Enthemmte Zentralbanken, Machtspiele um Gold und Öl


Teil II von „Stagnation – Kein Vertrauen in Europas Wirtschaft“

 

Von Bertram Schurian

Ein anderer Grund für das geschwundene Vertrauen in Europas Wirtschaft ist auch die Tatsache, dass keine Wirtschaftsfachleute oder anverwandte Experten die Finanz- und Wirtschaftskrise, die 2008 über uns hereinbrach, vorausgesagt haben. Viele Aussagen wirtschaftstheoretischer Art haben sich in dieser Periode als falsch bzw. wenig vertrauenswürdig erwiesen.

Fest steht auch, dass die gemeinsame Währung, der EURO, insofern eine Fehlkonstruktion ist, als das Einheitsrezept „one size fits all” eben nicht für alle passt und niemandem richtig dient.[1]

Die letzten Jahre haben schwerwiegende Diskrepanzen in der Konkurrenzfähigkeit der verschiedenen europäischen Länder aufgezeigt. Diese Diskrepanzen sind auf unterschiedliche Strukturen in den diversen Volkswirtschaften zurückzuführen, die eine Abbildung der herrschenden Gewohnheiten und nationalen Eigenheiten sind. Aber es lag auch an der mangelnden Disziplin einiger Staaten in ihrer Haushaltspolitik.

Ein besonderes Beispiel im positiven Sinne liefert Deutschland im Jahre 2014. Der Export und Import hat in diesem Jahr ein noch nie erreichtes hohes Niveau angezeigt, und der Überschuss in der Handelsbilanz erreichte sagenhafte € 217,1 Milliarden; der Überschuss auf der laufenden Rechnung der Handelsbilanz betrug € 215,3 Milliarden, das sind ca. 7 % des Bruttoinlandproduktes. 58 % der Exporte gingen in die übrigen europäischen Länder, während 35 % der Importe von dort kamen.

Der Wert des Euro ist eindeutig zu niedrig für Deutschland. Der politische Druck auf Deutschland seitens der übrigen Europäer und wahrscheinlich auch vom IMF wird zunehmen, weil Deutschland viel zu wenig in seine Infrastruktur investiert. Die OECD hat dies in ihrem Bericht auch schon festgestellt und findet, dass dem ehestens abgeholfen werden sollte. Auch die Breitband-Infrastruktur fürs Internet muss an die Erfordernisse einer modernen Wirtschaft angepasst werden.

Die Notenbanken rudern verzweifelt

Die veränderte politische Lage in Griechenland wird diesen politischen Druck noch zunehmend verstärken. So hat der frühere Chef der FED, Alan Greenspan, in einem kürzlich veröffentlichten Interview gemeint, Griechenland müsste, wollte es wieder konkurrenzfähiger werden, dem Euro Lebewohl sagen. Merkwürdigerweise wird in diesem Zusammenhang nie erwähnt, dass in den griechischen Gewässern und in den Gewässern des griechischen Teils von Zypern potenziell große Vorräte an Erdgas und Mineralöl liegen. Außerdem sollte der wachsende Einfluss von Russland in dieser Region nicht außer Acht gelassen werden, wobei zu beachten wäre, dass im griechischen Teil von Zypern wahrscheinlich eine Basis für die russische Marine eingerichtet werden soll.

Im Angesicht der Tatsache, dass die Europäische Zentralbank mit einer äußerst losen monetären (in Nachahmung der FED in den USA und auch von England und Japan, die beide grosso modo dasselbe machten) und Niedrig- bzw. Nullzins-Politik versucht, die europäische Konjunktur wieder in Schwung zu bringen, ist es nicht verwunderlich, wenn einige europäische Zentralbanken versuchen, ihre Währungsbestände zu diversifizieren. Im besonderen haben die Niederlande, Belgien, Frankreich und die Schweiz Teile ihrer Goldbestände aus den USA bzw. England wieder in ihre Heimatländer transferieren lassen oder werden dies in naher Zukunft tun. Auch Österreich will Teile seiner Goldbestände aus London heimholen. Ob dem eventuell Geheimverträge im Wege stehen, bleibt offen. 

