Die Ursachen für anschwellende Bürgerbewegungen


PEGIDA in Deutschland und die Ablenkung vom Staatsversagen

 

Von Wolfgang Schimank

Über die – letztlich das furchtbare, durch nichts zu entschuldigende Blutbad im Jänner in Paris auslösenden – Provokationen der Charlie-Hebdo-Karikaturen kann man geteilter Meinung sein. Es gibt u. a. zwei hohe Gesellschaftswerte, nämlich „Respekt vor religiösem Empfinden“ und „absolute Meinungsfreiheit“. Zu bemerken ist aber, dass weite Kreise in Politik und etablierten Medien lautstark und in fast schon an Hysterie grenzender Weise letzterer den Vorrang gaben. Da darf schon daran erinnert werden, dass man das kostbare Gut der Meinungsfreiheit auch dann verteidigen sollte, wenn es um die Artikulation der begründeten Sorgen der Pegida-Bewegung geht. Diesbezüglich war es vor den Politikermikrofonen und im Blätterwald aber beängstigend still. Laut, unsachlich und meist auch unqualifiziert war nur die intolerante Verdammung der legitimen Pegida-Anliegen. Anm. d. Red.

In einer funktionierenden Demokratie gibt es neben einer unabhängigen Legislative, Exekutive und Judikative auch unabhängige Medien. Letztere sollen nicht nur informieren, sondern auch die Meinungsvielfalt der Bevölkerung widerspiegeln. Ihnen kommt auch eine Kritik- und Kontrollfunktion zu.[1] In Deutschland funktioniert das Prinzip der Unabhängigkeit von Politikern und Medien immer weniger. Politiker und Medien verbünden sich gegen das eigene Volk. Viele fragen sich, ob durch die Wiedervereinigung Deutschlands nicht letztendlich die linken Kräfte obsiegt haben ...

Unabhängigkeit und Glaubwürdigkeit aufgegeben

Um glaubwürdig zu sein, müssen Wort und Tat eine Einheit bilden. Die Politiker haben schon seit langem an Glaubwürdigkeit verloren. Aber 1970 hatten in Westdeutschland wenigstens 33 Prozent der Bevölkerung noch Achtung vor dieser Berufsgruppe. Heute, im wiedervereinigten Deutschland, empfinden lediglich sechs Prozent einen gewissen Respekt vor den Volksvertretern.[2] Seit langem sinkt bei Bundestags- und Landtagswahlen die Wahlbeteiligung. Bei den Bundestagswahlen im Jahre 2013 gaben nur 71,5 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimme ab. Bei den Landtagswahlen 2014 in Sachsen, Brandenburg und Thüringen ging nur jeder Zweite zur Urne (49,2 bzw. 47,9 und 52,7 Prozent). Das hat mit einer zunehmenden Entfremdung zwischen Regierenden und dem Wahlvolk zu tun. Es werden, mit teils verheerenden Folgen, „Reformen“ auf dem Rücken der einfachen Menschen durchgeführt. Bei der „Polizeireform“ wurde in vielen Bundesländern die Sicherheit der Bürger in fahrlässiger Weise vernachlässigt. Probleme mit Ausländern werden eisern totgeschwiegen. Entscheidungen der Politiker werden zunehmend intransparenter, z. B. bei der Euro- und der Ukraine-Krise sowie über die Inhalte des in Verhandlung befindlichen Transatlantischen Freihandelsabkommens (TTIP). Die Politiker versprachen und versprechen heute noch, dass es in Deutschland niemals zu amerikanischen Verhältnissen kommen soll. Fest steht, dass es heute Menschen gibt, die mit nur einem Beschäftigungsverhältnis die Familie nicht mehr ernähren können, dass es genmanipulierte Lebensmittel und eine Erdöl- und Erdgasförderung mittels Fracking geben wird. Große Konzerne werden dank TTIP die Möglichkeit bekommen, nationale Regierungen mit milliardenschweren Klagen zu überziehen, falls ihre Gewinne gefährdet sind. Damit wird ein weiteres Stück Souveränität der Nationalstaaten aufgegeben. Ähnlich verhält es sich beim Euro-Rettungsschirm ...

