Zitaten-Truhe


Von Lia Sutter-Herbert

 

Wort und Anruf

Wie Frevel dünkt’s mich fast,
wenn ich von Dingen sage,
die ich so tief und schwer im Herzen trage,
daß sie mit Worten kaum zu deuten sind.

Und doch, ich kann sie nicht verschweigen!
Ich fühl sie immer wieder aus der Tiefe steigen
und – um nicht zu ersticken –
muß ich sie befrein.

Bekenntnis

Mein Los ist, auf schwankem Grunde zu leben,
zu fühlen das unterirdische Beben,
das allem, was sicher scheint, heimlich droht.
Drum will ich fest sein in aller Not.

Drum will ich von Art und Heimat nicht lassen,
aus Vergangenheit in die Zukunft fassen,
Geliebtes bewahren mit treuem Sinn,
Geheimnis, aus dem ich kam und bin.

Ohne Maß und Mitte sind wir verloren,
ohne Liebe nackt ins Chaos geboren. –
Wir kamen mit einem Auftrag zur Welt:
Das Licht zu hüten, das uns erhält.

Liebe

Solang ich lebe, will ich lernen,
solang ich lebe, will ich schaun,
solang ich atme, will ich singen
von traurigen und frohen Dingen,
will niemals aufhör’n zu vertrauen,
daß uns die Sonne wieder scheine
und auch der Mond, mein guter Freund,
uns nicht vergißt,
daß unsre Freude an der Schönheit nicht erkalte,
daß sich die Liebe menschlich neu entfalte,
weil sie das Kostbarste im Leben ist.

Herbstabend

Blumen erfrieren,
Blätter hintreiben,
alles muß wandern,
nirgends ist Bleiben.
Farben verblassen,
die Sonne wird kühl,
der Wald verschwindet
im Nebelgewühl.
Sehr früh kommt die Nacht,
überm Nebel fern
brennt hoch am Himmel
ein einsamer Stern. 

Lebensgeheimnis

In manchen Büchern finde ich zuweilen
die gleichen Worte mit dem gleichen Sinn,
wie ich sie auch schon hingeschrieben habe –
und jähe Schauer rinnen durch mich hin!

Wie ist es möglich, daß in Herzen und Gehirnen,
die, weit durch Raum und Zeit getrennt, sich nie gekannt,
die gleichen Fragen, gleichen Nöte quälen,
die gleiche Ahnung gleichen Ausdruck fand?

O Gott, wie rätselhaft ist alles Leben,
wie sein Erkennen manchmal innig nah,
doch, wenn wir glauben, letztes Licht zu schauen,
sind immer wieder Rauch und Nebel da. 

So bleibt Geheimnis, was in uns geschieht.
Die Quelle, die aus tiefstem Grunde fließt
und sich in unsre leere Form ergießt,
nährt sich aus längst verloschnen Ahnenleben,
wir können ihr nur Raum und Richtung geben.

  • Zitiert aus der Auswahl-Sammlung „Licht am Abgrund“, Verlag Harwalik KG, Reutlingen 1974

Bearbeitungsstand: Freitag, 28. November 2014

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