Breivik – Das Entsetzliche durchdenken


Nachbetrachtung zu einem fürchterlichen norwegischen Drama

 

Von Karl Claus

Am 22. Juli 2011 zündete der Norweger Anders Behring Breivik im Zentrum Oslos eine von ihm selbst hergestellte Autobombe mit großer Sprengkraft, wodurch 8 Passanten getötet wurden. Anschließend fuhr er auf die 30 km entfernte Insel Utoya und erschoss dort in einem von der sozialdemokratischen Partei Norwegens betriebenen Jugendlager 69 Jugendliche und Betreuer. Alle seine Opfer waren ihm völlig fremd. Die Unfassbarkeit seiner Tat schockierte nicht nur seine Landsleute, sondern zu Recht die gesamte europäische Öffentlichkeit. Seine Tat war schier unbegreiflich. Man konnte sie weder als Mord oder Massenmord, noch als Amoklauf eines völlig Verrückten erklären. Breivik hatte nach seinem letzten Schuss die Waffe abgelegt und sich dann ohne jeden Widerstand der Polizei gestellt. In den nachfolgenden Monaten rätselten daher die europäischen Medien und Sachverständigen darüber, was Breivik zu dieser unglaublichen Tat getrieben haben könnte. Warum richtete sie sich vor allem gegen ein sozialistisch betriebenes Jugendlager? Seine dann mit erschreckender Gefühlskälte dargelegten Motive brachten für seine Landsleute aber auch keine überzeugende Erklärung. Sie wurden daher von manchen „Meinungsmachern“ als „abstrus“, krankhaft und verwirrt erklärt. Breivik meinte sie allerdings offenbar ernst, womit sich erst recht die Frage stellte, aus welchen Gründen ein vernunftbegabter Mensch, als welcher Breivik durchaus bezeichnet werden musste, sich zu einer solchen Tat entschlossen haben könnte?

Sein Vorleben wurde in dem gegen ihn geführten Prozess ausgiebig und genau durchleuchtet. Daraus ergab sich, dass er überzeugt war (und wohl nach wie vor ist), die norwegische Sozialgemeinschaft und ihre Institutionen seien gefährdet und stünden vor dem Zerfall. Er wollte also offenbar mit seiner Tat ein deutliches Signal als Protest dagegen setzen. Verantwortlich für den Zustand der norwegischen Gesellschaft hielt Breivik den von linken Ideologen immer als „politisch korrekt“ und damit notwendig propagierten Sozialismus, also den heute wohl dominierenden Zeitgeist, aber auch alle, die eine ungehemmte Zuwanderung Fremder, einschließlich solcher aus dem orientalischen Kulturkreis fordern und fördern. Dass er mit seiner Tat 77 Unschuldige tötete, die für den von ihm als falsch und gefährlich beurteilten Zustand der norwegischen Gesellschaft gewiss nicht verantwortlich gemacht werden konnten, lässt seine Tat tatsächlich als nicht erklärbar erscheinen. Die Frage, ob Breiviks Befürchtungen zutreffend und berechtigt waren, wurde zwar auch diskutiert, aber, wenn überhaupt, nur verneinend beantwortet. Im Prozess wurden von den Sachverständigen widersprüchliche Gutachten abgegeben, die ihn zuerst als psychisch Verwirrten und Kranken, also als unzurechnungsfähig, dann aber doch als voll zurechnungsfähig erklärten. Er wurde daher entgegen dem Antrag der Staatsanwaltschaft, die es offenbar vorgezogen hätte, wenn seine Tat als die eines Unzurechnungsfähigen beurteilt worden wäre, schuldig gesprochen und zu einer lebenslangen „Sicherungshaft“ verurteilt, also ohne Möglichkeit einer vorzeitigen Entlassung. Dies war bei 77 getöteten Norwegern zwar durchaus verständlich, brachte aber auch keine Erklärung für seine Tat und keine Antwort auf die sich daraus ergebenden Fragen. Seine Motive blieben für die meisten seiner Zeitgenossen daher weiterhin unverständlich.

