Erdöl und Weltpolitik


Wie Saudi-Arabien ins Trudeln gerät

 

Von Bertram Schurian

In der Genius Ausgabe März/April 2015 habe ich über die Machtkämpfe auf den Energiemärkten geschrieben und über die erstaunlich schnelle Verminderung der Standard-Öl-Marker-Preise für die USA und Europa. Auch viele andere Rohstoffe haben eine kräftige Preissenkung hinnehmen müssen und es sieht gegenwärtig nicht danach aus, als ob sich dies bald ändern würde. Der Trend ist weiterhin nach unten gerichtet. Soweit es sich abschätzen lässt, ist diese Entwicklung höchst wahrscheinlich erst der Anfang eines Trends, der eindeutig mit mäßigen Aussichten für das Wirtschaftswachstum weltweit zu tun hat. Nicht nur in den USA und Europa, sondern auch in den BRICS-Staaten (mit Ausnahme vielleicht von Indien) und in Japan gibt es verstärkt Anzeichen dafür, dass das Wirtschaftswachstum stagniert bzw. kaum vom Fleck kommt. Der hohe Verschuldungsgrad der öffentlichen Hände im allgemeinen und der Privatpersonen im besonderen, schränkt die Möglichkeiten für kräftiges Wirtschaftswachstum ein. Eine große Rolle spielt dabei der allgemein effizientere Gebrauch sowohl von nicht erneuerbaren als auch von erneuerbaren Ressourcen/Rohstoffen. Der technologische Fortschritt in der Elektronik tut dazu sein Übriges. 

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die Nachfrage nach diesen Gütern sich mäßig, zumindest viel geringer als in den vergangenen Jahren entwickelt und der technische Fortschritt seine preisdämpfende Wirkung entfalten kann. Weiters ist zu beachten, dass Preissenkungen im allgemeinen mit einer gewissen Zeitverzögerung deflationäre Effekte in der Ökonomie bewirken. Alle Zweige einer Ökonomie werden früher oder später von dieser Entwicklung berührt werden. Sinkende Preise bedeuten auf Mikrobasis sinkende Einkommen für Industrie, Handel und Gewerbe. Dies kann bedeuten, dass Organisationen mit hohem Verschuldungsgrad nicht mehr ihren Verpflichtungen nachkommen können, obwohl die langfristigen Zinsen in den letzten Jahren stark gesunken sind. Dies ist u.a. auch ein Grund dafür, warum die FED für Amerika und die EZB für die EU eine Politik des leichten Geldes verfolgen. Trotz dieser Anstrengungen gibt es Anzeichen dafür, dass die Konjunktur des Welthandels nach anfänglicher Erholung wieder stottert. So hat der Index (Baltic-Dry-Index), der am besten die Nachfrage nach Fracht in der Container-Schifffahrt auf den Weltmeeren wiedergibt, ein bis heute noch nie da gewesenes tiefes Niveau von 297 Punkten (5. Februar 2016) erreicht. Inzwischen steht der Index wieder auf 322 Punkte (24. Februar 2016). In der jüngsten Vergangenheit erreichte dieser Index Tiefststände, die nur zwischen 500 und 700 Punkten lagen. Grund für den neuerlichen Absturz ist die stark zurück gelaufene Aktivität in China. 

Das dramatische Geschehen rund um die Preise für Erdöl

Einer der einflussreichen und für die Wirtschaft wichtigen Orientierungspreise für den US-amerikanischen Energiemarkt, der „West Texas Intermediate”, ist gegenüber dem Vorjahrszeitpunkt – Mitte Februar 2015 – um 4,5 % gesunken. Für den europäischen Öl-Marker „Brent Crude” gilt in derselben Zeit eine Verminderung um 43,7 %. 

Mitte Dezember 2015 wurde vom amerikanischen Kongress das Verbot von Erdöl-Exporten aufgehoben, das seit der Ölkrise von 1973 galt. Seitdem sind die beiden Notierungen austauschbar. Wie Reuters am 14. Jänner 2016 berichtete, versucht Russlands größte Rohstoffbörse, die St.Petersburg International Mercantile Exchange, einen russischen Marker für die Standardmarke Erdöl „Urals” in Rubel zu etablieren. Auch die chinesische Regierung plant eine eigene, auf Yuan basierende Richtmarke einzuführen. Sollte es beiden Regierungen gelingen, ihre Pläne zu verwirklichen, könnte dies weitreichende Folgen für den US-Dollar nach sich ziehen. 

