Die Chaospolitik des Westens


Michael Lüders, „Wer den Wind sät – Was westliche Politik im Orient anrichtet“, Verlag C. H. Beck, München 2015, Paperback, 175 Seiten.

 

Eine Buchbesprechung von Gerulf Stix

Hier wird scharfe Kost serviert. Michael Lüders ist kein Geringerer als der langjährige Nahost-Korrespondent der Hamburger Wochenzeitung „DIE ZEIT“. Und er nimmt sich in diesem Buch kein Blatt vor den Mund. Wenn er „allen voran George W. Bush, Dick Cheney, Tony Blair, Donald Rumsfeld“ vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag angeklagt sehen möchte, dann erscheint dies nach Lektüre seines Buches beinahe schon als eine unterkühlte Schlussfolgerung aus seinen Darlegungen. 

Spannend und flüssig geschrieben, analysiert das Buch in einem zwar gerafften, doch mit vielen Detailangaben belegten Streifzug von Afghanistan und Pakistan über den Iran, den Irak, alle Länder des Nahen Ostens bis einschließlich ganz Nordafrika die verheerende Chaos-Politik des Westens. Buchstäblich hat die Politik des Westens, insbesondere der USA und Englands, große Gebiete dieses riesigen Raumes verwüstet. Nicht zuletzt in dieser Jahrzehnte hindurch betriebenen Politik sieht Lüders die Hauptursachen für die Flüchtlingsströme, die sich gegenwärtig in Richtung Europa wälzen. 

Die größte Militärmacht der Welt stößt an ihre Grenzen

Wenn Lüders „die USA eine Weltmacht auf dem Rückzug“ nennt, so bestätigt er damit Überlegungen, die schon vor Jahren hier in einem Genius-Lesestück angestellt wurden.[1] Dass die mit großem Abstand stärkste Militärmacht der Welt längst an die Grenzen ihrer Möglichkeiten gestoßen ist, zeigt schon ihr Scheitern in Vietnam und jüngst in Afghanistan. Viel schlimmer noch sind die dramatischen Fehleinschätzungen der Konsequenzen der militärischen Interventionen im Irak und – mit Vorreiterrolle von Frankreich und England – in Libyen. Am härtesten aber ist wohl der hier umfangreich begründete Vorwurf an den Westen, er sei in Wirklichkeit der Geburtshelfer sowohl von Al-Qaida als auch des Islamischen Staates (IS). Dazu wird der ehemalige CIA-Mitarbeiter Graham Fuller zitiert: „Die USA hatten nicht die Absicht, den Islamischen Staat zu erschaffen. Aber deren zerstörerische Interventionen im Nahen Osten und der Krieg im Irak waren die beiden entscheidenden Geburtshelfer des IS.“[2]

Schier unentwirrbar sind die umfangreichen Geldflüsse und damit indirekten Waffenlieferungen seitens Saudi-Arabiens, der Golfstaaten und anderer Mächte an jene „revolutionäre Gruppen“, von denen sich viele letztlich dem IS angeschlossen haben. Leider spielen auch die USA in diesem Zusammenhang eine unrühmliche Rolle. Sie halfen mit, solche Gruppen militärisch auszubilden und modern zu bewaffnen. Am Ende des Tages stellten sich viele der so ausgebildeten und modern bewaffneten Kämpfer entgegen den Absichten ihrer Ausbildner dem IS zur Verfügung. Dieses Ringelspiel erklärt auch die verheerenden Zustände in Syrien, wo der Politik des Westens die ganze Entwicklung aus dem Ruder gelaufen ist. „Assad muss weg“ lautete ein medial breit gespieltes Motto. Doch dieser brutale Herrscher, dessen Methoden im Buch ausführlich beleuchtet werden, ist immer noch da, Syrien total verwüstet, die Hälfte der Bevölkerung auf der Flucht. Zitat: „Die syrische Tragödie hat das Potential zum Weltenbrand.“ Und der ehemalige CIA-Chef Panetta meinte zu den US-Luftangriffen auf IS-Stellungen: „Ich denke, wir stehen vor einem neuen 30-jährigen Krieg.“[3]

Das untergründige Treiben Saudi-Arabiens, das Doppelspiel der Türkei und der gnadenlose Konkurrenzkampf mächtiger Clans wie auch fanatischer Gruppierungen im breiten religiösen Spektrum des Islam werden von Lüders prägnant geschildert. 

