Jugend und Gewalt


Jihadismus – mediale Gewaltorgien – Radikalismus

 

Von Gerulf Stix

In der Öffentlichkeit wird häufig herumgerätselt, was Halbwüchsige wohl bewegt, wenn sie sich als „Jihadisten“ rekrutieren lassen. Ohne den Anspruch erheben zu wollen, alle Ursachen dafür zu kennen und erklären zu können, soll eine der Ursachen für die Gewaltbereitschaft von Jugendlichen hier doch einmal genauer unter die Lupe genommen werden: Es findet nämlich in unserer Gesellschaft eine umfangreiche Indoktrinierung mit Gewalt statt! – Diese These wird natürlich sofort von naiven Gemütern und wohlmeinenden Erziehern bestritten werden. Deren Antworten könnten in etwa lauten: Wir erziehen doch die jungen Leute zu Friedfertigkeit – Wir verurteilen doch Gewaltanwendung – Wir sorgen doch dafür, dass kein Kind mehr „eine gesunde Watschen“ erhält – Wir haben doch das Bestrafen in den Schulen abgeschafft – Wir plädieren doch überall für Menschenliebe und Mitgefühl – usw. usw. Dieser blauäugigen Selbsteinschätzung müssen leider eine ganze Reihe ebenso erschreckender wie gesellschaftlich höchst wirksamer Tatsachen entgegengehalten werden.

Gewalt im Fernsehen

Da wäre an erster Stelle ganz allgemein das Fernsehen zu nennen. Egal an welchem Wochentag man durch die Abendprogramme blättert, man stößt in vielen Kanälen auf „Krimis“. Viele davon strotzen von Gewalt und scheuen keineswegs davor, scheußliche Szenen zu zeigen. Wer von den Jugendlichen aber keine Krimis anschauen mag, sondern lieber Aktion-Filme oder Science-Fiction-Filme sehen möchte, der findet im Fernsehen diesbezüglich ein reiches Angebot. In diesen Filmen wird wild geschossen, ereignen sich gewaltige Explosionen, fliegen Tote und Verletzte dutzendweise durch die Luft, stürzen ganze Häuserschluchten zerstört in sich zusammen, Feuerlawinen rollen und das gewalttätig Böse wird brutal in Szene gesetzt. Beim Vergleich etwa alter James-Bond-Filme mit den allerneuesten dieses Genres muten die alten geradezu harmlos-lieblich an, obwohl es auch in ihnen hart und gewalttätig hergeht. Aber die neuen James Bond-Filme zeigen Brutalität in einer früher nicht gekannten Deutlichkeit, zum Beispiel auch sadistische Folterszenen. Wer denkt da nicht an viele Presse- oder Fernsehbilder aus zeitgenössischen Folterwerkstätten? Das soll Erziehung zur Friedfertigkeit sein?

Aber auch die ganz normalen Fernsehnachrichten bringen häufig höchst aktuelle Bilder, die knallhart Gewalt und Brutalität zeigen. Wie mag das auf Kinder und Jugendliche, die im gemütlichen Zimmer sitzen und die Welt durch den Bildschirm erfahren, wirken? Nur abstoßend? Oder tritt nicht vielleicht auch ein Gewöhnungseffekt ein? Möglicherweise entsteht sogar eine Art Aha-Effekt: „So muss das also gemacht werden!“

Gewalt im Kino

Was schon über die Filme im Fernsehen gesagt wurde, gilt gleichermaßen für viele Kinofilme, dort noch akustisch sowie durch optisches Breitband und 3-D bis zur schieren Unerträglichkeit überhöht. In Massenszenen werden grausame Schlachten und blutige Massaker zelebriert. Ein markantes Beispiel dafür bietet der gerade bei Jugendlichen höchst beliebte Film „Herr der Ringe“. An und für sich eine Art moderner Märchenstoff, fließt dort in zugegebenermaßen hinreißenden Bildern das Blut nur so in Strömen.

Die Gewaltdarstellungen in Sagen- und Historienfilmen werden allerdings locker von den Gewalt- und Zerstörungsorgien in Horror- und Science-Fiction-Filmen überboten. Mitunter werden den Beschauern da derart trostlose Welten vor Augen geführt, dass daneben Nachrichtensendungen mit Bildern aus vom IS verwüsteten Gegenden nicht mehr als so besonders schlimm empfunden werden. Das ist traurig und macht sehr, sehr nachdenklich.

Durch eine neuere medientechnische Entwicklung wird das alles noch verschärft. Kino und Fernsehen fließen gewissermaßen zusammen. Das Schlüsselwort hierfür ist streaming. Man kann sich beliebig Filme elektronisch „holen“ und dann im Fernsehgerät oder auf dem Bildschirm des Computers oder sogar auf dem Smart-Phone ansehen. Junge Leute kennen sich in diesen Sachen nicht nur technisch bestens aus, sie konsumieren alle diese Möglichkeiten auch inhaltlich intensiv. Die Verschmelzung von TV, Telefon, Computer und Internet ist eine der Tatsachen unseres modernen Lebens.

