Die Verstaatlichung unserer Kinder


Von Gerulf Stix

Indem die Ganztagsbetreuung unserer nachwachsenden Generationen mehr und mehr dem Staat überlassen wird, müssten eigentlich die Alarmglocken schrillen. Die sich anbahnende Verstaatlichung unserer Kinder läutet das Ende unserer (noch) einigermaßen freiheitlichen Gesellschaft ein. Frau Stefanie Holzer bringt es drastisch auf den Punkt: „Die Zeit, die Kinder in der Familie verbringen, soll möglichst verkürzt werden. Bald nach der Geburt gehören die Babys in die Krippe. Dann in den Kindergarten… Und nahtlos vom Ganztagskindergarten geht das Kindlein heutzutage in die Ganztagsschule.“[1] Diese Entwicklung weist gleich mehrere beunruhigende Perspektiven auf. Eine zwar gesellschaftspolitisch eher noch harmlose, dafür jedoch gesundheitspolitisch bedenkliche Perspektive betrifft die zu üppige Ernährung und die Bewegungsarmut. Das Thema „dicke Kinder“ klammern wir heute hier aus. Hingegen seien vorweg einige kritische Anmerkungen zur Bewegungsarmut gestattet.

Erziehung zu Stubenfliegen

Insgesamt gesehen ist das, was mit unseren Kindern geschieht, ein Trauerspiel. Einmal abgesehen davon, dass es viel zu wenige Kinder gibt[2], muss man leider feststellen: Der gesellschaftspolitische Trend geht dahin, unsere Kinder zu Stubenfliegen zu erziehen. Auf die familienpolitische Frage wird hier noch einzugehen sein. Bleiben wir zunächst bei der „Erziehung zu Stubenfliegen“.

Früher gingen die Kinder zu Fuß zur Schule; oft einige Kilometer weit und das nicht überwiegend auf Asphaltstraßen bzw. ‑wegen. Heutzutage gibt es die Schulbusse oder die Kinder werden in Privatfahrzeugen transportiert. Das gilt für die meisten Kinder. Gleichzeitig wird über die Bewegungsarmut der Kinder geklagt! Früher konnten sich die Kinder am Nachmittag sozusagen austoben, mit Spielkameraden ihre eigenen Erfahrungen sammeln. Heute bemühen sich die tonangebenden Bildungspolitiker, möglichst rasch eine flächendeckende Ganztagsschule zu errichten. Frau Bildungsministerin Sonja Hammerschmid (SPÖ) möchte die 750 Millionen €, die bis 2025 (!) in den Ausbau der Ganztagsschulen fließen sollen, am liebsten direkt an jene Schulen auszahlen, die sich dafür bewerben[3]. Einig sind sich beide Parteien, dass der Zug in Richtung Ganztagsschule abgefahren ist; auch darüber, dass und wie die € 750 Millionen ausgegeben werden sollen. Die FPÖ besteht auf Wahlfreiheit für die Eltern, ob sie die Ganztagsbetreuung wollen oder nicht. 

Insgesamt ändert sich nichts an der gesellschaftlichen Entwicklung, dass unsere Kinder von einer Stube in die nächste geschleppt werden – von früh bis abends. Gleichzeitig wird über Bewegungsarmut geklagt, über zu wenige Turnstunden und last not least über nachlassende Sportbereitschaft. Allgemein beklagen z. B. die Touristiker, dass die meisten Kinder nicht mehr Schifahren lernen. Aber wer stoppt denn die schier unerträglichen Kosten dafür bei den Familien? Andererseits gibt es ein vom Bund gesponsertes „Netzwerk zur Bewegungsförderung“, von dessen bescheidenen Mitteln ca. € 200.000 jährlich „nach Indien, Bhutan oder den Libanon“ fließen![4] Glücklicherweise gibt es positive Ausnahmen hinsichtlich der Sportbereitschaft von Eltern und Kindern, aber diese bestätigen die Regel. Je nach herangezogener Statistik machen die Ausnahmen nur unter oder über 20 % aus. Mehr als Dreiviertel aller Kinder und Jugendlichen versacken in Bewegungsarmut.

