Herbe Kritik an der neuen Lehrerausbildung


Konrad Paul Liessmann: Geisterstunde – Die Praxis der Unbildung, Paul Zsolnay Verlag Wien 2014, 192 Seiten, € 18,40

 

Buchbesprechung von Dieter Grillmayer

2006 veröffentlichte der Philosophie-Professor Konrad Paul Liessmann mit „Theorie der Unbildung“ eine Abrechnung mit dem bildungspolitischen Mainstream. 2014 folgte mit „Geisterstunde: Die Praxis der Unbildung“ eine Streitschrift. Darin arbeitet sich Liessmann an seinen alten Feindbildern ab: Unter anderem an den Pisa-Studien und an der Bologna-Reform.

Zu diesen Feindbildern sind nun auch noch „Bildungsexperten“ wie Bernd Schilcher, Andreas Salcher, Richard David Precht oder Gerald Hüther und deren Inszenierung als „letzte Erlöser und Heilsbringer in einer säkularisierten Welt“ dazugekommen. Ihnen widmet er ein ganzes Kapitel, in dem der Philosoph unter anderem schreibt:

„Die Bedeutung des Bildungsexperten liegt weniger in der Qualität seiner Expertise als in der medialen Aufmerksamkeit, die er genießt. Dadurch prägt er ganz wesentlich die öffentliche Stimmung und das Bild, das allenthalben von Schulen, Lehrern und Universitäten existiert. Mittelbar beeinflusst er so auch die Politik, die er gleichzeitig verachtet, da er sie letztlich für jene Bildungsmisere verantwortlich macht, gegen die er seinen heroischen Kampf führt.“

Das ganze Buch liest sich recht amüsant, „auch wenn Liessmann das eine oder andere Mal den Bildungsbürger allzu deutlich raushängen lässt“, wie „Die Presse“ in ihrer Rezension vom 25. September 2014 geschrieben hat. Die teilweise krassen Übertreibungen pardoniert „Die Presse“ hingegen damit, dass dies zu einer „Streitschrift“ eben dazu gehöre.

Etwas zwanghaft erscheint, dass Liessmann jedes Kapitel mit „Es ist gespenstisch“ einleitet, um es mit dem Fazit „In (…) zeigt sich die Praxis der Unbildung in ihrer (…) Gestalt“ abzuschließen. Zuletzt macht er dann unter dem Motto „Dabei wäre alles ganz einfach“ Verbesserungsvorschläge, welche zum Teil etwas lau ausfallen und die vormalige Schelte relativieren.

Uneingeschränkt zustimmen kann jeder erfahrene Schulmann Liessmanns herber Kritik an der neuen Lehrerausbildung. Von fundierten Einwänden und Warnungen unbeeindruckt, haben SPÖ, ÖVP, Grüne und BZÖ vor zwei Jahren eine Reform der Lehrerausbildung beschlossen, die 2018 abgeschlossen sein soll. Das Bildungskonzept des Freiheitlichen Lehrerverbandes (FLV) ist dabei nur marginal eingeflossen, nämlich nur hinsichtlich eines dem Lehramts-Studium vorgeschalteten Eignungstests. Nun stellt sich heraus, dass schon dieser erste Schritt nur sehr lückenhaft umgesetzt wird. Das bezeugt Liessmann in seinem neuen Buch anhand der Aufnahmepraxis an einer Bildungsstätte für Lehramtskandidaten, deren Professorenkollegium er selbst angehört, nämlich der Wiener Universität:

„Die Universität Wien, bemüht, nur noch die kompetentesten Kandidaten für das Lehramtsstudium zu gewinnen, führt zu diesem Zweck ab dem Wintersemester 2014 ein Aufnahmeverfahren ein. Nach einem autonomen „Self-Assessment“, bei dem die Interessenten erkunden können, ob sie wirklich ein Studium belegen wollen, bei dem sie später einmal mit Kindern und Jugendlichen zu tun haben werden, werden in einem weiteren Test grundlegende kognitive und sprachlogische Basisfähigkeiten abgefragt, ebenso bildungswissenschaftliche Grundkenntnisse, die aus einem Skriptum bezogen werden müssen. Wer bei diesem Test mindestens 30 von 100 Punkten erreicht, ist zum Studium zugelassen; wer weniger erreicht – was so leicht nicht sein dürfte –, wird zu einem persönlichen Motivationsgespräch eingeladen. Wer immer zu diesem Gespräch erscheint, gleichgültig, wie dieses verläuft und was er dabei sagt, ist zum Studium zugelassen. Und nun das Beste daran: Damit die angehenden Lehramtsstudenten vor diesem Gespräch, das keinerlei negative Folgen haben kann, nicht verzweifeln, stellt ihnen die Universität Wien als Ausdruck ihrer „Willkommenskultur“ eigens dafür rekrutierte und bezahlte „student guides“ zur Verfügung, die sie abholen, zum Gespräch begleiten, bei Bedarf auch an diesem teilnehmen und sie danach noch eine Zeitlang weiter betreuen. Offenbar glaubt man allen Ernstes, die besten zukünftigen Lehrer unter jenen Studenten zu finden, die wie Kinder an der Hand genommen werden müssen, um den ersten Schritt in eine universitäre Einrichtung zu setzen.“

Zu finden ist dieses Zitat auf Seite 107 zu Beginn des Kapitels „Die orale Phase als Lebensprinzip“. Dieses besonders lesenswerte Kapitel beschäftigt sich damit, wie heutzutage Kants Aufruf zur Mündigkeit („Sapere aude!“) durch einen mit den Gedanken der Aufklärung auf Kriegsfuß stehenden Zeitgeist ad absurdum geführt wird. Und zur beschlossenen Reform der Lehrerausbildung, an welcher der Freiheitliche Lehrerverband (FLV) neben der didaktischen Aufblähung vor allem die mangelhafte Fachausbildung von Oberstufenlehrern kritisiert, meint Konrad Paul Liessmann auf Seite 127:

„Dies gilt als die eigentliche Zukunft des Lehrers: Ein Partner und Begleiter, der nur noch zur Verfügung steht, selbst aber nichts mehr verfügt, weil er über nichts mehr verfügt. Dass sich dieser Typus im Zuge der Reform der Lehrerbildung durchsetzen wird, steht außer Frage; dass sich dadurch die Krise der Schule und damit auch die Krise des Lehrers nicht nur prolongiert, sondern verschärfen wird, darf ohne großes Risiko prognostiziert werden.“

Bearbeitungsstand: Freitag, 27. März 2015

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