Idealismus und Freiheit


Die Freiheit im philosophischen Kontext

 

Von Wolfgang Caspart

Ist Freiheit vielleicht nur eine Illusion? Immerhin wird unser Denken noch vielfach von einer alten, heute überkommenen mechanistischen und deterministischen Physik beherrscht, in der ein freier Wille eigentlich keinen Platz hat. Getreu dieser Anschauung entstand die Vorstellung des Menschen als Maschine[1] und des Gesellschaftslebens als sozialer Physik[2]. In weiterer Folge wird in den materialistischen Ideologien wahlweise die Rasse oder die Ökonomie zum Motor der Geschichte und der Mensch zum Produkt seiner Erbanlagen, der Umwelt oder der Produktionsverhältnisse.[3]

Während für die alte, newtonsche Physik die Teile mechanistisch das Ganze bestimmten, ist es seit Heisenberg umgekehrt: Nun bestimmt das Ganze die Funktion seiner Teile.[4] Für das „Ganze“ ist es aber charakteristisch, dass es gestaltpsychologisch mehr ist als die Summe seiner Teile.[5] Das Ganze besitzt demnach eine völlig andere, indeterministische und höhere Qualität, es ermöglicht Freiheit, was sich quantenphysikalisch in der „Unschärferelation“ und im Welle/Teilchen-Problem manifestiert.[6] Sogar im physikalischen Experiment ließ sich nachweisen, dass es keine vom Willen des Beobachters freie Beobachtung gibt, und dass die Trennung der Wirklichkeit in Objekt und Subjekt eine artifizielle Abstraktion ist.[7]

Das Wesen der Freiheit

Faktisch reicht unsere Freiheit immer so weit, wie wir bereit sind, Verantwortung zu tragen. Die Freiheit ist mehr als nur negativ die Abwesenheit von Zwang und ein Pausenfüller in einem Vakuum, sie ist vor allem positiv der Wille zur Selbstverantwortung. Dies meint Aristoteles, wenn er sagt, dass dem Wollenden kein Zwang geschieht.[8] Das Recht wächst aus der Pflicht und die Freiheit aus der Verantwortung.[9] 

Physik und Metaphysik sind mittlerweile keine Gegner mehr.[10] Raum und Zeit sind zu relativen Begriffen geworden.[11] Ordnung schlägt in Unordnung um, und aus Unordnung entsteht wieder Ordnung.[12] Komplexe Systeme verhalten sich in Wirklichkeit systemisch,[13] selbstorganisierend,[14] synergetisch,[15] nichtlinear und selbstähnlich,[16] aber nicht mechanistisch, linear und atomistisch wie in der newtonschen Physik. Es gehört bereits zum Standard moderner Naturwissenschaften, dass die Welt wie ein großer Gedanke, aber nicht mehr wie eine überdimensionale Maschine aussieht.[17] Nicht nur in der Atomphysik, sondern auch in der Astrophysik gelten quantenmechanische[18] und selbstorganisierende[19] Verhältnisse.

Evolution und Linguistik

Die Evolution ist selbst evolutionsfähig.[20] Von den Myriaden von Möglichkeiten hätte die Evolution auch einen völlig anderen Weg einschlagen können, sie besaß immer eine Unzahl von Alternativen, und die weitere Entwicklung steht keinesfalls fest.[21] Mathematisch ermöglicht der „Zufall“ sogar erst das Errechnen von Regelmäßigkeiten, Beständigkeiten und Gesetzmäßigkeiten.[22] Determiniert uns schon die Natur nie durchgängig, sondern lässt uns Freiheit und Alternativen, so bleiben obendrein alle (naturwissenschaftlichen) Erkenntnisse immer interpretationsabhängig.[23] Unser Zugang zur empirischen Wirklichkeit unterliegt einem ständigen historischen, kulturellen, soziologischen und kommunikativen Wandel.[24] Alle naturwissenschaftlichen Erkenntnisse sind nicht endgültig, vielmehr gelten sie grundsätzlich immer nur provisorisch.[25] Gödel demonstrierte in seinem „Unvollständigkeitstheorem“ mit den Mitteln einer konsequent angewandten Mathematik, dass jedes logische System mindestens eine Prämisse haben muss, die systemimmanent nicht verifizierbar ist und „entelechetisch“ vorausgesetzt werden muss, wenn kein logischer Widerspruch in diesem System entstehen soll.[26]

