Zitaten-Truhe


„Krieg als angeborenes Übel der Menschheit“

„Unsere blutrünstige Natur, so lässt sich heute im Kontext der modernen Biologie argumentieren, ist so tief in uns verwurzelt, weil die Konstellation Gruppe gegen Gruppe eine grundlegende Antriebskraft war, die uns zu dem gemacht hat, was wird sind. In prähistorischer Zeit hob die Gruppenselektion die Hominiden, die zu reviergebundenen Fleischfressern wurden, auf die Höhen der Solidarität empor, zum Erfindungs- und Unternehmungsgeist. Und zur Angst. Jeder Stamm wusste zu Recht, dass er, wenn er nicht bewaffnet und kampfbereit war, in seiner schieren Existenz bedroht war. In der Geschichte war das Hauptziel für die Fortentwicklung der meisten Technologien immer die Steigerung der Kampffähigkeit. Noch heute sind die Feiertagskalender der Nationen von Gedenktagen durchzogen, die an gewonnene Kriege oder an gefallene Kriegsteilnehmer erinnern …

Für einen echten Krieg ist jede Rechtfertigung willkommen., sofern er nur als notwendig gilt, um den Stamm zu schützen. Erinnerungen an vergangene Gräuel bleiben wirkungslos. Von April bis Juni 1994 machten sich Todeskommandos der Hutu-Mehrheit in Ruanda daran, die Tutsi-Minderheit zu vernichten. In hundert Tagen wurden in einem hemmungslosen Gemetzel 800.000 Menschen, zumeist Tutsi, mit Messern und Gewehren getötet … Als dem Töten schließlich Einhalt geboten wurde, flohen zwei Millionen Hutu aus dem Land, weil sie Vergeltung fürchteten…

Das Terrorregime unter Stalin führte im Winter 1932/33 zum vorsätzlichen Hungertod von über drei Millionen Sowjetukrainern. 1937 und 1938 wurden 681.692 Hinrichtungen wegen vermeintlicher ‚politischer Verbrechen‘ vorgenommen; betroffen waren in über 90 Prozent der Fälle Bauern, die sich angeblich der Kollektivierung widersetzten … Die UdSSR insgesamt litt genauso stark unter der brutalen Invasion der Nationalsozialisten, deren Ziel die Unterwerfung der ‚minderwertigen‘ Slawen war…

Und wenn es keinen anderen Grund gab, um einen Expansionskrieg zu führen, so konnte und kann dafür immer Gott herhalten. Es war der Wille Gottes, der die Kreuzritter an die Levante führte. Sie wurden im Voraus mit päpstlichen Ablassbriefen bezahlt… Auch der Islam reihte sich in diese Logik ein. Ebenfalls zu Diensten Gottes belagerten die Osmanen unter Sultan Mehmed II. im Jahr 1493 Konstantinopel (heute: Istanbul). Die Christen beteten zur Dreifaltigkeit und allen Heiligen… Die verzweifelten Gebete wurden nicht erhört. An diesem Tag war die Gunst Gottes bei den Muslimen, und die Christen wurden niedergemetzelt oder als Sklaven verkauft.“

  • Alle Zitate einschließlich des Titels aus: E. O. Wilson, Die soziale Eroberung der Erde – Eine biologische Geschichte des Menschen, deutsche Übersetzung im Verlag C. H. Beck, München 2014, Seiten 81 ff.

Bearbeitungsstand: Mittwoch, 29. Juli 2015
 
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