„Muss Sieg bei Lissa werden“


Überraschender Ausgang der Seeschlacht vor 150 Jahren

 

Von Lothar Höbelt

Vor zwölf Tagen jährte sich zum 150. Male die Seeschlacht von Lissa (heutiger Name der kroatischen Insel: Vis) am 20. Juli 1866. Die k. k. österreichische Kriegsmarine besiegte damals zum Erstaunen aller die überlegene italienische Flotte. Der strahlende Sieger hieß Admiral Wilhelm von Tegetthoff, geboren 1827 im steirischen Marburg an der Drau. Sein Organisationstalent, sein Mut und seine Disziplin waren zur Legende geworden. Nach Trafalgar war Lissa die größte Seeschlacht im 19. Jahrhundert. — Anm. d. Red. 

 
Lissa ist eine Ausnahmeerscheinung: Die einzige größere Seeschlacht in dem Jahrhundert zwischen Trafalgar (1805) und Tsushima (1905), ausgefochten zwischen zwei Seemächten, die es wenige Jahre zuvor noch gar nicht gab, nach einem Wettrüsten, das beide binnen weniger Jahre auf Platz drei und vier der Weltrangliste katapultierte. 

Natürlich: es gab Zeiten, da beherrschten die Habsburger die Weltmeere, im Rahmen des Reiches, in dem die Sonne nicht unterging. Aber eine österreichische Marine, nicht eine Marine des Hauses Österreich, gab es so recht erst ab 1848. Vorher gab es eine venezianische Marine, die Österreich zwar zwischen 1797 und 1815 geerbt hatte, eine Marine, die naturgemäß weiterhin eine italienische war; erst nach 1848 entstand eine spezifisch österreichische, mit vornehmlich deutschen Offizieren und kroatischen Seeleuten. Allerdings stammten auch 1866 immer noch rund zehn Prozent der österreichischen Besatzungen aus Venezien, das zum Zeitpunkt der Schlacht formal schon einige Wochen an Napoleon III. abgetreten worden war. Das frischgebackene Königreich Italien aber schuf aus piemontesischen, neapolitanischen und toskanischen Einheiten 1860/61 dafür eine tatsächlich italienische Kriegsmarine. 

Bahnbrechende technische Neuerungen

In diesen Jahren waren auch bahnbrechende technische Neuerungen zu verzeichnen. Dampfschiffe gab es seit Jahrzehnten, doch der für Hochseeschiffe viel besser geeignete Antrieb mit Schiffsschrauben setzte sich erst um 1850 durch. Als einer der Erfinder der Schiffsschraube gilt ja auch Josef Ressel, ein gebürtiger Deutschböhme, der als Forstverwalter der Marine in Istrien tätig war. Das aufständische Venedig war 1849 noch mit Raddampfern blockiert worden. Gegen Ende der 1850er-Jahre begann man erstmals auch mit der Panzerung von Kriegsschiffen, die zu einer kuriosen Patt-Situation führte: Gegnerische Schiffe konnten einander kaum etwas anhaben, weil die damaligen Kanonen nicht imstande waren, die Panzerung zu durchschlagen. Der Rest des 19. Jahrhunderts war deshalb von einem Wettrennen gekennzeichnet zwischen Artillerie und Panzerung, zwischen immer größeren Kalibern und immer längeren Läufen mit immer höherer Mündungsgeschwindigkeit und immer höherer Durchschlagskraft auf der einen Seite, immer resistenteren Stahllegierungen und immer dickeren Panzerungen auf der anderen Seite. Doch in den 1860er-Jahren stand man noch in den Anfängen: Es galt ganz eindeutig: Die Panzerung hatte Vorrang.

Der Quantensprung der Panzerfregatten machte alle bisherigen Kriegsschiffe nahezu obsolet. Die ersten Prototypen dieser Gattung waren der englische „Warrior“ und die französische „Gloire“ – doch die alten Rivalen England und Frankreich verkehrten damals ausnahmsweise nahezu freundschaftlich miteinander. 

