Die Rolle der SED/Linken in der DDR und im vereinten Deutschland


Etablierungsversuche nach dem Zerbröseln der Parteistrukturen – Teil 2

 

Von Wolfgang Schimank

Ging es im – in der vorigen Genius-Ausgabe erschienenen – ersten Teil der Analyse der Rolle der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) und der Linken vor bzw. nach der Wiedervereinigung um den nach außen vorgetäuschten Pluralismus, die versuchte Entchristlichung und die Etablierung eines „antifaschistischen Schutzwalls“, widmet sich der vorliegende zweite Teil u. a. der Entwicklung des seinerzeitigen Parteivermögens sowie den dramatischen Folgen des Zerbröselns der Parteistrukturen für den Arbeitsmarkt und den – nur zum Teil gelungenen – Etablierungsversuchen in der aktuellen politischen Landschaft. 

Als die SED am 7. Oktober 1989 den 40. Jahrestag der Gründung der DDR feierte, war sie auf dem Höhepunkt ihrer Macht angelangt. Zu diesem Zeitpunkt hatte diese Partei 2,3 Millionen Mitglieder. Bei acht Millionen Erwerbstätigen und einer Gesamtbevölkerung von 16,8 Millionen Menschen war das ein sehr hoher Anteil.[1] Es lässt auch die Intensität der Beeinflussung erahnen. Für die SED arbeiteten 44.000 haupt- und 300.000 ehrenamtliche Mitarbeiter. Sie hatte mit ihren Mitgliedern die Legislative, die Exekutive und die Judikative durchdrungen. Zur Absicherung der Macht gab es neben der Nationalen Volksarmee die Grenztruppen, die Polizei, die Bereitschaftspolizei und die Staatssicherheit. Allein die Ausgaben für die Armee machten neun bis zehn Prozent des Jahresbudgets der DDR aus. Waren es insgesamt gar 20 oder 30 Prozent? Obwohl sich der Bundesnachrichtendienst rühmte, einen Informanten in der zentralen Plankommission in Ostberlin zu haben, konnte dieser keine verlässlichen Zahlen liefern, da bestimmte Posten nicht im Klartext genannt und Organigramme zudem verschachtelt wurden.

Das Zerbröckeln beginnt

Trotz dieser Allmacht erhöhte sich der Druck auf die SED. Jede Woche versammelten sich auf der Straße immer mehr Menschen, die Demokratie und Reisefreiheit forderten. Nun ging es Schlag auf Schlag: Als Reaktion darauf wurde am 17. Oktober 1989 Erich Honecker abgesetzt und durch Egon Krenz ersetzt. Am 9. November verkündete Günter Schabowski das neue Reisegesetz. Am 1. Dezember strich die Volkskammer den Führungsanspruch der SED aus der Verfassung der DDR. Am 3. Dezember 1989, auf der letzten Sitzung des Zentralkomitees der SED, wurden viele Mitglieder des Politbüros und des Zentralkomitees aus der Partei ausgeschlossen. Am 4./7. Dezember 1989 verließen die Blockparteien die Nationale Front. Auf dem außerordentlichen Parteitag vom 8./9. und 16./17. Dezember 1989 in Ost-Berlin wurde die Umbenennung in „Sozialistische Einheitspartei Deutschlands – Partei des Demokratischen Sozialismus (SED-PDS)“ und der „unwiderrufliche Bruch mit dem Stalinismus als System“ beschlossen. In dieser Zeit veränderte sich die Partei deutlich in personeller, organisatorischer und inhaltlicher Sicht. Am 4. Februar 1990 trennte sich die SED-PDS vom Namensteil SED, der neue Name lautete nun Partei des Demokratischen Sozialismus (PDS).[1]

Die SED erlitt einen dramatischen Mitgliederschwund. 1990 hatte sie nur noch 285.000 Parteimitglieder.[2] Insbesondere Personen, die dieser Partei wegen beruflicher Aufstiegschancen beitraten oder stalinistisch gesinnt waren, kehrten ihr nun den Rücken. Bei der ersten freien Volkskammerwahl am 18. März 1990 stimmten 16,4 Prozent der Wähler für die PDS.

