Die arbeitslose Gesellschaft


Arbeitslosigkeit: Fakten, Irrtümer und falsche Rezepte

 

Von Gerulf Stix

In Österreich steigt die Arbeitslosigkeit. In diesem Frühjahr kletterte die Zahl der vergeblich Arbeit Suchenden auf über 400.000; davon stammen rund 100.00 nicht aus Österreich. Dementsprechend pendelt die so genannte Arbeitslosenrate um die 9 %, also auf einer seit langem ungewohnten Höhe. 

Kein Wunder, dass dieses Thema immer öfter alle Medien beschäftigt. Die Sozialpolitiker werden nervös. Alle möglichen Experten und Expertinnen schlagen Alarm und präsentieren die verschiedensten Vorschläge zwecks Abhilfe. Das Problem bei den meisten Einzelvorschlägen ist freilich, dass sie den Gesamtzusammenhang übersehen, selbst wenn sie punktuell richtig erscheinen. Erstaunlicherweise herrscht eine weit verbreitete Blindheit für die moderne Arbeitswelt. So ist es besonders wichtig, sich einmal mit den grundlegenden Problemen und Fragen zu befassen. Dieser Versuch soll hier gemacht werden.

Arbeit ist nicht gleich Arbeit

Arbeit ist nicht gleich Arbeit. Dieser Satz gilt gleichermaßen für die Qualität wie für die Menge von Arbeit (Galbraith). Die Arbeiten auf einer Baustelle, im Büro, in einer Schule, im Haushalt oder bei der Betreuung sehr junger oder sehr alter Menschen unterscheiden sich voneinander erheblich. Auch der benötigte Aufwand an Kraft, Können, Wissen, Geduld, Einsatzbereitschaft und Zeitbedarf ist sehr verschieden. Zu diesen qualitativen Unterschieden kommen die quantitativen: Man muss davon ausgehen, dass es immer genug Arbeit gibt und ihre Menge in Wirklichkeit unbegrenzt ist. Die meisten Menschen können auf direkte Befragung locker eine ganze Reihe von Arbeiten aufzählen, die in ihren Augen noch unerledigt sind. Nur Asketen oder Müßiggänger sehen das etwas anders. Deutlich gesagt: Arbeit ist keine vorgegebene Menge, die wie ein Kuchen verteilt werden kann.

Einen anderen Hinweis auf unerledigte Arbeiten konnte man unlängst in verschiedenen Zeitungen lesen. Dort wurde auf die „verfallenden Landstraßen“ hingewiesen, für deren dringend erforderliche Reparaturen „das Geld fehle“. Überhaupt zeigt der häufig sogar beunruhigende Zustand, in dem sich viele Infrastruktureinrichtungen wie Gebäude, Seilbahnen oder Wanderwege befinden, dass Arbeit in Hülle und Fülle vorhanden ist.

Aber es „fehlt das Geld“, wie wir vernehmen. 

Genau genommen geht es nur um bezahlte Arbeit

Nun kommen wir der eigentliche Sache näher. Es geht gar nicht um Arbeit schlechthin, sondern es geht einzig und allein um „bezahlte Arbeit“, wenn von Arbeitslosigkeit die Rede ist. Man kann die Sache sogar noch enger fassen: Die Bezahlung von (irgendeiner) Arbeit ist nur gefragt, wenn der Geldlohn dafür (oder auch Naturalien) als Einkommen oder noch genauer: als Erwerbseinkommen benötigt oder gewünscht wird. 

Um es auf den Punkt zu bringen: Arbeitslosigkeit tritt nur auf, wenn benötigtes Geldeinkommen nur durch persönlichen Arbeitseinsatz erlangt werden kann, dieser aber nicht bezahlt wird. Aber „bezahlte Arbeit“ ist keine vorgegebene Menge. 