Der Iran hat nicht nur die Absicht, sondern auch schon Pläne, sein Erdöl/Erdgas nicht mehr in US-$, sondern in Euros abzurechnen. Diese veränderte Politik des Iran wird sich natürlich auch auf seine Verkäufe an andere Kunden wie z. B. Indien etc. auswirken. Angesichts der Tatsache, dass der Erdgaspreis wegen mangelnder technischer Infrastruktur bis jetzt immer durch lokale Umstände beherrscht und bestimmt wurde, wurde der Preis vieler Erdgaslieferungsverträge an die Entwicklung des Erdölpreises gekoppelt. Diese Entwicklung findet langsam ihr Ende, denn die Erdgasinfrastruktur hat sich in den vergangenen Jahren soweit entwickelt, dass jetzt an die Entwicklung von Erdgas-Futures und deren Handel an Börsen gedacht werden kann. Die Börse in Singapur macht sich bereit, diese Aufgabe zu erfüllen. 

Seit dem Höchststand vom 23. Juni 2014 hat sich der Rohölpreis per 26. Februar 2016 um 69,4 % verbilligt; der von Erdgas im selben Zeitabschnitt um 62,2 %. 

Gold und andere Rohstoffe

Neben dem Erdöl-/Erdgaspreis haben sich auch einige Preise für Rohstoffe sehr stark verändert. Um nur ein paar zu nennen: Der Goldpreis hat sich gegenüber August 2012 um 31 % verringert und der Kupferpreis um 46 %. Gegenüber dem Vorjahr (Februar 2015) ist der Goldpreis jedoch um 0,3 % gestiegen und er könnte weiter steigen, was mit der lockeren Geldpolitik zusammenhängt. Der Preis von Kupfer ist um 19,7 % weiter gefallen. 

Die für die Landwirtschaft wichtigen Marker-Preise haben sich seit Februar 2015 und seit August 2012 wie folgt entwickelt: Corn/Mais –4,2 % und –54,3 %, Weizen –7,4 % und –47,8 %, Baumwolle –7,3 % und –19,5 %. 
Der vom „The Economist” berechnete Index für Metall-Preise war gegenüber Februar 2015 um 19,1 % niedriger. 

Diese Preissenkungen haben natürlich Auswirkungen auf die geopolitische Lage in der Welt und auf die weltwirtschaftliche Entwicklung. Tatsache ist, dass die gegenwärtige Periode eine deflationäre ist und Regierungen wie Unternehmen vor schwierig zu lösende Probleme stellt. Eine Politik des leichten Geldes ist in solch einem Umfeld mehr als gerechtfertigt. Allerdings dürften die Möglichkeiten der Notenbanken bald an ihre Grenzen stoßen. 

Die Stellvertreter-Kriege in Syrien

Die widersprüchliche Politik der USA gegenüber Syrien und der insgeheime Versuch, einen 
Regierungswechsel herbeizuführen (regime change), hat dort zu einem Stellvertreterkrieg geführt, der von Saudi-Arabien und den Golf-Staaten finanziell unterstützt wurde und wird. Als Unterstützer der syrischen Regierung traten bzw. treten der Iran, Russland und schließlich auch China auf. Seit nunmehr fünf Jahren wütet dort eine militärische Auseinandersetzung, die mit dem „plötzlichen” Auftreten einer Organisation IS (Islamischer Staat bzw. Kalifat) auch dafür gesorgt hat, dass Millionen Menschen in dieser Region zu Flüchtlingen geworden sind, was u.a. den schon bestehenden Flüchtlingsstrom nach Europa verstärkt und zu chaotischen Zuständen hierzulande geführt hat. 
Das entstandene Chaos wurde durch das Auftauchen des Islamischen Staates (IS) noch dramatisch verstärkt. Die militärischen Drahtzieher des IS waren/sind ehemalige hohe Offiziere des Regimes des von den US-Amerikanern gestürzten Saddam Hussein. 

