Warum der Börsenwert kein Wert ist


Von Gerulf Stix

In China fielen vor einigen Wochen massiv die Börsenkurse. Mehr oder weniger verdattert schaut die westliche Welt auf diese Entwicklung. War doch hauptsächlich China die unausgesprochene große Hoffnung der Wirtschaft in Amerika und Europa für eine Konjunkturbelebung. Denn in der westlichen Wirtschaft dümpelt die Konjunktur am Rande einer Stagnation vor sich hin, obwohl die Zentralbanken, allen voran die FED und die EZB, pausenlos frisch gedrucktes Papiergeld in „die Wirtschaft“ pumpen. Die Notenbanken tun dies in der Hoffnung, dadurch das heiß ersehnte Wirtschaftswachstum herbei zu zwingen, freilich bislang vergeblich. In Wahrheit sind die Notenbanken mit ihrem Latein am Ende. 

Der Schock wegen der negativen Entwicklung in China ist nicht zuletzt deshalb so groß, weil auch im Westen die Kursentwicklung an den Börsen seit einiger Zeit schlecht läuft. Nach einer allgemein guten Aufwärtsentwicklung der Aktienkurse vor dem Sommer dieses Jahres – vermutlich als „inflationäre“ Folge der Billiggeldpolitik der Zentralbanken – rutschen die Börsenkurse nunmehr fast überall deutlich nach unten, unterbrochen von kurzzeitigen Erholungen. Der EURO STOXX beispielsweise liegt nach mehrmonatigem Anstieg nun wieder beim Stand von Anfang 2015. Auch der DAX fällt seit seinem Sommerhoch wieder. Der SMI liegt gegenwärtig auf dem Stand von vor einem Jahr. Und selbst der DOW JONES INDEX liegt heute in etwa bei den Zahlen von vor einem Jahr, was insofern beachtenswert ist, als ja den USA derzeit generell ein zwar bescheidener, aber doch deutlicher Wirtschaftsaufschwung bescheinigt wird. China lässt eben grüßen. Betroffen fühlen sich jene exportierenden Unternehmen, für die China ein Markt ist. Dabei kann man in dem Absturz der chinesischen Aktienkurse das Platzen einer vorangegangenen Kursblase erkennen. Aber es geht eben nicht um China allein.

Angesichts der weltweit eher trüben Wirtschaftsaussichten und des Pessimismus an den Börsen erscheint es geboten, Illusionen um die Börsenkurse einmal grundsätzlich unter die Lupe zu nehmen. 

Wert und Preis sind zweierlei

Drücken Börsenkurse wirklich die Werte der gehandelten „Wertpapiere“ aus? Die allgemein verbreitete Meinung wird diese Frage bejahen. Aber diese Antwort ist falsch. Börsenkurse geben nur an, zu welchen Preisen Wertpapiere verkauft und gekauft bzw. angeboten werden. Börsenkurse spiegeln also Preise wider, die dahinter stehenden Werte sind eine andere Sache. Damit ist der wesentliche Unterschied zwischen Preis und Wert angesprochen. Fachleute wissen darüber Bescheid, Laien meistens kaum oder gar nicht. Leider wird der so wichtige Unterschied zwischen Preis und Wert durch unsere Umgangssprache verwischt. Auf die Frage, wieviel eine bestimmte Sache denn wert sei, wird meistens mit einer Zahl, oft auch einer geschätzten Zahl geantwortet. Nicht hinzugefügt wird, dass diese Zahl keinen Wert, sondern einen Preis benennt, nämlich den Preis, der sich (vielleicht) erzielen lässt, wenn die Sache verkauft wird. Um die Verwechslung noch zu steigern, wird dann auch vom so genannten Tauschwert gesprochen. Jeder Handel spielt sich zwischen Preisen ab: Preise, die für eine Anschaffung bezahlt werden, und Preise, die für einen Verkauf erzielt werden. Der Unterschied zwischen beiden Preisen heißt Preisspanne oder sinnigerweise Wertschöpfung! 

Der Börsenwert einer Firma

Jeder Börsenhändler lebt von der Preisspanne seiner getätigten oder vermittelten Aktionen. Die diesen zugrunde liegenden „Werte“ interessieren ihn nur indirekt. In indirekter Form interessieren ihn alle Daten zum „Wert“ beispielsweise einer bestimmten Aktiengesellschaft natürlich schon. Diese Daten geben Hinweise für die Chancen einer gewissen Preisbildung. Oder sie erlauben eine Abschätzung, wie sich der Tauschwert, also der Preis dieser Aktie entwickeln wird. Aber das Spiel geht noch weiter. Es muss auch abgeschätzt werden, wie andere Marktteilnehmer darüber denken. Wie interpretieren sie die objektiven Daten? Besitzen sie vielleicht gar geheime Zusatzinformationen? Gibt es allgemeine Entwicklungen, die einen Einfluss ausüben könnten? Ende nie. 