Am 17. Juli 2005 benannte sich die PDS um in „Die Linkspartei.PDS“. Die Agenda 2010 von Gerhard Schröder führte innerhalb der SPD zu heftigen Auseinandersetzungen. Das führte zu Parteiaustritten und zur Gründung der Partei „Arbeit & soziale Gerechtigkeit – Die Wahlalternative“ (WASG). Am 16. Juni 2007 kam es zu einer Vereinigung der Linkspartei.PDS mit der WASG. Nach der Vereinigung mit der WASG gab sich die Partei den Namen „Die Linke“. Es handelte sich rechtlich um eine Verschmelzung nach dem Umwandlungsgesetz, die Partei selbst bezeichnet den Vorgang als Neugründung. In einem Prozess vor der Pressekammer des Berliner Landgerichts 2009 erklärte Bundesschatzmeister Karl Holluba, die Partei „Die Linke“ sei jedoch nach wie vor „rechtsidentisch“ mit der SED.“[2] Im besagten Prozess klagte diese Partei gegen die Berliner Zeitung, weil diese behauptete, dass ein Teil des SED-Vermögens verschwunden sei.[3] Auf die Frage des Richters, ob „Die Linke“ überhaupt berechtigt sei, Klage gegen die Zeitung zu erheben, erklärte der Bundesschatzmeister, dass die Linke der Rechtsnachfolger der SED sei. Die Berliner Zeitung verlor zwar den Prozess. Dafür zahlte „Die Linke“ einen hohen Preis: Sie darf spätestens jetzt in Zusammenhang mit dem in der DDR begangenen Unrecht gebracht werden!

Waren die SED und PDS eine auf Ostdeutschland begrenzte Partei, so ist „Die Linke“ von nun an eine gesamtdeutsche Partei.

Jonglieren mit dem Parteivermögen

Zwischen 1949 und 1989 häuften die politischen Parteien und Massenorganisationen der DDR großes Vermögen in Form von Geld und Immobilien sowie Unternehmen im In- und Ausland an. Nach dem Verständnis der ersten demokratisch gewählten Volkskammer und der nachfolgenden Bundesregierungen war diese Aneignung größtenteils nicht rechtens. Deshalb beschloss die Volkskammer per Gesetz (§ 20), eine unabhängige Kommission einzurichten, welches die Vermögenswerte aller Parteien und Organisationen der DDR im In- und Ausland feststellen sollte. Mit dem 1. Juni 1990 ging das bis August 1989 bestehende Vermögen von fünf Parteien und 18 Massenorganisationen zur Prüfung und treuhänderischen Verwaltung in die Hände der Unabhängigen Kommission zur Überprüfung des Vermögens der Parteien und Massenorganisationen (UKPV). Mit dem Beitritt der DDR zum Geltungsbereich des Grundgesetzes ging die Kontrolle über das Vermögen an die Treuhandanstalt über.[4]

Betreffs des SED-Vermögens gibt es die wildesten Spekulationen. Fest steht: Das ursprüngliche Vermögen der SED zum Stichtag betrug 6,2 Milliarden DDR-Mark (rund 2,8 Mrd. davon als Barvermögen, 3,3 Milliarden in Fonds). Zudem besaß die SED Verlage, Betriebe und Immobilien, darunter die DEFA-Filmgesellschaft, die GENEX Geschenkdienst GmbH sowie das Außenhandelsunternehmen Novum. 1992 verzichtete die PDS in einer notariellen Einigung mit der Treuhandanstalt auf sämtliche Auslandsvermögen der SED. Im Juli 1995 kam es zum abschließenden Vergleich zwischen PDS und Treuhandanstalt. Die Verwaltung aller noch bestehenden Darlehen ging an die Treuhandanstalt über, die PDS trat alle umstrittenen Vermögenswerte offiziell ab. Im Gegenzug sicherte die Treuhandanstalt der PDS Rechtssicherheit über ihr zweifelsfrei legales Vermögen zu.[4]