Jede Wissenschaft arbeitet mit Begriffen, Vorstellungen und Worten. Sofern diese nicht überhaupt wieder auf andere Worte, Vorstellungen und Begriffe verweisen, sind sie nicht die Dinge selbst, die sie repräsentieren, sondern deren Symbole.[27] Alle unsere Aussagen über die Welt stellen bloß „Landkarten“ oder Abbilder dar, jedoch niemals ihr Territorium oder das Original selbst. „Die Wirklichkeit liegt sozusagen ‚jenseits‘ oder ‚hinter‘ den schattenhaften Symbolen, die bestenfalls ein Faksimile darstellen. Wo das vergessen wird, verlieren wir uns in eine Welt dürrer Abstraktionen und denken nur noch an Symbole von Symbolen von Symbolen von nichts.“[28] 

Idealismus

Nichts zwingt uns a posteriori (im nachhinein) mit „naturwissenschaftlicher Notwendigkeit“, sondern wir haben uns auch a priori (von vornherein) frei die axiomatischen Voraussetzungen unserer empirischen Erkenntnis geschaffen.[29] Da jede Erkenntnis aus dem Handeln entspringt,[30] und mit Fichte „das eigentliche Gesetz der Vernunft an sich, nur das praktische Gesetz (das Sittengesetz) ist“,[31] zeigt der Idealismus einerseits, wie wir ethisch handeln sollen (nämlich schlechthin gut), und wird dadurch andererseits zur Wurzel aller Erkenntnis, auch der empirischen. 

Realistisch ist nicht ein materialistischer Mechanismus, Positivismus oder Atomismus, sondern die Universalität eines entelechetischen Idealismus.[32] Die Zusammenfassung und Einordnung der empirischen Theorien, Partialwerte und einzelreligiösen Dogmen erfolgt durch ihre Überhöhung in den höchsten Ideen. Die Flucht in die Ideologie, Utopie oder konfessionelle Dogmatik hat nur nötig, wer zur Transzendierung unfähig ist.[33] Ideologien sind folgewidrige Ideenlehren, Utopien reduzierte Moralen und Klerikalismen verengte Religion, weshalb idealistische Ganzheitlichkeit und ideelle Konsequenz unbedingt erforderlich sind. Freiheit erfordert ein idealistisches Denken.

 
Dr. Wolfgang Caspart, Salzburg, veröffentlichte diesen Aufsatz erstmals in der Zeitschrift „Der Eckart“, Wien, September 2012, S. 7–8.

Anmerkungen

[1] Offray de la METTRIE: L’homme machine (Dt. „Der Mensch eine Maschine“). Deutsch von M. BRAHN. Felix Meiner Verlag, Hamburg 1909 (Philosophische Bibliothek 68).

[2] Isidore-Auguste-Marie-Xavier COMTE: Cours de philosophie positive (Dt. „Abhandlung über die positive Philosophie“). Übersetzt von Valentine DORN. Soziologie, 3 Bände. 2. Auflage, G. Fischer Verlag, Jena 1923.

[3] Wolfgang CASPART, Handbuch des praktischen Idealismus. Universitas Verlag, München 1987, S 77–163.

[4] Werner HEISENBERG: Der Teil und das Ganze. Gespräche im Umkreis der Atomphysik. 3. Auflage. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1976 (dtv 903).

[5] Wolfgang KOEHLER: Die Aufgabe der Gestaltpsychologie. Mit einer Einführung von Carroll V. PRATT. Verlag Walter de Gruyter, Berlin 1971.

[6] Niels (Henrik David) BOHR: Can Quantum-mechanical Descrition of Physical Reality Be Consistered Complete? (Dt. „Kann die quantenmechanische Beschreibung der physikalischen Realität als vollständig betrachtet werden?”). Physical Review 48, 696 (1935).

[7] Alain ASPECT, Jean DALIBARD & Gerard ROGER: Experimental Test of Bell‘s Inequalities Using Time-varying Analyzers (Dt. „Experimentelle Überprüfung der Bellschen Ungleichheiten durch Verwendung zeitvariierende Zergliederungen”). Physical Review Letters 49, Nr. 91 (1982).

 [8] ARISTOTELES, Ethika Nikomacheia (Lat. „Ethica Nicomachea“, dt. „Nikomachische Ethik“). Deutsch herausgegeben von G. BIEN. 4. Auflage, Felix Meiner Verlag, Hamburg 1985 (Philosophische Bibliothek 5).

 [9] Wolfgang CASPART: Idealistische Sozialphilosophie. Ihre Ansätze, Kritiken und Folgerungen. Universitas Verlag, München 1991.

[10] Hans-Peter DÜRR (Herausgeber): Physik und Transzendenz. Scherz Verlag. Bern 1986.