Aus der schließlich zustande kommenden Kursbildung aus Käufen und Verkäufen dieser Aktie resultiert dann ein – manchmal sogar stolz präsentierter – „Börsenwert“ dieser Aktiengesellschaft. Dabei handelt es sich aber nur um die so genannte Kapitalisierung, also um die Multiplikation des Aktienkurses mit den umlaufenden Aktien des betreffenden Unternehmens. Dieser Börsenwert des Unternehmens ist genau genommen keineswegs der Wert des Unternehmens, sondern spiegelt nur die augenblicklichen Preisverhältnisse an der Börse wider!

Der eigentliche Wert des Unternehmens für den Kenner hängt von dessen Bilanzdaten ab, von dessen erzeugten Produkten (oder Dienstleistungen), von deren Position im jeweiligen Markt, von allgemeinen oder besonderen Marktentwicklungen, vom Können und Wissen des Mitarbeiterstabes, von den leitenden Personen, von der Branchenentwicklung usw. usw. 

Wenn sich also zum Beispiel infolge einer Kursspekulation der betreffende Aktienkurs verändert und damit logischerweise auch der errechnete Börsenwert der betreffenden Aktiengesellschaft, so hat sich deren wirklicher Wert genau genommen überhaupt nicht verändert! Der Börsenwert ist eben nicht der eigentliche Wert. 

So gesehen ist das weit verbreitete Credo, es käme letztlich nur auf den share holder value an, also auf den Börsenwert einer Aktie, schlichtweg falsch. Leider werden in den Medien häufig auch die Qualitäten eines Managements daran gemessen, ob dieses den share holder value entsprechend gesteigert hat. Viel wichtiger für die Beurteilung eines Managements wäre hingegen, ob dieses nachhaltig den inneren Wert des Unternehmens gesichert bzw. erhöht hat. Glücklich der CEO, der beide Wertvorstellungen unter einen Hut bringt. 

Die naiven Anleger werden geschröpft

Versierte Anleger wissen das alles. Sie sind entweder an möglichst „sicherer“ Geldanlage interessiert oder sie sind auf Vermögensvermehrung durch bewusste Spekulation aus. Wer langfristig sein Geldvermögen anlegen will, wird sehr genau auf den Unterschied zwischen dem inneren Wert seiner Wertpapiere und deren jeweiligem Kurswert achten. Er wird sich von einem plötzlichen Börsenhoch nicht blenden und von einem Börsentief nicht ins Bockshorn jagen lassen. Er braucht jedenfalls Durchhaltevermögen. Voraussetzung dafür ist, dass er dazu auch imstande ist. Aktien guter Unternehmen haben sich statistisch trotz aller Börsenhochs und -tiefs als „sichere“ Anlage sogar über Jahrzehnte hin erwiesen.

Die Fähigkeit zum Durchhalten kann sich auf vieles gründen. Zum Beispiel darf ein Anleger nicht von Krediten abhängig sein, die er vielleicht zum Kauf seiner Wertpapiere aufgenommen hat. In diese Falle sind jüngst Tausende von Chinesen geraten. Geblendet von steigenden Börsenkursen, nahmen sie Kredite auf, um sich scheinbar günstige Wertpapiere zu kaufen. Als die Kurse fielen, mussten sie zwar die Kredite bedienen, erlitten aber beim dafür dann eben nötigen Verkauf der Wertpapiere herbe Verluste. Was diesmal den Chinesen widerfuhr, geschah westlichen Kleinanlegern schon früher und leider zu wiederholten Malen.

Die immer wieder zu beobachtende Verwechslung von Wert und Preis sowie die mangelnde Fähigkeit zum Durchstehen ungünstiger Kursentwicklungen bringt nach wie vor blauäugige Anleger um ihr Vermögen, oft um ihre ganzen Ersparnisse. Bedauerlicherweise wird das auch in Zukunft so sein. Getrieben von blindem Streben nach dem „schnellen Geld“ werden Menschen immer wieder Opfer ihrer an der Börse nur scheinbar seriösen Spielsucht werden. 

