Das falsche Bild vom Abendland


Unsere Wurzeln liegen in Europa, nicht im Orient

 

Von Gerulf Stix

In allen unseren Schulen haben wir gelernt, dass die Wiege unserer Kultur im Vorderen Orient liege. So seien zum Beispiel die Anfänge der Schrift in Mesopotamien entstanden. Dann ging es weiter bei den alten Griechen. Danach kamen die alten Römer. Und so gelangten schließlich Kultur und Zivilisation nach Europa. Doch dieses seit Generationen fest überlieferte Geschichtsbild ist falsch. 

Hier sollen die Gründe dafür dargestellt werden, die zu einer Berichtigung dieses falschen Bildes zwingen. Wohlgemerkt, es geht dabei nicht um Spekulationen, um vage Vermutungen. Vielmehr handelt es sich um handfeste wissenschaftliche Erkenntnisse. In den letzten Jahrzehnten, insbesondere in den letzten zehn bis zwanzig Jahren machten viele Wissenschafter geradezu atemberaubende Entdeckungen und haben daraus völlig neue Erkenntnisse über die Entstehung unserer europäischen Kultur gewonnen. Es dürfte nicht übertrieben sein, von einer kopernikanischen Wende im Geschichtsbild zu sprechen. 

Als wahrscheinlich wichtigste Arbeit dazu, wenn auch bei weitem nicht die einzige zu diesem großen Thema, ist die von Harald Haarmann über „Das Rätsel der Donauzivilisation – Die Entdeckung der ältesten Hochkultur Europas“ hervorzuheben.[1] Haarmann ist nicht irgendwer, sondern gehört zu den weltweit bekanntesten Sprachwissenschaftern. 

Er schreibt u.a. auf Seite 147 seines Buches: „Die Diskussion über frühe Zivilisationen kann sich also nicht länger auf die früheren Modelle beschränken, die der traditionellen Forschung zugänglich sind, wie Ägypten, Mesopotamien und der Nahe Osten, sondern muss notwendigerweise ausgedehnt werden auf andere alte Hochkulturen, wie die Donauzivilisation und die alte Indus-Zivilisation.“ 

Die Donauzivilisation 

Geographisch war die Donauzivilisation mit Schwerpunkten im Raum Balkan – Schwarzes Meer – Ukraine beheimatet. Nördliche Ausläufer zogen sich entlang der Donau und ihrer Nebenflüsse bis ins heutige Polen. Da seinerzeit die Flüsse die Hauptverkehrswege im Binnenland waren, wird nicht verwundern, dass hier später auch Tirol noch erwähnt werden muss. Neben dem allgemein bekannten Handelsweg der alten Seidenstraße – sie wird unter modernsten Vorzeichen neuerdings von China wiederbelebt – bestand seit vielen Jahrtausenden auch die „Bernsteinstraße“ bis zur Ostsee. Nebst Bernstein waren Salz und Metalle besonders wichtige Handelswaren. 

Was den Zeitraum betrifft, so reden wir über ca. 7.000 bis 5.000 Jahre vor unserer Gegenwart oder, anders ausgedrückt, über die Jahre 5.000–3.000 v. Chr. nach unserer heutigen Zeitrechnung. 

Diese alteuropäische Donauzivilisation hat eine ganze Reihe höchst bemerkenswerter Errungenschaften vorzuweisen. Hier seien beispielhaft einige aufgezählt: 

Einfamilienhäuser mit mehr als 1oo qm Grundfläche – Großsiedlungen im Umfang von Städten – Brennöfen zur Herstellung hochwertiger Keramik – Metallurgie von der Erzgewinnung bis zum Metallguss – Gold von seiner Gewinnung bis zur künstlerischen Verarbeitung („Goldschatz von Varna“) – Wein (!), Olivenöl und Kirschen. 

All das ist durch hunderte, teilweise umfangreiche Funde in Dutzenden Ausgrabungsstätten, örtlich breit gestreut, gut belegt und wissenschaftlich dokumentiert. Das Sensationellste aber sind die Funde einer zuvor nicht bekannten Schrift. 

Die alteuropäische Vinca-Schrift 

Sucht man im Internet bei Google unter dem Begriff Vinca-Schrift, so findet man eine Fülle an Informationen und Bildern. Eine der zahlreichen Abbildungen ist hier wiedergegeben:

 

Die Bezeichnung Vinca-Schrift stammt von dem Fundort bei Vinca südlich von Belgrad. Diese alteuropäische Schrift ist um rund 2.000 Jahre älter als es die Schriftfunde aus der alten Kultur Babylons sind. Somit ist die über viele Generationen gelehrte These, dass die babylonische Schrift der alten Sumerer die älteste Schrift der Welt sei, durch die neuen Erkenntnisse der Wissenschaft widerlegt. Verständlich, dass da für viele Gelehrte ein liebgewordenes Weltbild zerbricht. Das Umdenken fällt schwer, obwohl die Fakten schon seit Jahren bekannt sind.[2] Nach den Untersuchungen des deutschen Archäologen G. Dreyer sind sogar die ältesten Schriftfunde in Ägypten älter als die aus Babylon. Weitaus älter als beide jedoch sind bis dato die Funde der alteuropäischen Schrift. Haarmann schreibt auf Seite 191 seines Buches: „Die alten Schulweisheiten über Schrift, wonach das Licht der Zivilisation im Osten aufging (ex oriente lux), haben ausgedient… Nach dem jetzigen Erkenntnisstand ist die Donauschrift (engl. Danube script) bzw. die alteuropäische Schrift (engl. Old European script) das älteste Schriftsystem der Welt.“ Wir Europäer sind also nicht die kulturellen Nachfolger des Orients. 