Im August 1998 legte die UKPV in Bonn einen Abschlussbericht vor. In diesem wurde der PDS vorgeworfen, über Jahre hinweg Dokumente über ihre Vermögenswerte vorenthalten und wahrheitswidrige Angaben dazu gemacht zu haben. „Die PDS hat an der Offenlegung ihres Vermögens kein Interesse“, sagte Kommissions-Vorsitzender Christian von Hammerstein.[5]

Hierzu ein kleiner Rückblick: Im Dezember 1989 stand die SED unter massivem finanziellem Druck. Die Anzahl der Austritte nahm rapide zu, zudem mussten 40.000 hauptamtliche Mitarbeiter bezahlt werden. Deshalb wurde auf Betreiben von Gregor Gysi die Partei nicht aufgelöst und eine andere gegründet, sondern nur der Parteiname geändert. Gleich nach seiner Amtsübernahme, am 20. Dezember, ließ Gysi das Präsidium „Maßnahmen zur Sicherung des Parteivermögens der SED-PDS“ beschließen. Er setzte eine Arbeitsgruppe unter Leitung von Gerd Pelikan, Leiter der Abteilung Planung und Finanzen, ein, die sich unverzüglich erfolgreich daran machte, das „Altvermögen dauerhaft zu verschleiern und zu sichern“, wie es im Abschlussbericht der unabhängigen Prüfungskommission des Vermögens der Parteien und Massenorganisationen von 1998 steht.[6]

Es wurden verschiedene Maßnahmen ergriffen, um das Vermögen dem staatlichen Zugriff zu entziehen: Schenkungen und Spenden an parteinahe Organisationen, Darlehen an Genossen zwecks Gründung von Firmen und Finanztransaktionen mit fingierten Rechnungen. „Gysi überließ die Vermögenssicherung keineswegs seinen Genossen, sondern gab immer wieder persönlich Anweisungen an seinen Schatzmeister Dietmar Bartsch, die dieser nach Kenntnisnahme vernichten sollte. Bartsch hielt sich nicht daran. Deshalb wurden die kompromittierenden Anweisungen bei einer Untersuchung seines Büros 1991 gefunden. Gysi hat ihm das nie verziehen. Trotz vieler Schwierigkeiten und Pannen klappte das Unternehmen Vermögensrettung, weil es der Partei gelang, massenhaft Unterlagen zu vernichten. An die 90 Prozent der Akten der Abteilung Finanzen wurden geschreddert.“[6]

Allein das nach der Wende sichergestellte Vermögen der SED beläuft sich auf rund 1,16 Milliarden Euro. Dazu zählen nach einem – noch nicht rechtskräftigen – Urteil des Obergerichts des Kantons Zürich vom 25. März 2010 128.355.788 Euro, welche 1992 spurlos von Konten der ehemaligen DDR-Handelsgesellschaft Novum und deren Tochtergesellschaft Transcarbon verschwunden waren. Alleinige Gesellschafterin der beiden Unternehmen war die Österreicherin Rudolfine Steindling, genannt „Rote Fini“. Sie hat sich das Geld 1991 von der Bank Austria bar auszahlen lassen. Die Unicredit Bank Austria muss, als Rechtsnachfolger, der Bundesrepublik Deutschland den Schaden ersetzen.[4]

Zwar wurde die Partei formal verpflichtet, bei der Ermittlung ihres Vermögens umfassend mitzuwirken, sie hat das aber zu keinem Zeitpunkt getan. Weder legte sie geforderte Originalbelege vor, noch erteilte sie die gewünschten Auskünfte.

