Bilderberger: Was wird in Telfs gemauschelt?


Riesiges Polizeiaufgebot für die diesjährige Geheimkonferenz der Weltelite

 

Von Harald Saggener

Wer nicht daran glaubt, dass Weltgeschichte „zufällig passiert“, sondern dass allen entscheidenden Ereignissen exakte Planungen zugrunde liegen, wird die Berichterstattung über das unmittelbar bevorstehende diesjährige Treffen der „Bilderberger“ vom 10. bis 14. Juni im Liebherr-Hotel in Telfs-Buchen (Tirol) mit besonderem Interesse verfolgen (und mit der Realität nachfolgender globaler politischer Weichenstellungen vergleichen). Ob man fündig wird, ist eine andere Frage. Denn was die rund 130 Teilnehmer, die jährlich aus Europa und Nordamerika zu den Bilderberg-Konferenzen anreisen, hinter gepolsterten Türen mauscheln, unterliegt auch diesmal strengster Geheimhaltung. Und das, obwohl sich in der elitären Clique nicht nur mächtige und einflussreiche Personen aus Wirtschaft, Militär, Politik und Wissenschaft befinden, sondern auch internationale Mediengranden, die dem Ereignis durchaus die gebührende Transparenz verschaffen könnten, wenn sie nur wollten. 

Bisher fanden bereits zwei dieser Treffen in Österreich statt, 1979 in Baden bei Wien und 1988 in Telfs in Tirol.[1] Diesmal findet fast zeitgleich – nämlich am 7. und 8. Juni – in der Nähe, nämlich auf Schloß Elmau nahe Mittenwald (Bayern), der G7-Gipfel[2] statt. Für das Doppelereignis darf der Steuerzahler den bisher wohl größten Polizeieinsatz in der Geschichte Tirols und bundesweit einen der größten Polizeieinsätze in diesem Jahr finanzieren. Seit Monaten sammeln Exekutive und Geheimdienste relevante Informationen rund um beide Veranstaltungen und erstellen laufend adaptierte Gefahreneinschätzungen. Für alle Landespolizeidirektionen und das Einsatzkommando Cobra gilt für diese Tage eine generelle Urlaubssperre. Die private Luftfahrt, speziell für Paragleiter und Drachenflieger, wird im Radius von 30 nautischen Meilen rund um den Tagungsort eingeschränkt. Auch vorübergehende Grenzkontrollen, wie sie sonst – etwa zur Eindämmung von Schlepper- und Scheinasylantenunwesen – verpönt sind, sollen eingeplant sein. 

Überparteiliche Protestplattform

Eine überparteiliche „Bilderberg-Protestplattform“ (http://bilderbergprotest2015.jimdo.com/) will am 13. Juni ab 14 Uhr vom Rathausplatz Telfs weg einen „großen Protestmarsch“ abhalten.[3] Das wird die hermetisch abgeschirmten Gäste im ausgebuchten Nobelhotel voraussichtlich wenig beeindrucken. Standard-Einzelzimmer gibt es übrigens ab 207 Euro, für ein südseitiges De-Luxe-Quartier muss man allerdings schon 315 Euro hinblättern, wobei die ortsübliche Gästetaxe von 2,80 Euro großzügigerweise bereits inkludiert ist. Ein Fläschchen vom prickelnden Laurent Perrier Grand Siècle kann man sich um schlappe 350 Euro vergönnen.

Während die Bilderberger ihre eigene Webseite http://www.bilderbergmeetings.org geradezu spartanisch dürr halten, explodieren im Internet jene Publikationen, die sich in – zum Teil gewagten – Spekulationen über die globalen Spiele der Mächtigen ergehen. Zu jenen Personen, die gegen die Bilderberger die lautesten Verschwörungsvorwürfe erhoben, zählen der republikanische US-Präsidentschaftskandidat Ron Paul und der US-amerikanische Autor Des Griffin. Letzterer wirft in seinem Buch „Die Herrscher – Luzifers fünfte Kolonne”[4], den Bilderbergern vor, eine „Weltdiktatur” im Sinne einer „neuen Weltordnung“ anzustreben und ihre diesbezüglichen Pläne „erbarmungslos weiter zu entwickeln”. 

