Der deutsche Bruderzwist


Vom Wiener Kongreß 1815 bis zur Schlacht bei Königgrätz 1866

Gerald Brettner-Messler[1], Eckartschrift Nr. 223. 114 Seiten, zahlreiche Farbbilder und Landkarten; herausgegeben von der „Österreichischen Landsmannschaft“ Wien, ISBN: 978-3-902350-60-2; 9,20 EUR

 

Eine Buchbesprechung von Bernd Stracke

Was mancher Gymnasiast im Geschichtsunterricht über die Zeit zwischen 1815 und 1866 wohl nur in groben Zügen (wenn überhaupt) mitbekommen hat, lässt sich in diesem Kompaktwerk bündig zusammengefasst nachlesen, nachstudieren, nachvollziehen und letztlich auch in seiner ganzen Tragik verstehen.

Der Autor steigt mit seinen Betrachtungen zur Jahresmitte 1815 ein, als der 1814 begonnene Wiener Kongress ins Finale ging. Nach der Niederlage Napoleon Bonapartes hatten Vertreter aller bedeutenden Mächte Europas (mit Ausnahme des Osmanischen Reiches) unter der Leitung des österreichischen Staatskanzlers Klemens Wenzel Lothar Fürst Metternich eine Neuordnung Europas inklusive der Neufestlegung zahlreicher Grenzen vorgenommen. Die führenden Rollen spielten Russland, das Vereinigte Königreich, Österreich, Preußen sowie das wieder hergestellte Königreich Frankreich. Die deutschen diplomatischen Fragen wurden angesichts ihrer Komplexität und ihres Umfangs im Kongressverlauf getrennt von den übrigen europäischen Angelegenheiten beraten.

Die Schaffung des Deutschen Bundes in der Nachfolge des 1806 aufgelösten Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation war Metternichs unbestrittenes Werk. Dieser Bund war bekanntlich kein neuer Gesamtstaat, sondern nur eine mehr oder weniger lose Vereinigung einzelner Staaten, die nicht einmal alle von deutschen Fürsten beherrscht wurden, sondern in der auch einige fremde Regenten mitzureden hatten.

Die auf den Wiener Kongress folgenden Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts waren von teilweise unglaublich komplexen Manövern gekennzeichnet, in denen von den einzelnen Playern meist profane Macht- und Wirtschaftsinteressen verfolgt und raffinierte politische Schachzüge vollzogen wurden, wobei es zu temporären Allianzen und immer wieder zu Kriegen, z. B. den beiden Deutsch-Dänischen Kriegen[2], sowie immer wieder zu Beinahe-Kriegen kam, bis letztlich in der Schlacht von Königgrätz die Niederlage für Österreichs Nordarmee unter Ludwig von Benedek am 3. Juli 1866 das Ausscheiden Österreichs aus dem Deutschen Bund brachte und 1871 die Einigung der deutschen Fürstentümer zum Zweiten Deutschen Reich mit der Kaiserkrone für die Hohenzollern – ohne Österreich – erfolgte.

Die Ereignisse dieser hochinteressanten und ihre Auswirkungen bis heute zeitigenden Epoche hat der Autor gekonnt aufgeschlüsselt und in logische Abfolgeketten geordnet. Immer wieder weist der Autor dabei auch auf die entzweiende Rolle Otto von Bismarcks hin (er hatte u. a. am 8. April 1866 ein geheimes und gegen Österreich gerichtetes dreimonatiges Angriffsbündnis mit Italien geschlossen), von dem wir ein bisher vielleicht allzu einseitig positives Bild als dem „Eisernen“ und dem Schöpfer des in Grundzügen aktuell noch immer gültigen Sozialversicherungssystems hatten. 

Die Ursache des Preußisch-Österreichischen Krieges von 1866 lag in den Spannungen zwischen den Mächten Preußen und Österreich, die im Kampf um die Vorherrschaft im Deutschen Bund immer größer wurden. Den endgültigen Anlass zum Krieg gab der Konflikt um den Besitz der von Österreich und Preußen gemeinsam verwalteten Herzogtümer Schleswig und Holstein nach dem Deutsch-Dänischen Krieg. 1865 konnten die Gegensätze zwar noch einmal mit der Gasteiner Konvention überwunden werden (Österreich beschränkte sich da auf die Verwaltung von Holstein), aber als Preußen entgegen den Bestimmungen dieses Abkommens Holstein besetzte, beantragte Österreich die Mobilmachung des deutschen Bundesheeres. Darauf trat Preußen aus dem Deutschen Bund aus und erklärte am 19. Juni 1866 Österreich den Krieg.

