Narrenhände beschmieren Tisch und Wände


Graffiti und andere Sachbeschädigungen nehmen ungeahnte Ausmaße an 

 

Von Bernd Stracke

Herkunft und Entstehung des Volksspruches „Narrenhände beschmieren Tisch und Wände“ sind unbekannt, doch dürfte das geflügelte Wort schon im Mittelalter verwendet worden sein.[1] Die „moderne“ Graffiti-Unsitte nahm ihren Ausgang in den 60er-Jahren in New York. Sie breitete sich rasch auf der ganzen Welt aus. Längst gibt es einen eigenen Jargon, eigene „Regeln“, Rangordnungen und ein umfassendes „Fachvokabular“.[2] Das Schadensumfeld reicht weit über die Spray-Verschmierungen hinaus und umfasst eingeschlagene Scheiben, zerkratzte Autos, verklebte Ticketautomaten, verdreckte, verkotete (!) und aufgeschlitzte Sitzpolsterungen, umgestülpte Müllbehälter, zerstörte Beleuchtungen in Unterführungen, ausgerissene Blumen, demolierte Blumentröge und verbogene Verkehrszeichen. Die „Palette“ ist schier unendlich groß. 

Unendlich groß – einige Beispiele

Ausgerechnet das Nordtor der Innsbrucker Polizeidirektion beschmierte ein dreister „Künstler“ mit einem Graffito. Beamte der Polizeiinspektion Saggen entdeckten die Buchstabenkombination „ACAB“ auf dem Tor. Hinter der Abkürzung verbirgt sich der Satz: „All Cops Are Bastards“. 

In Reutte besprühten Graffiti-Schmierer am Bahnhof drei Lokomotiven. Aus den Fußspuren ergab sich, dass zwei bis drei Täter am Werk waren. Spraydosen wurden sichergestellt.

Mit einem roten Bau-Markierungsspray, den sie aus einem Fahrzeug gestohlen hatten, wüteten Unbekannte in Neustift im Stubaital. Sie besprühten Verkehrstafeln, Fenster und Reklame. Der Schaden beträgt mehrere tausend Euro.

Mehrere Wände und vier Gondeln der „Eggalm Bahnen“ in Tux wurden mit 26 Graffitis versehen, weiters wurden in Tux eine Hauswand und ein Baucontainer besprüht. 

Einen Vandalenakt in Nußdorf-Debant klärte die Lienzer Polizei. Drei 15-Jährige hatten nachts zwei Autos und mehrere Hausfassaden mit gelben, grünen und orangen Lackfarben besprüht.

Mit 15 Farbkugeln wurde das Innsbrucker Kaufhaus Tyrol „bombardiert“. Der Schaden geht in die Zigtausende. Ein „Hermann H.“ meldete sich mit Bekennerschreiben. Bereits Jahre zuvor war das Wasser im Brunnen mehrmals eingefärbt worden, einmal bildete sich ein riesiger Schaumteppich. 

Ein 17-jähriger Serbe und ein 19-jähriger Österreicher wurden von der Kufsteiner Polizei überführt. Unter fünf besprühten Autos war ein Streifenfahrzeug der Polizei, weiters wurden Hausfassaden, Gartenzäune, Fahrbahnen, Auslagen, Zigarettenautomaten, Parkbänke und Plakatwände großflächig mit Lackspray „behandelt“. Die Beamten sicherten Farbrückstände an Händen und Kleidung der nicht geständigen Burschen. Sie wurden auf freiem Fuß angezeigt. Die Schadenshöhe ist fünfstellig. 

In den Innsbrucker Stadtteilen Dreiheiligen, Saggen, Pradl und in der Innenstadt hinterließen Schmierer ihre Handschrift auf Hausmauern, Wänden, Verkehrszeichen und Ampeln. Aufgrund wiederkehrender Merkmale („Signaturen“ mit den Buchstaben CTS) erwischte eine MÜK-Streife zwei 16-jährige Lehrlinge und einen 18-jährigen Arbeitslosen auf frischer Tat. Den Geständnissen zufolge hatte das Trio innerhalb weniger Monate 190 Graffiti produziert. 

Ein wegen 16 Spraylack-Taten (besprühte Schutzmatten, Parkscheinautomaten, Straßenlaternen und Gasregelstationen sowie ein „verzierter“ Pkw) Angeklagter blieb dem Gericht fern und wurde in Abwesenheit zu einer lächerlichen Geldstrafe von 1.440 Euro verurteilt, während die Stadt Innsbruck, die Rettung, die Innsbrucker Kommunalbetriebe, die Tigas und Wohnbaugesellschaften allein durch diesen Schadenszyklus Schäden von vielen tausend Euro erlitten. 