Die wirtschaftliche Basis für das Entstehen und Erstarken dieses Gebildes ist der Diebstahl des Eigentums bzw. die Erpressung von anderen Glaubensgemeinschaften, die im Irak und Syrien leben/lebten, sowie der Handel und Schmuggel mit gestohlenem Erdöl aus dem Irak, aus Syrien und Libyen. Sowohl die Türkei als auch die USA sind ausgezeichnet informiert über diese Schmuggelaktivitäten und merkwürdigerweise funktionieren die finanziellen Transaktion, die aus dem Schmuggel stammen, vorbildlich. Neben türkischen und kurdischen Händlern sind in diesen schwungvollen Handel auch Händler aus Zypern, dem Libanon, Israel und Syrien involviert. Während der Iran praktisch vom internationalen Zahlungsverkehr ausgeschlossen werden konnte, gelingt dies anscheinend nicht, wenn es den Ölschmuggel in diesem Gebiet betrifft. Denn dieser Handel findet hauptsächlich in Bargeld (US-Dollar Banknoten) und benötigten Waren aus dem Westen statt. 

Inwieweit das Abkommen mit dem Iran ohne den Sanktionsdruck der USA – nicht vergessen werden sollte, dass hierbei auch Russen, Chinesen, Franzosen, Briten und Deutsche positiv mitgewirkt haben – zustande gekommen wäre, ist eine müßige Frage. Der Iran hat sich verpflichtet, seine Atomindustrie nur für friedliche Zwecke zu verwenden. Ob dieses Abkommen hält und von allen Parteien dem Sinne nach auch gelebt wird, wird sich in Bälde zeigen. Fest steht jedenfalls, dass der Iran seine Zusammenarbeit mit Russland und China in Zukunft noch weiter intensivieren will. Anscheinend sieht der Iran im chinesischen Projekt „Seidenstraße” eine gewisse Attraktivität für sein Land und die Region. Iran tritt übrigens an die Stelle der Türkei (und auch Österreichs) als Lieferant für Russlands Obst- und Gemüsebedarf und andere Lebensmittel. Die USA haben im Jänner 2016 erneut Sanktionen gegen den Iran verhängt. Dieses Mal geht es um das Programm für interkontinentale Raketen, die angeblich auch mit Hilfe aus Nord-Korea entwickelt wurden und die eine Gefahr für den Westen und Mittleren Osten sein sollen. 

Die prekäre Lage der Türkei

Die Lage im Mittleren Osten ist prekär, was man besonders gut am erratischen Verhalten der türkischen Politik feststellen kann. Der Türkei ist es nämlich gelungen, die ursprünglich guten Beziehungen zu seinen Nachbarn in Frage zu stellen und mit praktisch allen in Unfrieden zu leben. Auch die interne politische Lage in der Türkei ist äußerst fragil. Unter Präsident Erdogan hat sich die Türkei von einem weitgehend laizistischen Staat in einen islamischen gewandelt. Die Frage ist erlaubt, inwieweit die Türkei noch als treuer Bündnispartner der NATO betrachtet werden kann? Außerdem würde es mich keineswegs überraschen, wenn es in naher Zukunft eine autonome zusammenhängende Region Kurdistan in den von Kurden bewohnten Gebieten in Syrien und im Irak gäbe. Syrien, Libyen, der Irak und der Jemen funktionieren kaum noch als Staaten. Der Libanon und Jordanien ihrerseits ächzen unter der Last von Flüchtlingen aus Syrien und ringen um ihre Existenz. 

Ägypten versucht wieder eine eigenständige Politik zu führen, ist jedoch auf saudische Unterstützungsgelder angewiesen. Saudi-Arabien selbst und den Golf-Emiraten setzt der niedrige Erdölpreis schwer zu. Wenn die gegenwärtigen Öl-Futures-Preise ein Indiz für die kommende Preisentwicklung für Erdöl sind, dann werden Erdölproduzenten wie Russland, Saudi-Arabien, Nigeria, Brasilien, Mexiko, Venezuela, Norwegen und das Vereinigte Königreich und noch viele kleinere ölexportierende Staaten in Afrika und Südamerika äußerst schwierigen Zeiten entgegen gehen. Sie werden als Nachfrager von Konsum- und Investitionsgütern eine geringere Rolle spielen als bisher. Teilweise ist dies für Länder wie Venezuela, Russland und Nigeria schon jetzt deutlich zu sehen. 