Vor dem Bundestagsuntersuchungsausschuss der 13. Legislaturperiode „DDR-Vermögen“ weigerten sich Gysi, Bisky, Claus und andere, ihr Wissen über Vermögensschiebereien zu offenbaren. Sie bezahlten ein Strafgeld von 800 DM und werden seitdem nicht mehr belangt. Die ungewöhnlich hohen Spendeneinnahmen der SED-PDS-Linkspartei-Linken weisen darauf hin, dass die „Leistungen“, die von der Partei für ihre Darlehen erwartet wurden, nach wie vor erbracht zu werden scheinen.[6]

Überhastete Währungsunion

Bevor auf die Ziele und dem Wählerklientel der Linken eingegangen wird, soll ein Blick auf die Geschichte der Treuhandanstalt geworfen werden. Bei keinem anderen Schlagwort empfinden die Menschen in Ostdeutschland so viel Bitterkeit, Ohnmacht und Hass wie bei dem Wort „Treuhand“. Was sich aufgrund dieser Institution im Osten abgespielt hat, hätten sich die Menschen nach dem Mauerfall nicht vorgestellt:

Das Grundgesetz sieht den Begriff „Volkseigentum“ nicht vor. Bei einer Ausweitung des Grundgesetzes auf die DDR würde es nicht mehr bestehen. Die Bürgerrechtler, die am Runden Tisch saßen, stellten sich eine Holding vor, die die Vermögensanteile aller DDR-Bürger verwaltet, wobei die Volkskammer die Aufsichtspflicht hat. Ihr vielleicht etwas naiver Gedanke war es, eines Tages das Vermögen der ehemaligen DDR auf seine Erben aufzuteilen. Der Ministerrat der DDR beschloss am 1. März 1990 die Gründung der „Anstalt zur treuhänderischen Verwaltung des Volkseigentums“. Am 17. Juni wurde das „Gesetz zur Privatisierung und Reorganisierung des volkseigenen Vermögens“ (Treuhandgesetz) erlassen. Per 1. Juli 1990 hatte die Treuhandanstalt 8.500 Betriebe und ungefähr vier Millionen Werktätige in seine Obhut genommen. Zudem übernahm die Treuhand rund 2,4 Millionen Hektar land- und forstwirtschaftliche Flächen und die Vermögen der Parteien und Massenorganisationen der DDR. Der Gesamtwert betrug laut einem Gespräch zwischen Christa Luft und Detlef Rohwedder im Februar 1990 600 Milliarden DM.[7] Damit war die Treuhand eines der größten Unternehmen der Welt.

Nach Aussagen von Birgit Breuel handelte die Treuhandgesellschaft entsprechend dem Treuhandgesetz nach folgenden Grundsätzen: schnell privatisieren; dort wo es sich lohnt, sanieren; behutsam stilllegen. Die Treuhandgesellschaft sollte hierbei sowohl ertragsorientiert einen möglichst hohen Privaterlös erzielen, als auch gemeinwohlorientiert möglichst viele Arbeitsplätze erhalten, was eine extrem komplexe Vertragsgestaltung voraussetzte.[7]

Die Privatisierung erwies sich als eine schwierige Angelegenheit, weil die Produktivität nicht aller, aber vieler DDR-Betriebe geringer war als erwartet. Die Betriebe hatten auch soziale Einrichtungen wie Kindergärten, Kliniken, Ferienheime und Bibliotheken finanziell zu schultern. Die mit der überhastet beschlossenen Währungsunion verbundene Umstellung der Löhne im Verhältnis 1:1 verteuerte die Produkte. Der osteuropäische Absatzmarkt brach zusammen, weil es in diesen Ländern auch zu gesellschaftlichen Umbrüchen kam und die dortigen Handelspartner nicht in Valuta bezahlen konnten. Zunehmend zerbröselte auch das ostdeutsche Handelsnetzwerk.