Griechen und Römer

Es taucht allerdings die Frage auf, was aus dieser alteuropäischen Schrift nun eigentlich geworden ist? Haarmann vertritt die These und bringt dafür auch zahlreiche Belege, dass die alteuropäische Schrift nach und nach zum Vorläufer der altgriechischen Schrift wurde. Nicht nur Schriftzeichen, sondern auch Begriffe und Namen aus der Vinca-Kultur seien in einem langen Umwandlungsprozess in die gesamte altgriechische Kultur eingesickert. Die wissenschaftliche Diskussion darüber ist im Gang und hitzig. Wie immer sie ausgehen mag, feststeht heute schon, dass das Aufblühen der altgriechischen Kultur mit eine Folge der Jahrtausende alten Vorläuferkultur der Donauzivilisation war. 

Natürlich gab es durch den gleichfalls seit Jahrtausenden weitverzweigten Handel zivilisatorische Anregungen aus und in alle Richtungen. Und wir heute Lebenden sollten dabei auch nicht übersehen, dass Kleinasien, also die heutige Westtürkei, keineswegs von Türken – die kamen als Eroberer erst viel später –, sondern von Griechen besiedelt war. Die Entdeckung der Donauzivilisation verkleinert die herausragende Leistung des Altgriechentums ganz und gar nicht. Sie verstärkt vielmehr die europäische Grundlage des Altgriechentums. 

Bekanntlich folgten auf die Griechen die Römer. Die sagenumwobene Gründung Roms 753 v. Chr. hat viel mit der Geschichte der Griechen und ihren Kriegen (Troja) zu tun. Mit der Zeit wuchsen die Römer den Griechen über den Kopf und besiegten sie schließlich. Das kulturelle Erbe Griechenlands ging in die römische Kultur ein. In der Blütezeit des Römischen Reiches dominierten römische Zivilisation und Kultur große Teile Europas in solch einem Ausmaß, dass diese lateinische Kultur zu einem der tragenden Bauelemente unseres heutigen Europas wurde. 

Hingegen ist nur wenig bekannt, dass die römische Kultur nicht allein auf griechischen Wurzeln und eigener Leistung fußt, sondern auch auf der mehr oder weniger stillschweigenden Übernahme einer vorrömischen Hochkultur in Italien selbst. Gemeint ist das Erbe des geheimnisvollen Volkes der Etrusker. 

Etrusker und Kelten

Die Etrusker hatten vor den Römern eine hochstehende Zivilisation und eigene Kultur entwickelt. Von zwölf ihrer Städte – die meisten von den Römern zerstört – sind sogar die Namen bekannt. In teils kriegerischen, teils friedlichen Prozessen, die sich über Jahrhunderte hinzogen, gewannen die Römer letztlich die Oberhand. Die etruskische Hochkultur wie auch die Bevölkerung ging in der römischen auf, indem sie die römische Zivilisation und Kultur vielfach beeinflusste. Umgekehrt waren die Römer in ihrem imperialen Selbstverständnis bemüht, das etruskische Miterbe zu verstecken oder zu verschweigen. Dementsprechend unergiebig sind die lateinischen Quellen über die etruskische Hochkultur. 

Auch die Kelten spielen in diese Vorgänge mit hinein. Einerseits waren die Kelten schon sehr früh Gegner der Römer. Sie eroberten sogar die Stadt Rom um 396 v. Chr. Andererseits gab es immer wieder auch Kriege zwischen den Etruskern und den aus dem Norden andrängenden Kelten. Auch gab es die ersten Begegnungen zwischen Römern und Germanen. Die erste blutige Auseinandersetzung war die Schlacht bei Noreia 113 v. Chr., in der die Kimbern und Teutonen ein Heer der Römer schlugen. 

Allein diese historisch dokumentierten Vorgänge deuten darauf hin, dass es zwischen allen beteiligten Völkerschaften jahrhundertelangen technischen, wirtschaftlichen und kulturellen Austausch gegeben haben muss. Greifen wir beispielhaft das für die Kriegstechnik besonders wichtige Metall Eisen heraus.

Das Metallwesen in Alteuropa

Eine der bedeutendsten Eisenerzeugungen in vorrömischer Zeit betrieben die Etrusker auf der Insel Elba. Von dort aus belieferten sie alle umliegenden Länder im Mittelmeerraum und weit bis in den Norden hinauf. Für Österreich verbindet sich mit dem Metall Eisen zusätzlich der Name Hallstatt-Zeit (800–450 v. Chr.) als Inbegriff einer langen vorrömischen Epoche. 

