Eine „Ente“ und ihre Folgen


Andreas Krämer, Hitlers Kriegskurs, Appeasement und die ‚Maikrise’ 1938. Entscheidungsstunde im Vorfeld von ‚Münchner Abkommen’ und Zweitem Weltkrieg (Berlin 2014), De Gruyter, 539 S.

 

Eine Buchbesprechung von Lothar Höbelt

Die historische Literatur des Jahres 2014 stand eindeutig im Zeichen des Ersten Weltkriegs und der ‚Julikrise’. Ein Titel über die ‚Maikrise’ des Jahres 1938 lässt da schon aufhorchen, wurden die Gedenkminuten 75 Jahre nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges doch zu Recht mehr als eine lästige Pflichtübung empfunden. Die ‚Maikrise’ 1938 war eine der „Wochenendkrisen“ der Vorkriegszeit, die nicht von Hitler ausging – was der „Führer“ seinen „Mitbewerbern“ freilich mehr als übel nahm. Es handelt sich um eine Teilmobilmachung der tschechoslowakischen Armee, angeordnet am Freitag, dem 20. Mai, im Vorfeld der Gemeinderatswahlen im Sudetenland am Sonntag, und gerechtfertigt mit dem Hinweis auf drohende deutsche Truppenbewegungen – was sich freilich als „Ente“ erwies: Ein deutscher Aufmarsch, der irgendwelche unmittelbaren Angriffsabsichten signalisieren könnte, hat zu diesem Zeitpunkt nicht stattgefunden.

Die Westmächte warnten beide Seiten prompt vor übereilten Schritten und vor einem Konflikt, der sich vielleicht nicht lokalisieren ließe. (Wichtig war das „vielleicht“!) Der friedliche Ausgang der Krise, die keine war, wurde in der Öffentlichkeit vielfach als Erfolg dieser „Abschreckungsstrategie“ aufgefasst, zum Ingrimm Hitlers, der zum Schluss kam, dass sich ein Krieg mit England vielleicht doch nicht vermeiden ließe. Hitler befahl deshalb eine Beschleunigung des Rüstungstempos (ob sich das wirtschaftlich ausging, steht auf einem anderen Blatt) und gab seinen „unabänderlichen Beschluss“ zu Protokoll, die Tschechoslowakei in nächster Zeit militärisch zu erledigen – vor einer größeren Runde mit dem typischen Hintertürchen des Politikers ergänzt um die Formel: „Glücklicher Augenblick muss erfasst werden. Politiker hat ihn nur bedingt in der Hand.“

Die Engländer wiederum zogen aus der ‚Maikrise’ den Schluss, die Sudetenkrise müsse unbedingt entschärft werden, bevor sie tatsächlich zum Krieg führe, und suchten nach einer Lösung, die den deutschen Wünschen weitgehend entgegenkam: Autonomie für die Sudetendeutschen und Neutralisierung der Tschechoslowakei. Das Resultat war das Münchner Abkommen, das Hitler freilich wiederum nicht zufrieden stellte, denn er wollte freie Hand in Mittel- und Osteuropa, nicht großzügige Gesten der Briten, die sich damit zugleich ihr Mitspracherecht sicherten. An die Stelle der erhofften Entspannung trat eine Intensivierung des Rüstungswettlaufs, der bald beide Seiten ökonomisch zu überfordern drohte. Man hat den Entschluss zum Krieg im September 1939 deshalb auch als Flucht vor den ökonomischen Schwierigkeiten gedeutet (bei Hitler wurden freilich wenig Indizien dafür gefunden, dass er diese Probleme tatsächlich zu würdigen wusste). Auf alle Fälle bedeutete der Kriegsausbruch ein Scheitern zweier Abschreckungsstrategien: Weder die britische Drohung mit der Blockade noch der deutsche Überraschungscoup mit dem Hitler-Stalin-Pakt vermochten die jeweils andere Seite zum Einlenken zu bewegen.

Die großen Züge dieser Entwicklung – die Politik Berlins und Londons im Sommer 1938 – sind seit den siebziger Jahren, als man erstmals die Archive beider Seiten einsehen durfte, ziemlich klar. Alle Bewältigungsliteratur der letzten Jahrzehnte hat da wenig Neues zutage gefördert. Bloß über den Auslöser der ‚Maikrise’, die Hintergründe der Prager Teilmobilmachung, wurde weiter gerätselt: Wollte Beneš damals eine Konfrontation provozieren, weil sich die Situation der Tschechoslowakei in Zukunft bloß verschlechtern konnte? Über welche Informationen verfügte man in Prag damals wirklich? Igor Lukes, der Spezialist für die tschechische Außenpolitik dieser Jahre, hat darauf verwiesen, dass es nicht zuletzt die Sowjetunion war, die ein Interesse daran hatte, im Trüben zu fischen und einen Konflikt zwischen Deutschland und den Westmächten heraufzubeschwören, wie das Stalin ein Jahr später dann auch gelang. Belege dafür gab es freilich nicht.

Andreas Krämer gelang es nunmehr, in seiner im Vorjahr in Würzburg bei Rainer Schmidt approbierten Dissertation unter Verarbeitung einer beeindruckenden Fülle von Quellen die verworrenen Fäden der ‚Maikrise’ zusammenzuführen. Denn inzwischen hat ein tschechischer Historiker den Agenten D-14 enttarnt, von dem die ursprünglichen Informationen über die angeblichen deutschen Truppenverschiebungen stammten. Es war ein deutscher Sozialdemokrat, der in Karlsbad im Exil lebte und weiterhin Kontakt zu Eisenbahnern im Reich hielt, die diverse Gerüchte aufgeschnappt oder verdächtige Vorkommnisse bemerkt haben wollten. Die Meldung war deutlich als Bericht eines militärischen Laien zu erkennen. Im tschechoslowakischen Nachrichtendienst wurde sie von der mit ihrer Auswertung betrauten Abteilung mit gebührender Skepsis, von der anderen – der Gegenspionage – jedoch als politisch nützlich betrachtet.

Dazu kam, dass auch von der britischen Seite entsprechende Andeutungen einliefen – zwar nicht von Regierungsseite, sondern ganz im Gegenteil aus der Umgebung von Sir Robert Vansittart, dem zu Jahresbeginn abgesetzten höchsten Beamten des Foreign Office, der immer wieder versuchte, die Politik seiner Nachfolger zu konterkarieren, und der dazu seine alten Kontakte mobilisierte. Vor diesem Hintergrund gelang es der tschechoslowakischen Armeeführung, die Regierung zu einem Schritt zu überreden, der vor allem nach innen hin Stärke signalisieren sollte. Der Schuss ging nach hinten los, wie wir mit dem berühmt-berüchtigten Wissen der Nachgeborenen feststellen können. Nicht um eine Verschwörung handelte es sich, sondern um eine Verkettung von Missverständnissen, verbunden mit Wunschdenken. Amateure und Pensionisten, nicht die Profis der Politik, lösten die Krise aus.

Bearbeitungsstand: Mittwoch, 29. Juli 2015
 
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