Die Politiker haben schon längst ihre Unabhängigkeit verloren. Ein großer Teil der Gesetzesentwürfe sind von Lobbyisten aus der Industrie mitverfasst. Aus der Sicht von Großkonzernen ist Lobbyismus gut investiertes Kapital, weil sie die Politiker von negativen Marktkräften oder nachteiligen Gesetzen abschirmen können.[3] Ein Beispiel für die „erfolgreiche“ Lobbyarbeit der Pharmaindustrie sind die in Deutschland überteuerten Medikamente. Der Wechsel von ehemaligen Spitzenpolitikern wie Roland Koch, Daniel Bahr und Ronald Pofalla in die Wirtschaft demonstriert die enge Verquickung von Politik und Wirtschaft.

Des Weiteren verspüren die Bürger eine gewisse Entdemokratisierung durch die Regierenden. So werden Euro-Kritiker mundtot gemacht und/oder verleumdet. Davon können Finanz- und Wirtschaftswissenschaftler, aber auch Politiker, die ihren Wahlauftrag noch ernst nehmen, ein Lied singen. Wolfgang Bosbach (CDU) wurde von seinem Parteikollegen Ronald Pofalla übelst beschimpft, weil er gegen den Euro-Rettungsschirm und gegen die Griechenlandhilfe stimmte. Veronika Bellmann, Alexander Funk und Klaus-Peter Willsch (alle CDU) wurden für ihre Euro-kritische Haltung gemaßregelt. Letzterer verlor seinen Posten im Haushaltsausschuss des Bundestages. Die im Grundgesetz verbriefte Gewissensfreiheit der Volksvertreter wurde damit ad absurdum geführt und die Abgeordneten zum Stimmvieh im Deutschen Bundestag degradiert. Mittlerweile wagt es kaum ein Bundestagsabgeordneter, sich offen zu aktuellen Ereignissen zu äußern, falls die Meinung von der der Parteiführung abweicht.

Mit vereinten Kräften wird rhetorisch auf die Alternative für Deutschland (AfD) eingeschlagen. Diese Partei möchte zum Beispiel viel mehr Volksabstimmungen. Warum sind die anderen Parteien dagegen? Fürchten sie sich vor ihrem eigenen Volk?

Für Unmut bei der deutschen Bevölkerung sorgte auch, wie über Italien illegal eingereiste Flüchtlinge in Berlin, Hamburg und München wochenlang die Staatsmacht nötigen konnten. Die Deutschen vermissten ein schnelles und konsequentes Eingreifen der Behörden. Einzelne Bundespolitiker bezichtigten zwar Italien des Missbrauchs von EU-Regeln und des Bruchs des Völkerrechtes. Der Vorfall hatte aber weder für diese Flüchtlinge noch für Italien Konsequenzen. Der Staat versagte hierbei auf ganzer Linie.

Mitschuld der Medien

Die Unabhängigkeit der Medien erhielt einen ersten Knacks, als diese nach der Wiedervereinigung Deutschlands in trauter Zweisamkeit mit den Regierenden die „Politische Korrektheit“ (political correctness) mit all ihren Verrenkungen und Widersprüchen durchsetzten. „Was als Kreuzzug für Anstand begann, schlug um in einen Konfliktherd und sogar in Zensur. Streitende betrachten puren Zwang als einen Ersatz für die Kraft der Gedanken – zum Beispiel, indem sie ihren Kontrahenten bestrafen oder verweisen lassen.“ (George H. W. Bush)[4] Wenn zum Beispiel ein ehemaliger DDR-Bürger eine bestimmte Delikatesse wie gewohnt als „Negerkuss“ bezeichnet, wird er von den politisch Korrekten sofort als „Rassist“ bezeichnet. 

Die Ostdeutschen haben in einer friedlichen Revolution eine linke Diktatur beseitigt. Nun müssen sie erneut einen Gesinnungsterror erleben, der von linken Kräften im Gewande der „Politischen Korrektheit“ geschürt wird. Bei der Ausgrenzung und beim Totschweigen von Euro-Kritikern haben viele Zeitungen, Radio- und TV-Sender am gleichen Strang gezogen. Ähnlich verhält es sich auch mit der Ukraine-Krise. 