Der unterschätzte Islamische Staat

Aus welchen Motiven und Antriebskräften das heute den Westen tief beunruhigende Phänomen des Islamischen Staates entstanden ist, wird im vorliegenden Buch mit deutlichen Strichen skizziert. Der Religionskrieg zwischen Sunniten (etwa 80 % aller Moslems) und Schiiten (ca. 20 %) tobt parallel zum Machkampf zwischen Saudi-Arabien und dem Iran. Beides ist freilich eine zu oberflächliche Betrachtungsweise. Wie viele andere politische, ethnische, gesellschaftliche, ideologische und auch handfeste geschäftliche Interessen in dieses dramatische Geschehen mit hinein spielen, beschreibt Lüders eindrucksvoll.

Wer von den im Westen tonangebenden Politikern weiß denn schon, dass der sunnitische Wahhabismus Saudi-Arabiens mentalitätsmäßig dem IS sehr nahe steht? Ibn Saud (1880–1953) ließ nach seinem Sieg 40.000 Gegner des Wahhabismus öffentlich mit dem Schwert hinrichten.[4] Wer im Westen kennt denn jene geschichtsträchtigen Mythen, die um Bagdad als dem Sitz des Kalifats der Abbasiden, die einst ein islamisches Weltreich begründeten, kreisen und das Denken der nahöstlichen Kontrahenten heute beeinflussen? Auch Israels Ansprüche auf Land und Boden (Siedlungspolitik) fußen auf uralten Traditionen. 

In dieser politischen Gemengelage wirkte und wirkt die Politik der USA wie das Trampeln eines Elefanten durch einen Porzellanladen. Die Öl- und Rüstungskonzerne lassen grüßen. Die Ergebnisse des entstandenen politischen Chaos müssen Millionen von Menschen mit dem Verlust ihrer Existenzgrundlagen, ja ihres Lebens bezahlen. Und die ausufernden Flüchtlingswellen überschwemmen Europa. Eine Tragödie sondergleichen! 

Ägypten vor dem Abgrund

Bestürzend sind die Voraussagen, die Lüders für Ägypten wagt. Nach der brutalen Niederschlagung der in demokratischen Wahlen gestärkten Muslimbrüder durch den Militärdiktator und mittlerweile überdies ägyptischen Präsidenten Sisi seien „wohl endgültig die Weichen in Richtung Bürgerkrieg und Gewalt gestellt worden“. Zitiert wird dazu auch ein Bericht zur Menschenrechtslage in Ägypten vom November 2014, wonach seit dem Militärputsch im Juli 2013 „offiziell“ 22.000 Ägypter verhaftet wurden, während andere Quellen diese Zahl fast doppelt so hoch ansetzen: „Washington, London, Paris und andere Hauptstädte haben nichts unternommen, um diese dramatische Verschlechterung der Menschenrechtslage zu verhindern.“ Lüders merkt an, dass Ägypten mit zwei Milliarden Dollar jährlich der weltweit größte Empfänger amerikanischer Finanzhilfen ist.[5] Weitere ca. 20 Milliarden US-Dollar an Finanzhilfen habe das praktisch bankrotte Ägypten seit dem Putsch 2013 aus den Golfstaaten, vor allem aus Saudi-Arabien erhalten. So ist die Zukunft Ägyptens unter langfristigen Gesichtspunkten ziemlich düster einzustufen.[6] Für Europa resultiert daraus die bittere Erwartung neuer Flüchtlingsströme aus dieser Region. Ägypten hat immerhin rund 80 Millionen Einwohner…

Wer sich ein noch genaueres Bild von der Chaospolitik des Westens vom Atlantik bis tief nach Zentralasien hinein machen will, dem kann dieses Buch als Informationsquelle empfohlen werden. Es liest sich spannend wie ein guter Kriminalroman.

Anmerkungen

[1] Vgl. Bertram Schurian, „Die USA – Weltmacht im Abstieg“, Genius-Brief Jänner 2010.

[2] Vgl. dazu im Buch die Seite 103.

[3] Vgl. dazu im Buch die Seiten 77und 83.

[4] Vgl. dazu im Buch die Seite 30.

[5] Vgl. dazu im Buch die Seiten 120 und 123.

[6] Nach jüngsten Meldungen wurde vor der Nordküste Ägyptens im Meer ein riesiges Erdgasvorkommen entdeckt. Präsident Sisi soll dessen Ausbeutung durch einen italienischen Konzern kontrahiert haben. Sollte das zutreffen, würde sich die derzeit höchst prekäre Budgetlage Ägyptens künftig zum Besseren hin entwickeln. 

Bearbeitungsstand: Montag, 28. September 2015

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