Die Urangst der Esten im Spiegel einer Familiengeschichte


Imbi Paju, Estland! Wo bist Du? – Verdrängte Erinnerungen, Verlag UN LIMITED, London/Berlin, Taschenbuch 18,90 €, 392 Seiten, Ersterscheinung 2006, Auflagen in Estnisch, Finnisch, Schwedisch, Englisch und Russisch, jahrelang auf der Bestsellerliste in Finnland und Schweden, 2014 deutsche Übersetzung durch Irja Grönholm, ISBN 978-3-9451270-1-8 

 

Von Hans-Jürgen Hoffmann

In eindringlichen Worten schildert die estnische Autorin und Filmemacherin das Schicksal ihrer Mutter und deren Zwillingsschwester, die im Alter von 18 Jahren von Estland nach Russland deportiert werden. Viele ähnliche Schicksale in Estland und in den Lagern werden angegeben. Dabei fließt die wechselhafte Geschichte des kleinen baltischen Landes immer wieder in die Schilderungen des täglichen Lebens mit seinen damaligen politischen Voraussetzungen und Hintergründen ein. Gerade letztere verleihen dem Buch dauernde Spannung und geben Raum, Vergleiche mit der aktuellen politischen Situation anzustellen.

Geschichtlicher Überblick

Das nördliche Baltikum wurde von den finnisch-ugrischen Esten und Liven besiedelt, südlicher waren die Letten, Litauer, Semgallen und Prussen ansässig.

Im frühen 13. Jhdt. kam der Deutsche Orden von Riga aus in dieses Gebiet.

1561 zerfiel der Ordensstaat endgültig. Die hanseatischen Städte und die Ritterschaften übernahmen die Selbstverwaltung in Estland. Ab 1629 gehörte Estland ganz zu Schweden. Diese so genannte „Goldene Schwedische Zeit“ dauerte bis 1710 und wird von den Esten sehr geschätzt.

König Gustav Adolf II. gründete 1630 in Dorpat ein Gymnasium, wo neben deutsch auch estnisch gelehrt wurde. Dieses war auch für Bauernkinder zugänglich. 1632 wurde es zur Universität aufgewertet. Estland gehörte mit dem nördlichen Teil von Livland (jetzt ein Teil von Lettland) ab 1710 bis 1918 zum Russischen Zaren-Reich. 1887 setzt eine erste Russifizierung ein. Bildungs- und Amtssprache werden russisch.

Eine zentrale Rolle bei der Entwicklung zur eigenen und kulturellen Identität spielte die Universität in Tartu/Dorpat. Hier fand schon 1869 das erste Sängerfest statt. Musik und Bildung sind die beiden Bereiche, in denen sich die Epoche des nationalen Erwachens zunächst am deutlichsten zeigt.

Die verübten Morde, Gewalt- und Terrorakte entzogen den Bolschewiki, die 1917 die Macht ergriffen hatten, die Unterstützung durch das Volk.

Gegen Sowjetrussland und die (deutsch-)baltische Landwehr musste sich der junge estnische Staat im Estnischen Freiheitskrieg 1918–1920 behaupten. Dieser fand erst im Februar 1920 mit dem Friedensvertrag von Tartu/Dorpat seinen Abschluss. Darin erkannte Sowjetrussland die staatliche Unabhängigkeit, die schon am 24. Februar 1918 erklärt worden war, an. Aber auch Deutschland wollte den estnischen Staat 1918 nicht anerkennen. 

Über den Estnischen Freiheitskrieg zu sprechen, sich selbst zu erinnern oder seiner Nächsten zu gedenken, die daran teilgenommen hatten, war in Sowjetestland streng verboten, denn dies war eine Erinnerung an die unabhängige Republik, an ein Land mit Traditionen, Symbolen und Mythen und – was besonders wesentlich war – mit einem gänzlich anderen Rechtssystem, als es in der Sowjetunion galt. Die Erinnerungen wurden zu verdrängten Erinnerungen, denn die Besatzungsmacht stellte sie für 50 Jahre unter politische Verfemung (Imbi Paju).

In der Sowjetunion und den besetzten Ländern ist das Gesetz zugleich Recht. Beschuldigte haben keine Möglichkeit, sich zu verteidigen. Schuld steht a priori fest. Im Gesetz steht, alle Bauern sind Kulaken (Großbauern) und damit Feinde der Arbeiterklasse (Ausspruch Lenins), frühere Regierungsmitglieder und -anhänger sind schuldig. Ebenso sind auch alle Familienangehörigen einschließlich der Kinder (auch der ungeborenen) Faschisten, die umgebracht werden müssen. Lenin und später Stalin bekräftigen dies immer wieder. Durch Folter und andere Grausamkeiten soll – ja, muss später – ein Geständnis erzwungen werden. „Das Geständnis ist die Königin der Beweise.“ Hierzu gibt es genaueste Anweisungen.