Ein weiteres Tabuthema ist die Schwierigkeit bei der Integration von Ausländern in die deutsche Gesellschaft. Hierzu wurde jahrelang beharrlich geschwiegen. In vielen deutschen Großstädten bildeten sich türkisch-libanesisch geprägte Parallelgesellschaften. Ein erheblicher Teil der Menschen kann auch nach zehn oder 20 Jahren Aufenthalt in Deutschland nicht oder nur ungenügend Deutsch sprechen. Es gibt heutzutage immer noch Ehrenmorde, Gewalt und eine verachtende Verhaltensweise gegenüber Mädchen und Frauen. In den Stadtteilen mit hohem Ausländeranteil ist die Kriminalität besonders hoch. In den öffentlichen Nahverkehrsmitteln gibt es neben dem Drogenverkauf viele Übergriffe, die oft polizeilich nicht registriert werden, weil kein Polizist vor Ort ist. Somit gehen diese Delikte nur selten in die Statistik ein. Da sich Politiker lieber chauffieren lassen, als mit Bus oder Bahn zu fahren, haben sie keine Ahnung, welchen Gefahren die einfachen Bürger täglich ausgesetzt sind. Ich bin in Berlin schon mehrmals bedroht worden.

Berliner Erfahrungen 

2006 machte die Rütli-Oberschule in Berlin-Neukölln von sich reden, als die Lehrer an den Berliner Bildungssenator einen „Brandbrief“ schrieben und die Schließung der Schule verlangten, weil sie der Gewalt durch Schüler nicht mehr standhalten könnten.[5] Als dann noch ruchbar wurde, dass Schüler nur deshalb geschlagen wurden, weil sie Deutsche sind, schickte der öffentlich-rechtliche Sender NDR eine Reporterin vorbei. Aus Angst, in die rechte Ecke gestellt zu werden, delegierte man Güner Yasemin Balci, eine Türkin mit deutschem Pass, zum Tatort. Das Klima war schon zu dieser Zeit von Linken, Grünen und linken Sozialdemokraten derart vergiftet, dass eine sachliche Darstellung der Probleme mit Ausländern unmöglich war. Insbesondere die Grünen können auf einen reichen Fundus an deutschfeindlichen Sprüchen zurückgreifen. Es gibt ein Video von „Panorama“ namens „Deutschlandfeindlichkeit – Realität an deutschen Schulen?“[6] Güner Yasemin Balci fragte sich, wie es soweit kommen konnte. Da sie selbst in Berlin-Neukölln groß geworden ist, müsste sie es eigentlich wissen. Oder durfte sie nicht die Wahrheit sagen, weil es der Anschauung des Auftraggebers widerspricht? Im „Spiegel“ ist zu lesen, dass bei den türkischen Einwanderern 72 Prozent der Personen zwischen 20 und 64 Jahren keinen Berufsabschluss besitzen. Die Unternehmen suchen Spezialisten, Facharbeiter, Ingenieure, Ärzte. Doch so viele Männer, die Saftkisten schleppen können, suchen sie nicht.[7] Was bekommen die muslimischen Kinder in ihrer Familie und in der Moschee mit auf dem Weg, wie man sich gegenüber den Mitbürgern und der deutschen Gesellschaft zu verhalten hat und wie wichtig Bildung ist? 

Es gibt sicherlich Muslime, die sich voll in die deutsche Gesellschaft integriert haben. Ihnen gilt auch nicht die Kritik. Es ist davon auszugehen, dass der Staat diesbezüglich Erhebungen anstellen ließ, die unter Verschluss gehalten werden. Der Anteil der voll integrierten Muslime dürfte wohl eher ernüchternd gering sein.

Ein Bündnis von Medien und Politik

Leider haben die Medien lange Zeit gemeinsam mit den Politikern über dieses Thema hinweg geschaut und ein Bündnis der Weggucker gebildet. Durch die Ereignisse in der Rütli-Schule und durch die Bücher von Thilo Sarrazin wurden sie unsanft aus ihren Multikulti-Träumen geweckt. Aber die Neigung der Medien und Politiker, darüber schnell den Mantel des Schweigens zu werfen, ist sehr groß. Viele Berichte aus dieser Zeit, die im Internet veröffentlicht wurden, sind bereits wieder gelöscht. Kirsten Heisig, die als Jugendrichterin in Berlin-Neukölln aktiv war, setzte sich für eine schnelle Bestrafung der Täter und für eine bessere Kommunikation zwischen den betroffenen Parteien ein. Dieses „Neuköllner Modell“ wurde in ganz Berlin und auch in anderen deutschen Großstädten angewendet. Heinz Buschkowsky, Bürgermeister von Berlin-Neukölln, beklagte, dass die offiziellen Stellen in Berlin bereits wieder in den alten Trott verfallen.

