Weltgeschichte aus amerikanischer Sicht


Carroll Quigley,[1] Kopp Verlag, Rottenburg, Tragödie und Hoffnung, Eine Geschichte der Welt in unserer Zeit; Titel der amerikanischen Originalausgabe: Tragedy and Hope – A History of the World in Our Time, 982 Seiten, ISBN: 978–3-86445–262-8

 

Eine Buchbesprechung von Bertram Schurian

Vor genau fünfzig Jahren ist dieses Buch in den Vereinigten Staaten erschienen und wurde Jahre später von vielen amerikanischen Rezensenten als rechtslastig abqualifiziert. Für sein Werk konnte der Autor in privilegierter Position in mehrjähriger Arbeit in den Archiven des Royal Institute of International Affairs in London und des Council on Foreign Relations in New York forschen. Sein Forschungsprojekt war ziemlich ambitiös und umfassend angelegt.

Ihm wurde 1975 vorgeworfen, er hätte mit seinen Forschungsergebnissen unbeabsichtigt einen wichtigen Beitrag zu Auffassungen der ultra-rechten politischen Bewegung in den USA und anderswo geliefert. Wer dieses Buch jedoch mit normalem Verständnis für die Schwierigkeit, historische Ereignisse richtig zu analysieren und zu deuten, liest, kann nichts dergleichen entdecken. Meiner Meinung nach liest sich das Buch redlich gut und ist in seinen Aussagen schlüssig.

Zu beachten ist jedoch, dass der Autor ein Historiker der alten Schule ist, die mehr auf den Inhalt des Geschriebenen achtet, als auf einen leicht lesbaren Satzbau. Manche Sätze sind in der deutschen Übersetzung kompliziert geraten. Dies war für mich Anleitung, auch gleiche Passagen seines Buches im Englischen aufzusuchen (Google und Internet machen es möglich), die auch kompliziert gestaltet waren. Ziemlich bedeutungsvoll ist für uns jedoch immer noch, dass Quigley US-amerikanischer Geschichtsprofessor mit hervorragender Reputation und wichtiger Berater für den Präsidenten der Vereinigten Staaten, für das amerikanische Verteidigungsministerium, für die US-Marine und die Smithsonian Institution[2] in Washington und den Vorläufer der NASA war. Seine Sicht auf die Geschichte der Welt hatte also Gewicht und politische Konsequenzen. So hat Präsident Clinton ihn als Lehrer an der Georgetown University schätzen gelernt und lobend über ihn berichtet.

Was möglicherweise zu kontroversen Interpretationen Anlass gegeben haben könnte, waren seine Erkenntnisse, dass der Aufstieg des britischen Empires Männern wie Cecil Rhodes viel zu danken hat. Cecil Rhodes war nämlich der Gründer einer Gesellschaft, sie nannte sich Round-Table-Gruppe, die auf indirekte Weise über Berichte und Forschungsergebnisse die öffentliche Meinung und auch die Politik im demokratisch regierten britischen Imperium zu beeinflussen suchte.

Teilweise gelang dies recht gut. Die Männer um Cecil Rhodes hatten einen ausgezeichneten akademischen Hintergrund und waren überzeugende Redner und Politiker/Journalisten. Dass das britische Imperium zu dem wurde, was er schließlich war, ist zum Großteil diesen Männern zu verdanken. Zumindest ist dies die Ansicht von Quigley. Interessant sind in diesem Zusammenhang auch die Aussagen im Testament von Cecil Rhodes: Für die Schaffung, Förderung und Entwicklung eines Geheimbundes soll der wahre Sinn und Zweck dessen die Ausdehnung der britischen Herrschaft in der ganzen Welt sein, die Vervollkommnung des Systems der Auswanderung aus dem Vereinigten Königreich und die Besiedlung durch britische Personen aller Länder, in denen die Lebensgrundlagen durch Energie, Arbeit und Unternehmen erreichbar sind, und vor allem die Besetzung durch britische Siedler des gesamten Kontinents von Afrika, des Heiligen Landes, des Tals des Euphrat, ganz Südamerikas, der Inseln des Pazifiks, die bisher nicht Großbritannien gehören, des gesamten malaiischen Archipels, der Küste von China und Japan, die ultimative Rückgewinnung der Vereinigten Staaten von Amerika als integraler Teil des britischen Empire, die Einweihung eines Systems der kolonialen Vertretung im Reichsparlament, das die unzusammenhängenden Mitglieder des Reiches miteinander verschweißen könnte, und schließlich die Gründung einer so großen Macht, dass Kriege unmöglich gemacht werden sowie die Förderung der Interessen der Menschheit.

Im übrigen weist Quigley auf die Tatsache hin, dass die anglo-amerikanische politische Elite gerne auf die Arbeit von Zirkeln zurückgreift (heutzutage nennt man sie „Think-Tanks“), die in ruhiger Arbeit längerfristige Perspektiven für ihr Land ausarbeiten können. Im besonderen Maße ist dies am Beispiel von Cecil Rhodes zu sehen, dem das Streben nach Profit ein wichtiges Anliegen war.

Auch in den USA gab und gibt es diese Zirkel, die teilweise im Geheimen längerfristige Ausarbeitungen machen, wie die US-Interessen gefördert und die Wirtschaftsmacht vermehrt werden kann.

Quigley machte auch eine sehr gute Analyse über die Geschichte von Russland, und warum es zu der später so gefürchteten Sowjetunion kam. Wenn man die heutige Berichterstattung über die nationalistische Phase der deutschen Geschichte hört bzw. liest und mit der Analyse des US-amerikanischen Historikers vergleicht, ist man erstaunt, wie relativ milde Quigley über Deutschland urteilt, obwohl er den Rassismus, wie er in Deutschen Reich zum Ausdruck kam, ablehnte. Seine Erzählung endet 1964.

In einem seiner letzten Kapitel „Die Neue Ära, 1957–1964“ analysiert er in kräftigen Zügen u. a. die lateinamerikanischen, die europäischen und arabischen Gesellschaften aus anglo-amerikanischer Sicht. Das letzte Kapitel „Perspektive für die Zukunft” ist meiner Meinung nach wenig aussagekräftig, weil zu diffus und zu wenig konkret. Das Buch verfügt über ein umfangreiches Namenregister, jedoch über kein Register der Quellen, was als Handicap angemerkt werden kann.

Wer sich Geschichte einmal aus anderer Sicht zu Gemüte führen will, für den ist dieses sehr umfangreiche Buch ein gut geeigneter Begleiter für trübe und regnerische Tage. 

Anmerkungen

[1] Der US-amerikanische Historiker Carroll Quigley, 1910–1977, lehrte ab 1941 an der Georgetown University in Washington D. C. Quigley, der sich auch mit den Zusammenhängen von Finanzwelt und Politik beschäftigte, richtete sein Augenmerk auf Eliten wie zum Beispiel das Royal Institute of International Affairs und den Council on Foreign Relations. Das hier besprochene Buch Tragedy and Hope, das auf über 982 Seiten die Weltgeschichte von 1913 bis 1964 zusammenfasst, ist sein Hauptwerk. 

[2] Die Smithsonian Institution, eine US-amerikanische Forschungs- und Bildungseinrichtung, war 1846 durch ein Gesetz des US-Kongresses mit Mitteln aus der Hinterlassenschaft des 1829 verstorbenen englischen Wissenschaftlers James Smithson zugunsten der Vereinigten Staaten von Amerika mit dem Auftrag „der Vermehrung und Verbreitung von Wissen“ gegründet worden.

Bearbeitungsstand: Freitag, 29. Juli 2016

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