Saudi-Arabien gerät ins Trudeln

Besonders hart wird es Saudi-Arabien treffen, das für 90 % seines jährlichen Budgets auf Einnahmen aus dem Erdölverkauf angewiesen ist. Schon im August 2013 hat der saudische Prinz Alwaleed bin Talal die saudische Regierung vor der viel zu großen Abhängigkeit des Königreiches von seinen Öleinnahmen gewarnt und gemeint, die saudische Regierung müsse dringend alles unternehmen, um die Wirtschaft des Landes mehr zu diversifizieren. Als Grund gab er an, dass die Nachfrage nach Öl aus Saudi-Arabien in einem anhaltenden Rückgang sei. Dieser Ratschlag kommt spät, denn Saudi-Arabien hat es in den vergangenen fünfzig Jahren verabsäumt, eine nennenswerte Industrialisierung des Landes voranzutreiben. Bis jetzt waren die Einnahmen aus dem Ölgeschäft hoch und sicher genug. Dies hat sich aber in den vergangenen Jahren drastisch geändert. In Saudi-Arabien hat man die zunehmende Produktion von Erdöl in den USA mittels der Fracking-Methode vollständig ignoriert und deren Bedeutung nicht richtig einschätzen können. Saudi-Arabien sah sich zur Verteidigung seines Marktanteiles gezwungen und vermutlich auch in seiner Existenz bedroht. Saudi-Arabien hatte keine andere Möglichkeit, als weiterhin seine Erdölproduktion, trotz des stattgefundenen Preiseinbruches, in der Hoffnung auf Niveau zu halten, dadurch die US-amerikanische Erdölindustrie zu treffen und zum Nachgeben zu zwingen. Die Saudis wollten ihre Position als größter swing Produzent von Erdöl nicht aufgeben. 

Diese Politik hat inzwischen dazu geführt, dass der Markerpreis „West Texas Intermediate” für Erdöl per 26. Februar 2016 auf US-$ 34,70 gesunken ist. Die Verminderung des Preises seit Anfang 23. Juni 2014 (damals stand der Preis auf US-$ 113,30) hat nun die Größenordnung von 69,4 % erreicht. Auch ist inzwischen deutlich geworden, dass die Produktion des Erdöls mittels der Fracking-Methode in den USA mengenmäßig kaum zurückgegangen ist, obwohl viele kleine Firmen ihre Erdölfördertürme einmotten mussten. Von ursprünglich 1.608 Fördertürmen sind bis Ende Februar 2016 ganze 413 übrig geblieben. In der Ölförderleistung der USA ist dies bisher aber kaum zu sehen. Wahrscheinlich ist jedoch, dass die Ölfördermenge in der USA um 450.000 Barrel per Tag im Jahr 2016 zurückgehen wird. Es hat sich gezeigt, dass die US-amerikanische Erdöl-Wirtschaft imstande ist, durch technischen Fortschritt und Kostenreduzierungen die Situation so zu meistern, dass der Schaden begrenzt wird und die Produktion von Erdöl auf Niveau bleibt. 

Im Jahr 2015 lag die Ölproduktion der USA auf 12,2 Millionen Barrels pro Tag, die von Russland bei 9,7 Millionen Barrels pro Tag und die von Saudi-Arabien bei 9,4 Millionen. Dass die Nummer Drei mit Nummer Zwei sich entschlossen haben, ihre Produktion nicht weiter zu erhöhen, weil sie dem Preisverfall Einhalt gebiete wollen, ist logisch. 

Die Investitionen der Ölindustrie gehen zurück

Die Folge des Preisfalls war jedoch, dass viele Projekte der Öl-Multis in so exotischen Gebieten wie der russischen Arktis, dem Golf von Mexiko, den Tiefwasserbohrungen im Atlantik und in den kanadischen Teersanden wenn schon nicht aufgegeben, so doch stark vermindert wurden. Es geht hier um insgesamt 46 große Projekte mit einem Investitionsvolumen von US-$ 200 Milliarden, die teilweise stillgelegt wurden. Man sollte über diese Entwicklung keineswegs leichtfertig hinwegsehen. Auch hatte beispielsweise die US-amerikanische Erdgas produzierende Industrie unter einem Preisverfall von US-$ 8,0 im Jahre 2009 zu US-$ 2,78 im Jahre 2015 zu leiden. Die Anzahl der Förderstellen ging im selben Zeitraum von 1200 auf 209 herunter. Die Produktion hingegen wurde in dieser Zeit um circa 30 % gesteigert. Voll ins Bewusstsein gerückt wird durch die Tatsache der gedrosselten Investitionen jedoch die Tatsache, dass die Energieverfügbarheit/-sicherheit bei einem länger andauernden niedrigen Erdölpreis in Gefahr kommen kann – und das weltweit. 

