Alles beruht auf Energie


Das Um und Auf von jeglichem Geschehen 

 

Von Karl Sumereder

Unseren Sinnen bietet sich eine verwirrende Vielfalt der Welt. Könnten wir die vielen einzelnen Dinge und Ereignisse nicht differenzieren, würde dies die Verarbeitungskapazität unseres Gehirns sprengen. Der menschliche Intellekt sucht sich aus dem unendlichen Energiefluss des Universums, beziehungsweise der als Universum sich manifestierenden Energie, Prozesse und Strukturen heraus, die seinen Sinnesorganen adäquat sind und deren Ordnungsmuster ihm entsprechen. Der Verstand macht sich ein Bild von der eigenen Ordnung und hält dieses für die ganze Wirklichkeit. Unser Bewusstsein abstrahiert aus der pulsierenden, verwirrenden Vielfalt der Welt energetisch-materielle Strukturen, Muster, Formen und Gesetze, die seine persönliche Aktivität widerspiegeln. Was wir von der Welt wahrnehmen, ist ein mehrfach gefilterter Extrakt. Gemäß der Urknall-Theorie, aus Sicht der Physik eine Quantenfluktuation im kosmischen Vakuum, hat sich aus einem ursprünglichen, eigenschaftslosen Energie-Plasma-Paket alles entwickelt. Die Protonen- und Neutronenbildung (= Bausteine von Atomkernen), die Herausbildung von Atomen, positiv und negativ geladene Materie, bis hin zu allen astronomischen Strukturen, wie auch die Erde. Alles Geschehen beruht laut der Naturwissenschaft auf energietragenden Feldern, solchen wie auch Schwerkraft oder Elektromagnetismus. 

Jede Raumregion des Kosmos sowie unsere unmittelbare Umwelt ist von Energie, ist von elektromagnetischer Schwingung verschiedener Art erfüllt. Sichtbares Licht in seinen verschiedenen Farben, Röntgenstrahlen, Gammastrahlen, Infrarotwärme, Ultraviolettlicht, Radiowellen, weitere kosmische Strahlen und die niederfrequente Hintergrundstrahlung. 

Der deutsche Philosoph Wilhelm Schmid bringt aktuell in seinem Bestseller: „Gelassenheit, was wir gewinnen, wenn wir älter werden“, Insel Verlag 2014, die Empfehlung und den Ratschlag zum Ausdruck, möglichst mit Gelassenheit das Leben und Ableben aufzufassen, sowie die Auffassung, dass unzerstörbare Energie das Wesentliche und Eigentliche des Lebendigen sein könnte. Etwas, das über unser eigenes Ich und seine Zeit weit hinausreicht. Er sieht die Energie als das Wesentliche allen Seins und Daseins und das Besondere der Energie in der Fülle von Möglichkeiten, die in ihr gespeichert sind. Man müsse demgemäß, um die eigentliche Wirklichkeit zumindest zu erfassen zu versuchen, von allumfassender Energie und von Energiefeldern ausgehen. 

Was ist das aber – Energie?

Der Begriff Energie wurde 1852 vom schottischen Physiker William Rankine im heutigen Sinn in die Physik eingeführt. Bis dahin hat man über verschiedene Arten von Kräften gesprochen, im Sinne von „energeia“ (wirkende Kraft) aus der griechischen Philosophie. Energie ist laut dem deutschen Physiker und Philosophen Carl Friedrich von Weizsäcker (1912–2007) ein Begriff materieller Bewegung. Von allen Energieformen ist die Wärme die ursprünglichste und erzeugt ungeordnete Bewegung. In allen Teilgebieten der Physik, der Technik, der Chemie, der Biologie und im Wirtschaftsgeschehen ist Energie eine fundamentale Größe von zentraler Rolle. 

Wie in der Urknall-Theorie beschrieben, tauchten in Sekundenbruchteilen Elementarpartikel, physikalische Gesetze, Raum und Zeit auf. Der Augenblick, in dem sich alle Energieformen zu manifestieren und dann zu differenzieren begannen, wird auch als „Urschöpfung“ bezeichnet. Energie ist in verschiedenen Formen gegeben und kann in physikalischen Systemen auf unterschiedliche Weise auftreten. Zum Beispiel als potenzielle Energie – etwa wie in einer gespannten Feder. Darunter versteht man die energetische Kraft, die aufgebracht werden muss, um ein Objekt in eine gewisse Höhe zu heben. Oder als kinetische Energie, als Bewegungsenergie, die erforderlich ist, um einen Gegenstand aus einem Ruhezustand heraus, mit bestimmter Masse über eine bestimmte Strecke zu bewegen. Die Geschwindigkeit dabei ist der Gradmesser der Energie. Weiters die Formen Ruheenergie, elektrische Energie, chemische Energie, magnetische und thermische Energie. 