Wie locker der Zusammenhang zwischen Geldeinkommen und Arbeiten ist, zeigt der riesige Bereich der Arbeit der so genannten Ehrenamtlichen. Wer Geldeinkommen aus Gehalt oder Pension oder Zuschüssen oder Vermögen aller Art bezieht, kann „es sich leisten“, ohne Bezahlung – oft auch in seiner Freizeit – enorme Arbeitsleistungen zu vollbringen. Beispielsweise Bergrettung, Feuerwehr, Vereinswesen, Sport, Hausfrauen, Mütter und Großeltern belegen diese Tatsache eindrucksvoll.[1] Ohne diese „Arbeit“ der vielen „Ehrenamtlichen“ sähe unsere Alltagswelt traurig aus! Übrigens schaffen Einrichtungen (z. B. Vereine), die von Ehrenamtlichen getragen werden, häufig auch bezahlte Arbeitsplätze, manchmal sogar viele. Dieser Zusammenhang befindet sich in einem ständigen Fluss. 

Wer von Arbeitseinkommen abhängig ist

In unserer arbeitsteiligen Wirtschaft sind die meisten Menschen von Erwerbseinkommen (nicht immer vom eigenen) abhängig. Falsch wäre es, dabei nur die Arbeitnehmer im Auge zu haben. Praktisch alle berufsmäßig Selbstständigen, Freiberufler, Gewerbetreibenden und Unternehmer aller Art „arbeiten“, um Geldeinkommen zu erzielen. Sie brauchen Kunden (Klienten), die sie für ihre Tätigkeit bezahlen. Sehr viele Selbstständige sind real betrachtet selbst „Arbeitnehmer“. Die juridisch scheinbar feste Grenze zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer ist wirtschaftlich betrachtet eine immer breiter werdende Grauzone. 

Nur die Arbeitnehmer im engeren Sinn suchen oder erhoffen Arbeitsstellen, die ihnen die Selbstständigen (aller Schattierungen) oder Leute, die privat über Geld verfügen, als bezahlten Arbeitsplatz anbieten. Viele Statistiken zeigen, dass in Europa stets nur knapp die Hälfte der Bevölkerung überhaupt erwerbstätig ist!

Natürlich fungieren auch staatliche Einrichtungen aller Ebenen als „Arbeitgeber“. Das dafür benötigte Geld treibt der Staat mit seiner Hoheitsgewalt einfach ein, sprich: Die staatlichen Einrichtungen erheben dafür Steuern oder andere Zwangsbeiträge (z. B. die Kammern). Deren Rolle stößt heute an die offensichtlichen Grenzen der Staatsverschuldung. Der häufige und besonders bei Sozialisten populäre Ruf nach mehr Staatsausgaben zwecks Kampf gegen die Arbeitslosigkeit erstickt in nicht mehr zu bewältigenden Schuldenbergen. Das Dilemma liegt auf der Hand. Der griechische Staat beispielsweise holt sich milliardenfach das Geld einfach aus dem Ausland ...

Der überschuldete Gefälligkeitsstaat ist finanziell am Ende

Seit J. M. Keynes ist unbestritten, dass in einer schweren Krise der Staat auch um den Preis hoher Neuschulden Geld in die Wirtschaft pumpen muss. Durch massiv erhöhte Ausgaben soll er Kaufkraft „austeilen“, um wieder einen Aufschwung einzuleiten. Wie soll das aber ein Staat machen, der sein Pulver viel zu früh verschossen hat?

Obwohl wir noch nicht einmal eine Stagnation, geschweige denn eine tiefe Depression haben, überborden seit Jahren die Staatsschulden. Die Europäische Zentralbank druckt permanent jeden Monat rund 60 Milliarden Euro, um damit die hochverschuldeten Staaten Europas zu stützen – lange vor einer wirklichen Wirtschaftskrise! 

Und Österreich zählt inzwischen zu den Höchststeuerländern in Europa. Vor allem gehört Österreich zu jenen Ländern, die ausgerechnet den Faktor Arbeit am stärksten besteuern, und zwar auch für die Familien.[2] Es hat also längst sein finanzielles Pulver verschossen, um künftig den Arbeitsmarkt nennenswert mit Geld stimulieren zu können. Finanziell hat der Staat bezüglich des Arbeitsmarktes praktisch keinen Manövrierraum mehr! 