Inzwischen sind die Lagerbestände an Rohöl weltweit auf Höchststände gestiegen. 
Geopolitisch kündigt sich zusätzlich schon ein neuer (alter) Produzent von Erdöl und Erdgas an: Wenn das Übereinkommen, das die Vereinigten Staaten mit dem Iran geschlossen haben, hält, kann der Iran in kürzester Zeit seine stagnierende Erdölindustrie revitalisieren und mehr als 2,5 Millionen Barrels pro Tag extra auf den Markt bringen. So schreibt „Der Spiegel“ am 17. Jänner 2016: Iran kehrt auf den Weltmarkt zurück. Sanktionen gegen Iran aufgehoben. 

Außerdem tritt Israel in Kürze als Produzent von Erdgas auf, welches die israelische Firma Delek zusammen mit der US-amerikanischen Firma Noble Energy verwalten wird. Beide Firmen werden die beiden Erdgasfelder Tamar und Leviathan, die im östlichen Teil des Mittelmeeres liegen, weiter entwickeln. 

Die Erdölreserven weltweit

Es ist also kein Wunder, dass Saudi-Arabien alles unternimmt und sogar mit der Russischen Föderation Unterhandlungen aufnimmt mit dem Ziel, diese für beide Staaten nachteilige Entwicklung, nämlich den Preisverfall von Erdöl, zu stoppen. Jedenfalls ist inzwischen deutlich geworden, dass keiner der in der OPEC vertretenen Produzenten seine Erdölproduktion reduzieren will. Außerdem ist zu beachten, dass die US-amerikanische Fracking-Methode sich technologisch immer weiter entwickelt und umweltfreundlicher wird. Das Potenzial für diese Methode ist in Amerika selbst noch riesig und auch weltweit gewaltig. Länder wie Argentinien und Australien, aber auch China warten nur darauf, sie auch auf ihren Territorien einsetzen zu dürfen. In der EU und dem Vereinigten Königreich sind Umweltgruppen gegen die Anwendung diese Methode. Auch in Russland wird aus durchsichtigen Gründen dagegen stark opponiert. 

Wenn man sich die geographische Lage der weltweiten Erdölreserven ansieht, dann versteht man, warum der Nahe Osten eine politisch so volatile Region ist. Bei einem Preis von US‑$ 34,50 (4. Februar 2016 ) haben Saudi-Arabien, der Iran und der Irak die höchsten Reserven weltweit. Sie können auch bei niedrigen Preisen immer noch sehr profitabel ausgebeutet werden. Weltweit werden die Erdölreserven schätzungsweise mit 1.739 Milliarden Barrel (zu 159 Liter) angegeben, wobei 42 % davon bei einem Preis von US-$ 34,50, nicht profitabel ausgebeutet werden können, 58 % jedoch sehr wohl. Rund 32 % entfallen auf Nicht-OPEC-Produzenten und 26 % auf OPEC-Produzenten. 

Seit 1973 haben die gestiegenen Erdölpreise zu einem gewaltigen Transfer, weg von den gestandenen Industrieländern des Westens hin zu den weniger entwickelten Ländern der Erde, an Reichtum und damit verbunden politischen Einfluss in der Welt geführt.[1] So konnte Norwegen einen „sovereign wealth fund” in Höhe von US-$ 825 Milliarden akkumulieren. Die arabischen Staaten UAE, Abu-Dhabi, Qatar, Kuwait und Saudi-Arabien zusammen US‑$ 2.290 Milliarden, wovon auf Saudi-Arabien US-$ 669 Milliarden entfallen und auf Kuwait US-$ 592 Milliarden. Russland hat Reserven von US-$ 350 Milliarden erwirtschaften können und der Iran von ca. US-$ 150 Milliarden. 

China hat, zusammengefasst in vier staatlichen Fonds, rund US-$ 1,5 Billionen erarbeiten können. Die Zahlen veranschaulichen die Größenverhältnisse. 