1918 schuf der junge Sowjetstaat die Basis für ein Straflager, die gigantische Strafkolonie Gulag. Mit der Zeit kennzeichnete das Wort Gulag außer der Administration der Lager auch das System der sowjetischen Strafarbeit in allen ihren Formen: Arbeits-, Straf-, Frauen-, politische Gefangenen- und Kinderlager. Noch weiter verallgemeinert benannte das Wort Gulag auch die ganze Repressionsmaschinerie, von den Gefangenen „Fleischwolf“ genannt: Verhaftung, Verhör, Transport in Viehwaggons, Zwangsarbeit, Zerstörung der Familie und früher und sinnloser Tod.

Im Unterbewusstsein nistete seit der ersten Besetzung durch die Sowjets eine immerwährende Angst, ein Misstrauen gegen jeden ein. Denn zum System gehörte die vom Staat geforderte und geförderte Denunziation, die auch ungerechtfertigt meist schon zu Verhaftung, Folter, Deportation oder sofortigem Tod durch Erschießen führte. Es war ein Leben im Schatten des Gulag.

Das grausame Schicksal im Gulag

1930 wurden die Mutter Aino und ihre Zwillingsschwester Vaike Madi auf einem kleineren Bauernhof geboren. Sie hatten vier ältere Schwestern, alle Kinder sind musisch und künstlerisch begabt. Der Vater stirbt 1935, das Leben auf dem Land geht seinen gewohnten Gang. Die älteste Schwester heiratet einen Musiker und lebt auf einem Nachbarhof.

1948 werden die 18-jährigen Zwillingsschwestern verhaftet und nach mehreren Monaten Folter und anderen grausamen und entwürdigenden Verhören schließlich mit Viehwaggons der Eisenbahn 1500 km weiter nach Archangelsk in ein Straflager gebracht. Aino muss in einem Steinbruch arbeiten, später beim Aufbau mitarbeiten. Dazwischen immer wieder grauenhafte und Angst einflößende Quälereien. 1949 erleiden die Großmutter und eine ältere Schwester mit zwei Kleinkindern das gleiche Schicksal.

Der Grund: „Feindliches Verhalten gegenüber dem Sowjetsystem“. Sie wurden nach den Aufenthaltsorten der Waldbrüder befragt, Widersachern im Untergrund. Alle machten keine Aussagen. Nach dem Tod Stalins 1953 gab es für mehrere Gefangene eine Amnestie. So kam 1954 die Mutter der Autorin wieder zurück. Fünf Jahre später wurde Imbi Paju geboren.

Auch die Großmutter und ihre Schwestern konnten wieder heimkehren.

Die Lageraufenthalte mit ihren Grausamkeiten und Peinigungen und die Schicksale vieler Mitgefangener bewegen und wühlen den Leser trotz des ruhigen Tons der Verfasserin auf.

Das dramatische Jahr 1939

Am 23. August 1939 schlossen Deutschland und Russland einen Nichtangriffspakt (Ribbentrop-Molotow-Pakt). In geheimen Zusatzprotokollen wurden die gegenseitigen Interessensphären abgesprochen: Lettland, Estland und Finnland sowie östliche Teile Polens und Bessarabien sollten an Russland fallen, das restliche Polen an Deutschland. Am 28. September 1939 kam Ribbentrop nochmals nach Moskau und gab nach Rücksprache mit Hitler auch Litauen für eine russische Besetzung frei. Am 1. September 1939 erklärte Deutschland Polen den Krieg, am 13. September 1939 begann die SU mit der Besetzung Ostpolens.

Das geheime Zusatzprotokoll 2 enthielt das Einverständnis der SU, dass die deutschen Bevölkerungsgruppen aus der sowjetischen Interessensphäre, „sofern sie den Wunsch haben“, nach Deutschland umgesiedelt werden durften. Neben den Balten waren auch Bessarabien-, Bukowina- und Wolhynien-Deutsche betroffen. Unter Einschluss der Nachumsiedlung kamen allein aus Estland und Lettland über 78.000 Deutsche ins Reich, vor allem in den Warthegau.

Ebenfalls verlangte die SU von den baltischen Staaten am 28. September 1939 den Abschluss eines Beistandspaktes mit der Stationierung von allein 35.000 Soldaten in Estland. Gleiches wurde mit Lettland und Litauen vereinbart. 1940 marschierte dann eine bis an die Zähne bewaffnete Armee von 130.000 Mann im gesamten Baltikum ein. Am 21. Juni 1940 musste das Parlament den Antrag stellen, Estland in die Sowjetunion aufzunehmen. Gleiches erfolgte in den beiden anderen Staaten Lettland und Litauen.

