Das Problem mit der Autorität


Von Dieter Grillmayer

Die Öffentlichkeit wird immer öfter mit Klagen aus Lehrerkreisen konfrontiert, wonach die Schüler und Schülerinnen heutzutage „nicht mehr zu bändigen“ seien. Auf der anderen Seite verlassen sich erkennbar überforderte „moderne“ Eltern darauf, dass ihre ungebärdigen Kinder in der Schule schon irgendwie erzogen werden würden. Leider ist das ein Aberglaube. An der Schule treffen zwei gesellschaftspolitische Entwicklungen aufeinander: einerseits die so genannte anti-autoritäre Erziehung im „modernen“ Elternhaus und andererseits eine mangels erlaubter Disziplinierung verbreitete Hilflosigkeit in der Lehrerschaft. Das daraus resultierende Fiasko ist eine Folge des herrschenden Zeitgeistes, der durchwegs auch von den im Wissenschaftsbetrieb etablierten „Pädagogen und Pädagoginnen“ verinnerlicht wurde und demgemäß auch offiziell propagiert wird. Ohne eine Abkehr von der weltfremden Ideologie einer völlig antiautoritären Erziehung wird es kein Ende des geschilderten Fiaskos geben. Jeder praktische Erzieher zumindest einiger eigener Kinder bis zu deren Volljährigkeit weiß aus eigener Erfahrung, dass Erziehung (man beachte das Wort!) ohne ein gewisses Maß an Disziplin, die auch mitunter energisch durchgesetzt werden muss, einfach nicht möglich ist. Diese Erfahrung gilt auch für den Schulbetrieb. Mit dieser Feststellung wird keineswegs einem betont autoritäten Erziehungsstil das Wort gesprochen. Aber es kommt auf das richtige Maß an. Und dieses ist im „modernen“ Erziehungswesen verloren gegangen. Die hier nachfolgenden Ausführungen einer wirklich erfahrenen Lehrerpersönlichkeit verdienen daher volle Aufmerksamkeit. (Anmerkung des Herausgebers) 

In Nr. 110/2014 des „rotstift“, der Lehrerzeitschrift des „Bundes Sozialdemokratischer Akademiker und Akademikerinnen, Intellektueller, Künstler und Künstlerinnen in Oberösterreich“, ist ein Aufsatz zum Thema „Autorität“ abgedruckt worden, der mich zum Nachdenken und zum Niederschreiben der folgenden Zeilen veranlasst hat. Gleich vorweg: Der Hinweis auf Selbstverständlichkeiten, der sich schon im Namen des Herausgebers andeutet, ist auch diesem Aufsatz zu eigen. Das ist insofern bedenklich, als damit die Gefahr einer Ablenkung von der Hauptaufgabe der Schule besteht, nämlich einen möglichst ertragreichen Unterricht zu gewährleisten.

Doch zunächst das Positive: Was alle erfahrenen Pädagogen schon immer gewusst und auch gesagt haben, dass nämlich die von den 1968er-Revoluzzern propagierte „anti-auoritäre Erziehung“ ein Widerspruch in sich ist, diese Erkenntnis hat sich nun offenbar auch in sozialdemokratischen Lehrerkreisen durchgesetzt. Im genannten Aufsatz steht nämlich wörtlich, dass „Forschungsergebnisse beweisen, dass das Aufwachsen in anti-autoritäter (permissiver) Atmosphäre nicht das erwartete Verhalten zeigt. Im Gegenteil, geringe Impulskontrolle, niedrige Frustrationsschwelle bis hin zu einem hohen Aggressionspegel und gesteigertem Gewaltpotenzial sind die Folgen.“

Gleichwohl bringt es die Autorin Mag. Tatjana Schmid-Schutti nicht übers Herz, Autorität einfach als das zu bewerten, was der aufrechte Sozialdemokrat Franz Olah 1995 in seinem Buch „Die Erinnerungen“ auf Seite 322 dazu geschrieben hat: „Autorität ist erworbenes Vertrauen! Erworben durch Charakter, Können und Leistung.“ Statt an diesem Wahrwort anzuknüpfen, macht uns Schmid-Schutti mit dem Konzept der „Neuen Autorität“ eines Herrn Haim Omer, Psychologie-Professor an der Universität Tel Aviv, bekannt und erläutert uns dieses am folgenden Beispiel:

Schüler: „Ich gehe nicht an die Tafel, was machen Sie jetzt, Herr Professor?“ Macht und Ohnmacht sind nahe Verwandte, das wissen wir alle. Symmetrische oder komplementäre Eskalationsprozesse funktionieren nach eigenen Gesetzmäßigkeiten, das wissen wir auch. In diesem Fall sollte jedem Pädagogen klar sein, dass er nur sein Verhalten bestimmen kann, nicht das des Kindes. Viele Erzieher befürchten ihre Autorität einzubüßen, wenn ein Schüler nicht gehorcht. Doch zu bedenken ist, dass der Grad der Autonomie des Kindes mit zunehmendem Kontroll-Gehorsam abnimmt. Im Grunde kann das Verhalten des Schülers nur inspiriert werden, nicht kontrolliert.