Anhand einer Videoaufzeichnung war rekonstruierbar, dass kürzlich zwei Vermummte um drei Uhr früh Farbbeutel auf die ÖVP-Zentrale in Linz warfen. Glas-Eingangstür und Fassade waren blau befleckt, Hammer und Sichel in rot auf die Wand gemalt. Es sei „ganz klar eine politisch motivierte Tat“ konstatierte die Polizei, weswegen „vor allem im linksextremen Milieu“ ermittelt werde. VP-Landesgeschäftsführer Wolfgang Hattmannsdorfer gab sich kämpferisch: „Wir lassen uns sicher nicht einschüchtern und werden weiterhin die Probleme in diesem Land offen ansprechen, insbesondere im Bereich Sicherheit, Integration und Asyl.“

Die Täterschaft ist laut Polizei überwiegend männlich. Drei in Telfs ertappte 15- bzw. 16-jährige Mädchen und zwei im Osttiroler Nussdorf-Debant „aus Langeweile“ sprayende junge Damen bilden eher Ausnahmen. 

Nicht immer treten Täter nur einzeln oder in kleinen Gruppen auf, sondern mitunter sogar in (zumindest behaupteter) gewaltiger „Kampfstärke“. So die „161. Farbbeutel Brigade Wien-Donaustadt“, mit der es die Veranstalter der „Blauen Ballnacht“ in Wien zu tun bekamen. Nun, eine „echte“ Brigade besteht aus fünf bis sechs Bataillonen, die ihrerseits wieder jeweils zwischen 300 und 1.200 Mann stark sind. Wie das kritische Internet-Magazin „Unzensuriert“ berichtete, geht es der „Farbbeutelbrigade“, wie sie auf ihrer Internetseite www.linksunten.indymedia.org prahlte, offenbar nur um das blindwütige Anrichten von Schäden: Die Fassade des Veranstaltungslokals, eines Chinarestaurants, war mit dem Schriftzug „Kein Raum für Nazis“ versehen worden.

Ein trauriges Lied kann diesbezüglich auch die Alternative für Deutschland (AfD) singen: Unzählige Male wurden in der erst kurzen Parteigeschichte AfD-Büros und Privatunterkünfte von Funktionären angegriffen. Zuletzt war wieder – schon zum vierten Mal in diesem Jahr – die AfD-Geschäftsstelle in Unterhaching (Bayern) an der Reihe: Die Scheiben wurden mit Pflastersteinen eingeworfen, Räume verwüstet, die Fassade mit Parolen und roter Farbe besprüht, tausende Euro Schaden. Kurz nach der Attacke, gegen 3.45 Uhr, griff die Polizei in unmittelbarer Nähe drei „dringend tatverdächtige“ Männer auf. Näheres war bei Redaktionsschluss noch nicht bekannt. 

Von Medien und öffentlicher Hand befeuert

Die Beschmierungs-, Beschädigungs- und Zerstörungswut erreichte in den letzten Jahren astronomische Dimensionen. Immer öfter muss sich die Justiz mit dem Thema befassen (Sachbeschädigung!) – lässt aber allzu oft seltsame Milde walten. Psychologen, Medien und die öffentliche Hand bis hin zur Europäischen Union befeuern durch Zusprüche, Relativierungen und Förderungen das – eher nur in seltenen Fällen zu Recht – zur „Kunst“ hochstilisierte Geschehen. 

Wenn Jugendorganisationen „Graffiti-Workshops“ veranstalten, geht es angeblich darum, dass „sich junge Menschen künstlerisch ausdrücken können und das auch im Rahmen des Erlaubten ausüben“, so der Tiroler Gewerkschaftsjugendsekretär Manuel Unterkircher, der sich bei einem derartigen „Workshop“ unter dem Motto „Unsere Zeit, unsere Kunst und unsere Zukunft“ von den – erlaubten und gewünschten – Zeichnungen an den Mauern des Volkshauses beeindruckt zeigte.

Der Schritt vom legalen zum illegalen Beschmieren ist oft nicht weit.