Wettrüsten in der Adria

Das wirkliche Wettrüsten spielte sich in der Adria ab, nicht im Kanal oder im Atlantik. Österreicher und Italiener legten im Schnitt der nächsten Jahre mindestens ein neues Panzerschiff pro Jahr auf Kiel. Italien baute nicht nur, es kaufte auch zu, z. B. in den USA. Daraus ergab sich 1866 eine zahlenmäßige Überlegenheit der Italiener, die vom Nachteil aufgewogen wurde, dass die italienische Adriaküste nur über sehr wenig gute Häfen verfügte. Die Geopolitik sprach da ganz eindeutig für die Österreicher. Ihr neuer Kriegshafen Pola verfügte innerhalb der Adria über eine zentrale Lage. Später wurde dieser Vorteil noch verstärkt durch Torpedoboote und U-Boote, die sich zwischen den dalmatinischen Inseln perfekt verstecken konnten.

In Österreich hielten sich bis vor den Krieg von 1866 gewisse Vorstellungen, man könnte die italienische Einigung vielleicht doch noch rückgängig machen. Was von Italien bleiben sollte, war das heutige „Padanien“; der Kirchenstaat und das Königreich Neapel – wo seit Jahren ein Aufstand gegen die „Nordlichter“ tobte, das sogenannte „brigantaggio“ – sollten in alter Frische wiederauferstehen. 1866 wurden diese Wunschvorstellungen dann freilich ins Gegenteil verkehrt: Um sich die wohlwollende Neutralität Napoleons III. zu sichern, versprach Österreich, Venezien abzutreten – und sich dafür vielleicht mit Schlesien schadlos zu halten. Doch dazu kam es nicht, wie wir wissen. Die Schlacht von Königgrätz ging am 3. Juli verloren. Am Tag darauf übertrug Franz Joseph die Provinz Venezien erst recht Napoleon III., trotz des Sieges bei Custozza – und hoffte (vergeblich), Napoleon werde sich auf die eine oder andere Weise erkenntlich zeigen und Österreich unterstützen. 

„Schwimmende Bügeleisen“

Das Kalkül der Österreicher ging nicht auf. Peinlich war die Situation aber auch für Italien, das Venezien nicht aus eigener Kraft erobert hatte, sondern der Großzügigkeit der Franzosen verdankte. Aus diesem Grund befahl die politische Führung dem Marinekommandanten Grafen Persano, doch wenigstens irgendetwas zu erobern, das man nicht den Franzosen verdankte. Persano entschied sich für die Insel Lissa. Unbemerkt ließ sich diese Operation nicht durchführen, weil Lissa über eine Telegraphenstation verfügte. Tegetthoff hielt die Nachricht zuerst für eine Finte, ließ sich dann aber überzeugen. Auf diese Weise haben unzählige Schlachten zu Lande begonnen: Der Feind belagerte eine Festung; die eigene Seite versuchte sie zu entsetzen. Zur See waren solche Szenarien eher selten: Viel öfter ging es da um Konvois und Kaperei. Tegetthoffs Entsatzflotte traf am 20. Juli 1866 vor Lissa ein. Zu dem Zeitpunkt war der Krieg im Norden fast schon vorbei, wenige Tage später schlossen Österreicher und Preußen Waffenstillstand. 

Blenden wir kurz zurück zur Taktik. Artilleristisch konnten die „schwimmenden Bügeleisen“, wie man die wenig eleganten Panzerfregatten nannte, einander kaum etwas anhaben. Tegetthoff griff daher auf eine Methode zurück, die im Amerikanischen Bürgerkrieg hin und wieder angewandt worden war. Wie in der Antike versuchte man, den Gegner zu rammen. In engen Küstengewässern oder Flussläufen, wo man schwer ausweichen konnte, war das eine erfolgversprechende Methode; auf hoher See weniger. Denn jedes Schiff, das einen Gegner auf sich zustürmen sah, drehte einfach bei und ließ den Rammstoß im spitzen Winkel an sich abgleiten. Deshalb traf auch bei Lissa nur ein einziger Rammstoß ins Volle: Das österreichische Flaggschiff „Erzherzog Ferdinand Max“ (benannt nach dem ehemaligen Marinekommandanten, der zwei Jahre zuvor als Kaiser nach Mexiko gegangen war) traf die „Re d’Italia“ mittschiffs – das italienische Flaggschiff sank binnen weniger Minuten. Warum? Weil die Ruderanlage der Re d’Italia aufgrund eines unglücklichen Treffers ausgefallen war, konnte das Schiff dem Stoß nicht ausweichen. Ein zweites italienisches Schiff, die „Palestro“, flog in die Luft, weil an Bord ein Brand ausgebrochen und nicht rechtzeitig gelöscht worden war.