Das ist zwar alles richtig und man muss es gar nicht so (fremd)wortreich breittreten, aber es ist doch schon längst etwas falsch gelaufen, wenn es zu so einer Situation überhaupt kommt! Im Sinne der „Neuen Autorität“ wird dem Lehrer geraten, aus dem „Machtkampf“ auszusteigen, dem Schüler zwar zu sagen, dass man mit seinem Verhalten nicht einverstanden sei, eine weitere Reaktion aber hinauszuschieben („Nutzung des Zeitfaktors“). Ich habe so eine Provokation nie erlebt, hätte aber gegebenenfalls ganz unaufgeregt darauf hingewiesen, dass hier eine Verweigerung der Mitarbeit vorliegt, was natürlich in die Beurteilung einfließen wird, von der Verhaltensnote einmal ganz abgesehen.

Übrigens habe ich es immer als unpassend empfunden, wenn Pflichtverletzungen von Schülern, mehr aber noch von Lehrern, die mich während meiner Aktivzeit als Schuldirektor zum Einschreiten gezwungen haben, als „Konflikte“ zwischen mir und dem Pflichtsäumigen bezeichnet worden sind. Der Schüler oder Kollege hatte einen Konflikt mit dem Gesetz und nicht mit mir; ich persönlich war davon überhaupt nicht berührt.

Im November 2014 ist von den Christlichen Lehrern „zufällig“ knapp vor den Personalvertretungswahlen die Wiedereinführung von „Schulstrafen“ gefordert worden, was einen empörten Aufschrei der vereinigten Linken (Grüne geschlossen, SPÖ und NEOS mehrheitlich, ÖVP teilweise) zur Folge hatte. Jeder erfahrene Pädagoge weiß hingegen, dass ein Gutteil der derzeitigen Probleme im Bildungswesen darauf zurückzuführen ist, dass es seit dem im Jahr 1974 in Kraft getretenen Schulunterrichtsgesetz an den österreichischen Schulen praktisch keine Disziplinierungsmöglichkeiten mehr gibt. Diesem Mangel wäre dringend abzuhelfen, wenn es mit Anstand und Bildung in Österreich wieder einmal bergauf gehen soll.

Unbestritten gibt es so etwas wie eine „natürliche Autorität“ und Lehrer, die eine solche besitzen, werden vielleicht ohne Schulstrafen auskommen. Das ist aber nicht der Regelfall, war es nie und wird es auch nie sein. Die Schulgesetzgebung muss sich aber am Regelfall orientieren, wenn das Bildungsziel bestmöglich erreicht werden soll.

Ein Blick auf die finnische Schul- und Interventionskultur wäre lehr- und hilfreich. Der wesentlich wertschätzendere Umgang von Lehrern, Schülern und Eltern miteinander wird überhaupt nicht dadurch gestört, dass dort Schulstrafen wie z. B. das „Nachsitzen“ als Erziehungsmittel auf der Agenda stehen. Und niemand fragt danach, wie der länger in der Schule festgehaltene Zögling nachhause kommt, wenn er das sonst übliche Verkehrsmittel dadurch verpasst. Entweder muss er zu Fuß gehen oder die Eltern müssen ihn abholen und sind solchermaßen ebenfalls daran interessiert, dass Pflichtverletzungen wie nicht gemachte Hausaufgaben oder ein ungebührliches Benehmen in Hinkunft unterbleiben. (Vgl. dazu die Beiträge „Ein Schuljahr in Finnland“ und „Von Wien nach Klaukkala“ in FM 3/2013.) Ein Schülerverhalten, wie oben als Beispiel gebracht, ist unter diesen Bedingungen wohl undenkbar, und wenn doch, dann gibt es Korrekturmöglichkeiten und nicht bloß das „Durchfallen“. 

Und noch etwas: Wie Franz Olah richtig bemerkt hat, ist eine wichtige Voraussetzung für das Erlangen von Autorität, dass der Lehrer sein Metier beherrscht, und da gehört auch eine hohe Fachkompetenz dazu, besonders beim Oberstufenlehrer. Es darf bezweifelt werden, ob die neue Lehrerausbildung dem Rechnung trägt.

Bearbeitungsstand: Donnerstag, 29. Jänner 2015
 
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