Für Helmut Kohl war das ein lästiges Problem, das er so schnell wie möglich loswerden wollte. So erhöhte sich der Druck auf die Treuhand. Um ihrer Führungsriege etwaige Skrupel in ihrem Handeln zu nehmen, wurde ihr von der Bundesregierung Straffreiheit zugesichert.

Der erste Treuhandchef Reiner Maria Gohlke konnte das nicht mit seinem Gewissen vereinbaren: „Ich wollte nicht jede Stunde irgendeine Milliarde unterschreiben und dann zum nächsten Tagesordnungspunkt übergehen.“[8] Er gab seinen Posten schon nach wenigen Wochen auf.

Seine Nachfolger Detlev Karsten Rohwedder und Birgit Breuel waren aus einem anderen Holz geschnitzt. Sie setzten sich über das Treuhandgesetz vom Juni 1990 hinweg, große DDR-Betriebe in Aktiengesellschaften umzuwandeln und verweigerten den Betriebsräten, Gewerkschaften, Kommunen und Ländern ein Mitspracherecht. Ostdeutschen wurde das Recht abgesprochen, Betriebe zu übernehmen, auch wenn sie ein noch so gutes Konzept hatten. Das wurde damit begründet, die Treuhand wolle keine neuen SED-Seilschaften. Nun war die Zeit der Glücksritter und Spekulanten gekommen. Betriebe wurden im Eiltempo zu Schleuderpreisen zum Teil an fragwürdige Personen und Unternehmenskonstruktionen verscherbelt. Oft ging es den Käufern nicht um die Menschen, um das Unternehmen, sondern nur um die Immobilien. Betriebe, die durchaus eine Chance in der sozialen Marktwirtschaft gehabt hätten, wie der VEB Wärmeanlagenbau Berlin,[9] VEB DKK Scharfenstein (erster Hersteller von FCKW-freien Kühlschränken), VEB Kaliwerke Bischofferode und Werften an der Ostsee, wurden Opfer einer verfehlten Politik der Treuhand und von Wirtschaftskriminalität.

2,5 Millionen verloren ihre Arbeit

Die Bilanz der Aktivitäten durch die Treuhandgesellschaft: Von 8.500 Betrieben wurden 3.713 geschlossen und die Filetstücke der anderen Betriebe privatisiert.[10] Die Anzahl der verkauften DDR-Unternehmen mag auf den ersten Augenblick gut klingen, sie sagt aber nichts darüber aus, wie viele Betriebe sofort nach dem Kauf abgewickelt wurden, um Gebäude und Land profitabel zu verkaufen. Die Treuhand hatte auf diese Erscheinung spät reagiert und den Verkauf an bestimmte Bedingungen geknüpft. Fest steht aber, dass es keinen einzigen größeren Betrieb gibt, der in ostdeutscher Eigenregie blieb! 2,5 Millionen Menschen verloren ihre Arbeit. Helmut Schmidt bezeichnete die Umstellung der Preise und Löhne im Verhältnis 1:1 als einen Kardinalfehler. Die Privatisierung der DDR-Betriebe sei „prinzipiell richtig“, aber „falsch waren die Methoden und das Tempo“.[8]

Es fand in der ehemaligen DDR eine Deindustrialisierung statt, die ihresgleichen sucht. Ostdeutschland hat sich bis heute nicht davon erholt. Für lange Zeit prägten Auffanggesellschaften, so genannte „Beschäftigungs- und Qualifizierungsgesellschaften“ das Bild. Der Freie Deutsche Gewerkschaftsbund (FDGB), der in der DDR zum Reiseveranstalter degradiert wurde, war in dieser Situation vollkommen überfordert. Erst die westdeutschen Kollegen klärten die Menschen über ihre Rechte auf. Kaum tauchten die Ostdeutschen in die soziale Marktwirtschaft ein, zeigte sich dieses System von der hässlichsten Seite. Viele schafften den Sprung in die Gesellschaft nicht und leben von Hartz IV. Sie sind verbittert und wünschten sich am liebsten die Mauer zurück. Wen wundert es, wenn besonders im Osten Misstrauen gegen die Regierenden und Demokratieskepsis grassieren?