Saudi-Arabien und der Iran

Das Kräfteverhältnis zwischen dem Iran und Saudi-Arabien stellt sich so dar, dass der Iran mit einer Bevölkerung von 82 Millionen Menschen ein reales BSP von US-$ 1.334 Milliarden (BSP pro Kopf US $ 17.100) produziert. Saudi-Arabien hat bei einer Einwohnerzahl von 28 Millionen Menschen ein reales BSP von US-$ 1.616 Milliarden (pro Kopf US-$ 52.200). Rein statistisch gesehen scheint die Lage in Saudi-Arabien besser zu sein als im Iran. Die gesellschaftlichen Systeme dieser beiden Staaten können jedoch unterschiedlicher nicht sein. Der Iran ist eine islamische Republik, in der die schiitische Geistlichkeit eine wichtige Rolle spielt, aber nicht nur. Saudi-Arabien dagegen ist ein absolutistisch regiertes Königreich, in dem ein Islam in seiner Urform weitgehend die Regeln im Staat für die arabische Bevölkerung vorgibt. 85 % der Bevölkerung sind Sunniten/Wahabiten und rund 15 % Schiiten, die hauptsächlich in den östlichen Landesteilen wohnen, wo auch die meisten Erdölförderanlagen liegen. Millionen Bürger aus anderen arabischen Staaten und Asien, die in Saudi-Arabien arbeiten, sind Bürger zweiter Klasse. Von der arbeitsfähigen Bevölkerung von 11,2 Millionen im Staate sind rund 75 % Immigranten. Diese Zahlen sind Schätzungen und wahrscheinlich zu niedrig. Die rund 7.000 (!) Prinzen der al-Saud-Dynastie formen die Elite des Staates und stehen in gewisser Weise auch über dem Gesetz. Diese Herrschaftsstruktur ist nur möglich, weil die Dynastie der Saudis mit den Klerikern des Wahabismus (die saudische Form der Sunniten) eine Symbiose eingegangen ist. Die Gelder des Hauses al-Saud unterstützen den wahabitischen Klerus und dieser ist eine der Machtsäulen, worauf sich das Haus al-Saud stützen kann. Die zweite Stütze der Saudis ist ihr Militär und das besondere Verhältnis zu den Vereinigten Staaten von Amerika. Saudi-Arabien ist ein gern gesehener Waffenkäufer in den USA und in Europa. Die Kampfkraft und Ausbildung der saudischen Armee lässt jedoch zu wünschen übrig. Die Saudis garantieren der USA eine verlässliche Versorgung mit Erdöl und Erdgas zu Freundschaftspreisen, während die USA das Regime politisch und militärisch unterstützt. Während der Iran über eine beachtliche und ziemlich breit diversifizierte industrialisierte Wirtschaft verfügt, ist dies in Saudi-Arabien kaum der Fall, wie dies Prinz Alwaleed bin Talal schon vor Jahren moniert hat. 

Saudi-Arabien hat sich in letzter Zeit mit seinen politischen Entscheidungen in eine Sackgasse begeben. 
Es ist anzunehmen, dass die Rivalität zwischen den sunnitischen und schiitischen Moslems eher den Iran begünstigt, denn der Iran vertritt einen Islam, der sich positiv vom Wahabismus unterscheidet, weil er u.a. nicht wissenschaftsfeindlich ist. Dem Iran ist es gelungen, trotz des jahrelangen wirtschaftlichen und politischen Embargos des Westen, seine mit ihm verwandten Glaubensbrüder im Jemen, in Syrien, im Irak und im Libanon militärisch wie wirtschaftlich zu unterstützen. Qatar/Bahrain und Saudi-Arabien unterstützen dagegen die Sache der sunnitischen Moslems im Irak und Syrien mit Beträgen, die in die zig Milliarden von US-$ gehen. Die Bevölkerung in Saudi- Arabien wird bei Laune gehalten mit solch wunderbaren Dingen wie: keine Steuern auf Einkommen, Zinsen und Dividenden. Benzin kostet 12 US-Cent pro Liter an der Tankstelle. Elektrizität kostet 1,3 US-Cent pro Kilowattstunde. Der neue König Salman ibn Abd al-Aziz hat einen Krönungsbonus von US-$ 32 Milliarden für alle Arbeiter und Pensionisten im Lande bewilligt und seinen dreißigjährigen Sohn Mohammed bin Salman, der schon das Verteidigungsministerium leitete, zum neuen Vize-Kronprinzen ernannt. Dieser relativ junge saudische Prinz will das Land modernisieren und überfällige Reformen angehen. Ob ihm dies gelingt, wird sich noch erweisen. Jedenfalls wurde schon angekündigt, dass ungefähr 5 Prozent des Aktienkapitals der Staatsholding Aramco privatisiert werden soll. Warum das Kronjuwel der Saudis ausgerechnet jetzt privaten und internationalen Anlegern zur Zeichnung angeboten wird, ist nur aus der gegenwärtigen Lage, in der sich Saudi-Arabien befindet, verständlich. Saudi-Arabien hat sich in eine teure militärische Intervention im Jemen hineinmanövrieren lassen. Es führt dort einen grausamen Krieg gegen eines der ärmeren arabischen Länder und reagiert zunehmend nervös auf Entwicklungen rund um sein Staatsgebiet. Im Übrigen gilt dies auch für die Türkei, die praktisch mit allen Anrainerstaaten in Unfrieden lebt.