[11] Albert EINSTEIN: Über die spezielle und allgemeine Relativitätstheorie. 21. Auflage. Verlag Vieweg, Braunschweig 1969.

[12] Predrag CVITANOVIC: Universality in Chaos (Dt. „Universalität im Chaos“). Verlag Adam Hilger, Bristol 1984.

[13] Ludwig von BERTALANFFY, Systemtheorie. Vorwort von Ruprecht KURZROCK. Colloquium Verlag, Berlin 1972.

[14] Andreas DRESS, Hubert HENDRICHS und Günter KÜPPERS (Herausgeber): Selbstorganisation. Die Entstehung von Ordnung in Natur und Gesellschaft. Verlag Piper, München 1986.

[15] Hermann HAKEN: Synergetik. Eine Einführung. Übersetzt von Arne WUNDERLIN. Springer Verlag, Berlin 1982.

[16] James GLEICK: Chaos – die Ordnung des Universums. Vorstoß in Grenzbereiche der modernen Physik. Aus dem Amerikanischen von Peter PRANGE. Verlag Droemer Knaur, München 1988.

[17] Fritjof CAPRA, Wendezeit. Bausteine für ein neues Weltbild. Aus dem Amerikanischen von Erwin SCHUHMACHER. Überarbeitete und erweiterte Neuauflage. Scherz Verlag, Bern 1986.

[18] Harald FRITZSCH: Vom Urknall zum Zerfall. Die Welt zwischen Anfang und Ende. 3. überarbeitete Auflage. Piper Verlag, München 1983.

[19] Erich JANTSCH: Die Selbstorganisation der Universums. Vom Urknall zum menschlichen Geist. Carl Hanser Verlag, München 1979.

[20] Erwin SCHRÖDINGER: Was ist Leben? Verlag Leo Lehnen, München 1951 (Sammlung Dalp, Band I).

[21] Manfred EIGEN: Gesetz und Zufall – Grenzen des Machbaren. In: Schicksal? Grenzen der Machbarkeit. Ein Symposion. Mit einem Nachwort von Mohammed RASSEM. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1977.

[22] Manfred EIGEN und Ruthild WINKLER: Das Spiel. Naturgesetze steuern der Zufall. 7. Auflage. Piper Verlag, München 1985.

[23] Donald DAVIDSON: Wahrheit und Interpretation. Übersetzt von Joachim SCHULTE. Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 1986.

[24] Peter L. BERGER und Thomas LUCKMANN: Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 1970.

[25] Sir Karl Raimund POPPER: Logik der Forschung. 8., weiter verbesserte und vermehrte Auflage. Mohr Verlag, Tübingen 1984.

[26] Kurt GÖDEL: Werke. Deutsch und Englisch herausgegeben von Soloman FEFERMAN. Oxford University Press, New York 1986.

[27] Willard van Orman QUINE: Wort und Gegenstand. Übersetzt von Joachim SCHULTE und Dieter BIRNBACHER. Philipp Reclam Verlag, Stuttgart 1980 (Universal-Bibliothek 9987).

[28] Ken WILBER: Das Spektrum des Bewußtseins. Ein metapsychologisches Modell des Bewußtseins und der Disziplinen, die es erforschen. Aus dem Amerikanischen von Jochen EGGERT. Scherz Verlag. Bern 1987, S. 45.

[29] Immanuel KANT: Metaphysische Anfangsgründe der Naturwissenschaft. Gesammelte Schriften (Akademie-Ausgabe), Band IV. Verlag Georg Reimer, Berlin 1903. Reprint Verlag Walter de Gruyter, Berlin 1968.

[30] Hartmut von HENTIG: Erkennen durch Handeln. Versuche über das Verhältnis von Pädagogik und Erziehungswissenschaften. Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 1982.

[31] Johann Gottlieb FICHTE: Die Bestimmung des Menschen. Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Theodor BALLAUF und Ignaz KLEIN. Philipp Reclam Verlag, Stuttgart 1966 (Universal-Bibliothek 1201/02/02a), S 171.

[32] David BOHM: Die implizite Ordnung. Grundlagen eines dynamischen Holismus. Übersetzt von Johannes WILHELM. Verlag Dianus-Trikont, München 1985.

[33] Jonas COHN: Selbstüberschreitung. Grundzüge der Ethik – entworfen aus der Perspektive der Gegenwart. Aus dem Nachlaß herausgegeben von Jürgen LÖWISCH. P. Lang Verlag, Frankfurt a. M. 1986.

Bearbeitungsstand: Montag, 1. Februar 2016

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