Über die Kugelgestalt der Erde


Die bedeutendste kosmologische Entdeckung der Antike

 

Von Hans-Joachim Schönknecht

Die Entdeckung der Kugelgestalt der Erde wird als die wichtigste Errungenschaft der frühen kosmologischen Astronomie der Griechen bezeichnet. Diese Erkenntnis hat den eindeutigen Charakter einer Wahrheit. 

Die Erde hat tatsächlich die Form einer, wenn auch nicht vollkommen regelmäßigen Kugel. Diese Erkenntnis ist eines der wenigen bedeutenden kosmologischen Theoreme, deren Geltung nicht durch die Korrektur des fehlerhaften geozentrischen Weltbildes der Antike und des Mittelalters zu Beginn der Neuzeit außer Kraft gesetzt wurde.

Das wissenschaftshistorische Interesse an der Frage der Urheberschaft der Entdeckung der Kugelgestalt der Erde und an der möglichst genauen Datierung dieser Entdeckung ist nach wie vor gegeben und soll nun einer detaillierteren Beantwortung zugeführt werden. 

Für die Kosmologien von Thales von Milet (um 624 – um 547 v. Chr.), der als der erste Philosoph der abendländischen Tradition gilt und von Anaximenes von Milet (um 585 – zwischen 528 und 524 v. Chr.), ist die Ansetzung der Erde als Kugelgestalt praktisch auszuschließen, denn dort sind die doxographischen Belege für eine plane Erde zu eindeutig. Für Anaximander (zirka 610 – nach 547 v. Chr.), geboren und gestorben in Milet, ergibt sich jedoch ein komplexeres Bild. Die durch ihn geleistete Erkenntnis der vollen Körpergestalt der Erde – wenn auch in Form einer Säulentrommel – und ihres freien Schwebens im Raum, war ein wichtiger vorbereitender Schritt. Der Philosophiehistoriker Diogenes Laertios, er lebte in der ersten Hälfte des 3. Jahrhunderts n. Chr., schreibt, in Abweichung von der übrigen Doxographie, dem Anaximander die Lehre von der Kugelform der Erde zu. 

Andererseits besteht jedoch die Ansicht, dass es sich bei dieser Angabe des Diogenes wohl um eine Verwechslung der Gestalt des Kosmos mit der Gestalt der Erde handelt. 

Auch Heraklit von Ephesos (um 520 – um 460 v. Chr.) kommt als Entdecker der Kugelform nicht in Frage. Bei ihm finden sich keine Äußerungen zur Kugelgestalt der Erde beziehungsweise überhaupt nur wenige Aussagen zur Kosmologie im engeren Sinne. 

Die Urheberschaft der Kugelhypothese 

Parmenides aus Elea (um 520/515 – um 460/455 v. Chr.) wird von wichtigen Interpreten die Urheberschaft der Kugelhypothese zugeschrieben. Dazu ist allerdings die schwierige Interpretationslage bei Parmenides zu erläutern. Diesen betreffend finden sich bei Diogenes Laertios nämlich zwei Zeugnisse über die Kugelform der Erde, von denen aber nur eines eindeutig ist. 

Eines lautet: „Parmenides war es, der zuerst die Lehre von der Kugelgestalt der Erde und von ihrer Lage in der Mitte des Weltalls aufstellte.“ Die zweite Textstelle findet sich im Kapitel über Pythagoras. Sie ist aber hoch problematisch, denn sie verschiebt die Klärung der Kontroverse ins Unabsehbare. Diogenes führt also zwei gegensätzliche Zeugnisse früherer Autoren in der Frage des Primats an. 

Favorinus, einem skeptischen Philosophen aus dem römischen Imperium (ca. 80–160 n. Chr.) zufolge, habe Pythagoras von Samos (um 570 – nach 510 v. Chr.) als erster Forscher das „Himmelsgebäude Kosmos genannt und die Erde als rund bezeichnet“. Nach Theoprast, einem griechischen Philosophen und Naturforscher (um 371–287 v. Chr.) hingegen, war es Parmenides. 

Die offene Diskussion um Parmenides

Der Dissens der Fachleute ist seither programmiert und ist bis heute nicht ausgetragen. Dies unter anderem deshalb, weil die Rundheit der Erde seinerzeit nicht mit dem eindeutig die Kugelform der Erde bezeichnenden Adjektiv „sphairoeités“ (sphärisch) ausgedrückt wurde, sondern mit dem weniger klaren Ausdruck „strongýlos“: „rund“, der hier, wie an vielen anderen Stellen auch, diskusförmig bedeuten kann. 

