Bundeshymne und Geschichte


Von Sigurd Paul Scheichl

Die aktuellen Debatten um die Bundeshymne beweisen eines: Österreich und seinen Politikerinnen ist jedes Gefühl für Tradition abhanden gekommen. (Dass sie, mit wenigen Ausnahmen, keine Ahnung von Literatur und kein Stilgefühl haben, überrascht ohnehin nicht.) 

Selbstverständlich kann man seit 1918 mangels eines Kaisers nicht mehr die Kaiserhymne singen, und wegen ihrer Bindung an die missverständliche Haydn-Melodie hat auch die Kernstock-Hymne der Ersten Republik – deren literarischer Wert diskutabel ist – ausgedient. Die Zweite Republik hat also eine hymnentaugliche Mozart-Melodie entdecken und 1947 in einem Wettbewerb einen Text dazu finden müssen. Paula v. Preradovic’ Verse, auch sie kein literarisches Meisterwerk, spiegeln immerhin einen wichtigen Augenblick der neueren Geschichte dieses Landes, den Geist des Neuanfangs nach Bürgerkrieg, „Anschluss“, Diktatur und Krieg. Mit den „schwarzen“ Äckern und Domen einer-, den „roten“ Hämmern andererseits spiegeln sie auch die große Koalition der ersten Nachkriegsjahre, den neuen Geist der Zusammenarbeit. 

Hymnen halten, ganz unabhängig von ihrem literarischen Wert, oft einen wichtigen Augenblick in der Geschichte eines Landes fest, drücken so Identifikation eines Landes mit seiner Geschichte aus. Die reichlich blutrünstige Marseillaise ist das beste Beispiel dafür: Politisch korrekt ist ihr Text ganz und gar nicht – selbst wenn „enfants de la patrie“ geschlechtsneutral ist – , aber sie hält eine große Stunde der französischen Geschichte fest; keinem Franzosen und keiner Französin fiele ein, sie anzutasten.

Geschichte, wohin man auch schaut

Die Polen singen „Noch ist Polen nicht verloren“ (von 1797), obwohl die polnische Teilung seit fast 100 Jahren überwunden ist … Selbst Deutschland mit den vielen Brüchen in seiner Geschichte singt als Nationalhymne die dritte Strofe eines Gedichts von 1841, das ein einheitliches und demokratisches Deutsches Reich gefordert hat. 

Auch die Tiroler Landeshymne, das Andreas Hofer-Lied, gehört in diese Reihe. Die Wiedergründung der Republik in Österreich hat zwar nicht das welthistorische Gewicht der französischen Revolution, uns steht es gleichwohl gut an, den 27. April 1945 als Tag der Überwindung einer unseligen Vergangenheit und als Beginn einer nationalen Erfolgsgeschichte im Gedächtnis zu bewahren. 

Selbst wenn der Text der Bundeshymne aus einem Wettbewerb hervorgegangen und also mehr oder weniger eine Auftragsarbeit ist, so ist er doch das Werk einer Autorin, in das man in einem Kulturland nicht beliebig eingreifen darf, auch der Nationalrat nicht. Aber die von Frau Rauch-Kallat betriebene – gut gemeinte – sprachliche Verschlimmbesserung (durch die Eliminierung des „bist du“ bricht nämlich das grammatische Gefüge der 1. Strofe zusammen) und deren rabiate Verteidigung durch die stilistisch ebenso feinfühlige Frau Heinisch-Hosek gegen den staatsgefährlichen Andreas Gabalier zeigen nicht nur mangelnden Respekt vor einer zwar keineswegs bedeutenden, doch Achtung verdienenden Dichterin, sondern, was weit ärger ist, mangelnden Respekt für die österreichische Geschichte. 

Im Übrigen ist selbst die derzeitige Fassung der Bundeshymne – von Maria Rauch-Kallat auf Grundlage eines Gedichts von Paula v. Preradovic? – keineswegs konsequent im „Sichtbar-Machen“ der Frauen, denn sie lässt – neben dem „Vaterland“ – die „Ahnentage“ unangetastet, obwohl doch „Ahninnen- und Ahnentage“ oder gar „Ahnfrauen- und Ahnherrentage“ sehr apart wären. (Für eine Hymne gelten andere Stilnormen als für Leitartikel oder Verordnungen!) Das ist nicht als Aufforderung für weitere Eingriffe in den Text zu lesen … 

Eine neue Bundeshymne?

Brauchen wir also eine neue Bundeshymne? Weil die „Hämmer“ in der Dienstleistungsgesellschaft nicht mehr zeitgemäß sind, wie Frau Brinek meint? Mit der Säkularisierung und mit der islamischen Zuwanderung sind wohl auch die Dome zu eliminieren, mit dem Rückgang der Landwirtschaft lassen sich die Äcker nicht mehr halten. Dagegen muss die Neutralität hinein (wie lange noch?), vielleicht die Behörden der Vereinten Nationen in Wien, vielleicht Staatsoper (wenn die nicht in den Bruder-, jetzt: Jubelchören mitgemeint ist), Opernball oder Neujahrskonzert und, aus Tiroler Perspektive, die Olympischen Winterspiele. Irgendwie müssten die Homosexuellen in der Hymne „sichtbar“ werden, die Behinderten, andere Minderheiten … Und so weiter. Durchwegs legitime Ansprüche, nur haben sie nichts mit einer Hymne zu tun; für den besonderen Charakter dieser Textsorte hat Frau Brinek offenbar noch weniger Verständnis als die erste Umdichterin. 