Die Massenmedien haben in einer funktionierenden Demokratie nicht nur eine Informationspflicht. Sie müssen auch die Meinungsvielfalt der Bevölkerung widerspiegeln, zum Beispiel durch Veröffentlichung von Leserbriefen, auch wenn sie nicht der Linie des Mediums entspricht. Die Massenmedien haben eine Kritik- und eine Kontrollfunktion und müssen unabhängig von den politischen Machthabern sein.[1] Der hohe Anspruch scheitert bereits bei der Widerspiegelung der Meinungsvielfalt: So bleiben Leserbriefe, die Probleme mit Ausländern, die Euro-Politik, die Ukraine-Politik und das Selbstbestimmungsrecht der Völker ansprechen, oft unveröffentlicht. Uwe Krüger, ein promovierter Diplom-Journalist und Medienforscher, untersuchte in seiner Dissertation den Einfluss der Eliten auf deutsche Journalisten und Medien. So unterhielt jeder dritte der 219 leitenden Redakteure der deutschen Leitmedien informelle Kontakte mit Politik- und Wirtschaftseliten. Er fragt sich, ob die journalistischen Eliten aufgrund ihrer Verstrickung überhaupt noch als Anwälte des öffentlichen Interesses kritisch-kontrollierend wirken können.[1] Krüger verweist auf die Übereinstimmung mit Schilderungen erfahrener Journalisten. Hans Leyendecker spricht von „komplizenhaften Verstrickungen“. Hans-Ulrich Jörges kritisiert die Perversion des Berufes des Journalisten durch persönliche Versippung mit der Politik, die Vermischung von Journalismus mit Politikerberatung und das Schreiben von Politikerbiografien. Gerhard Hofmanns „Die Verschwörung der Journaille zu Berlin“ arbeitet die Verwobenheit von Politik und Journalismus detailliert an einem Beispiel heraus.“[8] Verleger und Journalisten unterwarfen sich einer freiwilligen Selbstverpflichtung. Gemeint ist eine Sammlung journalistisch-ethnischer Grundregeln, der so genannte „Pressekodex“. Zu den 16 Punkten gehören unter anderem: Wahrhaftigkeit und Achtung der Menschenwürde, Sorgfalt, Richtigstellung, Grenzen der Recherche, Trennung von Tätigkeiten, Schutz der Ehre und vor Diskriminierung. Daneben gibt es folgende Regeln, die einen guten Journalisten auszeichnen: Eine Quelle allein ergibt keine Nachricht, für eine Nachricht braucht es mindestens zwei voneinander unabhängige Quellen. Bei Konflikten sind die Positionen beider Seiten darzustellen. Ein Journalist macht sich aus Prinzip keine Sache zu eigen, nicht einmal eine gute. Ein Mindestmaß kritischer Distanz zum Thema (und der eigenen Rolle) ist auch bei so genannten Herzblut-Themen geboten.[9] Die zunehmend größer werdenden Demonstrationen der PEGIDA (Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes) in Dresden rufen die Politik und die Medien auf den Plan. In einer auffallenden Einmütigkeit von Medien und Politik wird diese Bewegung als antiislamisch und rechtsextrem eingestuft. Nachfolgend sollen einige Aussagen widerlegt und dargelegt werden, wie die Medien trotz eines für sie bindenden Pressekodexes gegen PEGIDA vorgehen.

PEGIDA: Haltlose Unterstellungen und Beschimpfungen

Es findet keine Differenzierung statt, warum die Menschen an diesen Demonstrationen teilnehmen.

Bemerkenswert ist, dass der PEGIDA allgemein unterstellt wird, sie sei gegen die Aufnahme von Flüchtlingen. In Wirklichkeit steht unter Punkt 1 des am 8. Dezember 2014 veröffentlichten Positionspapiers, dass die Aufnahme von Kriegsflüchtlingen und politisch oder religiös Verfolgten eine Menschenpflicht sei. Obwohl eine kritische Distanz geboten ist, lebten in verschiedenen Fällen Vertreter der Medien ihre Aversion gegen Prof. Lucke, gegen die AfD und gegen PEGIDA offen aus:

Claus Kleber, der als freier Journalist beim ZDF das „Heute Journal“ moderiert, verdrehte bei einer Analyse der Wahlen in Sachsen Zahlen und wollte das Thema „Innere Sicherheit“ mit der DDR-Staatssicherheit in Verbindung bringen. Kleber scheiterte kläglich an Prof. Lucke.[10] Oliver Welke ging in der Sendung „Heute-show“ vom ZDF gegenüber Prof. Lucke bis ins Persönliche.