„Am Golde hängt, zum Golde drängt doch alles.“

Verständlich sind diese Transfers von Gold eigentlich nur, wenn man weiß, dass die Zentralbanken in der Vergangenheit, um die Goldbestände rentabel werden zu lassen, via Zertifikaten diese ausgeliehen haben. Es soll vorgekommen sein, dass auf die bestehenden Goldbestände ein Vielfaches an Zertifikaten ausgegeben wurde, weswegen bei einem eventuellen Tausch von Zertifikaten in Gold zu wenig Gold real vorhanden ist. Da China, Russland und auch Indien wenig Vertrauen in den US-amerikanischen Dollar haben und darum den Dollar für Gold eintauschen (Russland macht dies seit einiger Zeit in erhöhtem Tempo), könnte es zu unangenehmen Lieferengpässen kommen. Deutschland hat schon vor einiger Zeit zu hören bekommen, dass es seine Goldvorräte nicht so schnell ausgeliefert bekommen wird, wie es sich das wünscht. So hat der Vorsitzende der Edelmetallbörse in Singapur, Jim Sinclair, kürzlich geäußert, er erwarte, dass der Preis für die Unze Gold in den nächsten Jahren auf US-$ 3.000 bis 3.500 steigen kann, wegen der enormen Ausweitung der US-Dollarbestände als Folge des Quantative Easing (QE) der US-Zentralbank.

Auch fürchtet er, sollte es zu einer Art US-Dollar-Panik kommen, dass die Federal Bank of New York nicht zögern würde, die Goldbestände ausländischer Staaten zu konfiszieren! Dies erhöht natürlich nicht das Vertrauen in die gegenwärtige Finanzstruktur. Deshalb ist es eigentlich verwunderlich, dass sich der Preis für eine Unze Gold im Jahre 2014 kaum verändert hat. Am Anfang des Jahres stand er noch bei 1.250 US-$, gegen Ende des Jahres bei 1.192,80 US‑$, was eine Veränderung von minus 4,6 % bedeutet. Vor fünf Jahren, im Jahre 2010, war der Goldkurs bei 1.400,74 US-$ und der höchste Punkt war bei 1.869,15 im September 2011. Seitdem ist er kontinuierlich gefallen. 

In der Vergangenheit war der Goldpreis auch immer ein Spiegelbild der politischen Turbulenzen bzw. stand für Vertrauen in Währungen. Angesichts der jetzigen Problemlage in der Welt handelt es sich beim gegenwärtigen Goldpreis um einen atypischen Preis. Das wirft die Frage auf, ob hier nicht ein stark manipulierter Preis angezeigt wird?

Fraglich ist auch, ob das Fluten mit billigem Geld der Europäischen Zentralbank den erwarteten Effekt haben wird. Wichtige Argumente sprechen dagegen. Hier wird augenscheinlich keine Geldpolitik im normalen Sinne gemacht, sondern Staatsfinanzierung betrieben! Das wird den Reformdruck auf bestimmte Länder in der Euro-Zone mindern und zudem das Moral-Hazard-Verhalten stark fördern. Eine höchst bedenkliche Situation.

In den USA wurde mit dieser Politik der FED zwar das Ärgste verhindert und ein relativ starkes Wachstum generiert, was sich u. a. auch daran ablesen lässt, dass die Arbeitslosigkeit mittlerweile in den USA auf offiziell 5,8 % der arbeitsfähigen Bevölkerung gesunken ist. Auch das Vereinigte Königreich kann auf einen gewissen Erfolg des QE hinweisen. Ob sich dieser positive Effekt aber auch in Kontinentaleuropa einstellen wird, ist mehr als fraglich, weil sich die Mentalität der Angelsachsen doch deutlich von der europäischen bzw. deutschen Auffassung, was gesunde Finanzpolitik ausmacht, unterscheidet. Überdies können dem in den USA derzeit zu beobachtenden Aufschwung auch andere Ursachen, die nicht in der Geldpolitik liegen, zugrunde liegen.

Merkwürdigkeiten um das TTIP

Auch das monetäre Experiment, das derzeit in Japan ausgeführt wird, wirkt mehr als ein verzweifelter Versuch, die Wirtschaft wieder in eine Wachstumsphase zu bringen, denn als wirklich durchdacht. Die Vereinigten Staaten haben in der Vergangenheit unter der Roosevelt-Regierung mit dem New Deal, später dann unter John F. Kennedy und Ronald Reagan gezeigt, wie man durch zusätzliche Nachfrage, Infrastrukturprojekte des Staates, militärische Aufrüstung und durch Reduzierung der Einkommen- und Vermögenssteuern wieder mehr Wirtschaftswachstum generieren kann.

Auch Deutschland hat schon mehrmals gezeigt, wie man es erfolgreich macht. Dr. Hjalmar Schacht hat sich in den dreißiger Jahren diesbezüglich einen Namen gemacht. Auch die Jahre 1951 bis 1960 waren für die BRD wahre Boom-Jahre. So wuchs das reale Bruttosozialprodukt damals im Schnitt um 8,5 % pro Jahr. Damals spielten die Motorisierung und intelligente Infrastruktur-Programme sowie eine gesunde Finanzierung eine große Rolle.