Ein erzkonservativer Fundamentalist

Sein Lebenslauf wies ihn als christlichen Fundamentalisten und entschiedenen Gegner jeder Multikultur und besonders des Islams aus. Er war zeitweilig Mitglied mehrerer erzkonservativer christlicher Vereine und einer Freimaurerloge, die er alle wieder verließ, als sie ihm als zu wenig radikal und fundamentalistisch erschienen. Er hatte zwar auch Kontakte zu neonazistischen Gruppen, war aber nach Meinung aller Experten kein typischer „Nazi“, sondern eben ein radikaler Christ, der vor allem den Islam ablehnte. Auch dies konnte seine Tat nicht wirklich erklären, auch wenn damit erkennbar war, dass sie als Reaktion auf die von ihm befürchtete und abgelehnte Entwicklung der norwegischen Gesellschaft verstanden werden musste. Er konnte zwar nur vermuten, dass die von ihm erschossenen Jugendlichen vom Sozialismus geleitet wurden, den er als hauptverantwortlich für den Zustand der heutigen Gesellschaft ansah. Mit dieser Überlegung hätte er tatsächlich – so unfassbar dies auch erscheinen mag – vom Anfang bis zum Ende seiner Aktionen, als er sich nach Weglegung seiner Waffe ohne jeden Widerstand der Polizei ergab, konsequent und voll bewusst gehandelt. Umso notwendiger wäre eine erschöpfende Antwort auf die Frage, warum ein denkender Mensch eine derartig furchtbare Tat begehen konnte.

Es verwundert kaum, dass viele Kommentatoren diese Frage einfach und pauschal mit dem Hinweis beantworteten, Breivik sei eben ein „Rechter“, der den dominierenden und als „richtig“ verkündeten Zeitgeist nicht verstehe und ablehne. Dies entspricht zwar der heute von linken Ideologen und Medien ständig geforderten und praktizierten „politischen Korrektheit“, mit der die Lebens- und Sozialgemeinschaften entwickelt und gestaltet werden müssten. Jede andere Lösung wird im Sinn des klassischen Weltverständnisses als falsch abgelehnt.

Der leider schon verstorbene österreichische Biologe und Soziologe Rupert Riedl hat in seinen Büchern wiederholt behauptet, der Mensch könne das Wesen und die Abläufe in den Lebensgemeinschaften mit dem Neben- und Miteinander ihrer „Teile“ und den zwischen ihnen ablaufenden „Wechselbeziehungen“, „Vernetzungen“ und „Rückkoppelungen“ nicht verstehen. Er zitierte dazu öfter den amerikanischen Soziologen Jay Forrester, der auch diese These vertrat. Als Biologe erklärt Riedl sie damit, dass das Gehirn des Menschen „a priori“ dafür nicht geschaffen war, woran auch die Evolution nichts ändern habe können. Ob dies nun zutrifft oder ob dieses Unverständnis nur eine Folge des westlichen Weltverständnisses und Denkens mit seinen nach den Gesetzen der klassischen Logik erarbeiteten und dann immer als absolut angenommenen Endlösungen ist, kann nichts an der Tatsache ändern, dass sich kein gesellschaftlicher Gestaltungsplan als endgültig und alleine richtig erwiesen hat. Alle dafür verkündeten Ideologien scheiterten. Auch der Sozialismus brachte nicht die von ihm erwartete und vorausgesagte Endlösung. Dies spricht also durchaus für die These Riedls und Forresters, dass der Mensch seine Gemeinschaften nicht richtig verstehen und damit auch nicht wirksam gestalten kann. Die von den verschiedenen Ideologien vertretenen Gesellschaftslösungen haben sich als nicht erreichbar erwiesen. Verhindert wurde dies immer durch das konkrete Leben, welches im Laufe der Zeit notwendigerweise dialektisch Veränderungen und Neuerungen schafft. Ein Endzustand der Gesellschaften wäre auch nicht erstrebenswert, weil dies das Ende des Lebens bedeuten würde. Damit sollte aber endlich die Frage gestellt und beantwortet werden, ob und wie weit man Gestaltungspläne für Gesellschaften realisieren soll oder ob man nicht besser solches Streben rechtzeitig ändern oder auch aufgeben sollte.