Noch 1970 schreibt Chruschtschow in seinen Memoiren von einer „freudigen Vereinigung“ jener Staaten mit der SU. Stalins „Artentheorie“ weist auf das weitere Vorgehen der SU hin: Esten, Letten und Litauer seien unerwünschte Elemente und müssten liquidiert werden. Und denen, die überleben, wird die Ehre zuteil, in die Vielvölkerfamilie der SU aufgenommen zu werden.

Am 22. Juni 1941 begann Hitler den Krieg gegen Russland. Die SU richtete in Estland ein Vernichtungsbataillon ein, das alles vernichten sollte, was dem Feind nutzen könnte.

Am 4. Juli 1941 begann auf Stalins Befehl die „Taktik der verbrannten Erde“. Es setzte ein ungehemmter Terror ein mit Menschenjagd, vorsätzlichem Töten friedlicher Bürger, Brandschatzung der Bauernhöfe. Meist wurden die Opfer vor der Ermordung grausam gequält. 

1941–44 wurde Estland wieder von Deutschland besetzt. Jetzt wurden Unterstützer der Sowjets interniert, gefoltert und zum Teil erschossen.

Im Herbst 1944 wurde das Baltikum wieder von den Sowjets besetzt. Schon 1943 auf der Konferenz in Teheran und dann wieder am 4. Februar 1945 beim Treffen der großen Drei in Jalta (Stalin, Roosevelt und Churchill) hatte Stalin demokratische Wahlen in den osteuropäischen Ländern versprochen. Es setzte sich aber der beschriebene Terror fort, teilweise noch verstärkt. 

Imbi Paju legt viel Wert auf eine sorgfältige Aufarbeitung der Historie. Dabei stellt sie mit vielen anderen Wissenschaftlern fest, dass die sowjetischen Aufzeichnungen in der SU und auch im Baltikum und auch in westlichen Ländern häufig gefälscht sind. Auch werden gezielte Verleumdungen verbreitet. Dies zeigt auch die Geschichte des letzten estnischen Präsidenten Konstantin Päts. Dieser wird von einigen skandinavischen Autoren auf Grund des russischen Archivmaterials negativ beurteilt. Päts wurde 1940 in den Ural deportiert. Er starb nach 16 Jahren Gefangenschaft, zuletzt in einer russischen psychiatrischen Abteilung, zwangsbehandelt mit Medikamenten, wie aus heraus geschmuggelten Unterlagen hervorgeht.

Die gegenwärtige Krise in der Ukraine schürt die Angst

In Estland, wie im gesamten Baltikum, besteht eine Angst, geboren aus den Zeiten der sowjetischen Besatzungen. Diese Angst wird jetzt verstärkt durch die politischen Spannungen der Ukraine-Krise und der damit verbundenen Befürchtung, dass der in der Sowjetzeit künstlich erhöhte Anteil russischstämmiger Einwohner in Estland ein Grund für Putin zu einer Intervention sein könnte („gewollte Befreiung“). Nach 1945 wurden nämlich aus dem großen Sowjet-Vielvölkerstaat verstärkt Russen angesiedelt. Die Amtssprache wurde russisch, gleiches galt für die Schulen und überall im Land. 

Es ist interessant, dass in allen baltischen Staaten der russischsprachige Bevölkerungsanteil 1934 bei 8 bis 9 % war, zur Wendezeit aber in Estland über 30 %, in Lettland bei 34 % liegt.

In der Nachwendezeit wird in den drei baltischen Staaten die eigene Sprache zur alleinigen Landessprache erklärt, was sich als nicht günstig für den russischsprachigen Teil erweist.

Im „Kampf um die Seelen“ sind die russischsprachigen Medien heute überall bestens zu empfangen. Sie versorgen nun ihre „Landsleute“ mit der russischen Auslegung der Tagespolitik und Spielfilmen, die gerne auch Kriegsszenen aus sowjetischer Sicht darstellen.

Dies schürt die von Imbi Paju in dem Buch beschriebene Angst vor russischer Einflussnahme deutlich. 

Der Rezensent war seit der Wende bis jetzt jedes Jahr mindestens einmal im Baltikum. Angefangen hat es mit Hilfsgüterlieferungen in großem Ausmaß, jetzt nur noch in kleinem Rahmen. In diesen 25 Jahren lernte er viele Menschen mit den unterschiedlichsten Schicksalen kennen, selbst erlitten oder von Familienangehörigen, Bekannten und Freunden erfahren.

In Imbi Pajus lesenswertem Buch werden verdrängte Erinnerungen aus nationalsozialistischer und sowjetischer Zeit im Erzählton an die Oberfläche gebracht. Wer sich wirklich mit der Geschichte der baltischen Staaten und ihrer Bevölkerung auseinandersetzen möchte, findet im vorliegenden Buch tief berührendes Anschauungsmaterial. Estland setzt jetzt als selbstständiges Land in einem vereinten Europa auf unser Verständnis und unsere Unterstützung.

Bearbeitungsstand: Freitag, 27. März 2015

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