Die Bombe ist geplatzt!


Was die Zentralmatura nun offengelegt hat

 

Von Dieter Grillmayer

Nach den zunächst beschwichtigenden und zuletzt euphorischen Meldungen zur Zentralmatura und deren Verlauf im Einführungsjahr 2015 ist jetzt die Bombe geplatzt. Ausgerechnet der vormalige PISA-Papst Günter Haider hat im „Standard“ vom 1. Februar auf Ungereimtheiten aufmerksam gemacht, die ihm trotz der restriktiven Informationspolitik des Ministeriums beim Studium der Ergebnisse aufgefallen sind. Im Wesentlichen betrifft das vier Punkte: 

  1. Die großen prozentmäßigen Unterschiede bei den negativ benoteten Arbeiten in den einzelnen Bundesländern. Oberösterreich ist Spitze; Wien, Salzburg und Vorarlberg landeten am unteren Ende.
  2. Die eklatant größere Zahl der „Nicht Genügend“ bei den Mädchen gegenüber den Burschen, und zwar nicht nur in Mathematik, sondern auch in Englisch.
  3. Die großen Unterschiede zwischen den achtjährigen Gymnasien/Realgymnasien und den Oberstufen-Realgymnasien (BORGs). In Kärnten zum Beispiel hatten die BORGs in Mathematik 28 Prozent, in Englisch 23 Prozent negative Ergebnisse zu verzeichnen, die AHS-Langformen hingegen nur neun bzw. sieben Prozent.
  4. Die eklatante Verbesserung des Gesamtergebnisses durch die „Kompensationsprüfungen“, wo mehr als die Hälfte der schriftlichen „Nicht Genügend“ ausgebessert werden konnte.

Gleich am 2. Februar hat daraus Andreas Unterberger in seinem Blog (www.andreas-unterberger.at) unter dem Titel „Waterloo für Gesamtschul- und Gender-Agitation“ Schlüsse gezogen, die viel Wahrheit enthalten, die ich aber doch ein wenig relativieren möchte. Und am 3. Februar meldete sich, wieder im „Standard“, der Klagenfurter Bildungsforscher Werner Peschek unter dem Titel „Experte: Hohes Maß an Manipulation bei der Zentralmatura“ zu Wort. Er habe schon im Vorfeld vor einem schlechten Ergebnis und davor gewarnt, was dann passieren wird: „Man wird vertuschen, nachkorrigieren, nachhelfen.“ 

Im Zuge der damit voll entbrannten Diskussion, bei der auch die bekannt gewordenen Manipulationen bei der Beurteilung der schriftlichen Arbeiten eingeflossen sind, haben Lehrer- und Schülervertreter sowie FPÖ-Bildungssprecher Dr. Walter Rosenkranz gefordert, dass die Korrektur und die Benotung der schriftlichen Arbeiten (nach einem einheitlichen Schlüssel) in Hinkunft nicht mehr durch die Klassenlehrer erfolgen sollen, sondern an schulfremde Fachkollegen ausgelagert werden. PISA-Haider selbst hat hinsichtlich Punkt 3 vorgeschlagen, die BORGs wieder auf fünf Jahre zu verlängern, wie das bei der Einführung dieses Schultyps ja der Fall war.

Ich selbst habe schon in den 1990er-Jahren für die Zentralmatura plädiert, um die Wahrheit ans Licht zu bringen und damit Verbesserungen zu erzwingen, weil mir die großen Niveauunterschiede, von Bundesland zu Bundesland, von Schule zu Schule und von Klasse zu Klasse ja bekannt waren. Die Dimension des Problems hat mich aber jetzt selbst überrascht. Andererseits möchte ich darauf hinweisen, dass sich die hier genannten Zahlen – und die Rangordnung der Bundesländer – nur auf die Gescheiterten beziehen und nicht auf die Gesamtqualität, also auf die guten und sehr guten Leistungen. Das vermag auch die Diskrepanz zwischen dieser Rangordnung und den Ergebnissen der Bildungstests, z. B. in Salzburg, einigermaßen zu erklären.