Eine der grauen Eminenzen und ein nachweislicher „Ober-Bilderberger“ ist Henry Kissinger. Vermutlich hat er als Bilderberg-Dauergast deshalb auch keine Zeit, seinen gerichtlichen Vorladungen im Zusammenhang mit seinen Rollen beim Chileputsch 1973 (30.000 Tote), beim „Argentinischen schmutzigen Krieg“ (30.000 Ermordete) und bei der Osttimor-Invasion (183.000 Tote) sowie bei der völkerrechtswidrigen Bombardierung Kambodschas (125.000 Opfer) nachzukommen. Kissingers Ex-Mitarbeiter Roger Morris hielt dazu bloß lapidar fest: „Wenn wir Kissinger nach den gleichen Maßstäben beurteilen wie wir es mit anderen Staatschefs und Politikern, z. B. in Deutschland und Japan nach dem Zweiten Weltkrieg, taten, wird er sicher irgendwann als Kriegsverbrecher verurteilt werden.“ Bis dato trat nichts dergleichen ein. Anstatt dessen erhielt Kissinger – den Friedensnobelpreis.[5] 

Anmerkungen

[1] Vgl. Genius, September–Oktober 2012: „Das Super-Netzwerk zur Ausrichtung des Westens“ und Genius, November–Dezember 2012: „Die geheimnisumwitterten ‚Bilderberger‘“ (mit einer aktualisierten Auflistung der österreichischen Bilderberger und der Veranstaltungsorte der Bilderberger-Meetings).

[2] Die G7 („Gruppe der Sieben“) ist ein Zusammenschluss der zu ihrem Gründungszeitpunkt vor 40 Jahren bedeutendsten Industrienationen der Welt (Deutschland, Frankreich, Italien, Japan, Kanada, Großbritannien und USA) in Form regelmäßiger Gipfeltreffen der Staats- und Regierungschefs. 1998 erfolgte durch die Aufnahme Russlands die Erweiterung zur G8. Nach dem Referendum auf der Krim, in dem sich im Vorjahr bei einer Wahlbeteiligung von 83,1 Prozent beachtliche 96,77 Prozent der Wähler für einen Beitritt zur Russischen Föderation ausgesprochen hatten, wurde Russland von den anderen sechs Mitgliedern wegen „Annexion“ der Krim aus der Gruppe ausgeschlossen, die zum Format der G7 zurückkehrte. 

[3] Die Initiatoren sind ihrer eigenen Aussage zufolge u. a. deshalb gegen die Bilderberg-Konferenz, „weil dort Lobbyismus auf höchstem politischem Niveau betrieben wird und dies den Forderungen der Demokratie und der Transparenz widerspricht, weil Exponenten der Finanzindustrie, die für die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Krisen der letzten Zeit besonders verantwortlich sind, sich dort direkten und zentralen Zugang zu politischen Entscheidungsträgern garantieren, weil für dieses an sich private Treffen öffentliche Gelder in hoher Summe verpulvert werden und der größte Polizeieinsatz in der Geschichte Tirols dafür organisiert wird, weil für den angeblichen Schutz dieser Herren unsere Rechte auf Bewegungs-, Demonstrations- und Informationsfreiheit in Gefahr sind und weil wir keine neuen Feudalherren wollen, die ihre Macht gerne privat und geheim halten möchten und die sich vom Volk, das sie verachten, nicht hineinreden lassen wollen.“

[4] Der englische Originaltitel lautet „The Fourth Reich of the Rich“.

[5] Vgl. Genius, November–Dezember 2014: „Fragwürdige Friedensnobelpreisträger“ – 2. Teil von: ‚Ehre, wem Ehre gebührt‘ (Genius, September–Oktober 2014).

Bearbeitungsstand: Montag, 1. Juni 2015

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