Gemäß dem Energieprinzip, dem so genannten Energieerhaltungssatz, kann bei keinem Naturvorgang Energie verloren gehen oder aus nichts gewonnen werden. Energie ist nur ineinander umwandelbar. Unser Planet Erde empfängt unter anderem Energie von der heißen Sonne und gibt sie gleichzeitig in Form von Wärme ab. Die Bilanz von zu- und abfließender Energie ist dabei immer ausgeglichen. Das Sonnenlicht verkörpert höherwertige Energie, die Wärmestrahlung der Erde niederwertige Energie. 

Energie kann stets nur umgewandelt werden 

Die Aussage, Energie lässt sich nicht verbrauchen, mag verblüffen. Wenn von Energieverbrauch die Rede ist, handelt es sich jedoch darum, dass Energie aus wertvollerer Form – wie die chemische Energie des Erdöls – in eine weniger wertvolle – wie etwa in heiße Luft oder heißes Wasser – umgewandelt wird. Gemäß dem Zweiten Hauptsatz der Thermodynamik gibt es jedoch Grenzen. Thermische Energie ist nämlich nur eingeschränkt umwandelbar beziehungsweise zwischen physikalischen Systemen übertragbar. Bestimmte Energieformen können Umwandlungen eingehen, wobei aber die Summe der Energiemenge vor und nach der Umwandlung stets die gleiche ist. Laut der „Schrödinger-Gleichung“ des österreichischen Nobelpreisträgers für Physik Erwin Schrödinger (1887–1961), bestimmt Energie die zeitliche Entwicklung physikalischer Systeme. Die Relativitätstheorie Albert Einsteins (1879 – 1955) postuliert, dass Ruheenergie und Masse, wie in seiner berühmten Formel: (Ruhe)-Energie = Masse mal Lichtgeschwindigkeit hoch 2 herausgestellt, ineinander verknüpft sind. 

Kosmos und Idee

Bei all diesen Erläuterungen tauchen unwillkürlich Gedanken auf, ob beim ganzen Evolutionsgeschehen, kosmisch und biologisch, dem Konglomerat Energie = organisierte Materie nicht doch von Anbeginn „Ideelles“, ein geistiges Prinzip beigegeben ist. Geist in diesem Sinne ist nicht identisch mit menschlichem oder sonstigem zentralnervösem Geist. Die Philosophiegröße Platon (427–347 v. u. Z.) hat zwischen „Eidolon“, die für die Anschauung verborgene Idee, „Eidos“, die für die Anschauung erkannte Idee, das Wesen eines Dinges und „Idea“, die rein abstrakte Idee unterschieden. Ideelles, die Idee existiert ganz einfach, muss weder wahrgenommen noch verstanden werden, noch bedarf es einer Bedeutung, um zu existieren. 

Ohne Energie und ohne zelluläre Hirnmasse sind jedenfalls menschliche geistige Prozesse nicht möglich. Dass es so komplexe Strukturen wie Geist, Bewusstsein, Denken, Fühlen und so weiter auf der Ebene des Lebendigen gibt, kann zum Postulat einer kosmischen Intelligenz führen. Ganz spekulativ betrachtet, als nicht weiter erklärbar, die Energie (= zugleich Materie) als eine den gesamten Kosmos durchwaltende Idee. 

Bei der kosmischen Energie handelt es sich um hochenergetische Strahlungen, die von der Sonne, den Sternen, der Milchstraße, fernen Galaxien und von verdrillten Magnetfeldern, die sich über riesige leere Raumregionen erstrecken, emittiert werden. Die Freisetzung riesiger Strahlungsmengen in den Wellenlängen des elektromagnetischen Spektrums, in jenen der Radiowellen und des infraroten Lichts und jenen der kürzeren Wellen des ultravioletten Lichts, der Röntgen- und der Gammastrahlung. Die Erde ist nicht nur elektromagnetischer Strahlung (Licht) ausgesetzt, sondern einem unaufhörlichem Bombardement auch anderer Teilchen. Von den rätselhaften Neutrinos, die fast spurlos zu Myriaden die Erde, alle Lebensformen durchdringen, bis hin zu extrem energiereichen Atomkernen. Der Ursprung der kosmischen Strahlungsenergien ist physikalisch nur theoretisch (mit Hilfe der Mathematik) erklärbar und ist letzten Endes rätselhaft. 

Energie, Leben und Tod 

Mikroben, Algen, Moose, Pilze, Pflanzen, Tiere und wir Menschen benötigen Energie, um jenen Zustand für eine gewisse Zeit aufrecht zu erhalten, den wir Leben nennen. Energie ist auch im Bereich der Technik, im Betrieb von Computersystemen, der Telekommunikation und jeglicher Wirtschaftstätigkeit erforderlich. 

Helmut Kern („Genius-Lesestücke“, Philosophie, Folge 3/2004) beschreibt Leben als eine ruhelose Tätigkeit. Ohne Pause geschieht etwas. Wie etwa durch ein Handeln, ein Schaffen und Werken oder wie beim Atmen und Verdauen. Darin liege auch der Unterschied zum Unbelebten. Was nicht tätig ist, hat kein Leben. Nach neurowissenschaftlichen Erkenntnissen ist Leben eine chemische Kettenreaktion, ein gigantischer Dominoeffekt. Das Leben ist ein unentrinnbares Schicksal. Davon war schon das Philosophiegenie Immanuel Kant (1724– 1804) überzeugt. 