Bei dieser Entwicklung spielt zugegebener Maßen unsere zunehmend städtische Zivilisation eine enorme Rolle. Zweidrittel der Bevölkerung leben gegenwärtig in einer Groß- oder Kleinstadt. Ausgesprochen ländliche Gebiete entvölkern sich. Einer der Nachteile dieser Entwicklung ist, dass unsere Kinder praktisch zu Gegenständen von Transport und Aufbewahrung werden. Für künftige Generationen und für die Gesundheitspolitik verheißt das nichts Gutes.

Ärger noch aber ist die bildungspolitische „Konditionierung“ der heranwachsenden Generationen.

Die Verstaatlichung der Kinder

Wer ein autoritäres System – gleich welcher politischen Einfärbung – anstrebt oder damit liebäugelt, wird die im Gange befindliche bildungspolitische Entwicklung begrüßen. Der frühe Beginn des Kindergartens ab dem vollendeten 2. Lebensjahr, der verpflichtende Kindergartenbesuch für die Vier- und Fünfjährigen („Vorschule“) und danach eine jahrzehntlange Ganztagsschule bedeuten inhaltlich eine „Konditionierung“[5] für ein „von oben“ staatlich gesteuertes Leben. Mit freiheitlichen Vorstellungen über eine Gesellschaft von selbstständig denkenden und eigenverantwortlich handelnden Menschen hat das nur mehr wenig zu tun! Die heranwachsenden Kinder und Jugendlichen werden außerhalb ihrer Familien im gesamten Tagesverlauf durch Fremdbestimmung geprägt. Diese durchgängige Fremdbestimmung geht ganz überwiegend von staatlichen Einrichtungen aller Art aus. Fast immer ist es irgendwie die staatliche Autorität, die das Sagen hat. So nimmt es nicht wunder, wenn das Tauziehen in der Politik um die Bestellung und Kontrolle der Lehrpersonen sowie um die Vorgabe und Steuerung der Lehrinhalte endlos weitergeht. So schön das Wunschziel von Bundesministerin Sonja Hammerschmid (SPÖ) klingt, wonach an den Schulen „mehr Autonomie“ eingeführt werden soll, so schwach bleibt die Hoffnung, dass die Gängelung durch „die Obrigkeit“ wirklich aufgeweicht wird. 

Indoktrinierung

Machen wir uns nichts vor, zu allen Zeiten hat es mehr oder weniger erfolgreiche Versuche gegeben, den Menschen von Kindesbeinen an zu indoktrinieren. Ob das die Kirchen oder die Landesherren oder die Parteien oder andere Gemeinschaften waren, hat je nach den Zeitverhältnissen gewechselt. Neu im Unterschied zu früher ist jedoch, dass nunmehr praktisch die gesamte Kindheit und Jugendzeit und zugleich der ganze Tagesablauf von der „öffentlichen Hand“ bestimmt wird. Ausgebootet werden Familie und Nachbarschaft. Aller Erfahrung nach war Vielheit stets ein brauchbarer Nährboden für die mögliche Entfaltung von Freiheit in allen ihren Erscheinungsformen. Hingegen bedeutet die gesetzlich erzwungene Einschnürung der Kinder und Jugendlichen von früh bis spät in ein schulisches Korsett praktisch das Ende für viele Wahlmöglichkeiten, also für Freiheiten. Das ist ein schwerwiegendes Grundsatzproblem!

Nur als Beispiel dafür soll ein Aspekt der Ganztagsschule betrachtet werden. Durch die ganztätige „Betreuung“ wird es den Kindern bzw. Jugendlichen und deren Eltern praktisch unmöglich gemacht, von sich aus bestimmte andere Aktivitäten auszuüben. Gleichgültig ob das Basteln oder Turnen, Wandern, Bienenzucht oder auch Weltanschauungsgemeinschaften betrifft, all das wird sehr erschwert oder gar unmöglich gemacht. Die Leidtragenden sind alle außerschulischen Vereine o. ä. sowie natürlich die Eltern als die eigentlichen Erziehungsberechtigten. Deshalb ist es nur folgerichtig, dass von Seiten der freiheitlichen Bildungs- und Familienpolitik ständig mehr Wahlmöglichkeiten und gegenüber dem schulischen System mehr Wahlfreiheiten eingefordert werden. Dieser Ruf darf nicht erlahmen!

