Mut zur Ideologie


Warum „Links“ und „Rechts“ noch Gültigkeit haben

 

Von Lothar Höbelt

Der austro-amerikanische Polyhistor Erich v. Kuehnelt-Leddihn pflegte zu unserem Thema gern das herzerfrischende Bonmot beizusteuern: „Right is right and left is wrong.“ Öfters ist heutzutage zu hören, die Begriffe links und rechts seien nicht mehr zeitgemäß oder hätten ihre Bedeutung eingebüßt. Auffallend ist vielfach freilich auch, wo man derlei Aussagen antrifft. Ganz selten nur im Kreise progressiver Zeitgenossen, die sehr wohl Wert darauf legen, links zu sein – und ihre Gegner rechts zu verorten. Man stößt auf diese Meinung vielmehr meist in bürgerlichen Kreisen, die sich von der unterschwelligen Propaganda ins Bockshorn jagen lassen, die – so wie im bundesdeutschen Slogan „Kampf gegen Rechts“ – alle Rechten von vornherein ins rechtsextreme oder rechtsradikale Eck stellt. Um sich langwierige Diskussionen, Abgrenzungen und Distanzierungen zu ersparen, verfällt man deshalb gern auf den Ausweg, die Links-Rechts-Skala für überholt zu erklären.

Dahinter steckt natürlich ein Körnchen Wahrheit. Die Links-Rechts-Skala ist zu jedem gegebenen Zeitpunkt tatsächlich überholt, weil sie in ständigem Wandel begriffen ist. Links und rechts sind ja keine scharf definierten Begriffe, sondern ungefähre Orientierungsmuster, entnommen zumeist der praktischen Politik, nicht der politischen Philosophie. Sie gehen zurück auf die Sitzordnungen in den Parlamenten, die anfangs Liberale links und Konservative rechts ansiedelten. (In den USA haben die Begriffe „liberal“ und „conservative“ inzwischen sogar die Kürzel links und rechts ersetzt.) Im alten Österreich verband sich damit außerdem noch ein nationaler Gesichtspunkt: Die Deutschen saßen im alten „cisleithanischen“ Reichsrat links, die Slawen rechts – vielleicht mit ein Grund, warum „rechts“ zu sein im deutschen Teil Altösterreichs schon damals verpönt war. Innerhalb der Deutschösterreicher aber galten die Anhänger des politischen Katholizismus als rechts, alle Freisinnigen als links. Der radikale „Alldeutsche“ Georg v. Schönerer mit seiner Los-von-Rom-Bewegung (und seinen Wahlbündnissen mit der Sozialdemokratie) galt als Gegner von Thron und Altar daher selbstverständlich als Linksaußen; die Linkskatholiken (oder „Sozialkonservativen“, wie sich z. B. ihr engagierter Gegner Kronprinz Rudolf nannte) hingegen selbstverständlich als rechts.

Vergabe der Kürzel nicht nach abstrakten Gesichtspunkten

Der Aufstieg der Arbeiterbewegung hat dieses traditionelle Links-Rechts-Muster durcheinandergewirbelt. Auf einer Skala, die sich nicht mehr an den Gretchenfragen des Kulturkampfes orientierte, sondern an der Frage des Privateigentums an den „Produktionsmitteln“, an der Frontstellung Sozialismus versus Kapitalismus, wie sie das „kurze 20. Jahrhundert“ – die Jahre von 1914/18 bis 1989 – beherrschte, waren die Liberalen als Anhänger der Marktwirtschaft plötzlich rechts angesiedelt, die katholischen Parteien – mit ihrem gespaltenen Verhältnis zur Marktwirtschaft – galten als Mittelparteien. Die faschistischen Bewegungen – mit ihrer Mischung aus linken und rechten Elementen – wurden von einem amerikanischen Politologen zutreffend als Extremismus der Mitte diagnostiziert. (Auch in dem jüngst erschienenen Buch zu unserem Thema aus der Feder des deutsch-persischen Soziologen Armin Nassehi: „Die letzte Stunde der Wahrheit. Warum rechts und links keine Alternativen mehr sind“ wird der Nationalsozialismus „eher eine linke Bewegung“ genannt.) Freilich, gerade an diesem Beispiel zeigt sich, dass die Kürzel links und rechts nicht nach abstrakten Gesichtspunkten vergeben werden. Als militante Gegner des Marxismus – und der parlamentarischen Demokratie – wurden faschistische Gruppierungen meist als rechtsaußen eingestuft.