150 Jahre her: rot-weiß-rot beflaggte Kriegsflotte vor Lissa

 
Die Fortüne der Österreicher war vom Missgeschick der Italiener begleitet: Die italienische Marine war ein Konglomerat unterschiedlicher Elemente, voll von Eifersüchteleien. Teile der Flotte verhielten sich so, als ob sie der Kampf nichts anginge. Außerdem stieg Persano kurz vor der Schlacht auf den „Affondatore“ um, das modernste und beweglichste Schiff seiner Flotte. Dieser Wechsel war nicht mehr von allen seiner Kapitäne wahrgenommen worden. Seine Signale wurden daher ignoriert. Die Italiener hatten die Schlacht mit elf, die Österreicher mit sieben Panzerschiffen begonnen. Allerdings griffen bei den Österreichern auch noch die Holzschiffe in den Kampf ein, allen voran das Linienschiff „Kaiser“, das ebenfalls Panzerfregatten zu rammen versuchte – und dabei diverse Havarien erlitt. Freilich: Beim Rammen kam es nicht so sehr auf den berühmten „Rammsporn“ an, sondern auf das Gewicht, das ausreichte, um die feindliche Bordwand einzudrücken. Die Italiener zogen sich nach den herben Verlusten zurück, auch wenn sie rein rechnerisch weiterhin zahlenmäßig überlegen waren. Schließlich war der eigentliche Zweck, der Angriff und die Landung auf Lissa, inzwischen gegenstandslos geworden. 

Grüne kritisieren Tegetthoff-Denkmal in Graz

Nach allen Regeln der Kunst war die Schlacht von Lissa ein österreichischer Sieg, ein politisch wertloser, aber ein gerade in einem verlorenen Krieg umso populärer. Zu Kaisers Geburtstag empfing Franz Joseph den dalmatinischen Matrosen, der im Vorbeifahren die Flagge des „Palestro“ als Trophäe sichergestellt hatte. In Pola fand auf dem notdürftig reparierten „Kaiser“ im September ein Ball statt. Auch bei den Österreichern gab es übrigens trotz des Erfolges eine hochnotpeinliche Untersuchung, wer sich tapfer ins Gefecht begeben habe oder wer es bei einer Kanonade auf weite Entfernung bewenden ließ. Immerhin waren von den sieben Kapitänen der österreichischen Panzerschiffe zwei gefallen, ein viel höherer Prozentsatz als bei den Mannschaften unter Deck (die Österreicher verzeichneten insgesamt nur 37 Tote). Tegetthoff – zum Zeitpunkt der Schlacht noch keine vierzig Jahre alt – wurde befördert und 1868 zum Chef der Marinesektion im Reichskriegsministerium ernannt, wo er als Reformer mit eisernem Besen einzog und allen möglichen überflüssigen und kostspieligen Ballast abwarf. Inzwischen blühten allerlei Gerüchte über seine weitere Karriere: Er solle Botschafter in Konstantinopel werden oder eine Expedition nach Ostasien anführen. Auch in der hohen Politik war von ihm die Rede. Tegetthoff saß ab 1867 im Herrenhaus: Er galt als Liberaler, aber die Liberalen waren zerstritten – und benötigten vielleicht eine Galionsfigur. 

Doch Tegetthoff starb schon im April 1871. Er erhielt in Wien am Praterstern – heute keine prime location, damals mit dem Nordbahnhof der Verkehrsknotenpunkt der Monarchie – ein Denkmal. Ein weiteres stand natürlich im Kriegshafen Pola: Mussolini hat es 1935 den Österreichern überlassen, wo es in Tegetthoffs Heimatstadt Graz eine Heimstätte fand. Dort sorgt das Denkmal, das gerade renoviert wird, 150 Jahre nach der Schlacht von Lissa für politische Unruhe: Denn Völkerverständigung von rechts – ja, derfen’s denn dös? So was lässt grüne Stadträtinnen selbstverständlich nicht ruhen.

Bearbeitungsstand: Freitag, 29. Juli 2016

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