Dynamik des Lebens gegen jede Gesellschaftsutopie

Nach Ansicht der linken „Meinungsmacher“ und der ideologisierten „Gutmenschen“ waren nur die „Rechten“ für die Tat Breiviks verantwortlich, weil diese sich gegen den als absolut verkündeten Zeitgeist stemmen. Sogar ein konservatives Blatt wie die österreichische Tageszeitung DIE PRESSE meinte, dass die „rechte Szene“ für Breivik den „Nährboden“ geliefert habe. Die linken Meinungsmacher erklären daher alle, die den von ihnen geforderten Gestaltungsregeln kritisch gegenüber stehen, zu „Rechtsextremen“ und prügeln sie ständig mit der Faschismuskeule. Nur unter ihnen werden geistige Mittäter Breiviks vermutet, um damit linke Politik und linke Gestaltungsziele zu rechtfertigen. Dass dies zu Reaktionen führen kann, ja führen muss, welche erst durch diese Ansichten ausgelöst werden, bleibt unverstanden und unerwähnt oder wird kategorisch geleugnet. Dies ist zwar bei der zweifellos überzogenen, ja unfassbaren Reaktion Breiviks verständlich, kann aber nicht allgemein als ausreichende und befriedigende Antwort angenommen werden. 

Der Mensch braucht für sein Leben immer eine Sozialgemeinschaft mit funktionierenden Strukturen und Institutionen. Diese entstehen und entwickeln sich im Laufe der Zeit durch das gemeinsame Leben aller, die sich zu einer Gemeinschaft zusammengeschlossen haben und sich als deren „Teile“ verstehen, und zwar ohne dass dafür ein ideologischer Gestaltungsplan erforderlich wäre. Eine solche Entwicklung verläuft nicht nach den Regeln und Grundsätzen der klassischen Logik, sondern – wie Riedl meint – durch die zwischen den Mitgliedern der Gemeinschaft entstehenden „Wechselbeziehungen, Vernetzungen und Rückkoppelungen“. Dadurch werden aber die ideologisch für absolut erklärten Ziele, wie etwa die vom Sozialismus geforderte Gleichheit aller, verhindert. Das Ergebnis kann damit nie, jedenfalls aber nicht immer so sein, wie es das klassische Weltverständnis und Denken als jeweilige Endlösung erwartet und voraussagt. Eine Sozialgemeinschaft kann daher tatsächlich nicht oder nur sehr bedingt, nämlich zeitlich beschränkt, nach einem ideologischen Plan gestaltet werden. Es muss dabei immer mit Widerständen und Reaktionen dagegen gerechnet werden, die Planänderungen oder auch die Planaufgabe erfordern können. Die Dialektik des Lebens, also die Zeit verhindert jede als „absolut“ zu beurteilende Lösung. Daher kann eine ideologische Gesellschaftsplanung immer nur „zeitlich logisch“ sein, also zeitlich begrenzt „richtige“ Ergebnisse erreichen (C. F. v. Weizsäcker), die dann durch den Ablauf der Zeit wieder falsch werden, also geändert oder beendet werden müssen, wie es das Schicksal aller Ideologien – beginnend mit dem Absolutismus und endend mit dem Marxismus – bewiesen hat. 

Identitäten wachsen geschichtlich

Sozialgemeinschaften entwickeln durch das gemeinsame Leben ihrer Mitglieder aber auch eine eigene Identität, an der sie festhalten. Ihre Mitglieder verteidigen diese Identität hartnäckig, wie man überall feststellen kann, und zwar auch dann, wenn sie und die Institutionen der Gemeinschaft von logisch und mechanistisch agierenden „Sozialkonstrukteuren“ (K.Popper), etwa den Vertretern der auch von Breivik in seinen Überlegungen genannten Frankfurter Schule oder den heutigen Planern der EU oder von den in eine Gemeinschaft drängenden „Fremden“ verändert werden. Dies bedeutet nicht, dass solche Gestaltungseingriffe und Änderungen in den Gemeinschaften von vornherein vermieden werden sollten oder als falsch zu beurteilen sind, aber man müsste dabei eben immer vorsichtig und unter Beachtung der gewachsenen und bestehenden Strukturen und Institutionen vorgehen, also mit Widerständen rechnen und damit bereit sein, einen bestimmten Gestaltungsplan zu ändern oder auch aufzugeben.

