Ist die Neue Mittelschule zu retten?


Vorschläge zu einer NMS-Reform

 

Von Dieter Grillmayer

Bei aller berechtigten Kritik an der Neuen Mittelschule (NMS) wird gerne vergessen, dass bereits die NHS („Neue Hauptschule“), welche im Jahr 1982 die zweizügige Hauptschule abgelöst hat, eine Fehlkonstruktion gewesen ist. Man kann nicht drei Leistungsgruppen in Deutsch, Englisch und Mathematik einrichten und so tun, als wäre in allen anderen Gegenständen keine Differenzierung nach dem Leistungsvermögen der Schüler notwendig. Und man darf nicht außer Acht lassen, dass viele Schüler, vor allem Buben, gern den Weg des geringsten Widerstandes gehen und sich selber in eine untere Leistungsgruppe abstufen, um ein „leichteres“ Schulleben zu haben. Sie tun damit nur, was ihnen von allen Seiten eingeredet wird, nämlich dass Anstrengungen zu vermeiden sind, dass Schule vor allem „Spaß“ machen soll und dass Bildung um der Bildung willen sowieso keinen Sinn hat. Wenn hier nicht das Elternhaus mit Erfolg gegensteuert, dann ist das negative Ergebnis schon vorprogrammiert.

Der Forderung, zu dieser suboptimalen Struktur zurückzukehren, kann ich daher ebenso wenig abgewinnen wie der gegenteiligen, nämlich die AHS-Unterstufe abzuschaffen, damit die NMS mehr leistungsfähige Schüler bekommt, die dann den Schwächeren unter die Arme greifen – und alles wird gut. Diesen naiven Standpunkt vertritt z. B. Peter Pelinka in „NEWS“ Nr. 10/2015 und stellt seiner Intelligenz damit kein gutes Zeugnis aus. Zitat gefällig? „Gstopfte und Gscheiterln schicken ihre Kinder weiter eher aufs Gymnasium, für die (eventuell mindestens ebenso begabten) anderen bleiben die Restschulen, egal unter welchem Namen.“

Wird es also nun wieder 30 Jahre dauern, bis die Fehlkonstruktion NMS durch ein möglicherweise noch schlechteres Modell ersetzt wird? Im Folgenden werde ich Reformen vorschlagen, die am Ziel einer Individualisierung des Unterrichts festhalten, seine Durchführung aber in praktikable Bahnen zu lenken vermöchten. In den Grundzügen steht alles schon in einem von mir redigierten Bildungspapier aus dem Jahr 1998.

Wie man es besser machen könnte

Vorab zwei Prämissen: Erstens, dass auf Sekundarstufe I neben der Hauptschule eine gymnasiale Unterstufe bestehen bleibt, allerdings wirklich nur als Hochbegabteneinrichtung, was eine daran orientierte Reform der Aufnahmemodalitäten unabdingbar voraussetzt. Und zweitens, dass die Hauptschule, auf Schüler umgerechnet, durchaus mehr kosten darf als das Gymnasium, weil sie die ungleich schwierigere Aufgabe zu bewältigen hat. Dem Einwand von AHS-Lehrern, dann könne man ja gleich bei der teuren NMS bleiben, setze ich deren erwiesene Ineffizienz entgegen. Wenn eine Bildungsstätte hingegen wirklich aus jedem ihrer unterschiedlich bildungsfähigen Zöglinge das jeweils Beste herausholt, dann darf das auch mehr kosten als der eher vergnügliche Unterricht in Klassen, wo ein annähernd gleiches und hohes intellektuelles Niveau erwartet werden kann.

„Die vierjährige Hauptschule bildet die Hauptform der Sekundarstufe I und ist auf die Bildungsziele Berufsvorbildung, staatsbürgerliche Erziehung und Kulturverständnis ausgerichtet.

Reformmaßnahmen: Abschaffung der Leistungsgruppen zugunsten eines Systems von Kernstunden für alle Schüler der Klasse, Stützunterricht für leistungsschwache und Förderstunden für leistungsstarke Schüler. Die wesentlichen Kulturtechniken sind in der Hauptschule durch die „tägliche Stunde“ in Deutsch, Mathematik und Fremdsprache schwerpunktmäßig zu vermitteln.“

So steht es in dem bereits genannten Bildungspapier, veröffentlicht in „Freie Meinung“ 2/1998. Im Unterschied zur NMS-Struktur wird damit für unterschiedlich leistungsfähige Schüler in einem Teil des Pflichtunterrichts auch eine räumliche Trennung angeregt; für die einen, um durch zusätzliche Übungsstunden den Anschluss nicht zu verlieren und das durchschnittliche Klassenziel zu erreichen, für die anderen, um eine über dieses Ziel hinausgehende Förderung zu erfahren. Ähnliches wäre grundsätzlich auch im Sachunterricht vorzusehen, sollte im Detail aber schulautonom nach Bedarf entschieden werden. 