Gewalt in Computerspielen

Während sich der Betrachter von Filmen im Fernsehen oder sonst wo mit seiner passiven Rolle begnügen muss, stellt sich das bei den Computerspielen ganz anders dar. Hier sind die Mitspieler aktiv. Der Spieler greift entscheidend in den Spielverlauf ein und praktiziert dabei Gewalt in jeder Form, ohne diese an sich persönlich zu verspüren! Diese Spielindustrie ist heute eine Milliardenbranche. Ihre Zielgruppe sind Kinder und Jugendliche, die das riesige Angebot leidenschaftlich gern annehmen. Eltern einer früheren Generation machen sich keine Vorstellung von diesen Spielwelten, in denen teils ihre Kinder, weit mehr aber noch ihre Enkel längst „zuhause“ sind. Einige Zitate mögen veranschaulichen, worum es dabei geht.

„Der Krieg als Vater aller Computerspiele – Seit ihrer Entwicklung besteht zwischen Computerspielen und militärischen Aktivitäten ein Geben und Nehmen: Oft sind Games von Kriegen inspiriert, sie können aber auch der Rekrutierung dienen.“ So Johannes Lau in FORSCHUNG SPEZIAL im „Standard“ vom 17. Juni 2015). Gemetzel sind an der Tagesordnung.

Das „nächste große Ding“ in der Spielebranche nennt sich Virtual Reality: „Der Zombie in Militärkleidung ist schlecht drauf … Wer keinen Herzinfarkt erleidet oder nicht schreiend flieht, der wird von einer lebendigeren Mitarbeiterin des Videospiels ‚The Walking Dead‘ aufgefordert, diesen nervigen Untoten doch einfach abzuknallen.“ Nachzulesen unter „Ganz schön real“ in der „Süddeutschen Zeitung“ vom 19. Juni 2015.

In diesem Stil geht es weiter, wenn man sich mit den Inhalten vieler Computerspiele befasst. Während Erwachsene, die sich mit dieser Sache auseinandersetzen, häufig regelrecht entsetzt sind, locken derartige Äußerungen bei den Kids nur ein müdes Lächeln hervor. Für sie ist dieser spielerische Umgang mit Gewalt, Zerstörung und Tod fast schon eine alltägliche Angelegenheit.

Eine virtuelle Gegenwelt voll Gewalt

Konträr zu der offiziellen Erziehung zu Friedfertigkeit und Gewaltverzicht besteht in unserer Gesellschaft eine gigantische virtuelle Gegenwelt voll blutrünstiger Gewalt. Man muss sich die hier bestehende Kluft nur einmal richtig bewusst machen. Vor allem Pädagogen, Psychologen und Soziologen sollten sich intensiv mit diesem Phänomen auseinandersetzen.

Es geht einfach nicht an, die zunehmende Aggressivität unter jungen Leuten und auch die bestürzend zahlreichen Rekrutierungen z. B. für den Jihad nur mit ideologischen Vorstellungen zu erklären zu versuchen. Jedem Angehörigen der älteren Generation fällt im Vergleich zu den eigenen Jugendjahren die gesteigerte Brutalität im Alltag auf. Als Beispiel sei der Umstand herausgegriffen, dass heutzutage gar nicht selten mit den Füßen auf den Kopf eines längst am Boden sich krümmenden Menschen getreten wird. Vor ein oder zwei Generationen war so etwas unvorstellbar. Der Kopf war für Fußtritte gewissermaßen tabu. Mag sein, dass derartige Scheußlichkeiten ab und zu auch früher vorgekommen sind, aber deren Häufung in unserer Zeit fällt auf und ist dramatisch.

Die Aggressivität zeigt sich immer öfter auch bei Demonstrationen, die zunächst friedlich beginnen, um dann in gewalttätige Exzesse auszuarten. Brennende Autos, Gewalt gegen Rettungskräfte und Polizei sind das Markenzeichen gewalttätiger Extremisten.[1] Freilich ist die Betrachtung des gewalttätigen Extremismus, gleich welcher ideologischer Färbung, von einer generellen Betrachtung der „Jugend von heute“ abzugrenzen und zu unterscheiden.

Es gibt allerdings zwischen damals und heute – zumindest in Europa – einen gravierenden Unterschied in der ganz konkreten Erlebniswelt junger Menschen.

In den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts herrschte Krieg. An der „Heimatfront“ war es besonders der Bombenkrieg, der auch Kindern und Jugendlichen die brutalen Auswirkungen von Gewalt als persönliche Erfahrung am eigenen Leib und in der unmittelbaren Umgebung nahe brachte. Das war eine wesentlich andere Erfahrung als nur die von Bildern, die man anschaut oder mit denen man spielt, ohne die Wirkung selbst zu verspüren!