Auf die Verwunderung der Politiker, dass an den PEGIDA-Demonstrationen auch Menschen aus der Mitte der Gesellschaft teilnehmen, hat Oliver Welke eine verblüffend einfache Antwort: Die gesellschaftliche Mitte, so sagte er sinngemäß, sei halt braun. Die habe auch Hitler an die Macht gebracht. Spaß beiseite, diese Pauschalisierung mag zwar im politischen Trend liegen, sie ist aber wenig hilfreich für die Erklärung. Sie erinnert eher an das Niveau der Bildzeitung. P. S.: Aus welcher Schicht kommen Sie, Herr Welke? Bild-Chefkommentator Franz Josef Wagner beschimpfte die PEGIDA-Demonstranten übelst, indem er am 15. Dezember 2014 einen Artikel schrieb, der mit „Liebe Pegida-Idioten“ beginnt.[11]

Das ZDF strahlte am 25. November 2014 die Sendung „Wie viele Ausländer verträgt Deutschland?“ aus. Die Aussagen basieren angeblich auf Umfragen und wissenschaftlichen Untersuchungen. Dem Zuschauer wird aber nicht mitgeteilt, wie und wo die Befragungen durchgeführt wurden. Man hat das Gefühl, dass das Ergebnis schon von vornherein feststand. So wurde bei der Befragung, ob Ausländer eine Bereicherung sind, vorsorglich eine ganze Bevölkerungsgruppe weggelassen: die der über 60-Jährigen (ab Minute 12:48). In der ganzen Sendung findet keine Analyse des Bildungsstandes der in Deutschland lebenden Ausländer statt. Das Wort „Parallelgesellschaft“ kommt dort nicht vor. Interessant ist immerhin die Aussage, dass bei ungebremster Entwicklung in 50 Jahren die muslimische Bevölkerung in Deutschland die Mehrheit bilden werde (ab Minute 31:49).[12]

Koran-Verteiler, hier in der Innsbrucker Altstadt: Islamisierung „angeblich“ oder real?

In den Nachrichten von ARD und ZDF reden die Sprecher immer davon, dass die Teilnehmer der PEGIDA-Demonstrationen gegen eine „angebliche“ Islamisierung sind. Wenn in 50 Jahren Deutschland vorwiegend muslimisch wird, kann man dann nicht von einer Islamisierung sprechen? Oder zieht man die Aussage der ZDF-Sendung in Zweifel? Auch die Art und Weise, wie man Meinungen aus der PEGIDA-Demonstration gewinnen will, widersprechen dem Pressekodex: Ein Mitarbeiter der „Heute-show“ gibt sich als Reporter von „Russia today“ aus. Ein RTL-Reporter gibt sich dem NDR (Panorama) gegenüber als PEGIDA-Demonstrant aus, um seine vorgespielte Sicht der Dinge zu erläutern.

Worin besteht das eigentliche Staatsversagen?

Bis Ende der 90er-Jahre tobte ein erbitterter Streit darüber, ob Deutschland ein Einwanderungsland sei oder nicht. Er spaltete tief die FDP, CDU/CSU und die SPD. Dadurch wurden entsprechende Reformen verhindert. Man einigte sich, eine Kommission einzusetzen. 2001 legte eine Expertenkommission unter Führung der ehemaligen Bundespräsidentin Rita Süssmuth einen detaillierten Bericht vor, wie eine moderne Ausländerpolitik aussehen könnte. Die Sachverständigen forderten die Politik dazu auf, die Zuwanderung endlich nach einem Punktesystem zu organisieren, wie das die Einwanderungsländer Kanada und die USA schon lange tun. Bewerber, die eine Berufsqualifikation, deutsche Sprachkenntnisse und eine positive Integrationsprognose mitbringen, hätten demnach Vorzug. Gleichzeitig riet die Kommission dazu, mit gezielten Fördermaßnahmen den Bildungsnotstand unter den Ausländerkindern zu beheben. Es gab eine viel beachtete Pressekonferenz, in der die Kommission die Ergebnisse von einem Jahr vorstellte; es gab 2004 das Zuwanderungsgesetz, für das Rita Süssmuth die Vorlage liefern sollte. Doch zwischen 2001 und 2004 wurde die Vorlage zwischen Regierung und Opposition so zerrieben, dass von der großen Linie kaum noch etwas übrig blieb.“[7] Linke, Grüne und der linke Flügel der SPD verhinderten eine Lösung aus ideologischen Gründen. Wenn heute diese Kräfte den jetzigen Zustand beklagen, ist das hochgradig verlogen. Führende Köpfe der Grünen fielen in der Vergangenheit durch deutschfeindliche Sprüche auf. Im Grunde genommen – diesen Eindruck gewinnt man jedenfalls – hassen sie irgendwie das deutsche Volk. Sie wollen durch ungebremsten Zuzug von Ausländern ihr (Wahl-)Volk modellieren. Immer wieder liest oder hört man den Spruch: „Deutschland muss bunter werden!“