In dieser Gemengelage hat sicherlich die Linke leichtes Spiel, Zustimmung zu erheischen. So kommt es zur Legendenbildung, dass in der DDR vieles nicht schlecht war. Anstelle einer sachlichen Auseinandersetzung mit diesem Thema wird in Deutschlands Medien reine Schwarzweißmalereien betrieben. Nicht zu Unrecht wird das im Osten als eine Art von Siegerjustiz und eine Art von Herabwürdigung der eigenen Lebensleistung empfunden. Die SED-Funktionäre sind in ihrer Politik davon ausgegangen, dass es in der DDR keinen Hunger, keine Obdachlosigkeit und keine Arbeitslosigkeit geben soll. Das haben sie auch erreicht. Aber zu welchem Preis?

Brot und Brötchen waren so billig (87 Pfennig bzw. 5 Pfennig), dass die Bauern damit Schweine fütterten.

Die Mieten waren zu billig (z. B. 50 Mark für eine 60-m²-Wohnung), sodass ältere Bürger allein in einer 100-Quadratmeter-Wohnung blieben und nicht umziehen wollten. Sie nutzten die anderen Zimmer zum Wäscheaufhängen oder ließen sie leer stehen. Andererseits gab es extreme Wohnungsknappheit. Hausbesitzer konnten mit den Mieteinnahmen keine Restaurierung finanzieren. Oft übereigneten sie diese Immobilien dem Staat. Viele Häuser aus der Kaiserzeit, aus der Weimarer Republik oder der Hitlerzeit befanden sich in einem erbärmlichen Zustand.

Jeder DDR-Bürger hatte Arbeit. Die Mehrfachbesetzung von bestimmten Arbeitsstellen führte dazu, dass Betriebe oft nicht effizient arbeiteten. Das mag zwar funktionieren, wenn es auf der Welt ein einziges Wirtschafts- und Gesellschaftssystem gibt. Das sozialistische System stand aber im Wettbewerb mit dem kapitalistischen und hat verloren. Die Arbeitsplatzsicherheit in der DDR führte auch dazu, dass Anreiz und Druck fehlten, etwas besser, effektiver zu machen.

Viele Ostdeutsche beklagen die jetzige mangelnde Sicherheit. So hatten die Frauen in der DDR beim Einkaufen den Kinderwagen mit Kind vor dem Laden stehen gelassen, ohne Angst haben zu müssen, dass etwas passiert. Heutzutage ist das unmöglich. In Ostdeutschland in Grenznähe zu Polen werden Landwirte durch die extrem hohe Kriminalität in den Ruin getrieben. Ist diese Sicherheit nur in einem Polizeistaat möglich? Oder hat Prof. Bernd Lucke von der Alternative für Deutschland (AfD) Recht, wenn er meint, dass ein bestimmtes Maß an Sicherheit auch in einem Rechtsstaat möglich sein sollte?[11]

Teils extremistische Splittergruppen 

Die Linke besteht wie jede Partei aus verschiedenen Strömungen und Flügeln. Diese heißen „Antikapitalistische Linke“, „Kommunistische Plattform“, „Sozialistische Linke“, „Netzwerk Reformlinke“, „Emanzipatorische Linke“ und „Forum Demokratischer Sozialismus“. Außerdem gibt es noch diverse Arbeitsgemeinschaften. Ihr Ziel sind „soziale, demokratische und friedensstiftende Reformen zur Überwindung des Kapitalismus“.[12] Anfangs stand die komplette Partei wegen ihrer politischen Haltung unter Beobachtung des Bundesamtes für Verfassungsschutz. Zurzeit begrenzt sich die Observierung auf den radikalen Teil der Linken („Kommunistische Plattform“, „Cuba sí“, „Marxistisches Forum“, „Sozialistische Linke“ und „Geraer Dialog“). Das Bundesinnenministerium bezeichnete diese als „offen extremistische Zusammenschlüsse der Partei“.[12]