Angesichts der Schnelllebigkeit unseres Jahrhunderts würde diese „neue“ Bundeshymne wohl nicht mehr sieben, sondern nur drei Jahrzehnte halten und dann – für zwanzig Jahre? – durch eine neue ersetzt werden müssen, die heute noch nicht einmal von Zukunftsforscherinnen halbwegs exakt zu ahnende Verhältnisse spiegeln sollte. Im 22. Jahrhundert wäre dann alle fünf Jahre ein Hymnenwechsel einzuplanen …

Die – ich gendere selbstverständlich (übrigens nicht nur in dieser Polemik) – Pfuscherinnen und Pfuscher, die an einem inzwischen Bestandteil unserer Geschichte gewordenen Text herumbasteln zu müssen und zu dürfen glauben, übersehen, abgesehen von ihrem mangelnden Stilgefühl, dreierlei. 

Erstens: Eine Hymne artikuliert das historisch gewachsene Selbstverständnis eines Landes und hat nicht die Aufgabe, dessen aktuelle Verfasstheit zu beschreiben. (Zur Zeit der Entstehung der Bundeshymne bin ich eingeschult worden; hätte man uns im Gymnasium nach den großen Töchtern gefragt, wären uns gerade einmal Bertha v. Suttner und Maria Theresia, nach längerem Nachdenken vielleicht noch Marie v. Ebner-Eschenbach und Lise Meitner eingefallen – eine Folge der jahrhundertelangen Benachteiligung der Frauen, aber doch eine Tatsache; so ist es wohl auch Paula von Preradovic, selbst eine „Tochter“, gegangen. Gott sei Dank ist es heute anders!) 

Zweitens: Hätte man eine Ahnung von der heutigen Literaturszene, wüsste man, dass es Hymnenschreiberinnen und -schreiber nicht mehr gibt; eine Nationalhymne braucht patriotische Töne, und für die fehlen heute die Spezialistinnen und Spezialisten. Die literarischen Verfahrensweisen der Gegenwart taugen nicht für die Gattung „Festgedicht“ (literarisch waren die Preradovic-Verse auch schon 1947 „überholt“) – entweder wäre man also gezwungen, den zweitklassigen Text eines zweitklassigen Autors zu wählen oder eine Autorin von Rang müsste gegen ihre Überzeugung eine (wahrscheinlich zweitklassig ausfallende) Hymne schreiben. Mit dem Risiko, dass Frau Rauch-Kallat, Frau Heinisch-Hosek, Frau Brinek, der Nationalrat, der Bundesrat, die Volksanwaltschaft, die Rektorenkonferenz und die Sozialpartner mitdichten wollen und vielleicht die Beamtengewerkschaft über einen Beschluss des Nationalrats den „Hofrat“ bzw. die „Hofrätin“ in die Hymne hineinreklamiert. 

Drittens gilt das Gleiche für Komponistinnen und Komponisten: Man müsste entweder jemand aus dem Bereich der U-Musik gewinnen oder das Risiko einer wenig sangbaren Hymne eingehen. 

Ein Land muss glücklich sein, in dem man sich über Söhne und Töchter in der Bundeshymne streitet (obwohl es doch ein paar andere Probleme offenbar geringeren Gewichts gibt – neben dem zwar scheußlichen, aber nicht ganz sinnlosen Binnen-I die wachsende Europa-Skepsis, die Bankenkrise, die Bildungspolitik, die Steuerreform …). Eigentlich braucht man also über die Sommerloch-Bundeshymnendebatte kein Wort verlieren. Aber sie ist ein Symptom: dafür dass Österreichs Politikerinnen und Politiker kein Gefühl für Tradition haben. 

Das ist keine Nebensache; Traditionsbewusstsein ist für einen Staat lebenswichtig! Mit dem Singen der Preradovic-Hymne bekennen wir uns zur republikanischen Verfassung Österreichs, die gerade den „Töchtern“ zugute gekommen ist, bekennen wir uns zur insgesamt doch halbwegs geglückten Zweiten Republik (und damit zu großen Fortschritten in der Emanzipation der Frau). 

Bisher habe ich Andreas Gabalier nicht wahrgenommen, seine Musik interessiert mich nicht. Aber ich bin ihm dankbar für den Mut, den es heute braucht, um gegen zeitgeistigen Sprachpfusch unverändert eine Hymne zu singen, die die Entstehung unserer Republik ehrt. Es wäre ihm wahrscheinlich peinlich, als Hüter der Tradition gelobt zu werden; aber dennoch ist sie bei ihm in besseren Händen als bei den Politikerinnen der so genannten Kulturnation Österreich.

 
Der Verfasser Dr. Sigurd Paul Scheichl ist em. Universitätsprofessor, Innsbruck, und lebt in Südtirol.

Bearbeitungsstand: Freitag, 28. November 2014

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