Die heutige Physik setzt eine Wirklichkeit voraus, in der es Geschehnisse gibt, weil sie geschehen, ohne eine für uns immer erkennbare Gesetzlichkeit von Ursache und Wirkung. Grundlos, begrenzt von statistischer Wahrscheinlichkeit, begründet von „reinen“ Zufällen. Irgendwie ein „Spiel“, ein Tanz mit unbekannten Regeln. 

 
„Doch von allem, das war und ist, stirbt nichts.
Wohl zerstieben die Elemente, doch bildet sich
daraus die verwandelte Form in tausendfach
neuer Gestalt.“
         Euripides (480 oder 485/484 – 406 v. u. Z.) 

 
Wie schon Euripides erkannte, wird am Ende jeglicher lebender Systeme deutlich, dass es Kräfte, Energien sind, die einen lebenden Körper prägen und ihn von einem toten Körper unterscheiden. Energie verschwindet nicht. Kein Quantum geht verloren, ohne allerdings genau lokalisierbar zu sein. Alle Atome und Moleküle eines Lebewesens gehen früher oder später in andere Atom- und Molekülverbände über. Nichts wird zu einem Nichts. Ein Körper, zeitlich begrenzt, hört in der gegebenen Form zu existieren auf. Alle seine Bestandteile werden umgewandelt. Die Energie der Lebewesen mündet in das Meer der kosmischen Energie zurück. Ein unaufhörlicher Kreislauf. 

Wilhelm Schmid (siehe oben) schildert persönliches Erleben, wenn menschliches Leben zu Ende geht. Wenn das Mysterium geschieht, dass ein Mensch gerade noch gesprochen und gehandelt und sich bewegt hat und ab einer Millisekunde nicht mehr. Alle Energie, die diesen Körper während der Lebenszeit getragen hat, ist verschwunden. Tröstlich zeichnet er die Vision, dass Körperliches abbaubar ist, nicht aber seine Energie. Gelassenheit ist für ihn das Fühlen, sich in einer Unendlichkeit bewahrt zu wissen, für die es nicht wichtig ist, welchen Namen sie trägt. 

Auch der aus den „Genius-Lesestücken“ bekannte deutsche Autor Hans-Joachim Schönknecht (Pacengo/Gardasee, Köln), hat 2010 in einer Korrespondenz zum Ausdruck gebracht, dass Werden und Vergehen lediglich Prozesse einer Transformation sind. Solche sind auch Geburt und Tod, woraus bei den ethisch orientierten Philosophen, wie Epikureern und Stoikern, die Folgerung gezogen wird, diese Vorgänge gelassen zu betrachten. 

Mit der unterschiedlichen Deutung des Todes und der Angst vor dem Sterben, hat sich auch Helmut Kern („Tod und Sterben“, Genius-Lesestücke, Folge 3/2004) auseinandergesetzt.

Für Wilhelm Schmid ist der Tod das Tor zur Erfahrung von Transzendenz, intellektuell oder religiös verstanden. Letztlich komme es nicht auf das Wissen an, das wir nicht mit letzter Gewissheit haben können, sondern auf die individuelle Deutung. Sei es auf der Basis von einleuchtender Plausibilität oder von Ästhetik, was einem eben als schön erscheint. 

Zur eingangs aufgeworfenen Frage, was Energie eigentlich ist, hat der ehemalige parlamentarische Energiesprecher seiner Partei und spätere Herausgeber der Genius-Lesestücke Gerulf Stix gereimt folgende Antwort gegeben: 

 
Was ist Energie? Wir wissen es nie.

Wir können sie nicht produzieren,
nur technisch transformieren.
Erscheint sie entfesselt geballt,
erzittern wir vor ihrer Gewalt.
Dem Rätsel hat Einstein nachgespürt,
was auch nicht recht zum Verständnis führt.
Erklärend bleibt nur die Formel parat:
E = m mal c zum Quadrat.

(m = Masse, c = Lichtgeschwindigkeit)   Genius-Lesestücke, Mai–Juni 2011       

 

Über Jahrhunderte und Jahrtausende war die Frage des Lebendigen ein Zufluchtsort der Metaphysik, in dem der Begriff des Lebens mit Vorstellungen von einer immateriellen „Lebenskraft“ verbunden wurde, wie dies mit „Entelechie“ bei Aristoteles oder „Elan vital“ bei H. Bergson zum Ausdruck kam. Im Gegensatz zu den vitalistischen Konzeptionen stehen die ebenso alten reduktionistischen (materialistischen) Traditionen in der Biologie. Leben ist gemäß solchen Vorstellungen kein metaphysisches Geheimnis, sondern ein materielles und erkennbares Sein.

Hohes Wissen ist ein großes Gut. Wer vieles weiß, bleibt dennoch immer wieder auf ein irgendwelches Glauben und Vermuten angewiesen – oder man bleibt ohne Antwort. Nicht alles zu wissen, ist ein großes Glück.

Bearbeitungsstand: Freitag, 28. November 2014

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