„Legale“ Graffiti-Aktionen stellen aber nach Ansicht mancher Psychologen in Wahrheit die „Einstiegsdroge“ für spätere illegale Spray-Aktionen dar. Das hindert den Tiroler „Jugendland“ Geschäftsführer Dr. Reinhard Halder (vor etlichen Jahren hatte das Jugendland unter seiner Obmannschaft einen spektakulären Millionenflop zulasten des Steuerzahlers hingelegt) nicht daran, in Kooperation mit dem „Innsbrucker Ferienzug“ (einer Veranstaltungsreihe der Stadt Innsbruck) und dem „Teen Express“ (für alle 13–17Jährigen, die dem Ferienzug entwachsen sind) regelmäßig „Innsbrucks größte Straßenmalaktion“ namens „Paint the street“ zu veranstalten. Die Kosten für den Event, der unter der Flagge der Tiroler Jugendhilfe und der Zuständigkeit der grünen Landesrätin Christine Baur segelt, tragen fast zur Gänze das Land Tirol und die Gemeinden. Publiziert muss das Ganze natürlich auch noch werden. So kommt das Thema Graffiti, wohl mangels sonstiger Themen, zu Aufmacherehren in „Inns’bruck informiert“, der steuergeldfinanzierten Selbstbeweihräucherungspostille der Innsbrucker Bürgermeisterin Christine Oppitz-Plörer. 

Was Graffiti anlangt, lässt sich auch die Europäische Union nicht lumpen: Im Rahmen eines von der EU geförderten Programms „Jugend in Aktion“ nahmen, so ist in einem Gratisblatt zu lesen, 40 Jugendliche aus Nord- und Südtirol, Wien, Deutschland, Israel und Palästina an Graffiti-Workshops teil. ÖVP-Jugendlandesrätin Beate Palfrader sieht in der Aktion einen Beitrag zur Völkerverständigung. 

Graffitiworkshops natürlich auch für Refugees

Nachwuchssorgen braucht die Sprayerszene nicht zu haben: Die für die Stadt Wien und in enger Kooperation mit der Magistratsabteilung 13 (Fachbereich Jugend) tätige Plattform „Wienxtra – Jugend in Wien“ wirbt Jugendliche bis 18 Jahre für Gratis-Graffiti-Workshops an (die natürlich besonders im „SchülerStandard“ beworben werden). Da aber vielleicht trotz alledem der heimische „Künstler“-Nachwuchs nicht ganz ausreicht, tritt auch noch die NGO „Flucht nach vorn“ auf den Plan. Dieser für begleitete und unbegleitete Jugendliche mit Fluchthintergrund tätige Verein tritt im Internet als Graffiti-Workshop-Veranstalter für seine Klientel auf. Die Freizeitaktivitäten sollen – so Obfrau Anahita Tasharofi und ihre Stellvertreterin Mahsa Ghafari – gegen Depressionen und posttraumatische Belastungserscheinungen helfen. Partner und Unterstützer von „Flucht nach vorn“ sind u. a. das Integrationshaus, SOS Mitmensch, der Verein Ute Bock, die Österreichische Hochschülerschaft und der Kunstsozialraum Brunnenpassage für Menschen unterschiedlicher Herkunft.

Wegen Hofer-Pickerl: Auto zerkratzt

Plakate von FPÖ-Kandidaten bleiben oft nur wenige Stunden lang unversehrt. Von demokratischen Spielregeln eines fairen politischen Wettbewerbs halten nächtens vazierende Spray-, Kratz- und Überklebetrupps wenig. Selten genug werden Täter auf frischer Tat ertappt wie jene vier Studenten im Alter von 22 bis 27 Jahren, die in Innsbruck Wahlplakate zerstörten. Die Intellektuellen, die „tatgegenständliche Utensilien“ bei sich trugen, waren einer Polizeistreife aufgefallen. Sicher ist es Zufall, dass heuer besonders krasse Fälle von Wahlplakat-Vandalismus nicht nur in Götzens (Tirol), sondern auch just in Gries am Brenner registriert wurden, in jener Gemeinde, in der sich Altbürgermeister Andreas Hörtnagl persönlich als Asylumfrage-Fälscher betätigt hatte (vgl. Genius-Lesestück Nr. 4 Mai–Juni 2016: „Aber sonst habe ich nie manipuliert“).

FP-Kandidaten wie Barbara Rosenkranz oder Norbert Hofer werden besonders häufig beschmiert.