Übles Spiel um den Jemen

Einer der Gründe für das erratische Benehmen der Saudis ist das Verhalten der bisherigen Schutzmacht, der USA, gegenüber dem Erzrivalen Iran und anderen arabischen Staaten im Rahmen des „Arabischen Frühlings” wie Tunesien, Libyen, Syrien und Ägypten. U.a. deswegen baten die Saudis um militärische Hilfe bei der pakistanischen Regierung. Pakistan selbst ist ein sehr fragiler Staat mit Atomwaffen. Der Jemen hingegen ist – mit einer Bevölkerung von fast 27 Millionen Menschen – die Wiege der arabischen Nation und repräsentiert eine uralte Kultur, die ihre Anfänge lange vor dem Erscheinen des Islam hat. Der dritte saudische Staat, das Königreich Saudi-Arabien wurde dagegen erst am 23. September 1932 gegründet. (Erster saudischer Staat 1744–1818, zweiter saudischer Staat 1824–1891). Die Jemeniten betrachten den Clan der al-Sauds eher als kulturlose Emporkömmlinge aus der Wüste. Und – merkwürdig genug – es regt sich kaum jemand in der Welt über diesen militärischen, von den Saudis initiierten Konflikt besonders auf. 

Obwohl die monetären Reserven von Saudi-Arabien sehr hoch sind, können sie sehr schnell weniger werden, wenn der gegenwärtige Zustand für das Land anhält. Saudi-Arabien hat es verabsäumt, seine Erdölgewinne teilweise in einen „sovereign wealth fund” nach norwegischem Muster zu leiten. Die Regierungen in Kuwait, Qatar/Bahrain und Abu Dhabi haben dies seinerzeit auf Anraten britischer Ratgeber jedoch gemacht. Auch der IMF hat diesbezügliche Warnungen geäußert. Solange die Einnahmen aus dem Verkauf von Erdöl flossen, war Scheckbuchdiplomatie das Zauberwort, mit dem Saudi-Arabien seinen Einfluss in der Region ausübte und dem Wahabismus – einer sunnitisch/islamischen Reformbewegung aus dem Jahre 1740, die sich auf die ursprünglichen Lehren des Islam in seinen Anfängen beruft – einen starken Impuls durch den Bau von Moscheen weltweit gab. Die Wahabiten fühlen sich als die echten, wahren Moslems. Wenn man die tägliche Praxis in Saudi-Arabien vergleicht mit dem Auftreten der Mitglieder des IS, so kann man hier große Parallelen feststellen. Die Ideologie und Praxis des Wahabismus und des IS sind erstaunlicherweise de facto weitgehend identisch. 

Alles in allem genommen ist die Annahme berechtigt, dass die US-amerikanische Erdöl- und Erdgasindustrie einen längeren Atem und bessere ökonomische und technische Aussichten besitzt, als die Organisation OPEC. Letztere hat ihre „priceing power” für Erdöl und Erdgas wegen der Uneinigkeit untereinander praktisch verloren. Die weitere Entwicklung wird die neuen Machtverhältnisse offenkundig machen. 

Amerkung

[1] Vgl. dazu Hans Kronberger, „Der Ölpreis entscheidet über das Schicksal der Weltwirtschaft“, Lesestück Nr. 4, Genius-Brief vom 1. August 2011.

Bearbeitungsstand: Dienstag, 29. März 2016
 
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