Wenn der österreichische Staat zusätzliche „Belebungsaufträge“ geben könnte, dann ist er erfahrungsgemäß dazu verleitet, dem Bauwesen zwecks Konjunkturankurbelung neue Bauaufträge zu erteilen: Die rasche Auswirkung auf die Beschäftigung wird meist schnell sichtbar, was kurzfristig denkenden Politikern natürlich gefällt. Inzwischen ist die Baubranche jedoch eindeutig überbesetzt. Zudem besteht eine Tendenz zur Konzernbildung. Konzerne wollen Großaufträge. Also braucht es weitere Großprojekte. Außerdem reicht dann meist das heimische Arbeitskräftepotenzial nicht aus. Fremdarbeiter müssen geholt werden. Die auf diese Weise ausgelöste Spirale liegt auf der Hand. Es müsste viel mehr darauf geachtet werden, dass die kleineren Baufirmen nicht dermaßen an den Rand gedrängt werden, wie das zu beobachten ist. Gerade die kleineren (mittleren) Baufirmen sind für eine gute Zukunft wichtig. Sie können die Erhaltungsarbeiten für die stark angewachsene Bausubstanz (Gebäude, Infrastruktur) besser abdecken als Großfirmen. Auch brauchen sie seltener eine schubweise Anheuerung von vielen Fremdarbeitern. 

Bürokratismus: Feind jeglichen Unternehmungsgeistes 

Trotz der zornigen Gegenthesen unentwegter Klassenkämpfer ist und bleibt es wahr, dass nur eine sich vielfältig entwickelnde und im Prinzip freie Unternehmertätigkeit die gesuchten Arbeitsplätze (d. h. bezahlte Arbeit) bieten kann. Die Wirtschaftsgeschichte hat das immer wieder klar gezeigt. Hingegen haben sämtliche planwirtschaftlich-sozialistisch-kommunistischen Systeme zu trostlosen und schlechten Wirtschaftsverhältnissen geführt, was ebenfalls geschichtlich bewiesen ist. Hier wird keineswegs einem unbeschränkten Wirtschaftsliberalismus das Wort geredet! Der „freie Markt“ ist keine heilige Kuh. Seriöse Wirtschaftskenner wissen seit eh und je, dass es einerseits den Markt unbedingt braucht, andererseits ein guter Markt nur gedeihen kann, wenn ein starker Staat ihn regelt und vor Machtmissbräuchen schützt. So lautet u. a. auch das Credo der „Freiburger Schule“ (Eucken). Eine freiheitliche Marktpolitik will und muss die Balance zwischen möglichst freier unternehmerischer Tätigkeit und Schutz der sozialen Redlichkeit bewahren. Das ist eine Daueraufgabe.

Heute wird der glücklicherweise immer noch vorhandene Unternehmungsgeist eingeengt, ja fast erstickt durch eine immense Steuerlast, durch eine insgesamt unüberschaubare Gesetzesflut, eine nicht mehr zu überblickende Steuer- und Sozialgesetzgebung, durch ausufernden Bürokratismus und – mehr und mehr besorgniserregend! – durch eine lahmende Gerichtsbarkeit. 

Genau diese hier aufgezählten Bereiche betreffen direkt den Staat Österreich. Hier geht es um die hoheitlichen Kernaufgaben eines Staates, der für die rechtlichen Rahmenbedingungen einer florierenden Marktwirtschaft zuständig ist! Die Republik Österreich ist diesbezüglich gefordert, denn sie schlittert in allen diesen Bereichen in Richtung einer „Bananenrepublik“. Traurig, aber wahr. In den hoheitlichen Kernbereichen auf einen guten Weg zurückzukehren, wäre in Summe die beste Arbeitsmarktpolitik, die die österreichische Politik machen könnte. 

Arbeitszeitverkürzung

Noch ein paar Bemerkungen zu einigen konkreten kollektivistischen Rezepten, die sich bereits als falsch herausgestellt haben. Da wäre zuerst die Frage der Arbeitszeitverkürzung zu erörtern. Sie wird seit Jahrzehnten als Mittel gegen die Arbeitslosigkeit empfohlen. Dieses Rezept enthält mehr als nur ein Körnchen Wahrheit. 