Aus der Wirtschaftstheorie und der realen Wirtschaftspraxis wissen wir, dass der internationale Waren- und Dienstleistungsaustausch für alle Beteiligten Wirtschaftswachstum und Wohlfahrtszuwachs bedeuten kann und bedeutet hat. Wirtschaftlich entwickelte Staaten wie USA, England, die Schweiz, Holland, Deutschland, Österreich und Japan haben aus dieser Entwicklung große Vorteile gezogen. Bei relativ offenen Volkswirtschaften wie UK, Deutschland, Österreich, Schweiz und den Beneluxstaaten arbeitet ein großer Teil der erwerbstätigen Bevölkerung für Unternehmen, die am internationalen Waren- und Dienstleistungsaustausch teilnehmen. Beispielsweise erwächst das BSP Österreichs aus einer 40prozentigen Verflechtung mit dem Weltmarkt! Darum ist es ein wenig unverständlich, warum ausgerechnet jetzt ein so genanntes Transatlantisches Freihandelsabkommen (TTIP) zwischen den Vereinigten Staaten und der Europäischen Union in höchster Geheimhaltung verhandelt wird. Warum dies so von der EU ausgehandelt wird, wo doch die Ratifizierung des Vertrages den einzelnen europäischen Ländern vorbehalten bleibt, ist mir wenig einleuchtend. Bis jetzt hat sich der internationale Waren- und Dienstleistungsaustausch ohne ein solches Abkommen kräftig und günstig entwickelt. Bestimmte Punkte in diesem möglichen Abkommen werden aufs heftigste kritisiert, das sind der angestrebte Investitions- bzw. Investorenschutz, die Schiedsgerichte und die Harmonisierung europäischer Standards, die praktisch alle Lebensbereiche tangieren, mit jenen der USA. Ob all dies auch so kommt, wie Kritiker fürchten, wird sich noch zeigen. Bestimmte Vorschläge, z.B. wie Schiedsgerichte organisiert werden und welche Befugnisse sie haben sollen, sind jedoch nicht in Übereinstimmung mit deutschem und/oder österreichischem Recht zu bringen. Hier ist Klarheit einzufordern.

Während die Europäische Kommission davon ausgeht, dass die Vorteile dieses Übereinkommens für Europa die Nachteile bei weitem überwiegen und damit hunderttausende neue Arbeitsplätze geschaffen werden könnten, sagt eine ernst zu nehmende Studie der US-amerikanischen Tufts-Universität nämlich das genaue Gegenteil. Man spricht dabei von 600.000 Arbeitsplätzen, die hauptsächlich in Frankreich, Deutschland und den skandinavischen Ländern verschwinden werden! Dies wären dann so viele, wie in den Krisenjahren 2010 und 2011 verloren gegangen sind. Die einzigen, die von diesem Vertrag profitieren würden, wären vermutlich die Besitzer von Kapitalvermögen.

Wie auch immer die Vor- bzw. Nachteile sein mögen, es herrscht jedenfalls große Uneinigkeit bei der Einschätzung dieser Abkommen. Die harsche Kritik in der Presse an der Vorgehensweise der Europäischen Kommission hat die EU-Kommissarin Malmström dazu veranlasst, mehr Offenheit und Transparenz zu versprechen. Hoffentlich kommt es dazu.

Die Machtkämpfe auf den Energiemärkten

Der für Europa wichtige Rohölpreis der Sorte Brent hat sich im Laufe des Jahres 2014 auf unter US-$ 60 pro Barrel gesenkt. Vor fünf Jahren lag der Preis noch bei US-$ 80 pro Barrel. Seit 2011 hielt er sich auf dem Niveau von rund die US-$ 110. Zu Beginn des Jahres 2014 stand er noch bei 108 US-$. Das bedeutet einen Rückgang von 44 %. An sich sind solche Ausschläge nicht normal – in der Vergangenheit jedoch schon öfter vorgekommen. Im Zusammenhang mit der gegenwärtigen politischen und wirtschaftlichen Lage in der Welt ist die Entwicklung jedoch dramatisch. In derselben Zeit ist der Euro gegenüber dem US-Dollar um 11,5 % gefallen, gegenüber vor fünf Jahren jedoch nur um 7,5 %, was für Europa bedeutet, dass der Rohölpreis in Euros um 32,5 % niedriger geworden ist. Dies kommt einer allgemeinen Senkung der Steuerlast für ganz Europa gleich und ist insofern ein hochwillkommenes Konjunkturprogramm.