Zu Punkt 2 ist zunächst einmal zu sagen, dass sich darin die Tatsache abbildet, dass viel mehr Mädchen als Burschen eine AHS besuchen, dass die intellektuelle Potenz, auf die es dabei bekanntermaßen ankommt, aber wohl annähernd gleich verteilt ist. Daher kommen auch mehr Mädchen als Burschen „ins Schwimmen“, was sie aber durch größeren Fleiß und Wohlverhalten annähernd ausgleichen können. Bei der Matura und den geballten Anforderungen innerhalb weniger Tage – und wohl auch weil weniger stressresistent als ihre männlichen Kollegen – sind sie dann aber überfordert. Nochmals sei darauf hingewiesen, dass die guten, ja zum Teil ausgezeichneten Leistungen von Mädchen – auch in Mathematik – in die hier vorgelegte Statistik nicht einfließen.

Punkt 3 spricht natürlich ganz eindeutig für die achtjährigen AHS-Langformen mit ihren doch noch immer halbwegs durchkomponierten Lehrgängen. Möglicherweise beruht die Präferenz des Vorarlberger Landeshauptmannes Markus Wallner für die Gesamtschule darauf, dass er ein solches achtjähriges Kontinuum und seine Vorzüge nicht kennt, hat er doch nach dem Besuch der Hauptschule das BORG Feldkirch besucht und dort die Matura abgelegt. Zur Ehrenrettung der BORGs und vor allem ihrer Lehrer darf ich meine Erfahrung als Maturavorsitzender beifügen: So viele engagierte Lehrer wie an den BORGs (Linz, Perg, Ried) habe ich bei keinem anderen Schultyp kennengelernt.

Punkt 4 ist aber nun wirklich der „Hammer“. Sollte das Ministerium auf die Schulen und Lehrer tatsächlich Druck ausgeübt und das Ergebnis damit „frisiert“ haben, dann wären ein Rücktritt und haufenweise Disziplinarverfahren fällig. Andererseits kann ich von meiner ehemaligen Schule berichten, dass dort 2015 annähernd dieselbe Durchfallsquote von gut zehn Prozent erreicht wurde wie in den Zeiten davor.

Was wäre zu tun? Es wäre an vielen Rädern zu drehen, und zwar in die richtige Richtung: im Parlament, im Ministerium, bei den Landesschulbehörden, an den Schulen und in der Aus- und Weiterbildung der Lehrer. Die diesbezüglich gerade im Gang befindliche Reform ist da eher kontraproduktiv, und ebenso der Trend zur modularen Oberstufe. Zwei Beispiele dafür, wie nun schon seit mehr als vier Jahrzehnten in die falsche Richtung gedreht und ein einstmals gutes Schulsystem kaputt gemacht wird.

„Difficile est, satiram non scribere“ – Es ist schwer, eine Satire nicht zu schreiben. Dieser altrömische Ausspruch war zwar auf eine andere Situation gemünzt, passt jedoch genau auf die Schulpolitik in Österreich. Wenn auch die Versuchung, eine Satire zu schreiben, groß ist, so kann man doch leider die der ganzen Bildungspolitik innewohnende Tragik für Österreichs Jugend nicht übersehen. Zu ihren Lasten werden ideologische Grabenkämpfe und parteipolitische Machtspielchen zwischen Bund und Landesfürsten ausgetragen. 

Die freiheitliche Position ist klar: Ein möglichst differenziertes Schulsystem mit viel Wahlfreiheiten für individuell passende Umstiege innerhalb des Systems. Hauptziel jeder Schulpolitik sollte es sein, Talente und Begabungen zu fördern und „hoch zu bilden“ – egal aus welchen sozialen Schichten diese jungen Leute kommen. Und unterrichtet muss so werden, dass alle Schülerinnen und Schüler das Lesen, das Schreiben und das Rechnen beherrschen. Erst auf diesem Basiskönnen lässt sich alles „Höhere“ aufbauen, und zwar differenziert und der Lebenswirklichkeit verpflichtet, nicht einem weltfremden Gleichheitswahn.

Bearbeitungsstand: Dienstag, 29. März 2016
 
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