Spekulation als Höchstrisiko-Sport

Anders als besonnene Daueranleger handeln jene Spekulanten, die professionell nur darauf aus sind, Kursdifferenzen rasch auszunützen, um daraus Geld zu machen. Damit hier kein Missverständnis entsteht, sei zuvor eine trockene Bemerkung zum Thema Spekulation erlaubt: Jede Art von Wirtschaftstätigkeit ist mit Spekulation verbunden! Auch der biedere Bauer spekuliert, wenn er im Frühjahr fachgerecht seine Saat ausbringt. Er hofft (!) dabei auf gutes Wetter, gute Ernte und gute Preise, wenn er im Herbst seine Ernte auf den Markt bringt. Auch wenn das Wort unschön klingt: Er spekuliert!

Zurück zu den Börsenspekulanten. Alle Großanleger (darunter Versicherungen und auch staatliche Fonds), alle Börsenhändler und die meisten Banken spekulieren auf die Ausnützung von Kursdifferenzen. Heutzutage werden dafür auch Computerprogramme eingesetzt, die automatisch binnen Bruchteilen von Sekunden Kauf- oder Verkauf-Orders erteilen, wenn Kursdifferenzen eine Gewinnmöglichkeit signalisieren. Besonders risikofreudige Spekulanten schließen auch Wetten auf zukünftige Preise ab. Gewettet wird auf die künftige Preisbildung von Wertpapieren, Devisen und Waren aller Art, insbesondere Rohstoffe. Diese Wetten können gelingen, können aber auch schiefgehen. Skrupellose Spekulanten versuchen sogar, das Kursgeschehen zu ihren Gunsten zu manipulieren. Fehlinformationen, das Streuen von Gerüchten, bewusste Stoßkäufe, um einen Kurs in die Höhe zu treiben, dann zu verkaufen und danach bei wieder unter den ursprünglichen gefallenem Kurs rasch zurückkaufen, gehören zu deren Instrumentarium. „Investoren“ mit enormen liquiden Mitteln warten geduldig auf ein Börsentief, um dann Wertpapiere, ja ganze Firmen, weit unter deren wahrem Wert billig aufzukaufen. So vermehren sich große Vermögen. 

Die Draufzahler sind in den meisten Fällen die kleinen Anleger, die sich von Massenhysterie (nach oben wie nach unten!) anstecken lassen, weil sie in den Börsenkursen fälschlicherweise eine reale Wertentwicklung vermuten, während es sich doch nur um Preisbildungen handelt. 

Gesamtwirtschaftliche Auswirkungen

Nicht nur für abgezockte Kleinanleger kann sich das Börsengeschehen tragisch auswirken. Weil sehr viele Menschen, die selbst wenig oder gar nicht an diesem Treiben beteiligt sind, sich auf Grund von Börsenmeldungen eine Meinung über bestimmte Entwicklungen in Wirtschaft und Politik bilden, hat diese Meinungsbildung in weiterer Folge durchaus reale Auswirkungen eben auf Wirtschaft und Politik. Das kann gegebenenfalls ernste Folgen nach sich ziehen. Schlechte Börsenberichte können zum Beispiel seriöse Banken in Schieflage bringen. Sie können ganze Volkswirtschaften erschüttern, weil vielleicht viele geplante Investitionen vorerst einmal zurückgestellt werden. Die hier möglichen Szenarien sind schier unbegrenzt. 

Wenn also global von vielen Börsen eine schwache oder gar negative Entwicklung gleichzeitig berichtet wird, dann haben allein schon diese Berichte reale wirtschaftliche und politische Auswirkungen. Kein Wunder also, wenn in solchen Situationen etwa die Notenbanken oder die Finanzminister nervös werden. 

Wie zerbrechlich, weil längst unüberschaubar das herrschende Finanzsystem geworden ist, hat im Genius-Brief vom 1. August 2015 Christa Fuchshuber in dem Beitrag „Wie nahe ist das Ende des Finanzsystems?“ beschrieben. Einmal abgesehen von allen Besonderheiten dieses Systems, ist es Teil einer globalen Entwicklung, die sehr besorgt macht. Alles verändert sich allzu rasch, in zu großen Räumen gleichzeitig und in bei weitem nicht mehr zu überschauender Wechselwirkung. Alles Geschehen, wo und wie auch immer, zeitigt auch kleinere oder größere globale Auswirkungen. Unter diesen labilen Rahmenbedingungen einer nie dagewesenen Beschleunigung findet unser gesamtes Wirtschaftsleben statt. Einen wichtigen Teil davon spiegelt das Börsengeschehen wider. Kein Wunder, dass viele Menschen stark verunsichert sind.

Bearbeitungsstand: Montag, 28. September 2015

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