Links und rechts sind eben situationsbezogene Kürzel, die mehr darüber aussagen, wer mit wem eventuell noch kann oder eben nicht mehr kann, als über programmatische Festlegungen. Ein Beispiel aus der Gegenwart: Die kontroversen Forderungen der NEOS nach weiterreichenden Privatisierungen, die in der Saure-Gurken-Zeit für Aufregung im Blätterwald sorgten, wären natürlich nach allen gängigen Kriterien rechts zu verorten; aber allein schon die Festlegung, nicht mit der FPÖ, wohl aber allenfalls mit Rot-Grün koalieren zu wollen, rückt die Gruppierung in der praktischen Politik zwangsläufig in den Dunstkreis der linken Reichshälfte.

Verschiebung sowohl nach links als auch nach rechts

Das klassische Links-Rechts-Schema, als Verkörperung des Klassenkampfs, ist in den letzten Jahrzehnten zweifellos von diversen anderen Fragestellungen überlagert worden. Daraus ergibt sich das Paradoxon: Unsere Gesellschaft hat in den letzten Jahrzehnten eine Verschiebung sowohl nach links als auch nach rechts durchgemacht. Nach rechts, wenn wir von den ökonomischen Eckdaten ausgehen: Wer hätte vor einer Generation darauf gewettet, dass die verstaatlichten Großbanken oder auch Industriekonzerne wie die VOEST der Obhut der öffentlichen Hand inzwischen entraten sind? Nach links, wenn wir jene gesellschaftlichen Prozesse ins Visier nehmen, die in den USA als „social issues“ bezeichnet werden: Was hätte Bruno Kreisky, der Übervater der österreichischen Linken, wohl zu den Thesen des Gender-Mainstreaming gesagt, oder auch dazu, Begriffe wie Neger oder Zigeuner zu Unworten zu erklären?

Vollends die Zuwanderungsdebatte hat für eine Schubumkehr des Links-Rechts-Schemas gesorgt. Die Anheuerung der ersten Welle von Gastarbeitern musste die „rechte“ Wirtschaftskammer den „linken“ Gewerkschaften im Raab-Olah-Abkommen des Winters 1961/62 noch um alle möglichen Zugeständnisse abkaufen. Noch Jahrzehnte später formulierte es der Vorzimmerchef eines roten Innenministers dem Vernehmen nach einmal so: Es müsse ihm erst einmal jemand erklären, warum eine Politik, die ganz offensichtlich den Druck auf die Lohnabhängigen erhöht, links sein soll. So richtig geschafft hat das keiner, aber der Sprachgebrauch hat sich deshalb nicht geändert. „Links“ und „rechts“ sind eben Begriffe, die „aus dem Bauch heraus“ verwendet werden. Allenfalls kann man sich mit dem Zusatz behelfen, von einer neuen oder postmodernen Linken zu sprechen (z. B. die Grünen, die im Proletariat nur reüssieren, wenn es sich um das akademische handelt) oder einer neuen Rechten, die dafür bei den Arbeitern mehrheitsfähig geworden ist. Links und rechts sind Haltungen, die man an gewissen Mustern festmachen kann, z. B. an dem Vorrang von Gleichheit oder Freiheit, aber keine Ideologien. 

  • Dieses Lesestück findet sich als Erstabdruck auch im Buch „Mut zur Wahrheit“ (2015); ISBN 978-3-900052-27-0; © Freiheitlicher Arbeitskreis Attersee, Hrsg. Manfred Haimbuchner und Alois Gradauer.

Bearbeitungsstand: Montag, 28. September 2015

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