Zitaten-Truhe


Höhere Finanzmathematik

Wenn die Börsenkurse fallen,
regt sich Kummer fast bei allen,
aber manche blühen auf:
Ihr Rezept heißt Leerverkauf. 

Keck verhökern diese Knaben
Dinge, die sie gar nicht haben,
treten selbst den Absturz los,
den sie brauchen – echt famos! 

Leichter noch bei solchen Taten
tun sie sich mit Derivaten:
Wenn Papier den Wert frisiert,
wird die Wirkung potenziert. 

Wenn in Folge Banken krachen,
haben Sparer nichts zu lachen,
und die Hypothek aufs Haus
heißt, Bewohner müssen raus. 

Trifft’s hingegen große Banken,
kommt die ganze Welt ins Wanken –
auch die Spekulantenbrut
zittert jetzt um Hab und Gut! 

Soll man das System gefährden?
Da muss eingeschritten werden:
Der Gewinn, der bleibt privat,
die Verluste kauft der Staat. 

Dazu braucht der Staat Kredite,
und das bringt erneut Profite,
hat man doch in jenem Land
die Regierung in der Hand. 

Für die Zechen dieser Frechen
hat der kleine Mann zu blechen
und – das ist das Feine ja –
nicht nur in Amerika! 

Und wenn Kurse wieder steigen,
fängt von vorne an der Reigen –
ist halt Umverteilung pur,
stets in eine Richtung nur. 

Aber sollten sich die Massen
das mal nimmer bieten lassen,
ist der Ausweg längst bedacht:
Dann wird bisschen Krieg gemacht.

  • Weil die vom Genius-Brief aus zigtausendfach in die unendlichen Weiten des Internets hinaus gehenden vorstehenden Zeilen unseres langjährigen, mittlerweile leider verstorbenen „Ungereimtes-gereimt“-Autors Richard G. Kerschhofer unter dem Künstlernamen Pannonicus bis zum heutigen Tag nichts an Aktualität eingebüßt haben, bringen wir sie der geneigten Leserschaft in dieser Genius-Ausgabe noch einmal in Erinnerung. Vor allem die letzte Zeile des Gedichts ist brandaktuell!
    Am 24. Oktober 2008 hatte die Frankfurter Rundschau geschrieben: „Krisen sind niemals nur die Stunde der Wahrheit, sondern auch Geburtshelfer neuer Lügen und Legenden. Eine kursiert zur Zeit unter dem Titel Wenn die Börsenkurse fallen und soll ein Gedicht von niemand geringerem als Kurt Tucholsky sein. Hat Tucholsky alles schon gewusst? Und erleben wir heute nur ein Revival der Weltwirtschaftskrise von 1929 – das Gedicht soll immerhin 1930 in der „Weltbühne“ erschienen sein? Falsch. Der Text findet sich ursprünglich auf der Website eines gewissen, freiheitlich gesinnten Pannonicus (www.genius.co.at/index.php?id=165), der mit richtigem Namen Richard G. Kerschhofer heißt, öfter für die deutlich rechts angesiedelte österreichische Zeitschrift „Zeitbühne“ schreibt und wohl auch gewisse Sympathien für die FPÖ hegt.“
  • http://www.fr-online.de/kultur/times-mager-freiheitlich,1472786,3292316.html

 

 

Bearbeitungsstand: Montag, 28. September 2015

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