Außenpolitisch steht sie wegen einer gewissen politischen Nähe zu Kuba und zur kolumbianischen Guerillaorganisation FARC in der Kritik. Innenpolitisch verfolgt sie die typisch linken Ziele (Umverteilung von oben nach unten). Die Parteivorsitzende Katja Kipping sprach 2011 auch von Linkspopulismus in dem Sinne, dass gezielt diejenigen angesprochen werden sollen, die in unserer Gesellschaft ausgegrenzt sind.[12] Damit sind unter anderem die gemeint, die aufgrund der Treuhandpolitik und der Schröder´schen Agenda 2010 nicht in dieser Gesellschaft Fuß fassen konnten. Allerdings meidet Die Linke eine Diskussion, wo heute Deutschland ohne Agenda 2010 stünde. Hinzu kommt noch die Gruppe an Menschen, die zu DDR-Zeiten hohe Ämter bekleideten und sich jetzt zu Unrecht behandelt fühlen und den jetzigen Staat ablehnen.

Nach einer Phase der internen Streitereien verzeichnet die die PDS/Die Linke seit den einschneidenden Sozialreformen durch Gerhard Schröder (SPD) einen gewissen Aufschwung in der Wählergunst. In den ostdeutschen Bundesländern erhält Die Linke bei den Bundestagswahlen zwischen 20 und 25 Prozent der Wählerstimmen. Sie ist in allen kommunalen Volksvertretungen Ostdeutschlands vertreten und war/ist Juniorpartner in den Landesregierungen von Mecklenburg-Vorpommern, Berlin und Brandenburg. Sie hat auf Landesebene in einigen alten Bundesländern Fuß gefasst. Bei der Bürgerschaftswahl in Bremen vor wenigen Tagen konnte sich Die Linke gegenüber 2011 zwar von 5,6 auf 9,2 Prozent verbessern, spielt aber als Unter-ferner-liefen-Partei wohl nur eine untergeordnete Rolle.

Anmerkungen

[3] Die Welt, Uwe Müller, 29. April 2009, „Die Linke – Wir sind Rechtsnachfolgerin der SED“, http://www.welt.de/politik/article3649188/Die-Linke-Wir-sind-Rechtsnachfolgerin-der-SED

[5] Berliner Zeitung, Andreas Förster, 25. August 1998, „Kommission: PDS wollte SED-Geld retten“, http://www.berliner-zeitung.de/archiv/abschlussbericht-zum-ddr-parteivermoegen-vorgelegt-kommission--pds-wollte-sed-geld-retten,10810590,9469676.html

[6] Cicero online, Magazin für politische Kultur, Vera Lengsfeld, 04.02.2010, „Die SED ist tot, es lebe die SED-PDS-Linkspartei-Linke, http://www.cicero.de/die-sed-ist-tot-es-lebe-die-sed-pds-linkspartei-linke/40559

[8] Süddeutsche Zeitung, Franziska Augstein, 17. Mai 2010, „Ausverkauf der Republik“, http://www.sueddeutsche.de/politik/2.220/ddr-treuhand-anstalt-ausverkauf-der-republik-1.137266

[9] Frontal21, Abgewickelt und betrogen: DDR-Betriebe und die Treuhand, www.youtube.com/watch?v=uP7mXSBRLv0

[10] Wirtschaftswoche, Tim Rahmann, 26. September 2011, „Wie die Treuhand bei der DDR-Abwicklung versagte“, http://www.wiwo.de/politik/deutschland/rueckblick-wie-die-treuhand-bei-der-ddr-abwicklung-versagte/5220338.html

Bearbeitungsstand: Montag, 1. Juni 2015

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