Virtuelle Gewalt wird nicht selbst verspürt

Es macht einen Unterschied, ob man Bilder von Leid, Tod und Zerstörung „nur“ betrachtet bzw. damit spielt oder ob man selbst solche Formen von Gewalt persönlich erfährt oder hautnah miterlebt. Die seelischen Auswirkungen werden im ersteren Fall schwach, im zweiten Fall massiv sein. Dr. Otto von Habsburg bemerkte vor vielen Jahren in einem Gespräch, dass die Gefahr eines neuen Krieges immer dann besonders ansteige, wenn eine junge Generation herangewachsen sei, die niemals selbst einen Krieg hautnah erlebt habe. Diese Erfahrung sollte nicht unbeachtet bleiben.

Da gibt es aber noch etwas. Bloß „angeschaute“ Gewaltorgien können nämlich sogar Neugier auf „wirkliche“ Gewalt wecken! Das ist im Kern natürlich eine Frage, die in erster Linie Psychologen und Therapeuten beschäftigt bzw. beschäftigen müsste. Sie beinhaltet aber auch gesellschaftspolitische Weiterungen. Daher ist auch die Politik angesprochen. Jedenfalls zeigt die allgemeine Beobachtung jener Reizwirkung, die von der in unserer Welt umfangreich existierenden virtuellen Gewalt auf die Jugend ausgeht, dass es Konsequenzen für deren reales Verhalten gibt, die besorgt machen.

Radikalismus, Gewaltbereitschaft und Jihad

Vor diesem gleichsam im Hintergrund hauptsächlich medial ablaufenden Gewaltspektakel darf natürlich nicht übersehen werden, welche Rolle die Ideologie tatsächlich spielt. Ohne Zweifel gibt es einen ideologisch motivierten Radikalismus, der im äußersten Fall bedenkenlos, ja geradezu „gläubig“ brutale Gewalt anwendet. Die Beispiele ziehen sich von der Roten Armee Fraktion (RAF) über Breivik, Brandanschläge auf Kirchen, Moscheen, Pressehäuser oder jüdische Einrichtungen bis hin zu exzessiven Ausschreitungen bei Demonstrationen und letztlich die Rekrutierungen für den Jihad.

Recht anschaulich beschrieb diese merkwürdigen Zusammenhänge ein Pressebericht über ein Mitglied der linksextremen Antiimperialisten-Zellen, das heute als eine Schlüsselfigur der deutschen Salafistenszene gilt.[2] Bedauerlicherweise ist es in vielen Zeitungen und Fernsehsendungen heutzutage gang und gäbe, bei jeder nur möglichen Gelegenheit den „Rechtsradikalismus“ anzuprangern, während der offensichtlich zunehmende „Linksradikalismus“ eher verniedlicht oder gleich gar nicht behandelt wird. Dabei verschwimmt längst die Grenze zwischen diesen beiden Extremismen. Anton Pelinka schreibt von der „unheiligen Allianz“ beider.[3] Und der deutsche Soziologe Armin Nassehi meint: „Mit dem Links-rechts-Schema kann man vielleicht noch Wahlkämpfe führen, die Gesellschaft lässt sich so nicht mehr beschreiben.“[4]

Für die weitere Zukunft unserer Gesellschaft wird es immer wichtiger werden, auf den hintergründigen Zusammenhang zwischen einerseits der nachhaltigen medialen „Erziehung“ unserer Jugend zur Gewalt und andererseits auf die ideologische Radikalisierung der Jugend zu achten. Beide Entwicklungslinien fließen ineinander. Infolgedessen steigert sich das Gefahrenpotenzial. Für freiheitlich denkende Menschen ist klar, dass weder ideologisch motivierte brutale Gewaltanwendung noch Gewalttätigkeit gleichsam als Selbstzweck hingenommen werden dürfen. Ausufernde Gewalt als gesellschaftliches Phänomen und erst recht ihre Quasi-Verherrlichung – egal unter welchen Symbolen – müssen hintan gehalten werden.

Anmerkungen

[1] Vgl. „Zur Zeit“, Nr. 21–22/2015, Seite 51.

[2] Vgl. „Die Presse am Sonntag“, „Der Linksradikale als Jihadist“, 24. Mai 2015, Seite 6.

[3] Anton Pelinka, Die unheilige Allianz, Böhlau Verlag, Wien-Köln-Weimar 2015.

[4] Vgl. Alfred Pfabigan, „Links reden, rechts leben“, in „Die Presse“ vom 18. April 2015 im SPECTRUM.

Bearbeitungsstand: Mittwoch, 29. Juli 2015
 
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