Breivik wollte also offenbar gegen die von ihm angenommene Gefährdung seiner norwegischen Sozialgemeinschaft protestieren und darauf reagieren. Er hat mit dem unfassbaren Ausmaß seiner Reaktion aber nicht nur seinem Protest, sondern allen, die sich gegen das klassische Weltverständnis und Denken und damit gegen mechanistisch geplante und ideologisch für absolut erklärte Lebenslösungen wehren wollen, einen kaum wieder gut zu machenden Schaden zugefügt. 

Lebens- und Sozialgemeinschaften, die im Laufe der Zeit eigene Identitäten, Strukturen und Institutionen entwickeln und diese dann auch gegenüber ideologischen Sozialtechnikern und eindringenden Fremden verteidigen, wird es jedenfalls immer geben. Durch den heute erreichten Globalismus sind die Gemeinschaften allerdings nicht mehr nur „national“ strukturiert, womit größere Organisationen möglich geworden sind, die auch mehrere Sozialgemeinschaften umfassen können, wie es die Gründer der EU geplant haben. Breiviks Tat war jedenfalls eine Reaktion und keine Aktion. Dass er damit 77 seiner Landsleute getötet hat, ist nicht erklärbar und gewiss nicht entschuldbar. Er lehnte damit offenbar die von ideologisch agierenden Sozialtechnikern geschaffene und die durch geförderte Zuwanderung Fremder verursachte Änderung seiner Gemeinschaft vermutlich dermaßen ab, dass es schließlich zu seiner unfassbar entsetzlichen Reaktion kam. 

Die Ablehnung des Fremden als Ur-Phänomen

In allen historisch gewachsenen Gemeinschaften wird auf Fremde, die zur Kultur der Gemeinschaft keine oder nur geringe Bindungen haben (wie es besonders bei Moslems in Europa anzunehmen ist) und die sich daher nicht oder nur schwer integrieren können, ablehnend reagiert. Eine verantwortungsvolle Politik müsste darauf rechtzeitig Bedacht nehmen, also die Interessen der Gemeinschaftsmitglieder vertreten. Dies hat die politische Führung Norwegens nach Meinung Breiviks nicht getan. Dies dürfte auch das Gericht erkannt oder zumindest gespürt haben, da es zu keiner wirklich befriedigenden strafrechtlichen Beurteilung seiner Tat gekommen ist; wie könnte eine solche bei 77 Toten auch aussehen, um als richtig und angemessen angesehen zu werden? Man hat ihn daher trotz oder auch wegen seiner anzunehmenden Zurechnungsfähigkeit zur Gefahr für seine Mitmenschen erklärt und für immer weggesperrt. Weitere Schlussfolgerungen wurden bisher allerdings nicht gezogen. Breivik wurde also juristisch für tot und seine eigentlichen Motive für tabu erklärt.