Aber auch manche „einfache“ Nicht-System-Partei-Sympathisanten kommen zum Handkuss: Ein Norbert-Hofer-Auto-Aufkleber animierte in Salzburg unbekannte Täter zu Lack-Kratz-Exzessen. Besitzerin des Autos ist Alexandra Schöppl, die Frau des FP-Politikers und Rechtsanwalts Andreas Schöppl. Ein weiterer Geschädigter postete dazu in „Unzensuriert“: „Auch mir wurde das Auto zerkratzt, weil ich ein FPÖ-Pickerl hinten drauf hatte. Als Täter in Frage kam ein Grüner, der mir schon mehrmals gedroht hatte, dass ‚was passiert’, wenn ich nicht sofort das Pickerl abnehme. Ich gab den betreffenden Grünen als Tatverdächtigen an, der sich bei der polizeilichen Befragung prompt in Widersprüche verstrickte. Da aber keine Videoaufzeichnung der Tat existiert und der Grüne überdies angab, dass er auch an diesem Abend zugehascht und in anderen Sphären war, wurde die Strafverfolgung eingestellt.“

„Künstlerische Ergänzung“ von Wahlplakaten

Nicht als Sachbeschädigung, sondern beschönigend als „Künstlerische Ergänzung“ sieht die Grazer „Kleine Zeitung“ den grassierenden Wahlplakat-Vandalismus: „Liebesbekundungen mit Herzerl oder Beschimpfungen und Hitlerbart, die Plakate zur Bundespräsidentenwahl werden dieser Tage wieder künstlerisch ergänzt.“ Mit dieser „inoffiziellen Kommunikation“ beschäftigt sich das „Institut für Graffiti-Forschung“ (ifg).[3] Auch dessen Gründer und Leiter Norbert Siegl vermeidet den Begriff Sachbeschädigung: Zwischen den „zahlreichen Aufschriften“ auf den Plakaten von Alexander Van der Bellen und Norbert Hofer gebe es einen entscheidenden Unterschied, denn der Kampf gegen Hofer-Plakate habe „einen völlig anderen Charakter“ als jener gegen Van-der-Bellens-Sujets. 

In der Psychoanalyse ist das Beschmieren von Wänden als Symptom einer pathologischen Regression in eine frühkindliche anale Phase zu diagnostizieren, in der das Kleinkind Gegenstände oder Wände mit seinem Kot beschmiert, um in einem ersten primitiven Schritt der Bewusstwerdung seine Identität nach außen zu projizieren. Der Säugling hat noch keine Möglichkeit, sich verbal auszudrücken – deshalb dieser Rückgriff auf archaische Verhaltensmuster.

„Burschis töten“

Zum Mord an „Burschis“ („Antifa“-Jargon für Burschenschafter) riefen Unbekannte jüngst per Graffiti im Innsbrucker Saggen auf. Die Staatsanwaltschaft ermittelt unter 25 Ut 63/16d wegen des Verdachts der „Aufforderung zu mit Strafe bedrohten Handlungen und Gutheißung mit Strafe bedrohter Handlungen“ nach § 282 Abs 1 StGB und der Sachbeschädigung nach § 125 StGB. Ein in der Claudiastraße postierter Altpapierbehälter erhielt die Aufschrift „Burschis töten“ und ein „Antifa“-Logo. Unweit davon prangten in einem Telefonhäuschen die Aufforderung „Kill Burschis !!!“ und ein Aufkleber der „Antifaschistischen Aktion“ mit dem Text „Nazis aus dem Viertel jagen“.

„Antifa“ und Burschenschafter-Hass manifestieren sich oft örtlich nahe.
Wutausbrüche richten sich oft gegen die Polizei oder gar gegen den ganzen Staat.

Legion sind in der Umgebung Graffitis mit offenen Aufrufen zur Abschaffung der staatlichen Ordnungsgewalt („No Cops“), mit Beleidigungen und Kampfaufrufen gegen Polizisten („Fuck Cops“ und „Fight Cops“), sowie mit Anarchie-Postulaten („Fight the State”, „Nie wieder Österreich“ und „Antifa Street War“). Immer wieder wird auch zur Menschenjagd („Nazis jagen“), zur Gewalt an Personen und zu Brandstiftungen aufgerufen („Nazis aufs Maul“, „Den Nazis einheizen”). Immer wieder taucht auch das Logo der – laut Internet angeblich aufgelösten – „Antifaschistischen Aktion Innsbruck“ auf. 