Wahr ist, dass die enorm gestiegene Produktivität der Wirtschaft – darauf wird hier noch eingegangen werden – eine Verkürzung der Arbeitszeit nicht nur erlaubt, sondern auch gebietet. Aber beim Wie scheiden sich die Geister!

In Frankreich beispielsweise wurde flächendeckend die 35-Stunden-Woche verordnet. Dahinter stand eben die falsche Vorstellung, die Arbeit sei eine vorgegebene Menge, die man wie einen Kuchen korrekt aufteilen könne. Die praktischen Erfahrungen damit sind schlecht. Frankreichs dadurch unflexibel gewordene Wirtschaft lahmt arg. Die ursprüngliche Freude der Sozialpolitiker über den Fortschritt ist inzwischen einer arbeitsmarktpolitischen Ernüchterung gewichen. Aber trotz der steigenden Arbeitslosigkeit bleiben die eingefleischten Ideologen uneinsichtig.

Anders in diesbezüglich flexibel gebliebenen Ländern. Auch bei uns hat es massive Arbeitszeitverkürzung gegeben. In meiner Jugendzeit war die 48-Stunden-Woche selbstverständlich. Der Jahresurlaub für die meisten Arbeitnehmer betrug 14 Tage.

Wie das heutzutage ist, weiß jeder selbst. Und „natürlich“ wird diese Entwicklung weitergehen. Vernünftige Sozialpartner werden das branchengerecht oder betriebsindividuell ausverhandeln. Den wahlkämpfenden Wiener Bürgermeister Häupl mit seiner Forderung nach 6 Wochen Jahresurlaub und seine Nachplapperer zähle ich freilich nicht zu den vernünftigen Sozialpartnern.

Arbeitszeitverkürzung, wo und wie sie eben möglich ist, findet also auch ohne Verordnung von oben statt. Der entscheidende Unterschied zwischen beiden Vorgangsweisen liegt im Ergebnis für den Arbeitsmarkt: Die flexible Lösung ist die bessere.

Kündigungsschutz

Ein anderer Komplex ist die Kündigung von Arbeitnehmern. Bekannt ist das amerikanische Prinzip des hire and fire. Diese vor langer Zeit auch in Europa übliche Methode sofortiger Anstellung wie sofortiger Freistellung ist bei uns heutzutage undenkbar. Kündigungsbestimmungen sowohl gesetzlicher wie vereinbarter Art sind „normal“. Aber wie jede gute Sache kann man auch den Kündigungsschutz übertreiben und eben dadurch zu etwas Schlechtem machen. Das ist in südeuropäischen Ländern so geschehen. Beispielsweise hat die praktisch eingeführte Unkündbarkeit von Arbeitnehmern in Spanien dazu geführt, dass es sich jedes Unternehmen zehnmal überlegt, einen neuen Mitarbeiter einzustellen, selbst wenn es ihn eigentlich bräuchte. Nimmt es angesichts dessen wunder, dass die Arbeitslosigkeit in Spanien besonders hoch ist?

Viel besser bewährt hat sich da das nordeuropäische und vom Europäischen Rat angenommene Modell der so genannten Flexicurity.[3] Zu einem relativ kurzen Kündigungsschutz gesellt sich eine hohe Arbeitslosenunterstützung für eine genau bemessene und kontrollierte Zeit. Dieses scheinbar „härtere“ System hat dort, wo es praktiziert wird, der Arbeitsmarktentwicklung gut getan. 

Auch für die als Dauerbrenner bekannte Streitfrage: Vollzeitarbeit – Teilzeitarbeit gilt die praktische Erfahrung, dass es besser ist, der freien Entwicklung Raum zu geben. Diejenigen Ideologen und Ideologinnen, die am liebsten alle Arbeitnehmer in Vollzeit schicken, die Teilzeitarbeit aber einschränken wollen, werden durch die tatsächliche Entwicklung, die sich individuell den Bedürfnissen der Menschen, besonders der Frauen, anpasst, pragmatisch widerlegt.[4] Das jüngste Attentat auf flexible Arbeitszeitgestaltung ist die Forderung des österreichischen Sozialministers nach Strafzahlungen für Unternehmen, wenn dort Überstunden gemacht werden. 