Der tiefe Riss zwischen den Gegnern Preußen und Österreich, die anfangs zeitweilig ja noch miteinander koaliert hatten (1853 war zwischen Österreich und Preußen sogar ein Handelsvertrag geschlossen worden; siehe Seite 42) und die eigentlich nie Gegner hätten werden dürfen, offenbarte sich im „Augenblick der Wahrheit“ in den jeweiligen Verbündetenlisten: Hie die Königreiche Preußen und Italien, die Großherzogtümer Mecklenburg-Schwerin, Mecklenburg-Strelitz und Oldenburg, die Herzogtümer Anhalt, Braunschweig, Sachsen-Altenburg, Sachsen-Coburg und Gotha, die Fürstentümer Lippe-Detmold, Schwarzburg-Sondershausen und Waldeck-Pyrmont sowie die Freien Hansestädte Bremen, Hamburg und Lübeck. Und auf der anderen Seite das Kaisertum Österreich, die Königreiche Bayern, Sachsen, Württemberg und Hannover sowie die Großherzogtümer Baden und Hessen-Darmstadt, das Kurfürstentum Hessen-Kassel, die Herzogtümer Nassau und Sachsen-Meiningen, die Fürstentümer Schaumburg-Lippe und Reuß-Greiz sowie die Freie Stadt Frankfurt. 

Zum Entsetzen Napoleons III., der gehofft hatte, dass beide Parteien in einem langen Krieg verbluten würden und Frankreich am Ende die Schlachtfelder betreten könnte, um mit relativ geringem militärischem Aufwand Europa in seinem Sinne zu ordnen, war der deutsch-österreichische Bruderkrieg dann schon am 3. Juli 1866 mit der Schlacht bei Königgrätz, eine der großen Massenschlachten des 19. Jahrhunderts, militärisch entschieden.

Mit dem vorliegenden Band 223 ihrer Eckartschriften setzt die Österreichische Landsmannschaft in Wien einen weiteren Meilenstein in ihrer beachtlichen Publikationsreihe.

Anmerkungen

[1] Der Autor, Mag. phil. Dr. phil. Gerald Brettner-Messler, Jahrgang 1969, absolvierte das Studium der Geschichte (mit einer Fächerkombination aus Rechtsgeschichte, Osteuropäischer Geschichte, Zeitgeschichte und Politikwissenschaft) an der Universität Wien und erhielt für seine Dissertation „Richard Riedl – ein liberaler Imperialist“ den Ludwig-Jedlicka-Gedächtnispreis (Förderpreis). Seit 2003 ist Brettner-Messler wissenschaftlicher Mitarbeiter der Landesverteidigungsakademie. Zudem fungiert er als freiheitlicher Bezirksrat in Wien mit dem Zuständigkeitsbereich Kulturkommission.

[2] Auf Seite 69 geht der Autor in Wort und Bild auf das Seegefecht bei Helgoland ein, zu dem es 1864 während des Deutsch-Dänischen Krieges in der Nordsee zwischen den Seestreitkräften Preußens bzw. Österreichs und denen Dänemarks gekommen war. Der österreichische Befehlshaber Wilhelm von Tegetthoff (vgl. Lothar Höbelt in Genius 2016-7+8 „Muss Sieg bei Lissa werden“) brach das Gefecht ab, nachdem sein Flaggschiff in Brand geraten war, und zog sich mit seinem Geschwader in den Schutz der neutralen Gewässer von Helgoland zurück, das damals zu Großbritannien gehörte. Obwohl das Gefecht mit einem taktischen dänischen Sieg endete, hatte es keinen Einfluss mehr auf den Verlauf des Krieges. Bereits am 12. Mai trat ein allgemeiner Waffenstillstand in Kraft, und Dänemark hatte den Krieg verloren. Dies war das letzte offene Seegefecht, das mit Holzschiffen ausgetragen wurde, und zugleich das letzte, an dem Dänemark beteiligt war.

Bearbeitungsstand: Donnerstag, 29. September 2016

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