Es ist aber erkennbar geworden (dazu kann auf viele moderne abendländische Denker seit der Aufklärung verwiesen werden), dass es keine endgültigen Lebenslösungen gibt. Dies gilt für alle Ideologien, also auch für den utopischen Sozialismus wie für die uneingeschränkten „Globalisten“. Daher wächst derzeit der Frust über Politiker und Sozialtechniker, welche ihre historisch gewachsenen Gemeinschaften nach ihren immer als „absolut“ und „politisch korrekt“ verkündeten Vorstellungen gestalten wollen. Man wehrt sich daher gegen den Vorwurf, man sei ein „Rassist“ oder ein „Nazi“, nur weil man generell mit ideologisch begründeten Gestaltungen nicht einverstanden ist und dagegen opponiert. Und vielfach wehrt man sich auch gegen eine ungehemmte Zuwanderung Fremder und lehnt multikulturelle Gemeinschaften ab, die längerfristig leider immer mit Blutbädern geendet haben. Man denke dazu nur an Frankreich und seine Probleme mit vielen Zuwanderern, aber auch an die „ethnischen Säuberungen“ nach dem Zusammenbruch Jugoslawiens oder die derzeit in Syrien und dem Irak stattfindenden. Ähnliches konnte man aber auch in kleinen Gemeinschaften beobachten: Als während der Jugoslawienkrise eine religiös motivierte Flüchtlingshelferin hunderten bosnischen, also überwiegend moslemischen Flüchtlingen Asyl in ihrem niederösterreichischen Heimatort Poysdorf (mit etwa 6.000 Einwohnern) verschaffte und selbstlos betreute, kam es schon nach kurzer Zeit nicht nur zu heftigen Protesten der Einheimischen, sondern zu wiederholten Auseinandersetzungen und Unruhen. Dies endete damit, dass die gutmeinende Flüchtlingshelferin zutiefst enttäuscht ihre Heimat verließ und die Poysdorfer von vielen Medien zu „Rassisten“ und „Nazis“ erklärt wurden. Auch dieses Beispiel zeigt also, dass man Fremde, die sich kulturell oder religiös stark von einer Gastgemeinschaft unterscheiden, nur vorsichtig und nicht in zu großer Zahl aufnehmen sollte. Andernfalls riskiert man scheinbar irrationale und vernünftigerweise nicht vertretbare Reaktionen. 

Der Raum für künstliche Gestaltung ist eng

Dies alles wird hier nur angeführt um zu zeigen, dass der Mensch offenbar tatsächlich die Gestaltung seiner Gemeinschaften nicht wirklich beherrscht. Falsche Gestaltungsentscheidungen können damit nie ausgeschlossen werden. Politische und ideologische Eingriffe in historisch gewachsene Sozialgemeinschaften können also sehr problematisch werden, vor allem dann, wenn sie ohne Verständnis für das Funktionieren der Gemeinschaft durchgesetzt werden. Und vor allem: Menschliche Gestaltungsregeln werden immer durch den Lauf der Zeit und das Leben irgendwann überholt, sollten also rechtzeitig geändert oder aufgegeben werden. Politische oder ideologische Gestaltungsregeln können die notwendigen Wechselbeziehungen zwischen den Gemeinschaftsmitgliedern und damit den Zusammenhalt der Gemeinschaft empfindlich berühren und stören. Ideologen beachten dies nicht oder zu wenig, weil sie immer davon ausgehen, dass ihre Ziele absolut richtig sind. Ihre Eingriffe in die Gemeinschaft können zwar durchaus zweckmäßig und zeitlich beschränkt auch richtig sein, sollten aber doch immer vorsichtig und „in kleinen Schritten“ (K. Popper) gesetzt werden, also mit der Annahme, dass sie die erwarteten Ergebnisse nicht bringen könnten. Auch der aufgeklärte, fortschrittliche absolute Herrscher Josef II. musste gegen Ende seines Lebens einige seiner gut gemeinten Reformen zurücknehmen. 

Das Ende der ethnisch geschlossenen Gemeinschaften

Beachtet werden müsste dabei allerdings auch, dass die Zeit der nur „natürlich“ gewachsenen und wachsenden Sozialgemeinschaften, also die Zeit der ethnisch geschlossenen „nationalen“ Gemeinschaften unwiderruflich vorbei ist. Die rasant fortschreitende Verflechtung der Welt ist unaufhaltsam. Trotzdem und nach wie vor braucht der Mensch eine funktionierende Gemeinschaft mit gesicherten Strukturen und Institutionen, deren Mitglieder durch ein Gemeinschaftsbewusstsein verbunden sind. Ein solches Bewusstsein entsteht aber nur durch gelebte Gemeinsamkeiten, weshalb eine gemeinsame Sprache, Kultur und Geschichte auch weiterhin die wichtigsten Garanten für das Entstehen und den Zusammenhalt einer Gemeinschaft sind. Damit müsste klar sein und beachtet werden, dass es zwar möglich ist, Fremde in eine Gemeinschaft aufzunehmen, die sich dann aber in diese integrieren müssen. Dies ist problematisch, wenn sich die Fremden nach ihrer Herkunft, Kultur und Geschichte stark von der Gastgemeinschaft unterscheiden, weil dies zu Integrationsunfähigkeit bzw. zu Integrationsunwilligkeit führen kann. Dies müsste daher bereits bei der Aufnahme Fremder berücksichtigt werden, was von der Sache her nicht als „Rassismus“ bewertet werden darf. Es müsste etwa beim Staatsbürgerschaftsrecht (und damit auch beim EU-Recht) sachlich angemessen berücksichtigt werden. 