Freiheit und Gleichschaltung vertragen sich ganz und gar nicht. Freiheit verträgt sich aber sehr gut mit Vielfalt. Allen Gleichheitsaposteln sei die Lektüre des Nobelpreisträgers Friedrich v. Hayek empfohlen. Hier eine kleine Kostprobe: „Als Tatsachenaussage ist es einfach nicht wahr, dass ‚alle Menschen von Geburt aus gleich sind‘ ... Gleichheit vor dem Gesetz und materielle Gleichheit sind daher nicht nur zwei verschiedene Dinge, sondern sie schließen einander aus.“[5] 

Freiheit heißt immer und überall vor allem auch Wahlfreiheit!

Arbeitsmarkt und Zuwanderung

In Zeiten steigender Arbeitslosigkeit ist es selbstverständlich schlecht, wenn von außerhalb unseres Kulturkreises anreisende Menschen zusätzlich auf den Arbeitsmarkt drängen. Die diesbezüglichen Warnungen der FPÖ vor massiver Zuwanderung haben sich bewahrheitet. Sogar aus dem ÖGB gibt es heute Stimmen, die zugeben, dass „billige“ Zuwanderer gerade Druck auf den Bereich der Niedriglöhne ausüben; dort findet inzwischen ein regelrechter Verdrängungswettbewerb zu Lasten der einheimischen Arbeitskräfte statt. Massenzuwanderung ist also neben allen anderen bekannten Problemen auch ein ernstes arbeitsmarktpolitisches Problem! Geradezu verschärfend wirkt da die Forderung naiver NGOs, auch Asylanten (Flüchtlinge) sollen sofort arbeiten dürfen. Dem ist zum Schutz der einheimischen Arbeitskräfte mit einer klaren These entgegenzutreten: Asylanten sollen nur solche Arbeiten machen dürfen, für die weder private noch öffentliche Hände in der Lage und bereit sind, Geld auszugeben. Klingt hart, ist aber zum Schutz der Einheimischen objektiv geboten.

Was den häufig beklagten Mangel an Facharbeitern anlangt, so ist dem auch durch die Zuwanderung kaum abzuhelfen. Die schlechten Erfahrungen mit der Rotweißrot-Card belegen das. Und gelänge es doch, qualifizierte Ausländer in größerer Zahl nach Österreich hereinzuholen, so käme dies wohl einer modernen Form der Ausbeutung jener Länder gleich, denen dadurch die eigenen Fachkräfte genommen würden. Ist das etwa moralisch?[6]

Ein weiteres Argument zugunsten der Masseneinwanderung unter Gesichtspunkten von Wirtschaft und Arbeitsmarkt ist das heimische Geburtendefizit. Hier wird mit atemberaubender Kurzsichtigkeit argumentiert. Das meinem Artikel hier folgende Genius-Lesestück Nr. 4 befasst sich genau mit diesem Problem. Es räumt anhand von Fakten mit einigen der oberflächlichen Allerweltsweisheiten auf. Daher braucht an dieser Stelle dazu nicht mehr gesagt zu werden. 

Vielleicht nur ein kurzer Hinweis auf Japan: Dieses Land weist in seiner Bevölkerung gleichfalls zunehmende Alterung und Geburtendefizit auf. Aber Japan hat keine nennenswerte Einwanderung! Die Arbeitslosigkeit pendelt seit zehn Jahren zwischen 4–5 %, was praktisch als Vollbeschäftigung gilt. Das Wirtschaftswachstum stagniert auf hohem Niveau, worüber zwar die auf Expansion bedachte Wirtschaft klagt, doch der Wohlstand des Landes ist nicht gefährdet. 

Jugendarbeitslosigkeit und Bildungspolitik

In Europa driften Beschäftigungssystem und Bildungssystem immer weiter auseinander. Die zeitgeistigen Bildungspolitiker basteln an Modellen, die dem, was das reale Leben, die reale Wirtschaft und die reale Arbeitswelt an gut ausgebildeten jungen Menschen benötigen, immer weniger gerecht werden. Besonders besorgniserregend ist der grassierende „Akademisierungswahn“. Unsere Zeitschrift hat mehrfach dazu Stellung genommen.[7] Betrachtet man die Jugendarbeitslosigkeit in den verschiedenen europäischen Ländern und setzt sie in Beziehung zum Akademikeranteil, dann zeigt sich ein klares Bild: In den Ländern mit hoher Akademikerquote ist zugleich auch die Jugendarbeitslosigkeit besonders hoch! Paradebeispiel für diesen Zusammenhang ist Spanien. 

