Er führte seine Stadt in die Moderne


Julius Perathoner war der letzte deutsche Bürgermeister in Bozen

 

Von Wolfgang Schimank

Kürzlich jährte sich zum neunzigsten Mal der Todestag von Julius Perathoner, dem letzten deutschen Bürgermeister von Bozen. Perathoner war am 28. Februar 1849 in Dietenheim bei Bruneck zur Welt gekommen. Sein Urgroßvater stammte aus Wolkenstein in Gröden und fungierte als Gerichtsbeamter in Brixen. Peratoners Vater Ulrich war Steuerbeamter in Bruneck. Julius stammte aus dessen zweiter Ehe mit Julie von Klebelsberg. In Bozen besuchte Julius Perathoner die Volksschule. Er maturierte am Bozner Franziskanergymnasium, studierte an der Universität Innsbruck Rechtswissenschaften und trat nach der Promotion 1872 als Konzipient in eine Bozner Rechtsanwaltskanzlei ein. 1883 verheiratete sich der junge Rechtsanwalt mit Bertha von Mörl aus Eppan. Der Ehe entsprossen drei Söhne. 1892 wurde Julius Perathoner für die Deutschfreiheitliche Partei – sie hatte die absolute Mehrheit – in den Bozner Gemeinderat gewählt. Der die vorangegangenen fünfzehn Jahren amtierende Bürgermeister Dr. Josef von Braitenberg war zwar im Dezember 1894 wiedergewählt worden, nahm aber die Wahl nicht an und schied auch aus dem Gemeinderat aus. Damit begann Perathoners fast drei Jahrzehnte lang dauernde Bürgermeisterlaufbahn.

Bis 1918 gehörten Welsch- und Südtirol zum Habsburger Reich. Laut einer Volkszählung im Jahre 1910 betrug der Bevölkerungsanteil der Italiener in Südtirol lediglich 2,63 Prozent. Julius Perathoner setzte sich für ein friedliches Zusammenleben der deutschen, der ladinischen und der italienischen Volksgruppe ein. 

„Bozen ist eine deutsche Stadt und soll eine solche bleiben“

In seiner Antrittsrede als Bürgermeister am 15. März 1895 betonte er: „In nationaler Beziehung werde ich nicht vergessen, dass Bozen eine deutsche Stadt ist und eine solche bleiben soll. Ich werde aber ebenso im Auge behalten, dass eine Anzahl von Mitbürgern italienischer Zunge sich in unserer Stadt befindet, mit welchen die Deutschen im Frieden und im Einvernehmen leben wollen. Die Anerkennung des deutschen Charakters unserer Stadt, seitens unserer italienischen Mitbürger auf der einen Seite, die Achtung vor der durch herrliche Sprache und hervorragende Kultur sich auszeichnenden italienischen Nation andererseits sowie die beiden Volksstämmen gemeinsamen patriotischen Empfindungen haben ein glückliches Verhältnis zwischen Deutschen und Italienern in unserer Stadt geschaffen, dessen Trübung im Interesse beider Teile uns hoffentlich erspart bleibt.“

Es sollte anders kommen. Am 1./2. Oktober 1922 wurde Perathoner durch den Marsch auf Bozen durch italienische Faschisten gewaltsam aus seinem Amt entfernt. Seitdem bekleideten nur noch Italiener dieses Amt in Bozen. Der „Marsch auf Bozen“ war die Blaupause für Mussolinis Marsch auf Rom. Durch den von den italienischen Faschisten betriebenen Bevölkerungsaustausch hat sich das Antlitz Bozens dramatisch verändert. Heute sind knapp 75 Prozent der Bozner italienischer Abstammung. Nur noch jeder Vierte ist deutsch. Der Anteil der ladinischen Volksgruppe liegt bei rund 0,7 Prozent. Das erdrückende Übergewicht der Italiener spürt man als Außenstehender wenig, da in Bozen die Landesregierung mit ihren vielen Ämtern ansässig ist. Die Beamten müssen sowohl der deutschen als auch der italienischen Sprache mächtig sein. 

Eine der wichtigsten politischen Persönlichkeiten

Historisch gilt Julius Perathoner als eine der wichtigsten politischen Persönlichkeiten der Jahrhundertwende in Tirol. Sein Wirken als Bürgermeister führte Bozen in die Moderne, machte aus der Kleinstadt ein Zentrum des frühen Tourismus und gab der Stadt neue wirtschaftliche und kulturelle Impulse. Viele seiner stadtplanerischen und kommunalpolitischen Entscheidungen prägen Bozen bis heute. Zu den in Perathoners Amtszeit realisierten zahlreichen Baumaßnahmen zählen das Stadtmuseum (1905), das Theater (1913–1918), die Straßenbahn nach Gries und Leifers (1909), die Kaiserjägerkaserne (1898), die Talferbrücke (1900), die Promenaden zu beiden Seiten der Talfer (1901–1905), die Kaiserin-Elisabeth-Schule (Knabenschule 1911, heute italienischsprachige Danteschule) und die Kaiser-Franz-Josef-Schule (Mädchenschule 1908, heute Goetheschule), die Etschwerke (1898) und das neue Rathaus (1907). 1911 erfolgte die Eingemeindung der großflächigen Umlandgemeinde von Zwölfmalgreien.

Perathoners Vermächtnis des friedlichen Zusammenlebens der unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen hat sich bis heute nur ansatzweise verwirklicht. Erinnert sei an das Siegesdenkmal, das Alpini-Treffen, an italienische Orts-, Flur- und Straßennamen. In den Geschäften bekommt man fast ausschließlich Produkte zu kaufen, die nur in italienischer Sprache etikettiert sind. Vielen italienischen Boznern sind die Befindlichkeiten der Südtiroler fremd. Immer wieder heißt es „Siamo in Italia!“ (Wir sind in Italien!) Es gibt zwar Gesetze zur Gleichstellung der verschiedenen Sprachen und Volksgruppen. Diese werden von italienischer bzw. von staatlicher Seite immer wieder schlichtweg ignoriert…

Heuer, 90 Jahre nach dem Tod Perathoners, kandidierte bei der Bozner Bürgermeisterwahl übrigens der parteilose Renzo Caramaschi für den Partito Democratico. Er zog als erstplatzierter Kandidat in die Stichwahl am 22. Mai ein und wurde dort letztlich mit 55,72 Prozent der Stimmen zum Stadtoberhaupt gewählt. 

„Von der gesamten Bozner Wählerschaft unterstützen Caramaschi jedoch nur etwas mehr als 20 Prozent“, gab der Landtagsabgeordnete Andreas Pöder (BürgerUnion) nach Bekanntwerden des Ergebnisses zu bedenken, und resümierte: „Ein starker Bürgermeister sieht anders aus.“ Die Landeshauptstadt werde künftig also von einem 20-Prozent-Bürgermeister regiert. Pöder kritisierte, dass das neue Wahlgesetz dazu geführt habe, dass „die alte Stillstandskoalition aus PD und SVP wahrscheinlich mit einer wackeligen Koalition weiterhin die Stadt regieren, oder sollte man eher sagen, lähmen darf“. Pöder: „In Bozen also nichts Neues, außer vielleicht, dass künftig der ehemalige Chef einer Freimaurerloge Vizebürgermeister ist.“

Bearbeitungsstand: Freitag, 29. Juli 2016

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