Für alle Konsumenten von Rohöl ergibt sich hier ein beträchtlicher Vorteil gegenüber dem Vorjahr, während das für Rohöl-Produzenten und Rohöl-Verkäufer ein gravierender Nachteil ist. Diejenigen Länder, deren Budgeteinkünfte stark von den Erträgen von Rohöl abhängen, werden Schwierigkeiten haben und fallen damit auch als potente Käufer bzw. Nachfrager nach europäischen/amerikanischen/japanischen/chinesischen Gütern aus. Für Länder wie Venezuela, Russland und den Iran ist diese Entwicklung deutlich negativ.

Der Grund für diesen dramatischen Umschwung liegt in mehreren Faktoren. So haben sich die Vereinigten Staaten als großer Energieproduzent dank ihrer Fracking-Methode in der Welt etabliert. Die Vereinigten Staaten produzieren jetzt rund 10 Millionen Barrels pro Tag, also nur um eine Million weniger als Saudi-Arabien. Die Produktionskosten pro Barrel liegen in den USA zwischen US-$ 25 und 35, in Russland bei US-$ 35 und für Venezuela bei US-$ 40. Die Machtverhältnisse im Erdölgeschäft haben sich somit drastisch verändert. Die Vereinigten Staaten bestimmen ab jetzt die Höhe des Preises für ein Barrel Rohöl und den daran gekoppelten Preis für Erdgas und nicht wie bisher das Mineralöl-Kartell der OPEC. Die Nachfrage nach Rohöl in Europa und auch anderen Ländern stagniert. 

Trotzdem wurde die Produktion von Rohöl nicht gedrosselt, weil die diversen OPEC-Länder um ihren Weltmarktanteil fürchten. Zudem darf man vermuten, dass mit dieser Politik der OPEC ein paar nicht willfährige Rivalen stark getroffen werden sollen. In der Hauptsache gilt dies dem Iran, Russland und Venezuela. Die arabischen Ölproduzenten haben einen gewaltigen finanziellen Polster aufgebaut, so dass sie eine längere Periode niedriger Preise durchaus durchhalten können. Dies gilt jedoch nicht für Staaten wie Nigeria, Venezuela, Russland und Iran. Der niedrige Rohölpreis bedeutet aber auch, dass viele Projekte der Öl-Multis, die in schwierigen geografischen Gebieten angesiedelt sind, nicht mehr rentabel sind. Mittlere wie kleinere Rohöl-Gesellschaften und ihre Finanziers können dadurch in Schwierigkeiten geraten. 

Die größte Bedrohung von den gesunkenen Rohöl- und Erdgaspreisen geht natürlich für die Erzeuger von erneuerbaren Energien aus, wie Hydro-Elektro-Erzeugung, Windräder und Solarzellen. Die Rechtfertigung der hohen Subventionen für erneuerbare Energieträger wurde damit erklärt, dass längerfristig die Preise für konventionelle Energieträger, wie Rohöl und Erdgas, steigen würden, während nach dauerhafter Etablierung der erneuerbaren Energieträger die Subventionen drastisch zurückgenommen werden könnten. Diese Annahmen haben sich als Schimäre herausgestellt.

Die gegenwärtige Lage zeigt ziemlich deutlich, dass der Preis für Rohöl und Erdgas eine unvorhersehbare Entwicklung nehmen kann und es daher für Europa von fundamentalem Interesse ist, auf keine Energieform zu verzichten. Keine Energieform ist risikofrei und sicher. Nur ständige wissenschaftliche Beschäftigung damit kann sie risikoloser bzw. sicherer machen. Denn die entwickelten Industrieländer sind auf verlässliche Energieformen angewiesen.

Anmerkungen

[1] Wer mehr wissen will, wie es einer gemeinsamen Währung ergehen kann, informiere sich über das Schicksal der „Lateinischen Währungsunion”, die im Jahr 1865 in Paris beschlossen wurde. Wenn das Ende dieser Union nicht so tief traurig wäre, könnte man über diese Geschichte sogar lachen.

Nachtrag zu Teil I: Die Boston Consulting Group hat in einer kürzlich veröffentlichten Studie im „The Economist” festgestellt, dass in Steueroasen und ähnlichen Einrichtungen am Ende des Jahres 2013 US-$ 8,9 Billionen = € 6,8 Billionen lagen. Mehr als die Hälfte davon stammt aus Asien und Europa und wird hauptsächlich in Hongkong/Singapur sowie in der Schweiz angelegt.

Bearbeitungsstand: Freitag, 27. März 2015

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