Es ist also schlichtweg falsch, wenn „moderne“ Bildungspolitiker nach immer noch mehr universitärer Ausbildung verlangen. Viel wichtiger wäre es, Fachausbildungen aller Art unterhalb der Universitätsschwelle massiv auszubauen. Die Fachhochschulen – übrigens eine bildungspolitische Forderung der Freiheitlichen in Österreich vor der späteren Einführung dieser – sind ein richtiger Weg. Ebenso das duale Ausbildungssystem, um das Österreich vielfach beneidet wird. Aber gerade die moderne Wirtschaftstechnik erfordert hier noch mehr bildungspolitische Anstrengungen abseits vom Universitätsbetrieb. Selbstverständlich muss sich das gesamte Schulwesen danach ausrichten. Solide Fertigkeiten in Lesen, Schreiben, Rechnen und technischen Fächern aller Art sind gefragt! Mit „gesellschaftspolitischen“ Vorstellungen wie: Leistungsdruck sei unzumutbar, soziale Kompetenz müsse gelehrt werden und überhaupt sei es eine Aufgabe der Schule, „Gleichheit“ herzustellen, wird man die auf uns zukommenden Probleme der Arbeitswelt ganz gewiss nicht lösen können! 

Wir haben eine Produktivität wie nie zuvor

Bei uns herrscht ein wirtschaftlicher Massenwohlstand wie nie zuvor in der Menschheitsgeschichte – trotz „nebenbei“ irrwitziger Rüstungsausgaben. Zu verdanken ist das einer gigantischen Steigerung der Produktivität (Wirtschaftsleistung pro Kopf). Noch vor rund 200 Jahren gab es keine elektrische Stromversorgung, keine Motoren, keine Autos, keine Flugzeuge und Satelliten, kein Telefon, kein Radio und Fernsehen, keine Computer, kein GPS und kein Internet. Haushaltsmaschinen für Wäsche, Geschirr, Reinigung usw. gibt es seit weniger als 100 Jahren. Die Reihe ließe sich locker fortsetzen. 

Ohne Naturwissenschaften und Technik wäre das nicht so gekommen. Keine einzige der bahnbrechenden Erfindungen erfolgte übrigens auf Grund von „Mehrheitsbeschlüssen“. Darüber sollten einmal alle diejenigen nachdenken, die sich von einer „Demokratisierung aller Gesellschaftsbereiche“ das künftige Heil erwarten. Ihnen sei deutlich gesagt: Demokratie ist eine gute Sache, doch kann jede gute Sache durch Übertreibung zu einer schlechten gemacht werden – leider. 

Diese in der Menschheitsgeschichte einmalige Produktivitätssteigerung wurde von einer ständigen Freisetzung von Arbeitskräften begleitet. Da gab es immer wieder schlimme Übergangsperioden. Noch zu Beginn des Industriezeitalters lebten gut zwei Drittel der Bevölkerung in und von der Landwirtschaft – mehr schlecht als recht. Heute erzeugen nur mehr 4–6 % der Bevölkerung in der Landwirtschaft sogar einen Überfluss an Nahrungsmitteln! Sind nun die vielen aus der Landwirtschaft Weggegangenen heute arbeitslos? Nein, denn sie wurden von anderen, neuen und immer weiter sich entwickelnden Bereichen aufgesogen. So entstand der komplexe Bau unserer modernen Wirtschaft nicht zuletzt deswegen, weil zuvor „arbeitslos“ gewordene Arbeitsuchende verfügbar waren. 

Diese unbeschreibbar komplexe Entwicklung verlief nicht nur bislang wie geschildert, sondern sie geht geradezu stürmisch weiter: Für die Mechanisierung, Roboterisierung, Digitalisierung usw. ist kein Ende abzusehen (Stichwort: Industrie 0.4). Die Vereinbarkeit von Ökonomie und Ökologie steht freilich auf einem anderen Blatt. 

