“. Dieser Satellitenstaat Hitlers existierte bis zum 3. Mai 1945.

Die Spaltung der Südtiroler Gesellschaft

Das deutsch-italienische Umsiedlungsabkommen führte 1939 zur Gründung des Andreas-Hofer-Bundes (Südtirol). Diese Widerstandsgruppe unterstützte propagandistisch die Dableiber. Ihre Vertreter glaubten, durch den Widerstand gegen die italienischen und deutschen Faschisten den Anschluss Südtirols an Österreich zu erreichen. Die bekanntesten Mitglieder waren Michael Gamper, Friedl Volgger, Josef Mayr-Nusser und Erich Amonn. Sie waren die Hauptakteure bei der Gründung der Südtiroler Volkspartei (SVP) am 8. Mai 1945.

Die Option hatte viele Familien zerstört, und die Spaltung der Südtiroler Gesellschaft wirkte noch viele Jahrzehnte nach. Aus diesem Grunde traten bei der SVP in der ersten Zeit nur Vertreter der Dableiber öffentlich auf. Silvius Magnago, ein Vertreter der Optanten, betrat erst später die öffentliche Bühne der Politik… 

Der Pariser Vertrag, auch Gruber-De-Gasperi-Abkommen genannt, enthielt eine Passage betreffs der Optanten. Unter Punkt 3a) heißt es, dass „in einem Geiste der Billigkeit und Weitherzigkeit die Frage der Staatsbürgerschaftsoptionen, die sich aus dem Hitler-Mussolini-Abkommen von 1939 ergeben, zu revidieren“ ist.[5] Der Vertrag räumt allen Optanten und deren Kindern das Recht auf Rückoption ein. Für diese Kinder musste ein Geburtsschein vorgelegt werden, damit sie das Recht auf die italienische Staatsbürgerschaft hatten.

Allerdings ließen sich die Italiener viel Zeit und hintertrieben den Pariser Vertrag in vielfacher Weise. Im Optanten-Dekret vom 2. Februar 1948 wurde für die Optanten eine komplizierte Kategorieneinteilung vorgenommen. Dadurch hatte nicht jeder das Recht auf Rückoption. Hierzu gibt es unterschiedliche Angaben. Oft liest man, dass zirka 4.000 Personen das Recht auf Rückkehr verweigert worden ist. Wolf Donner geht von einem größeren Ausmaß aus: „Alle Maßnahmen bewirken, dass der Bestand an Deutschtirolern heute um ein Viertel vermindert ist.“[1]

Durch die Option, aber auch wegen der Kolonialpolitik Roms gegenüber Südtirol in den 40er-Jahren bis in die 50er-Jahre sind viele Südtiroler in Österreich, Deutschland und in der Schweiz sesshaft geworden. In Südtirol war die Option jahrzehntelang ein Tabuthema. Zu groß war der Graben zwischen den ehemaligen Dableibern und den Optanten. Kanonikus Michael Gamper (7. Februar 1885 bis 15. April 1956) leistete unschätzbare Arbeit bei der Aussöhnung beider Gruppen. Er übernahm nach dem Zweiten Weltkrieg die Leitung der Tageszeitung „Dolomiten“. Jede Interessensgruppe, jede Partei, hatte die Möglichkeit, seine/ihre Sicht der Dinge darzulegen. Das wirkte sich gesellschaftlich positiv aus. Das Vermächtnis von Kanonikus Gamper wurde nach seinem Tode von der neuen Leitung der „Dolomiten“, der Familie Ebner, nicht fortgeführt. Diese Zeitung ist nach und nach zum Parteiblatt der SVP umfunktioniert worden und spaltet erneut die Südtiroler Gesellschaft: Auf der einen Seite stehen die Befürworter des Verbleibs bei Italien (die SVP) und auf der anderen Seite die Vertreter der Unabhängigkeit von diesem Land. Die Verwirklichung des Selbstbestimmungsrechtes der Südtiroler, so kolportiert diese Zeitung, sei rechtslastig und rückwärtsgewandt. Interessanterweise sagte Brigitte Seebacher-Brandt, die letzte Frau von Willy Brandt, auf einer ARD-Talkshow mit Günther Jauch am 12. Oktober 2014 genau das Gegenteil! In den Unabhängigkeitsbewegungen Schottlands und Kataloniens sind auch linke und zudem europafreundliche Kräfte vertreten. Das scheinbar unausrottbare Links-Rechts-Schema passt immer weniger mit der Realität zusammen. 

Alles im Unklaren belassen

Welche Konsequenzen ziehen Deutschland und Österreich aus dem Hitler-Mussolini-Vertrag? Seit dem 3. Oktober 2014 wurden diverse Festakte zum 25. Jahrestag der deutschen Einheit abgehalten. Diese wirkten oftmals etwas unehrlich und skurril, weil daran Politiker teilnahmen, die sich an der friedlichen Revolution in der DDR beteiligten (z. B. Gauck), die sich erst aus der Deckung wagten, als die Gefahr vorbei war (z. B. Angela Merkel, Lothar de Maizière) und die die Einheit Deutschlands bis zuletzt bekämpften (z. B. Gerhard Schröder, Claudia Roth).[6] Alle Beteiligten sehen es als eine Selbstverständlichkeit an, dass Deutschland das Recht auf Selbstbestimmung zurückerhalten hat. Wenn es aber um die kleinen um Unabhängigkeit ringenden Völker in Europa geht, so muten sie ihnen zu, sie mögen sich mit den bisherigen Zuständen abfinden. Steckt in dieser Denkweise nicht ein gewisser Zynismus?

Österreichs Politiker sprechen oft davon, „Südtirol ist eine Herzensangelegenheit“. Unter dem gleichen Titel brachte das Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur ein „Medienbegleitheft zur DVD 12472“ heraus. Allerdings besteht zwischen Anspruch und Wirklichkeit eine große Kluft. In Wien ist man genervt, wenn „aufmüpfige“ Südtiroler möglicherweise die guten wirtschaftlichen Beziehungen zu Italien gefährden. Das erinnert schon ein bisschen an das Österreich von Engelbert Dollfuß und Kurt Schuschnigg …

Anmerkungen

[3] Wolf Donner, „Die Südtirol-Frage-Prüfstein für Europa“, S. 228

[4] 26. Sandwirtsbrief des Andreas-Hofer-Bundes Tirol

Bearbeitungsstand: Freitag, 28. November 2014

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