Graffiti-Ermittler bloßgestellt

Pflichtbewusste, dem Laissez-Faire weniger ergebene Ermittler stehen im kalten Gegenwind: Einen medialen Aufschrei gegen die Polizei landete der grüne Innsbrucker Gemeinderat Mesut Onay, weil die Beamten – im Rahmen eines EU-Projekts „erlaubte“ – Graffitis zu Dokumentations- und Vergleichszwecken fotografiert und die Personalien der Sprayer aufgenommen hatten. In der Tat war Innsbruck kurz zuvor von einer Welle strafrechtlich relevanter Besudelungsaktionen heimgesucht worden. Die Zahl der Graffiti-Schmierereien hatte sich innerhalb kurzer Zeit verdreifacht, die Schäden waren in die Hunderttausende gegangen. Die Polizei war um intensive Ermittlungen ersucht worden. Die Jugendlichen, laut Onay ein „lediglich malender, bunt gemischter Multi-Kulti-Haufen“, seien „kriminalisiert und wie potentielle Verbrecher behandelt“ worden. Natürlich wurde auch gleich die Antidiskriminierungsstelle angerufen. Vizebürgermeister Christoph Kaufmann (Liste „Für Innsbruck“, vormals ÖVP) schäumte vor Wut über die Vorgangsweise der Exekutive und stellte den verantwortlichen Polizei-Vizekommandanten und sein Ermittlerteam öffentlich bloß. 

Verdienstmedaille für Links-Sprayerin

Weil sie 30 Jahre lang linke Parolen im Berliner Bezirk Zehlendorf sprühte, wurde die 70-jährige Linksaktivistin Irmela Mensah-Schramm im Oktober vom Berliner Kammergericht zu einem Jahr auf Bewährung und einer lächerlich milden Geldstrafe von 300 Euro – einen Bruchteil der tatsächlichen Schadenshöhe – verurteilt. Als „Trostpflaster“ erhielt sie die Bundesverdienstmedaille für „Mut und Verständigung“ der Ausländerbeauftragten des Senates. Einsichtig zeigte sich die „Graffitin“ daraufhin natürlich nicht: Sie möchte ihre Botschaften weiterhin verbreiten. 

Pubertär 

Zum medialen Liebkind – vom ORF über den „Standard“ bis hin zum „Züricher Tagesanzeiger“, ja sogar bis hin zur „Zeit“ – mauserte sich in den letzten Jahren der 31jährige Brasilianer mit Schweizer Pass, Renato S., alias „Puber“. 2014 meldete der „Standard“, dass es in manchen Wiener Bezirken kaum noch von Sprayern verschont gebliebene Straßenzüge oder Hauseingänge gebe. Ein Name tauche besonders häufig auf: Puber. Die spätere Festnahme des „Phantoms“ war dem Standard dann glatt einen Sechsspalter (!) wert. Um nicht selber in vulgärsprachliche Niederungen hinabsteigen zu müssen, überließ es der „Standard“ elegant dem Züricher Tagesanzeiger, Puber mit folgendem O-Ton zu zitieren: „Ich will einfach überall meinen Namen sehen. Sprayen und ficken, das ist das Geilste.“

Wenig später erging sich die – übrigens mittlerweile an massivem Leserschwund leidende – „Zeit“ in einer weitschweifigen „Puber“-tären Analyse und stellte allen Ernstes die Frage, ob der der Sachbeschädigung in 232 Fällen Angeklagte (und in „nur“ 100 Fällen Überführte) nicht ein „von Zürich und Wien verkannter großer Sohn“ sei? Es wäre hier wie dort nicht das erste Mal, dass man die heimische Avantgarde verkenne …

Zehn Monate Haft wegen Sachbeschädigung, vier davon unbedingt, hatte damals das Urteil gelautet. Die Freiheitsstrafe hatte Puber durch U-Haft bereits abgesessen. Dazu kam allerdings eine Verurteilung zu Schadenersatzzahlungen von 50.000 Euro. Ob diese beglichen wurden, oder ob die Hausbesitzer auf ihrem „verzierten“ Eigentum „sitzen geblieben“ sind, ist nicht bekannt.

Heuer im April wurde Puber in Wien neuerlich festgenommen. Er trug Spraydosen bei sich, aber auch – trotz ausdrücklichen Waffenverbots – Klappmesser, Bolzenschneider und Pfefferspray. Wegen versuchten Widerstands gegen die Staatsgewalt und schwerer Körperverletzung (an einem Polizisten) setzte es wieder zehn Monate Haft, diesmal allerdings unbedingt. Er habe die Polizisten für „messerstechende Tschetschenen“ gehalten, rechtfertigte sich der Angeklagte. Ob das heuer im Sommer ergangene Urteil mittlerweile rechtskräftig wurde, verriet die Pressestelle der Wiener Staatsanwaltschaft dem GENIUS nicht. 

