Politik als intellektuelle Beschäftigung


Gerulf Stix zum 80. Geburtstag

 

Von Lothar Höbelt

Ich wurde – noch als Mittelschüler – vermutlich zum selben Zeitpunkt auf Gerulf Stix aufmerksam wie die meisten Österreicher, nämlich im Jahre 1972, als er mit einer Rede aufhorchen ließ, die sich kritisch mit der Gehaltserhöhung auseinander setzte, die sich das Parlament soeben bewilligt hatte: „Ich schäme mich dafür.“ Fünf Jahre später hielt ich ihm bereits die Daumen, als er mit Alexander Götz zu einer Neupositionierung der FPÖ ansetzte, die zu einem ersten Zugewinn seit zwanzig Jahren führte, aber leider bald in innerparteilichen Auseinandersetzungen endete. Das Jahr 1983 mit der Kleinen Koalition katapultierte ihn in die Position des Dritten Nationalratspräsidenten, das erste Mal, dass ein Freiheitlicher in diese Funktion gewählt wurde. In die Jahre der Regierungsbeteiligung fiel auch die Arbeit am neuen Parteiprogramm von 1985, das in besonderer Weise als das seine galt, und allem zeitgeistigen Aggiornamento ebenso widerstand wie allen unreflektierten Traditionalismen. Diese nationalliberale Synthese hat er später auch in seinem Buch „Die Stunde des Euroliberalismus“ (Wien, 1991) niedergelegt.

Gerulf Stix gehört – zusammen mit seinen Mitstreitern Alexander Götz und Harald Ofner – zu einer Generation, die in der FPÖ nie so recht zum Zug kam. Friedrich Peter sprach einmal von der FPÖ als der Form, in welcher die Kriegsgeneration „politische Gestalt“ angenommen habe. Das war in mehr als einem Sinn richtig. Stix aber gehörte zu den Jahrgängen, die weder zur Kriegsgeneration zählten, noch zu der „anderen Kriegsgeneration“, die – wie Steger, Pawkowicz oder Frischenschlager – im Krieg geboren wurde und sich an den Universitäten bereits mit den Achtundsechzigern konfrontiert sah. Stix hingegen war bei Kriegsende erst zehn; er promovierte bereits 1957, gute zehn Jahre vor 1968. Er galt in der Ära Haider, gerade erst fünfzig, als ein noch sehr junger „Elder Statesman“, der im Freiheitlichen Bildungswerk über die Herausgabe der „freien argumente“ wachte – wo ich ihn endlich auch persönlich kennenlernen durfte.

Sachpolitik statt taktischer Spielchen

Schon diese kurze Aufzählung lässt erkennen: Gerulf Stix war mit seiner Partei, seinem Lager, seiner Gesinnungsgemeinschaft, vermutlich selten vollends glücklich, aber darin immer voll verankert, übte konstruktive Kritik jenseits taktischer Spielchen und dachte nie an öffentlichkeitsheischende Distanzierungen. Als klassischer Vertreter des freisinnigen Bürgertums in Tirol lieferte er sich legendäre Debatten mit Ewald Stadler, ursprünglich Mitglied einer Innsbrucker Sängerschaft, aber in mehr als einer Beziehung ein Gegenpol zum Innsbrucker VDSt-er Stix. Gerulf Stix war und ist das seltene Exemplar eines Politikers, der immer mehr an der Sache interessiert war als an Personalrochaden und Schlagzeilen. Er schreibt – und zwar nicht bloß Reden und Kurzkommentare, sondern gehaltvolle Artikel und Bücher (und das selbst, wie man mit Blick auf manche seiner Kollegen hinzufügen muss).[1]

Stix hat 1970 in einer Denkschrift die „Aktivgruppe“ qualifizierter Minderheiten als das Element ausgemacht, auf das sich die FPÖ im Zeitalter der Massenparteien stützen könne. Diese Zielgruppe hat sich inzwischen zweifellos verbreitert, doch zur Aktivgruppe zählt Stix selbst nach wie vor, wovon nicht zuletzt dieses von ihm aus der Taufe gehobene Medium Zeugnis ablegt. Er hat bald ein halbes Jahrhundert in der Politik miterlebt und nichts kann ihn mehr überraschen. Er war immer ein „Vordenker“, nämlich jemand, der voraus dachte, z. B. was die Energie- und Atomproblematik betrifft, auf die er in den siebziger Jahren als erster prominenter Freiheitlicher hinwies. In einer Zeit von Soundbites und Diskotouren zählt er zu jener „qualifizierten Minderheit“, die belegt, dass sich Politik auch als intellektuelle Beschäftigung auffassen lässt.

Anmerkung

[1] Gerulf Stix, „Die arbeitslose Gesellschaft – Albtraum, Hoffnung oder Missverständnis“, Verlag Orac, Wien 1978.
Gerulf Stix, „Die Stunde des EuroLiberalismus – Liberalismus und Nationalismus im neuen Europa“, Verlag Orac, Wien 1991.

Bearbeitungsstand: Mittwoch, 29. Juli 2015
 
Genius – Gesellschaft für freiheitliches Denken, Verein mit Sitz in Wien. ZVR 127778490
A-1010 Wien, Kärntner Straße 10/5, Telefon +43/0/664 3003 701, EMail: verein@genius.co.at
Wiedergabe von Genius-Lesestücken nur mit Zustimmung der Genius-Gesellschaft