Die Sklavenwirtschaften vergangener Zeiten werden mehr und mehr ersetzt durch eine Art von technischer Sklavenwirtschaft! Und durch die faktische Globalisierung wird die künftige Entwicklung sowohl beschleunigt als auch verzerrt, indem sie ganze Völkerwanderungen aus zurückgebliebenen in hochentwickelte Zonen auslöst. 

In Summe wird menschliche „Arbeitskraft“ zunehmend für die Programmierung, Bedienung, Wartung, Reparatur und Überwachung der Vielzahl an technischen „Sklaven“ eingesetzt werden. Übrigens ist auch die überall fortschreitende „Selbstbedienung“ ein Teil dieses Konglomerates aus Technik, Wirtschaft und Konsum. Mit ihr verschmelzen praktisch „Arbeit“ und „Konsum“ zu neuen Erlebniswelten. 

Vollerwerb bei Teilbeschäftigung

Diese verglichen mit früher total veränderte Wirtschaftswelt hat auch zu einer gänzlich neuen Arbeitswelt geführt. Angesichts dessen ist es mehr als unlogisch, dass diese neuen Verhältnisse in der gesellschaftspolitischen Phraseologie immer noch mit längst überholten Begriffen aus früheren Zeiten wie „Klassenkampf“, „Industrieproletariat“ u. ä. diskutiert werden. Wir müssen vielmehr das Neue erkennen und konkret unsere Arbeitsmarktpolitik flexibel (!) darauf hin ausrichten. Schematische Einheitsregeln sind kontraproduktiv. 

Schon vor Jahrzehnten wurde u. a. die Zukunftsformel gefunden: Vollerwerb bei Teilbeschäftigung.[8] Genau in diese Richtung verläuft die Entwicklung.

Eine kluge Wissenschaftsarbeit dazu haben Giarini und Liedtke vorgelegt.[9] Sie beschreiben in ihrem Buch ein „Mehrschichtenmodell der Arbeit“. Aus dieser breit gefächerten Betrachtung ergibt sich eine neue Art von Vollbeschäftigungspolitik. 

Die wirklich große wirtschaftspolitische Aufgabe besteht darin, den Übergang von der herkömmlichen Vollbeschäftigungspolitik zu einer Vollbeschäftigungspolitik völlig neuer Art zu meistern. Der richtige Weg führt zu einer Wirtschaftskultur mit „Vollerwerb bei Teilbeschäftigung“. Diese Art von relativer Arbeitslosigkeit wird nicht mehr Fluch bedeuten, sondern den Segen, freier zu sein für selbstgewähltes Schaffen zur persönlichen Lebenserfüllung. 

Anmerkungen

[1] Vgl. Interview BM Ursula Haubner, „Freiwillig ist ‚in‘“, Genius-Heft 3/2006.

[2] OECD, Taxing Wages 2015, Originalpublikation vom 14. April 2015.

[3] Vgl. Hans-Arnulf Engels, „Arbeitsmarktpolitik mit Zukunft“, Genius-Heft 1/2007.

[4] Vgl. Stefan Fuchs, „Die Erfolgsgeschichte der Teilzeit-Jobs“, Genius-Brief März–April 2012.

[5] F. A. von Hayek, „Die Verfassung der Freiheit“, J. C. B. Mohr, Tübingen 1971, Seite 107. 

[6] Vgl. „Die Mär vom Fachkräftemangel“ in „Junge Freiheit“ vom 24. April 2015.

[7] Vgl. Stefan Fuchs, „Akademiker-Produktion und Jugendarbeitslosigkeit“, Genius-Brief Juli–August 2013. 

[8] Gerulf Stix, „Die arbeitslose Gesellschaft“, Verlag Orac, Wien 1978, 191 Seiten.

[9] Orio Giarini und Patrick Liedtke, „Wie wir arbeiten werden“, Hoffmann und Campe, Hamburg 1997, 287 Seiten.

Bearbeitungsstand: Montag, 1. Juni 2015

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