Der Markt

Stellt man sich die Frage nach dem „Cui bono“, also wem nützt der – besonders von Links-Medien angeheizte – Graffiti-„Hype“, stößt man auf die Lackindustrie und ein breites Produktangebot im Internet. Vorn an der Front steht da der „Yard5 Graffiti Shop“ in Berlin, bei dem es nicht nur Sprays im Vorratspack und in verschiedenen Farben gibt, sondern auch tarnende „Zipp-Hoodys“ (Kapuzenpullover), wie sie auch gern in der anarchischen Gewaltdemonstrantenszene verwendet werden. 

Mitprofiteur dieser unliebsamen Zeiterscheinung ist natürlich auch die „Gegenseite“. Das sind jene Spezialisten, die den boomenden Markt für Graffiti-Entfernungen bearbeiten. Auf diesem Sektor erfolgreich profiliert hat sich die Wiener „Moravia Verkehrssicherung GmbH“, die dazu ein eigenes Arsenal anbietet. Ein neuartiges Wirksystem ätze die Farbe nicht weg, sondern quelle, unter Anwendung modernster Nano-Technologie, den Lack auf und trenne ihn vom Untergrund. Biologisch abbaubar, wirke der „Graffiti-Crack“ – ohne Verschmieren und ohne Schattenbildung – auf allen mineralischen Untergründen sowie Glas, Metall und Holz. 

Um die Spreu der seriösen Anti-Graffiti-Industrie von allfälligen Scharlatanen zu trennen, schuf die Firma „RAL Deutsches Institut für Gütesicherung und Kennzeichnung e. V.“ in Sankt Augustin (nahe Köln) ein eigenes Anti-Graffiti-Gütezeichen, mit dem z. B. der oben angeführte „Graffiti-Crack“ ausgezeichnet ist. 

Und so schließt sich der Kreis: Im Kuratorium des RAL-Gütesicherungsinstituts sitzen neben vier deutschen Bundesministerien auch Vertreter des „Bundesverbandes der Deutschen Industrie e. V.“ (BDI) , dem der Verband der Chemischen Industrie (VCI) und diesem wieder der Verband der deutschen Lack- und Druckfarbenindustrie (VdL) angehört, dessen Mitglieder wiederum Graffiti-Utensilien en gros herstellen.

Anmerkungen

[1] Abwechselnd werden auch – allerdings bisher unverifiziert – Wilhelm Busch, Erich Kästner und Joachim Ringelnatz als mögliche Urheber genannt.

[2] Der Graffito oder das Graffito ist laut Lexikon eine in eine Wand eingekratzte Inschrift, oder eine auf Mauern, Fassaden und dgl. gesprühte oder gemalte Parole. Eine – keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebende – Klassifizierung umfasst folgende „Style-Arten“: Style-Writing, Etching (Ätzen, Radieren), Ganggraffiti, Ultras-Graffiti, Street-Art, politische Graffiti,, Graffiti auf Plakaten, Klo-Graffiti, Zinken.

[3] Das laut Eigendarstellung 1996 in Wien gegründete „ifg“ sieht sich als Vereinigung von Wissenschaftlern, Künstlern und interessierten Laien, die als Dachorganisation der wissenschaftlichen Graffiti-Forschung fungiere und seinen Tätigkeitsbereich auf die ganze Welt erstrecke. Ifg habe rund einhundert künstlerische Mitglieder in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Da der jährliche Mitgliedsbeitrag nur einen Euro beträgt, dürfte das Schwergewicht der Finanzierung wohl weniger bei den in den Statuten angeführten Mitgliedsbeiträgen, Veranstaltungserträgen und Spenden liegen, sondern eher bei „Wissenschaftsförderungen“ und „Subventionen“. Keine Freude hat das ifg offenbar damit, dass „immer mehr Unternehmen auf den Markt drängen, die sich auf Graffiti-Beseitigung spezialisieren. Ein „besonders übles Beispiel“ sei „Klar Schiff – das Kieler Bündnis gegen illegale Graffiti“ (http://www.klarschiff-kiel.de/).

Bearbeitungsstand: Freitag, 25. November 2016
 
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