Arbeitswelt und erwerbstätige Mütter

Auch bei der ganztägigen „Betreuung“ der Kinder und Jugendlichen spielt eine allgemein zu beobachtende Entwicklung in der Gesellschaft eine wichtige Rolle. Gemeint ist die Arbeitswelt. Die massiv betriebene Einbeziehung der jungen Frauen und gerade auch der Mütter unter ihnen in das arbeitsteilige Wirtschaftssystem mit oft langen Anfahrten zum Arbeitsplatz und strikt einzuhaltenden Arbeitszeiten zwingt gerade Mütter dazu, ihre Kinder tagsüber in andere Hände zu geben. Kindergarten und Ganztagsschule werden da häufig als willkommene Möglichkeiten wahrgenommen. Angesichts des hautnah zu verspürenden Druckes auf die Mütter wird dann die ganz andere Gefahr, die durch die Verstaatlichung der Kinder entsteht, unterschätzt oder gar nicht gewertet. Leider unterstützt die gesellschaftliche Entwicklung auch hier den schulpolitischen Trend zur Verstaatlichung der Kinder. 

Viele Mütter leiden unter dieser Situation. Gerade deswegen streben sie sehr oft nach Teilzeitarbeit.[6] Dass dadurch auch die Vergleiche zwischen den durchschnittlichen Löhnen bei Frauen und Männern verzerrt werden, sei nur nebenbei erwähnt. Schlimmer ist, dass als „gesellschaftspolitische Antwort“ auf die vielen Teilzeit-Jobs bei Frauen oft verlangt wird, Frauen müssten eben viel mehr in Vollzeitbeschäftigung gebracht werden. Mit diesem Verlangen geraten wir mitten in die umstrittene Familienpolitik. Zuvor aber noch ein ökonomischer Gesichtspunkt.

Wird nicht angesichts der fortschreitenden Roboterisierung in Zukunft ganz allgemein große Arbeitslosigkeit befürchtet? Äußern derzeit nicht sogar auffallend viele Fachjournalisten und hochrangige Wirtschaftsexperten große Sorgen über diese Entwicklung? Wie immer man diese auch bewerten mag, so sticht doch der eklatante Widerspruch zwischen einerseits dieser Zukunftsangst und andererseits dem unentwegten Ruf: „Mehr Frauen in den Vollerwerb!“ ins Auge. Weitaus logischer wäre es doch, wenigstens die Mütter bzw. Frauen, die Kinder zu versorgen haben, aus dem arbeitsteiligen Erwerbsleben herauszunehmen! Selbstverständlich müssten Vorkehrungen getroffen werden, diese Frauen und ihre Familien nicht in die Armutsfalle rutschen zu lassen. J. Liminski schreibt dazu „Alleinstehende mit Kindern und kinderreiche Familien (stehen) in den Armutsrankings seit Jahrzehnten ganz oben.“[7] Mit diesem Thema sind wir nun wiederum bei der Familienpolitik angekommen. 

Die „normale Familie“ als Auslaufmodell? 

Der Zeitgeist weht der normalen Familie ins Gesicht. Rot-grünen Politikern geht es mehr um die absolute Gleichstellung „der Frauen“ als um den Schutz der Mütter. Auf der Gegenseite pflegen betont konservative Kreise ein Familienbild, das heute nicht mehr zum Selbstverständnis der aufgeklärten, gut ausgebildeten jungen Frauen passt. Sie wollen vielfach einen eigenen Beruf, Unabhängigkeit von „den Männern“ und später eine eigene Rente. Das Kinderkriegen und die Aufzucht von Kindern stehen solchen Ambitionen im Wege. In dieser Mentalität unterstützen außer gleichgesinnten Politikerinnen und Politikern insbesondere die rot–grünen Medien die jungen Frauen. Und die Zeitverhältnisse scheinen ihnen Recht zu geben. Damit sei erstens nichts gegen jene tüchtigen Frauen gesagt, denen das Schicksal den Wunsch nach eigenen Kindern verwehrt. Sie verdienen unseren Respekt. Zweitens darf und soll nicht an der rechtlichen Gleichstellung von Mann und Frau gerüttelt werden. Sie entspricht entgegen allen Einflüssen aus dem Orient auch dem Geist unserer frühen Vorfahren. Aber Gleichberechtigung heißt nicht Gleichheit von Frau und Mann!