Die Bildungspolitik als gesellschaftspolitisches Schlachtfeld

Bei der deutschen Wiedervereinigung wurde die Gelegenheit vertan, ein modernes und zukunftsfähiges Bildungswesen zu schaffen. Die DDR hatte ein solches. Stattdessen wurde den Ostdeutschen das rückständige westdeutsche Bildungssystem übergestülpt. Wenn heute (ältere) Lehrer aus der ehemaligen DDR nach Finnland delegiert werden, fühlen sie sich von den zumeist westdeutschen Chefs auf den Arm genommen. Finnland, das eines der weltbesten Schulsysteme hat, übernahm grundlegende Strukturen aus der DDR. 

Das westdeutsche Bildungswesen gibt entgegen öffentlich kolportierter Behauptungen nicht jedem Schüler die gleichen Chancen. Viele Betriebe beklagen, dass die Bewerber für eine Lehrlingsstelle keine fundierten Kenntnisse in Mathematik, Physik, Chemie und Deutsch haben. Laut einer Erhebung des Bundesinstitutes für Berufsbildung (BIBB) fiel 2013 die Zahl der abgeschlossenen Ausbildungsverträge auf 530.715. Das ist der niedrigste Wert seit der Wiedervereinigung! Zum anderen sind Hartz-IV-Empfänger quasi von der Gesellschaft abgeschrieben. Insofern ist es skandalös, wenn die Industrie und in ihrem Gefolge die Politiker einen möglichst zahlreichen Zuzug von ausländischen Fachkräften fordern.

Fasst man alle hier geschilderten Phänomene zusammen, so fällt es nicht mehr schwer zu verstehen, warum sich Bürgerbewegungen nach Art der PEGIDA bilden. Es sollte sich auch niemand wundern, wenn derartige Bürgerbewegungen in Zukunft an Umfang und Gewicht zunehmen.

Zitate

Günther Beckstein (CSU): „Das linke Lager hat lange mit Multikulti einen wunderschönen Traum von der heilen Welt gepflegt und dabei die Entstehung von Parallelgesellschaften ignoriert. Die Union hat sich unter dem Schlagwort, Deutschland sei kein Einwanderungsland, nicht genug um diejenigen gekümmert, die bereits unter uns leben.“

Peer Steinbrück (SPD): „Die Parteien haben eher einen Schleier der Verharmlosung über Integrationsprobleme gelegt. Dieses Vorgehen stand im Widerspruch zu den Erfahrungen vieler Menschen, die sich als Einheimische in nicht wenigen Stadtvierteln inzwischen als Fremde fühlen. Diesen Vorwurf kann ich auch meiner Partei nicht ersparen.“

Vorstand von Bündnis90/Die Grünen in München: „Es geht nicht um Recht oder Unrecht in der Einwanderungsdebatte, uns geht es zuerst um die Zurückdrängung des deutschen Bevölkerungsanteils in diesem Land.“

Buchempfehlungen

Heinz Buschkowsky: „Neukölln ist überall“, ISBN: 978-3550080111

Kirsten Heisig: „Das Ende der Geduld“, ISBN: 978-3451302046

Seyran Ates˛: „Der Multikulti-Irrtum“, ISBN: 978-3548372358

Anmerkungen

[7] „Spiegel“, Heft 37/2010, Seite 22: „Bündnis der Weggucker“

Bearbeitungsstand: Donnerstag, 29. Jänner 2015
 
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