In den vorwiegend praktischen und musischen Fächern mag der Ganzklassenunterricht die Norm bleiben, entsprechende Neigungsgruppen sind aber anzubieten. Es liegt auf der Hand, dass zu Anfang (1. Klasse) ein eher geringer Differenzierungsbedarf bestehen wird, der allmählich zunimmt und in der 4. Klasse seinen Höhepunkt erreicht. Denkbar wäre auch, Schüler etwa nach der 2. Klasse vom Fremdsprachenunterricht zu befreien, wenn sie dort überhaupt nichts weiterbringen, und ihnen stattdessen neben dem Stützunterricht in Deutsch und in Mathematik einen praktischen Unterricht zukommen zu lassen, dem sie gewachsen sind.

Vergleiche von Äpfeln mit Birnen

Selbstverständlich komme ich nicht umhin, in diesem Zusammenhang wieder darauf hinzuweisen, dass auch die Rahmenbedingungen stimmen müssen, wenn ein Schulmodell erfolgreich sein soll. Finnlands gutes Abschneiden bei den PISA-Tests ist nicht der dortigen Gesamtschule geschuldet, sondern u. a. der Bevölkerungsstruktur, der Lehrerbildung, der Lehrerauswahl und der Schulkultur, die trotz „Schulstrafen“ oder vielleicht gerade deswegen viel besser ist als bei uns. Die Mathematik-Spitzenergebnisse der Schweiz wiederum beruhen darauf, dass dort ein eher konservativer Unterricht, frontal und ganzheitlich, nicht in „Projekte“ und „Module“ zerstückelt, gepflogen wird und die klassischen Rechentechniken (Kopfrechnen, Bruchrechnen) intensiv gepflogen werden.

Zuletzt nochmals zurück zum achtjährigen Gymnasium und warum es erhalten bleiben soll. Erstens ist es billiger, die Hochbegabten in homogenen Klassen zu unterrichten, als sie aus heterogenen Gesamtschulklassen „herauszupicken“. Gleichwohl wird das – vorwiegend im ländlichen Raum – Sinn machen, wenn den Halbwüchsigen dadurch weite Schulwege erspart bleiben; eine gut strukturierte Hauptschule – nicht die derzeitige NMS – kann gewiss auch einem Hochbegabten gerecht werden und ihn für den Besuch einer weiterführenden Maturaschule fit machen.

Zweitens wird mit dem Erhalt der AHS-Langform niemandem geschadet. Alle einschlägigen Studien belegen, dass hinsichtlich „Bildungsgerechtigkeit“, worunter wohl ein begabungsgerechter Zugang zur Bildung für jeden Heranwachsenden gemeint ist, kein Unterschied zwischen dem Gesamtschulsystem und dem gegliederten System besteht! Allerdings lässt ein von Anfang an auf die Reifeprüfung zugeschnittenes achtjähriges Kontinuum ein besseres Endergebnis erwarten als ein in zwei verschiedenen Bildungsanstalten absolvierter Schulbesuch. 

Das Märchen von der sozialen Ungerechtigkeit

Aus meinem Maturajahrgang (1959) haben von 20 Klassenkameraden 16 einen akademischen Abschluss erlangt und zwei weitere sind als Hauptschuldirektoren in Pension gegangen. Nach Herkunft waren 15 Schüler aus der Mittelschicht (Gewerbetreibende, Angestellte, Beamte, vorwiegend unter dem Matura-Niveau), drei hatten Akademiker zu Vätern, aber zwei davon lebten bei ihren alleinerziehenden Müttern und weitere zwei Mitschüler stammten aus ganz einfachen Arbeiterfamilien – beide haben eine glänzende akademische Berufskarriere hingelegt.

Soviel zur angeblichen sozialen Ungerechtigkeit der traditionellen österreichischen Schulstruktur. Ihr verdanken wir unsere Nobelpreisträger, unsere Techniker und Wirtschafter, die Österreichs guten Ruf als Bildungsland begründet und als Wohlstandsland gesichert haben. Das Wissen und Können der Nachrückenden, deren Tüchtigkeit und Leistungsbereitschaft sind eine Conditio sine qua non dafür, dass es so bleibt.

Bearbeitungsstand: Montag, 1. Juni 2015

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