Jedenfalls stützen bedeutende Interpreten der vorsokratischen Philosophie die These vom Primat des Parmenides als dem Urheber der Kugel-Hypothese. 

Bei diesem Sachstand liegt und lag es nahe, weitere Klärung von den jüngeren, in dem an Denkern unvergleichlich reichen 5. Jahrhundert lebenden und auf Parmenidens Seinslehre reagierenden Naturphilosophen zu erhoffen. Nämlich von Anaxagoras (500–425 v. Chr.), Empedokles (483–432 v. Chr.), Leukipp (geb. ca. 475 v. Chr.), Demokrit (ca. 460–380 v. Chr.) und auch von Diogenes von Apollonia (geb. ca. 460 v. Chr.). Doch auch durch sie ergibt sich kein eindeutiger Fortschritt in dieser Sache, eher im Gegenteil. Sollte Parmenides die Kugelform der Erde gelehrt haben, so muss es verwundern, dass sich in den Doktrinen der Genannten, mit einer Ausnahme, kein Reflex davon findet. 

Als ein Zwischenergebnis dieser Betrachtungen bleibt festzuhalten:

  • Das geomorphe Modell des Thales, mit der auf dem Wasser schwimmenden Erdscheibe, wurde definitiv überwunden. 
  • Auch Parmenides’ Autorität, gesetzt er habe die Kugeltheorie der Erde vertreten, hat es nicht vermocht, deren Akzeptanz allgemein durchzusetzen. Selbst die zu radikaler Abstraktion von der Wahrnehmung neigenden Atomisten hielten an der „klassischen“ Vorstellung einer scheiben- beziehungsweise zylinderförmigen, auf der Luft als Unterlage aufruhenden Erde, noch fest. 

Die Lehre von der Kugelgestalt der Erde ist in der 2. Hälfte des 5. Jahrhunderts beziehungsweise um das Jahr 400 herum noch nicht wissenschaftlicher Konsens. Vielleicht ist der Anstoß dazu von Parmenides ausgegangen, doch bleibt dies hypothetisch.

Vorausblickend sei angemerkt, dass die Kugelhypothese erst bei den beiden Größten der griechischen Philosophie, d.h. bei Platon und Aristoteles, eindeutig nachweisbar ist, insofern beide diese Auffassung in ihren Schriften explizit vertreten. 

Die Welt und die Karten 

Für die richtige Erstellung von Erd- und Seekarten war die Entdeckung der Kugelgestalt der Erde die entscheidende Grundlage. Die erste bekannte Weltkarte ist mindestens 4200 Jahre alt und stammt aus Mesopotamien. Die Erde ist allerdings noch eine bloße Scheibe, die im Meer schwimmt. 

Der Geschichtsschreiber Herodot (490/480 bis ca. 424 v. Chr.) erfasste zumindest die Region zwischen Nordeuropa bis zur Sahelzone einigermaßen realistisch. Ptolemäus ging gegen 150 n. Chr. aber bereits von der Kugelgestalt der Erde aus und beeinflusste die Kartographie bis weit ins Mittelalter hinein. 

Ungefähr 1491 wurde eine Weltkarte von Henricus Martellus, einem deutschen Kartografen gefertigt, der zu jener Zeit in Florenz tätig war. Es war eine Weltkarte vom unmittelbaren Vorabend der Entdeckung Amerikas. Es gibt auch starke Anhaltspunkte für die Vermutung, dass es diese Karte oder zumindest eine Kopie von ihr war, womit Christoph Kolumbus auf der Suche nach Asien in See gestochen war. Im Jahre 1507 tauchte auf der berühmten Weltkarte von Martin Waldseemüller und Matthias Ringmann erstmals der Name Amerika auf. 

Als Höhepunkt und Durchbruch der Kartographiegeschichte gilt jedoch die 1569 von Gerhard Mercator publizierte Weltkarte, die erstmals winkeltreu war und die Navigation auf See erleichterte. Nach wie vor werden auch heute so genannte Mercator-Projektionen verwendet, allerdings in verschiedenen Versionen. 

So fußt unser heutiges Gebäude der Wissenschaft von der Erde auf Erkenntnissen, die vor vielen Jahrhunderten, ja vor Jahrtausenden entstanden sind. Wir stehen auf den Schultern unserer Altvorderen. 

Bearbeitungsstand: Montag, 1. Februar 2016
 
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