Es ist daher in der Sache falsch und abzulehnen, wenn beispielsweise der türkische Ministerpräsident seine bereits in der EU lebenden Landsleute auffordert, die Staatsbürgerschaft des Gastlandes anzunehmen, aber immer Türken zu bleiben und sich dadurch von der Gastgemeinschaft zu unterscheiden, ist das nicht eigentlich „Rassismus“? Daher sind auch Doppelstaatsbürgerschaften problematisch, weil jede Sozialgemeinschaft durch solche verunsichert wird. Es ist daher schwer zu verstehen, wenn Deutschland es jenen Türken, die bereits deutsche Staatsbürger sind, ermöglicht, sich an Wahlen in der Türkei zu beteiligen. Deutet man die gegenwärtigen Entwicklungen in der Türkei richtig, so driftet die Türkei von Europa weg. 

Die Staatsbürgerschaftsrechte in der EU sollten daher klar festlegen, was von einem Gemeinschaftsbürger erwartet und gefordert wird. Verstöße dagegen sollten mit dem Verlust der Bürgerrechte geahndet werden. Dass dies nur schwer kontrollierbar wäre, dürfte kein Argument dagegen sein, weil solche Bestimmungen einem Bürger, der sich an diese Bestimmungen nicht hält, anzeigen, dass er sich damit außerhalb der Gemeinschaft stellt und damit rechnen muss, seine Bürgerrechte zu verlieren.

So ist also erkennbar, dass konstruierte ideologische und politische Gestaltungen der gewachsenen Gemeinschaften zu starken Reaktionen führen können. Tatsächlich ist auch wissenschaftlich erkannt worden, dass der Mensch die Funktionsweise seiner Gemeinschaften nicht richtig beherrscht und sie daher auch nicht rational und fehlerfrei gestalten kann. Eine verantwortungsvolle Politik müsste immer bemüht sein, solche Entwicklungen und Gefahren von vornherein zu vermeiden und darauf rechtzeitig zu reagieren. Ideologen, die in ihrem Absolutheitsdenken von einem „machbaren Menschen“ und von „machbaren Gesellschaften“ träumen, sind dazu augenscheinlich nicht fähig. 

 
Dr. Karl Claus, Wien, ist em. Rechtsanwalt und Verfasser des Buches „Der Parteienstaat in der Sackgasse – Das Finale der klassischen Ideologien“, Edition GENIUS, Wien 2007.

Bearbeitungsstand: Freitag, 28. November 2014

Mit Unterstützung von:

Verweis in neuem Fenster öffnen

Ja, senden Sie mir die GENIUS-Briefe gratis zum Kennenlernen an diese meine E-Mail-Adresse:

Mir ist bekannt, dass ich obige Zusendung jederzeit stornieren kann. Dazu muss ich nur auf die letzte Zeile in jedem GENIUS-Brief klicken.
Meine E-Mail-Adresse wird nur für Versandzwecke gespeichert.
 

 
Genius – Gesellschaft für freiheitliches Denken, Verein mit Sitz in Wien. ZVR 127778490
A-1010 Wien, Kärntner Ring 10/Top 2A, Telefon +43/0/650 7982 151, EMail: verein@genius.co.at
Wiedergabe von Genius-Lesestücken nur mit Zustimmung der Genius-Gesellschaft