Nun liegt es auf der Hand, dass die Technik des Bergbaues und der Erzverarbeitung eine viel weiter in die Vergangenheit zurückliegende Entwicklung genommen hat. Begonnen hatte diese schon in der Kupferzeit, setzte sich fort in der Bronzezeit und führte dann zur Eisenzeit. „Der Ostalpenraum bildete wegen seiner Rohstoffe europäische Zentren aus. Neue Grabungen erschlossen hier steirische Vorkommen, etwa Hornstein bei Rein in der Jungsteinzeit und Kupfererz bei Eisenerz in der Bronzezeit.[3]

Aber nicht allein der Ostalpenraum ist erwähnenswert. Für den Westen steht Tirol als Beispiel: „5550 Jahre Bergbau und Kupferverhüttung in Tirol“ betitelt sich ein mit Hilfe der Universität Innsbruck von den Montanwerken Brixlegg herausgegebenes Buch.[4]

Der „Ötzi“, die bekannte Mumie aus dem Gletschereis, besaß ein Kupferbeil. Der Herkunftsort des Kupfers dürfte in den Ostalpen liegen. Das Alter des Ötzi wird auf etwas über 5.000 Jahre eingestuft. 

Die Anfänge des Tiroler Kupferbergbaus fallen zeitlich in die Epoche der Donauzivilisation. Von Tirol aus wurde u. a. das Gebiet der bairischen Voralpen beliefert. Bekanntlich fließt der Inn in die Donau und diese mündet ins Schwarze Meer. So schließt sich also sowohl geographisch wie auch auf den Zeitraum bezogen der Kreis zur alteuropäischen Donauzivilisation.

Die Himmelsscheibe von Nebra 

Wie weit diese alteuropäische Zivilisation in den Norden reichte, bezeugt eindrucksvoll die inzwischen weltberühmte Himmelsscheibe von Nebra (Sachsen-Anhalt). Diese gut 31 cm im Durchmesser große Bronzescheibe ist rund 4.000 Jahre alt und wurde laut wissenschaftlichem Befund „zweifelsfrei in Mitteleuropa gefertigt“ (Wikipedia).

Die rd. 4000 Jahre alte Himmelsscheibe von Nebra aus der Bronzezeit Mitteleuropas.[5]

Das bei der Herstellung der Himmelsscheibe verwendete Kupfer stammt aus Mittelberg bei Salzburg. Auf der Scheibe befinden sich Goldeinlagen aus zwei verschiedenen Goldvorkommen. Eines der beiden Goldvorkommen lag in Cornwall/England, das andere im Raum Siebenbürgen/Karpaten (Wikipedia). Über „urzeitliche Goldminen“ auch im bulgarischen Rhodopengebirge berichtete u. a. ausführlich „Die Presse“.[6]

Gemäß Wikipedia handelt es sich bei der Himmelsscheibe von Nebra um die „bisher älteste konkrete Darstellung des Nachthimmels aller Zeiten. Sie ist ca. 200 Jahre älter als die frühesten bis jetzt gefundenen Darstellungen in Ägypten.“ 

Das alles in vorgriechischer und vorrömischer Zeit in einer angeblich dunklen, barbarischen Weltgegend, die nach bisheriger Lehrmeinung erst durch das „Licht aus dem Orient“ erhellt wurde. Wahrlich eine kopernikanische Wende in unserem europäischen Geschichtsbild! 

Europa wird nur dann auch geistig zu sich selbst finden, wenn es sich endlich zu seinen eigenen kulturellen Wurzeln bekennt. Das große Umdenken hat erst begonnen. 

Anmerkungen

[1] Harald Haarmann, Das Rätsel der Donauzivilisation – Die Entdeckung der ältesten Hochkultur Europas, Verlag C. H. Beck, 2. Auflage München 2012, 286 Seiten, davon 16 Seiten mit Literaturangaben, zahlreiche Abbildungen. 

[2] Als Beispiel vgl. dazu den Bericht „Der älteste Satz in menschlicher Sprache“ in „Neue Zürcher Zeitung“ vom 15. Juli 2005. 

[3] Vgl. Ronald Posch „Urgeschichte ignoriert neue Grenzen“ in „Die Presse“ vom 12. Dezember 2015, Seite 35.

[4] Vgl. „Cuprum Tyrolense – 5550 Jahre Bergbau und Kupferverhüttung in Tirol“, Hrsg. Montanwerke Brixlegg, Klaus Oeggl, Veronika Schaffer, Verlag Edition Tirol, Innsbruck 2013, 444 Seiten. 

[5] https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Nebra_Scheibe.jpg Urheberrecht: Dbachmann, lizenziert.

[6] Vgl. Ronald Posch, „Uraltes Gold birgt neues Wissen“, in „Die Presse“ , 30. Jänner 2016.

Bearbeitungsstand: Dienstag, 29. März 2016
 
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