Gegen die herrschenden Zeitverhältnisse stehen zeitlose biologische Tatsachen. Männer können nun einmal keine Kinder gebären. Dieses Faktum bringt auch die mitunter absurde Diskussion um das Adoptivrecht für Homo-Paare nicht weg. Frauen, die im Durchschnitt zwei bis drei Kinder in die Welt setzen, sind für die Zukunft eines jeden Volkes schlicht und einfach unentbehrlich. Wer das abtut oder für unwichtig erklärt, betreibt Realitätsverweigerung. Nicht ohne Grund schrieb Sarrazin sein Buch „Deutschland schafft sich ab“.[8] Erfreulicherweise zeigen viele Umfragen, dass in der Bevölkerung ungeachtet aller widrigen Zeitumstände der starke Wunsch nach einem ganz normalen Familienleben mit Vater, Mutter und Kindern lebt.[9] Dieser Wunsch besteht trotz all der Schwierigkeiten, die das gegenwärtige Wirtschaftsleben, die praktizierte Politik und der herrschende Zeitgeist den Familien bereiten. Die normale Familie mit Mutter, Vater und mehreren Kindern ist quer durch alles Auf und Ab der Politik der nachhaltige Garant für den Zusammenhalt der Gesellschaft über die Generationen hinweg. Die Familien bilden eine nachhaltige Struktur im Volksleben. Volk beginnt nämlich da, wo man die eigene Verwandtschaft nicht mehr kennt. Wer systematisch „die Familie“ zerstört, zerstört in Wahrheit das Volk – genauer gesagt: alle Völker. „Die Gesellschaft“ ist nichts ohne die Familie. 

Vor uns steht eine gigantische Aufgabe. Nicht nur gilt es, dem vorherrschenden Zeitgeist zu widerstehen, es muss auch unsere gesamte moderne Zivilisation in eine neue Harmonie mit den biologischen Grundtatsachen gebracht werden. Das betrifft in besonderem Maße unsere Art des Wirtschaftens. Das herkömmliche Arbeitsleben entspricht nicht den langfristig nachhaltigen Lebenserfordernissen. Wir brauchen also nicht mehr und nicht weniger als eine neue Gesellschaftspolitik.

Anmerkungen

[1] Gastkommentar in der „Tiroler Tageszeitung“ vom 9. Oktober 2016

[2] Hinsichtlich der Geburtenfreudigkeit bei Migranten in Deutschland und Europa ist hier das Lesestück Nr. 5 von Stefan Luft über die „Kettenwanderung“ im heutigen Genius-Brief zu beachten.
Wie drastisch sich die viel zu niedrige Geburtenzahl bei den einheimischen Frauen einerseits und die hohe Geburtenrate bei den Einwanderern andererseits auswirkt, stellt Herbert Vonach in seiner „Bevölkerungsprognose für Österreich“ dar. Vgl. die Buchbesprechung als Lesestück Nr. 9 im Genius-Brief September–Oktober 2014. 

[3] Vgl. „Der Standard“ vom 5. Oktober 2016, Seite 7.

[4] Vgl. „Die Presse“ vom 5. November 2016, Seite 13.

[5] Vgl. John Kenneth Galbraith, „Anatomie der Macht“, deutsch im Bertelsmann Verlag, München 1987.

[6] Vgl. Stefan Fuchs, „Die Erfolgsgeschichte der Teilzeit-Jobs“, Genius-Brief März–April 2012.

[7] Vgl. „Eltern werden enteignet“ In „Junge Freiheit“ vom 30. September 2016, Seite 13.

[8] Vgl. Volkmar Weiss, „Sarrazin – das Buch eines mutigen Mannes macht Furore“, Genius-Brief September–Oktober 2010.

[9] Vgl. Barbara Rosenkranz, „Wie die Anti-Familienpolitik scheitert“, Genius-Brief Juli–August 2014.

Bearbeitungsstand: Freitag, 25. November 2016
 
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